Blogparade Partizipation – Wie viel Mitbestimmung braucht Schule?

Nachdem ich mich mit Jan-Martin Klinge und weiteren Kollegen über seinen Artikel Ich entscheide zum Thema Partizipation bei Twitter kontrovers ausgetauscht hatte, schlug er vor, eine Blogparade darüber ins Leben zu rufen, um die 140 Zeichen-Hürde zu umgehen und eine vertiefte und vielleicht nachhaltige Debatte zu ermöglichen. Mit meinem Beitrag eröffne ich deshalb die Blogparade Partizipation und freue mich über weitere Lehrende und Lernende, die daran teilnehmen. Ich möchte noch eine kurze Erläuterung zu meinem Partizipationshintergrund liefern, um den Stellenwert dieses Themas für mich zu verdeutlichen. Als Verbindungslehrer sammle ich seit 13 Jahren Erfahrungen mit der SMV-Arbeit (SMV = Schülermitverantwortung nennt es sich in Baden-Württemberg und meint damit alle Schüler*innen, die ihre Schule aktiv mitgestalten. In der Regel sind das Klassensprecher- oder Schülersprecher*innen. In anderen Bundesländern läuft das unter dem Kürzel SV = Schülervertretung.) an meiner mittlerweile dritten Schule. Seit acht Jahren unterrichte ich direkt in Freiburg und besuche seitdem jede SMV-Fortbildung, die in der Umgebung stattfindet. In der Regel sind das zwei, wenn sie nicht aufgrund zu weniger Anmeldungen abgesagt werden. Seit sechs Jahren fahre ich jeden Frühling zum Verbindungslehrerkongress nach Bad Wildbad, bei dem sich Verbindungslehrer*innen aller Schularten aus ganz Baden-Württemberg fortbilden und austauschen. Letztes Jahr habe ich mit einer Kollegin die SMV BAG-Leitung in Freiburg übernommen und gebe seither Tandem-Fortbildungen für Schülersprecher*innen und Verbindungslehrer*innen und bemühe mich in diesem Bereich die (digitale) Vernetzung voranzutreiben.

Was bedeutet Mitbestimmung?

Partizipation ist eigentlich klar definiert und wird trotzdem häufig missverstanden. Da Jan-Martin Klinge auf meine Nachfrage nach Beispielen auf seine Lerntheke und den offenen und selbstbestimmten Unterricht verwies, möchte ich die Frage doch kurz aufgreifen. (Selbstbestimmter Unterricht bzw. die Unabhängigkeit in der Entscheidung, mit welchem Tempo Lernende welche Aufgabenkärtchen bearbeiten, hat nichts mit Mitbestimmung zu tun.) Echte Mitbestimmung an Schulen bedeutet, dass Schüler*innen bei allen das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen miteinbezogen werden. Dafür gibt es unterschiedliche Abstufungen: Von der Informierung, über Mitsprache bis hin zu zahlreichen Formen der Mitentscheidung. (Den Zusatz “echte” füge ich seit ein paar Jahren zu den eher politischen Entscheidungen mit höherer Gewichtung, die alle Mitwirkenden einer Schule betreffen, hinzu, um eine Differenzierung zu den klassischen SMV-Projekten, wie Nikolausverkauf oder Schulparty, zu erhalten.) Wenn man “alle das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen” gedanklich durchspielt, stellt man fest, dass es enrom viele Bereiche betrifft: Von der Wahl der Schulbücher, Möbel oder sonstiger Anschaffungen bis hin zur Schulordnung oder sogar den Unterricht.

Wie viel Partizipation darf es im Unterricht sein?

Eine Antwort darauf, findet man auf Seite 37 der Jugendstudie Baden-Württemberg 2015, die vom Landesschülerbeirat in Kooperation mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport und der Jugendstiftung veröffentlicht wurde und folgende Übersicht zur Beteiligung an Entscheidungen bezüglich des Unterrichts darstellt:CrYV_VxXgAAO4sZ

In Bereichen, die Lehrende wenig betreffen bzw. in ihrer Arbeit einschränken, werden eher Räume für Mitbestimmung ermöglicht. Je stärker aber die Kernaufgaben des Lehrens beeinträchtigt wird, desto weniger findet Partizipation von Schüler*innen statt. Ich schätze, dass der Kontrollverlust bzw. das Rollenverständnis von Lehrenden dabei nicht unbedeutend sind. Spätestens an dieser Stelle bekomme ich häufig gesagt, dass Lehrpersonen den Bildungstanker steuern müssen, weil Lernende überfordert sind, es nicht verstehen bzw. können oder gar nicht wollten. Weshalb sollte man Dinge, die bisher perfekt laufen und nachgewiesenermaßen gut für alle sind, aufs Spiel setzen und Stress produzieren? (Ich wollte hier eigentlich Screenshots der Kollegen, die genau diese Dinge so oder ähnlich geäußert haben, zum besseren Verständnis posten. Weil mir das aber die Debatte zu sehr auf die Personen und nicht den Inhalt lenken würde, habe ich mich dagegen entschieden.) Weil Mitbestimmung ein demokratischer Grundpfeiler und Voraussetzung ist, um die oft im Bildungsbereich geforderte Mündigkeit nach Kant zu erlangen. Weil sich junge Menschen erst als Teil der Gesellschaft wahrnehmen, wenn sie diese aktiv mitgestalten dürfen und dieser Aspekt bei der aktuell politischen Entwicklung in Deutschland und Europa oder der Integration eine gewaltige Rolle spielt. Weil sie nur lernen Verantwortung zu übernehmen, wenn man ihnen diese anvertraut. Weil Beteiligung erlernt werden muss, wie auch alle andere Dinge. Weil mündige Bürger*innen eben nicht nur funktionieren, sondern infrage stellen und “Stress produzieren”. Deshalb lautet auch die Antwort auf die Frage meines Titels “ Wie viel Mitbestimmung braucht Schule?“: Mehr als die meisten Lehrenden glauben und Lernenden wünschen.

Nein, ich möchte keine von Schüler*innen regierte Bildungseinrichtung. Aber ich wünsche mir mehr WIR. Und das kann meiner Meinung nach nicht mit zu viel ICH entscheide und zu wenig Mündigkeit gelingen. Ob man nun einen Sitzplan als Lehrer bestimmt (das war das zweite Beispiel der gestrigen Diskussion, das aus Jan-Martin Klinges Artikel Perspektivwechsel stammt) oder die Klasse daran mitwirken lässt, ist dabei nicht entscheidend. Die Frage, an welcher Stelle und welches Maß an Beteiligung meine Schule leisten kann und möchte, ist es. Die Antworten darauf muss letztendlich jedes Kollegium für sich und mit der Schülerschaft immer wieder neu aushandeln. 

Wie kann Mitbestimmung gelingen?

Partizipation ist eine Querschnittsaufgabe, die in Bildungseinrichtungen von der Leitung und allen Lehrenden gewünscht, ermöglicht, gefördert und gefordert werden muss und darf nicht nur Aufgabe und Verantwortung der Verbindungslehrer*innen sein. Es ist übrigens ein beliebter Denkfehler, dass “zufriedene Schüler*innen” ein Indikator für “gelingende Mitbestimmung” sind. Wer echte Mitbestimmung noch nie erfahren hat, wird sie auch nicht vermissen. Wer nach Indikatoren für echte Mitbestimmung sucht, sollte folgende vier Fragen stellen:

  1. Wann und wie oft sprechen Schülervertreter*innen bei Gesamtlehrerkonferenzen?
  2. Wie viele Leute bewerben sich für die Wahl der Verbindungslehrer*innen?
  3. Was war die wichtigste Entscheidung, an der Schüler*innen beteiligt waren?
  4. Was war das Kritischste, das Schüler*innen bezüglich ihrer Schule äußern durften?

(Da sich einige Leute weitere, konkrete Beispiele meiner aktuellen Schule und aus meinem Unterricht wünschten, ergänze ich den Beitrag um zwei weitere Punkte.)

Mitbestimmungsbeispiele an meiner Schule

  • Die SMV wird bei jeder Gesamtlehrerkonferenz als TOP 1 geführt.
  • In einer Sitzung der Schulkonferenz hat sich eine Schülervertreterin gewünscht, dass sie bessere Taschenrechner erhalten und beim Modellwahl miteinscheiden dürfen. Der Vorschlag wurde in allen dafür zuständigen Gremien diskutiert und umgesetzt. Es wurden zwei bezahlbare neue Modelle zur Ansicht bestellt und von Schüler*innen und Lehrkräften getestet. Da beide Seiten sich für das gleiche Taschenrechnertyp entschieden, wurde er nun bestellt.
  • Zum Halbjahr und Schuljahresende findet jeweils eine Stufenversammlungen statt, in der sich immer zwei Klassenstufen (5/6, 7/8 und 9/10) pro Schulstunde mit der Schulleitung versammeln und Probleme, Lob, Kritik und Wünsche austauschen. 
  • Letztes Schuljahr haben sich die Schüler*innen und Lehrer*innen gemeinsam das aula-Projekt angesehen, beraten und gemeinsam entschieden, sich dafür zu bewerben. Wir sind nun im kommenden Schuljahr Pilotschule. Was die aula-Methode alles leisten kann, wird sich zeigen.

Partizipation in meinem Unterricht

Damit wir uns nicht missverstehen. Mitbestimmung muss von allen Beteiligten gelernt werden. Auch von den Lehrenden. Der (flüchtige) Gedanke, der sicher bei allen Lehrer*innen grundsätzlich existiert muss sich zur konsequenten und beständigen Haltung entwickeln. Das ist ein Prozess, der sich über einige Jahre hinziehen kann. Um hierfür ein Beispiel zu nennen: Nachdem die oben genannten neuen Taschenrechner bestellt wurden, fragte mich eine Kollegin einige Tage später, ob man denn nicht auch die Schüler*innen bei der Auswahl der neuen Schulbücher, die im Zuge des neuen Bildungsplans bestellt werden müssen, beteiligen sollte. Und genau das meine ich damit: Der Beteiligungsgedanke hat sich gesetzt und entwickelt sich langsam zu einer Haltung. Wie viele (Gesamt-)Lehrerkonferenzen finden statt, an denen über Dinge gesprochen und entschieden wird, ohne die Schüler*innen vorher gefragt zu haben? Und das geschieht nicht aus Absicht, sondern weil man nicht daran denkt. Wenn nur einer immer wieder alle Tagesordnungspunkte darauf untersucht, ob und wie sie Schüler*innen betreffen und das im Plenum äußert, kann der Gedanke an Mitbestimmung seinen flüchtigen Charakter verlieren. Ich schließe mit ein paar Beispielen aus meinem Unterricht ab:

  • Letztes Schuljahr hat sich meine Klasse beschwert, dass mein Mathematikunterricht zu offen wäre und sie zu viel Verantwortung übernehmen müssten. Sie wünschten sich mehr Kontrolle und kleine Tests. Wir haben dann gemeinsam ein Konzept entwickelt, das immer wieder im Plenum auf seine Wirksamkeit geprüft und nachgebessert wurde: Es gab einen Wochenplan, meine Kontrolle erfolgte auf Wunsch des/der jeweiligen Schülers/Schülerin und am Ende der Woche konnte ein Test geschrieben werden. Natürlich hätte ich auch zustimmen und sagen können, dass es zu früh und zu viel Verantwortung ist, die ich ihnen übertrage. Das wäre zumindest der für mich einfachere Weg gewesen. Meine Erfahrung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass alle meine Matheklassen, die ich mit offenem und eigenverantwortlichem Unterricht/Lernen zum Abschlussprüfung geführt habe, später mir berichteten, dass genau diese Faktoren z.B. an weiterführenden Schulen, an denen das familiäre Klima der Realschule wegfiel und man komplett allein auf sich gestellt war, für sie entscheidend waren, weiterhin erfolgreich arbeiten/lernen zu können. (Ab Anfang Klasse 8 übergebe ich in Mathematik sukzessiv die Verantwortung bis zum 9. Schuljahr komplett an Schüler*innen ab. Das bedeutet, dass es z.B. keine klassischen Hausaufgaben mehr gibt. Ich schreibe das, weil bei Twitter immer wieder Zahlen bezüglich der Zeit und Alter von mir gewünscht wurden.)
  • Zum Halbjahr und am Schuljahresende kann meine Klasse über anonyme Lehrer-Feedbackbögen meinen Unterricht mitbestimmen. Wobei das Feedback am Ende lediglich dazu dient, die zum Halbjahr gewünschten Verbesserungen zu überprüfen.
  • Sitzordnungen bespreche ich in der Regel gemeinsam mit Klassen, die ich mehr als ein, zwei Stunden die Woche unterrichte. Schüler*innenwünsche werde, wenn möglich, auf Probe umgesetzt. Zu einem späteren Zeitpunkt kann diese Probephase wiederholt werden.
  • Das Wichtigste und Schwierigste zum Schluss: Ein (Klassen-)Klima zu schaffen, in dem jederzeit ein/e Schüler*in mich kritisieren kann (und wenn es berechtigt ist, sogar soll), ist meine jährlich größte Herausforderungen. Das erfordert ein hohes Maß an Empathie, Selbstkritik, Transparenz und Zeit. Ich arbeite daran.   

Ich erhoffe mir von der Blogparade, dass Partizipation in der (Hoch)Schule die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient und benötigt. Mehr Infos und Material dazu findet ihr auf meinem SMV-Blog.

PS: “Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich.” ist eine These von Jan-Martin Klinge, die er aus Experimenten mit seinen Kindern schlussfolgert und auf seinen Unterricht überträgt. Deshalb lautet seine Antwort “Ich erkläre. Aber: Ich entscheide.” Auch der Psychologe Barry Schwartz schätzt hier ein, dass uns die Auswahl nicht freier macht, sondern lähmt; nicht glücklicher, aber unzufrieder. Nur bezieht er das nicht ausschließlich auf junge Menschen. Es ist also ein Paradoxon, das uns alle betrifft. Hier stellt sich (zumindest mir) die Frage: Wann und welche Entscheidungen sollen Schüler*innen wie lernen?

Alle Blogparade-Beiträge

  1. Tom MittelbachWehe, wenn sie losgelassen?
  2. Dr. Sven SommerWas ist Partizipation und wenn ja wie viele?
  3. Thomas RauPartizipation in der Schule
  4. Sebastian SchmidtPartizipation
  5. Maik RieckenBlogparade Partizipation
  6. Philippe WampflerWie Schulen „echte“ Mitbestimmung ermöglichen

2 Comments

  1. Hm.. das ist mir jetzt aber arg abstrakt.
    Wo genau und wie genau lässt du Schüler den „wirklich“ partizipieren? Und wie begegnest du Konsequenzen wie den angesprochenen (Lasse ich Kinder zwischen zwei Filmen wählen, ist die Hälfte unglücklich; gebe ich einen vor sind alle happy)?
    Wo und wie lässt du Schülern bei den – auf der Liste genannten – Dingen maßgebliches Stimmrecht zu? Und ab welchem Alter?

    Gefällt 1 Person

    1. Ich nenne doch sehr viele konkrete Beispiele (siehe Grafik und letzter Satz unter „Was ist Mitbestimmung“). Es stimmt, dass ich nicht die Partizipation in meiner Schule und meinem Unterricht genannt habe; weil ich das nicht für relevant hielt. Werde es später im Text ergänzen.

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