Beiträge, die ich für Online-Portale verfasse, veröffentliche ich später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Dieser erschien im Online-Dossier des Deutschen Kinderhilfswerks.

Voraussetzungen 

Um ein Verständnis dafür entwickeln zu können, was Teilhabe an Schulen in einer Kultur der Digitalität bedeuten und wie sie gelingen kann, empfiehlt es sich, die Voraussetzungen der Partizipation im Bildungssystem vorab, grundsätzlich und ehrlich zu betrachten, damit Ressourcen gezielt investiert und adäquate Erwartungen erzeugt werden. Auch wenn Schulen als Orte verstanden werden müssen und möchten, an denen demokratische Prozesse gelernt und erfahren werden sollen, liegen an sich hierarchische Strukturen vor, in denen Schüler:innen die geringste Macht besitzen und Erwachsene die Lern- und Schulkultur bestimmen.

Deshalb hängt es vom Willen und der Bereitschaft von Personen in den Bildungsministerien bis hin zur Lehrkraft im Klassenzimmer ab, ob und wie viel Partizipation an Schulen stattfinden und erreicht werden kann. Sie bestimmen, inwieweit für Beteiligung ein Nährboden geschaffen und Räume geöffnet werden. Wer eine wirksame und nachhaltige Teilhabe junger Menschen erreichen möchte, benötigt einen möglichst breiten Konsens aller am Schulleben beteiligten Erwachsenen darüber, günstige Voraussetzungen für Partizipation erzeugen zu wollen. Das bedeutet primär, dafür auch Macht und Verantwortung an Schüler:innen zu übergeben.

Partizipation sollte nicht als ergänzendes, mögliches Element von Unterricht (miss)verstanden werden, sondern als Fundament des Lernens. Wer wirksame und nachhaltige Lernprozesse erreichen möchte, orientiert sich an dem Ziel, junge Menschen zu eigenständigem und selbstverwaltendem Lernen zu befähigen. Diese Beteiligung und Gestaltung ihrer Lernprozesse erlaubt ihnen persönlich die kulturelle Teilhabe, ermöglicht es ihnen aber auch zukünftig, ihr Potenzial bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme einzubringen. Es zeigt sich zunehmend, dass die immer höhere Komplexität der gesellschaftlichen Herausforderungen eine Zusammenarbeit aller erfordert. Die Pandemie oder die Klimakrise belegen, dass es nur gemeinsam funktioniert.

Kultur der Digitalität 

Der Rahmen und Raum, in dem Teilhabe gelingen muss und kann, hat sich in den letzten Jahrzehnten durch eine Kultur der Digitalität gewandelt. Damit ist die Kultur einer global vernetzten, von Digitalität geprägten Welt gemeint, in der zeit- und ortsunabhängig unzählige Zugänge zu Informationen, Austausch und Zusammenarbeit möglich sind. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen und Optionen, wofür und wie junge Menschen befähigt werden müssen und beteiligt werden können. Das hat Auswirkungen auf alle Handlungsfelder von Schule und Bildung.

Weil gelingende Teilhabe möglichst barrierefreie und niedrigschwellige Zugänge braucht, sollten bei der Wahl digitaler Anwendungen die Kenntnisse und technischen Voraussetzungen der Schüler:innen berücksichtigt werden. Dazu gehören auch die Rahmenbedingungen, die zu Hause vorliegen. Welche Geräte, Systeme werden genutzt und sind bekannt? Besteht überall und jederzeit ein Zugang zum Internet? Allein diese beiden Fragen zeigen auf, dass viele unterschiedliche Rahmenbedingungen beim Einsatz von digitalen Programmen zur Beteiligung beachtet werden müssen.

Hinzu kommt, dass junge Menschen ein anderes Kommunikationsverhalten pflegen. Sie informieren und tauschen sich viel über soziale Netzwerke aus, nutzen dabei eigene Sprachcodes und Bewertungen von Interaktionen. Sie arbeiten auch weniger mit Browsern und mehr mit fest installierten Apps auf Smartphones. Deshalb bietet es sich an, Lösungen einzusetzen, die auch auf mobilen Endgeräten für Schüler:innen attraktiv funktionieren. Weil sich Hard- und Software ständig weiterentwickeln, richten sich der Fokus und die Empfehlungen im Folgenden eher auf digitale Settings im Allgemeinen, welchen Angebotscharakter sie haben und welche Möglichkeiten sie auf welche Weise schaffen sollten, als auf konkrete Produkte.

Schulische Handlungsfelder für Teilhabe 

Mit dem Leitfaden Demokratiebildung wurde in Baden-Württemberg im Juni 2019 eine ganzheitliche Betrachtung veröffentlicht und an alle Schulen als verbindliche Zielformulierung kommuniziert, wie Demokratiebildung stattfinden und erreicht werden soll. Hierbei wurden die Handlungsfelder (1) Fachunterricht, fächerverbindender/-übergreifender Ansatz, (2) Schulkultur und (3) außerschulische Kooperationen benannt. Nicht selten wird Demokratiebildung als „ein Thema“ verstanden und darauf reduziert, es im Politik- oder Gemeinschaftskundeunterricht zu vermitteln. Natürlich stellt Fachwissen eine wichtige Grundlage dar. Teilhabe ist aber ein wesentliches Element der Demokratiebildung oder demokratischen Bildung. Sie muss erfahren und gelebt werden. Deshalb bietet sich eine Orientierung an diesen Handlungsfeldern an.

1. Unterricht 

Mit der Jugendstudie Baden-Württemberg erfassen seit 2011 die Jugendstiftung und der Landesschülerbeirat alle zwei bis drei Jahre u.a., wo Schüler:innen Beteiligung in der Schule erfahren. Der Unterricht, der zeitlich den Großteil von Schule umfasst, stellt dabei einen Raum dar, in dem in der Regel am wenigsten Teilhabe ermöglicht wird. Damit wird noch einmal deutlich, dass hier die anfangs benannte Bereitschaft und der Wille von Lehrkräften entscheidend sind, ob und wie Partizipation gelingt.

Dabei bietet der Unterricht fachunabhängig einige Beteiligungsmöglichkeiten. Angefangen bei weniger gewichtigen Themen wie der Sitzordnung, bis hin zur Partizipation bei der Unterrichtsgestaltung oder sogar gemeinsamen Aushandlung, wann und wie Leistungen erfasst werden sollen. Auch die Evaluation von Unterricht eröffnet nicht nur eine grundsätzliche Möglichkeit, Schüler:innen mitbestimmen zu lassen, sondern auch die Wirksamkeit und Qualität von Lernprozessen zu steigern.

Beteiligung ist kein Selbstzweck, sondern Bestandteil demokratischer Prozesse und befähigt zu selbstorganisiertem, eigenverantwortlichem und nachhaltigem Lernen. Die richtigen digitalen Tools schaffen hierfür Voraussetzungen, asynchron, sprich zeit- und ortsunabhängig, offen und transparent, solche Prozesse zu kommunizieren, zu organisieren und kollaborativ zu gestalten. Sie können auch eine Anonymität liefern, die an manchen Stellen gefragt bzw. notwendig ist und den Schutz der Privatsphäre, wie in Artikel 16 der Kinderrechte aufgeführt, sichert. Etherpads, webbasierte Editoren, wie das ZUMPadCryptPad oder Yopad sind hierfür bestens geeignet.

Ein besonders wirksames und nachhaltiges Lernen findet dann statt, wenn junge Menschen beim Wissenserwerb weniger als Nutzende und mehr als Produzierende agieren (können), konkret über die Erstellung eigener Lernprodukte. In einer Kultur der Digitalität können das Videos, Podcasts, Blogbeiträge oder die Produktion von OER (Open Educational Resources) sein. Ein Potenzial des kulturellen Wandels durch Digitalität liegt im Kollektivwissen, das sich durch den globalen Zugang und Austausch entwickelt hat. Um daran partizipieren zu können, müssen im Unterricht die Grundlagen dafür gelegt werden.

Zu den Grundlagen gehört es, ein Verständnis für die Kultur der Digitalität zu erwerben. Mithilfe des Frankfurt-Dreiecks, das Vertreter:innen aus der Medienpädagogik, Informatik und Kulturwissenschaft entwickelt haben, kann das besonders gut gelingen. Dabei wird sich einem Gegenstand aus drei Perspektiven über Analyse, Reflexion und Gestaltung genähert: technologisch und medial, mit Blick auf die Strukturen und Funktionen, gesellschaftlich und kulturell, um die Wechselwirkungen aufzugreifen und durch die Betrachtung der Interaktionen. Auf diese Weise werden junge Menschen befähigt, sich souverän und mündig im Netz zu bewegen, weil sie z.B. besser verstehen können, wie ein soziales Netzwerk wie TikTok funktioniert, wirkt und genutzt wird, ihr eigenes Verhalten bewusster wahrnehmen, reflektieren lernen und erfolgreicher gestalten können. Ein Beispiel hierfür ist Feroza Aziz, die mit einem Video auf der chinesischen Plattform TikTok auf das Vorgehen gegen Muslime in China aufmerksam machen konnte und viral ging, indem sie ihre politische Botschaft mit einem Schminkvideo ummantelte und damit auch auf Diskussionen um Zensur auf der Plattform einging (Zhong 2019).

Durch Lernprodukte im Netz kann auch die internationale Zusammenarbeit im Bildungswesen, wie sie in Artikel 28 der Kinderrechte vereinbart steht, gefördert werden. Das können beispielsweise Projekte sein, bei denen Klassen ihr Leben oder regionale Besonderheiten aus ihrer Perspektive beschreiben und sich so mit Kindern auf anderen Kontinenten austauschen und von- und miteinander lernen. Gleichzeitig können sie auf diese Weise Selbstwirksamkeit und persönlich sinnstiftendes Lernen erfahren. Teilhabe ist auch ein wesentliches Element der Persönlichkeitsbildung.

2. Schulkultur 

a) Schülervertretungen 

Mit den verschiedenen Formen der Schülervertretung wurden in Deutschland nach dem Krieg Organe der Mitbestimmung und zur Demokratisierung von Gesellschaft in den Schulen eingeführt und gesetzlich verankert. Auch in diesem Bereich bietet die Kultur der Digitalität neue Möglichkeiten, die angestrebten Ziele und Werte mit der Einführung der Schülervertretungen zu verwirklichen. Das beginnt mit den Zugängen zu Informationen und geht bis zur Teilhabe an bestehenden Lösungsfindungen und Entscheidungsprozessen. Das gilt für die Arbeit der Organe der Schülervertretung und aller sonstigen schulischen Gremien.

Wenn Sitzungen, Protokolle, Ergebnisse und Projekte, d.h. ihre Planungen und Umsetzungen, digital dokumentiert, aufbereitet und allen auf den schulischen Kanälen zur Verfügung gestellt werden, wird erst Teilhabe und im nächsten Schritt Beteiligung ermöglicht. Je höher die Transparenz von Informationen, Strukturen und Prozessen aller schulischen Belange, die Schüler:innen betreffen, umso mehr Teilhabe ist möglich. Durch digitale Texte, Audio- und Videodateien können hierbei viel stärker diverse und barrierefreie Zugänge erreicht werden.

b) aula – Schule gemeinsam gestalten 

Wer die Herausforderungen der Demokratiebildung und der digitalen Transformation im Rahmen der Schulkultur zeitgleich angehen möchte, hat mit aula (ausdiskutieren und live abstimmen) ein besonders geeignetes Konzept, das unter der Leitung von Marina Weisband von politik-digital e.V. entwickelt und 2016 zum ersten Mal an vier Pilotschulen in Deutschland eingeführt wurde. Es besteht aus einem von allen am Schulleben Beteiligten gemeinsam entwickelten Vertrag, der Rahmenbedingungen der Mitbestimmung regelt, aus im Schulalltag integrierten und regelmäßigen aula-Stunden und aus einer (freien) Software. 

Mit aula können alle Schüler:innen über eine digitale Plattform und App ihre Ideen einbringen, wie sie ihre Schule verändern und verbessern möchten. Um diese Vorschläge auch umsetzen zu dürfen, müssen sie Mehrheiten überzeugen und die Ideen so entwickelt und ausformuliert haben, dass sie im Rahmen des vereinbarten Vertrages umsetzbar wären. Sie lernen auf diese Weise diverse Perspektiven zu berücksichtigen und wie komplex es sein kann, gemeinsam Kompromisse auszuhandeln. Vor allem erfahren sie aber, dass ihre Stimme ein Gewicht haben und einen Beitrag leisten kann. 

3. Außerschulisches Wirken 

Ein enormes Potenzial der Kultur der Digitalität stellt der Zugang zu Expertise dar. Noch nie war es dank des Internets und sozialer Netzwerke so einfach Expert:innen aus der ganzen Welt mit einzubeziehen, durch sie globale Bezüge herzustellen, um damit u.a. eine Sensibilisierung für und Achtung vor der natürlichen Umwelt zu erlangen, womit gleichzeitig eines der in der UN-Kinderrechtskonvention vereinbarten Ziele erreicht werden kann. Aber auch die lokalen Zugänge müssen hier mitgedacht werden, weil sich Kinder im kommunalen Radius physisch bewegen.

Dabei geht es nicht nur darum, durch eine Zusammenarbeit mit außerschulischen Kooperationspartner:innen aus der Region zusätzliche Expertisen während der Unterrichtszeit in die Schulen zu holen, sondern Kindern auch einen Überblick zu verschaffen, welche Akteure und Unterstützungsmöglichkeiten kommunal vorliegen und wie sie auf diese zugreifen können, um beispielsweise Bildungsungerechtigkeit besser entgegenwirken zu können. Digitalität kann hier den Informationsfluss und eine wirksame und nachhaltige Vernetzung erleichtern.

Das wahrscheinlich bekannteste und bedeutendste außerschulische Beispiel für eine solche globale Zusammenarbeit ist die Fridays-for-Future-Bewegung, die 2018 durch die damals 15-jährige Greta Thunberg ausgelöst wurde. Weltweit sind junge Menschen ihrem Vorbild gefolgt und haben über das Internet und soziale Netzwerke sich und andere informiert und mobilisiert, ihnen Mut gemacht, sich ihnen ebenfalls anzuschließen. Sie haben dazugelernt und sich mithilfe digitaler Möglichkeiten lokal und global organisiert, sich untereinander, aber auch mit diversen Expert:innen ausgetauscht und vernetzt, sich Gehör verschafft, die Klimakrise in ihrer Tragweite verdeutlicht und bekämpft.

Fazit 

Digitale Teilhabe an Schulen ist nicht primär eine Frage der Soft- und Hardware, sondern eine pädagogische, didaktische und vor allem eine Frage der Haltung der für Bildung verantwortlichen Akteure, die sich an den globalen und gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen orientieren und daraus legitimieren muss. Beispiele wie die Digitale Transformation oder die Corona-Pandemie belegen, dass aufgrund einer zunehmenden Komplexität die Beteiligung vieler notwendig ist, um überhaupt Lösungen zu finden, die in demokratischen Gesellschaften akzeptiert werden. Digitale Strukturen und Beteiligungsformate können das unterstützen.

Deshalb muss Partizipation das Fundament des Lernens (wie und wofür Wissen erworben wird) und schulischen Lebens sein, das junge Menschen fachlich und demokratisch befähigt, Lösungen gemeinsam zu entwickeln und Kompromisse zu tragen. Es ist die Aufgabe der Politik, der Schulleitungen und Lehrer:innen, im Unterricht, auf schulkultureller Ebene und im außerschulischen Wirken dafür einen Rahmen zu schaffen und für günstige Voraussetzungen für solche Beteiligungsprozesse zu sorgen.

Ein hilfreicher Indikator bei der Auswahl von digitalen Plattformen oder sonstiger Software ist der Blick auf die Rolle der Schüler:innen, die ihnen dabei zukommt. Werden hierarchische Machtstrukturen reproduziert oder werden junge Menschen durch das digitale Setting befähigt und unterstützt, selbstständig, eigenverantwortlich und souverän handeln zu können? Digitale Teilhabe kann aber vor allem nur dann gelingen, wenn sie von Beginn an gemeinsam mit jungen Menschen ausgehandelt wird.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das change-Magazin verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Wer sich heute für Demokratie einsetzt, muss besonders im Netz damit rechnen, beleidigt und bedroht zu werden. Ich selbst durfte diese Erfahrung bereits einige Male machen. Umso wichtiger ist es, beherzt für ein friedliches Miteinander einzutreten. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Demokratie braucht mehr als einen Platz auf der Werbetafel

Was ich in über 16 Jahren Arbeit im Bereich Demokratiebildung gelernt habe: Keine Rede und kein Papier von Menschen in wichtigen Posten wird über Bildung verfasst, ohne dass betont wird, wie wichtig Demokratie in der Schule ist. Doch wenn man einen ehrlichen Blick in die Schulen wirft, bedeutet das oft nur, Schoko-Nikoläuse im Dezember und Rosen im Februar zu verkaufen. Der Begriff Demokratie wird dann in einer Doppelstunde im Politikunterricht behandelt und mit zwei Punkten im Test belohnt.

Alle fordern mündige, kritisch denkende Bürger. Aber wie oft und an welchen Stellen werden Jugendliche nach ihrer Meinung gefragt, dürfen mitsprechen und sogar mitentscheiden? Diese Fragen muss man sich auch in der Lehrerausbildung stellen. Wann werden Debatten mit konstruktiver Kritik tatsächlich gewünscht und geführt? Schüler brauchen keine Placebo-Beteiligung, in der sie über die Farbe einer Wand entscheiden dürfen, sondern echte Mitgestaltung.

Lehrerperspektive vs. Schülerperspektive

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat herausgefunden, dass 95 Prozent der Lehrer Demokratiebildung nur eine mittlere Bedeutung zusprechen, dafür aber fast drei Viertel davon ihre Unterrichtskultur als demokratiefördernd einschätzen. Dem entgegen steht das Ergebnis der alle zwei Jahre durchgeführten Jugendstudie aus Baden-Württemberg. Hier kann nachgelesen werden, wo Beteiligung in Schulen am wenigsten stattfindet. Nämlich im größten Anteil eines Schultages: dem Unterricht.

Wie sieht ein erfolgreiches Demokratie-Update aus?

dawn-1840298_1920Und schon werden reflexartig Rufe nach einem neuen Unterrichtsfach „Demokratie“ laut. Doch das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es gibt nämlich bereits gute demokratische Strukturen in Schulen, wie Schülervertretungen und Schülermitverantwortung. Diese müssen ernst genommen und gestärkt werden. Wenn Lehrer Schülerratssitzungen als störend empfinden, weil ihr wichtigerer Unterricht darunter leidet, freut sich der weltweit zunehmende Rechtspopulismus. In diesen Sitzungen lernen Jugendliche nämlich, was Beteiligung bedeutet – und dass ihre Stimme zählt.

Seit drei Jahren gibt es ein bewährtes Konzept, das Demokratiebildung im digitalen Wandel aufgreift: aula. Hier können alle Schüler über eine Plattform Ideen einstellen, wie sie ihre Schule verändern möchten. Dafür müssen sie um Mehrheiten ringen und dürfen nach erfolgreicher Abstimmung ihre Pläne umsetzen. Aber auch hier ist Demokratiebildung kein Selbstläufer. Ohne die notwendige Haltung, Unterstützung und Erfahrungsräume in der Schule bleibt jeder Ansatz ein Papiertiger.

Was fehlt, ist der Wille

Rechtspopulismus gewinnt nicht nur in Deutschland an Einfluss, sondern auf der ganzen Welt. Weil Regeln und das Verständnis, wie wir miteinander leben, bereits in der Schule ausgehandelt werden, müssen Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit möglichst viele Demokratieerfahrungen sammeln. Sie müssen erleben und verstehen, wie kompliziert es sein kann, Kompromisse zu finden. Es gibt keine einfachen Antworten für komplexe Probleme. Sie müssen erfahren, dass es zwar anstrengend sein kann, dass Engagement sich aber lohnt.

Wenn Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen werden und sich nicht als Teil der Gesellschaft erleben, gibt es für sie später auch nichts, das es zu verteidigen gilt. Erfolgreiche Demokratiebildung bedeutet, dass Schüler mitdenken und mitentscheiden können, wie ein Schultag verläuft. Es ist ein Denkfehler, dass dafür Zeit und Geld fehlen. Es werden nur die Prioritäten anders gesetzt. Wer das an seiner Schule verändern möchte, kann heute damit beginnen. Was sind wir bereit, dafür zu tun?

 

Thematische Ergänzung

Der kostenlose Onlinekurs „Citizenship Education“ vermittelt Wissenswertes über demokratische Schulentwicklung und richtet sich vor allem an angehende Lehrer_innen. Er wird von der Bertelsmann Stiftung und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover veranstaltet. Im Rahmen dieses MOOCs durfte ich hier ein paar Gedanken zur Demokratiebildung im digitalen Zeitalter in die Kamera sprechen.

adventure-1807524_1920Nach zwei Schuljahren endete diesen Sommer die Pilotphase von aula, das bundesweit an vier Schulen durchgeführt wurde und neben den klassischen Höhen und Tiefen eines jeden Projekts ein einzigartiges Potenzial aufgezeigt hat, wie Demokratie lernen und leben im digitalen Wandel gelingen kann. Meine Erkenntnisse aus diesem Zeitraum, aktuelle Pläne und mögliche Zukunftsszenarien dieses Konzeptes möchte ich mit diesem Beitrag vorstellen. (Den Personen, die eben zum ersten Mal von aula hören und mehr erfahren möchten, empfehle ich meinen ersten, zweiten und dritten Beitrag zu lesen, um das Konzept, die Einführung und Entwicklung exemplarisch anhand einer Schule zu erfassen.)

Was kann aula leisten?

Nach dem ersten Schuljahr hat es trotz zahlreicher Einträge „nur“ die Smartphone-Tag-Idee geschafft, alle Phasen auf der aula-Plattform erfolgreich zu durchlaufen und umgesetzt zu werden. Auf den ersten Blick scheint das wenig und hat vielleicht auch zu diesem Zeitpunkt manche Personen am Projekt zweifeln lassen. Das Scheitern spielte aber eine wesentliche Rolle, weil darüber gelernt wurde, wie und wann eine Idee formuliert, bearbeitet und beworben werden muss oder wie man Kompromisse findet und verfasst, wenn man sein Ziel erreichen möchte. Junge Menschen beteiligen sich auch nicht automatisch, wenn man ihnen plötzlich ein derartig großes und ernstes Angebot zur Partizipation macht. Sei es auch noch so attraktiv. Demokratie muss gelernt werden. Mit allen Anforderungen, die Lernprozesse der gängigen und etablierten Fachgebiete in der Schule mit sich bringen und mit jeglicher Unterstützung, die dafür (differenziert) notwendig ist. (Eine Randnotiz aus meiner jahrelangen Erfahrung als Verbindungslehrer an drei Schulen, als SMV BAG-Leiter beim Schulamt und als SMV Beauftragter beim Regierungspräsidium: Ich habe in diesen Tätigkeiten viele Einblicke in unterschiedliche Schulen erhalten und festgestellt, dass in keinem schulischen Bereich die Diskrepanz zwischen dem, was Lehrende als Maxime und allgemeinen Konsens formulieren und dem, was man in Schulen vorfindet, so groß ist wie bei der Beteiligung von Schüler_innen.) Eine Idee aus dem ersten Jahr, dass bereits ab Klasse 9 der Pausenhof in den große Pausen verlassen werden darf, erreichte zwar über die aula-Plattform nicht die benötigten Stimmen, bewog aber die Schulleitung dazu, sich bei anderen Freiburger Schulen nach deren Regelungen zu erkundigen. Das führte am Ende zu einem Beschluss des Kollegiums, diese Idee unabhängig vom großen, aber leider bei der Abstimmung laut aula-Vertrag nicht ausreichenden Zuspruch der Schülerschaft umzusetzen. Aula hatte nicht nur die Stimmen der Schülerinnen und Schüler sichtbarer gemacht, auch wie man mit ihnen umging hatte sich gewandelt. Im zweiten Jahr waren überzogene Erwartungen, aber auch Skepsis überwunden. 559px-Gartner_Hype_Zyklus.svg.pngWenn man den aula-Projektverlauf mit dem Hype-Zyklus von Jackie Fenn vergleichen würde, befand sich unsere Schule im zweiten Schuljahr im Plateau der Produktivität. Auf der SMV-Hütte wurden Ideen für aula in Teams viel sorgfältiger ausgearbeitet, Plakate und Durchsagen vorbereitet und gemeinsam mit der Schulleitung optimiert. Der Smartphone-Tag sollte monatlich durchgeführt oder ein Snackautomat von den über 3000€, die über Crowdfunding ersammelt wurden, finanziert werden. (Beide Ideen haben es geschafft.) Auf einem schulinternen Barcamp haben Lehrerinnen und Lehrer sich damit auseinandergesetzt, wie man das aula-Konzept an unserer Schule modifizieren kann und sich an einem freien Nachmittag erneut bezüglich der technischen Nutzung fortbilden lassen. Auch im zweiten Jahr gingen nicht alle Pläne auf, aber das Pilotprojekt hatte sich zu einem verankerten Konzept entwickelt und die Schulkultur geprägt.

In den letzen beiden Jahren durften unsere Schülerinnen und Schüler immer wieder in unterschiedliche Mikros und Kameras sprechen, das aula-Konzept erklären und ihre persönliche Einschätzung abgeben. Da ich die Termine koordinierte, war ich in der Regel mit anwesend, wenn Klassen und Kurse sich mit Journalist_innen oder Interessierten anderer Institutionen über aula austauschten. Weil Außenstehende im Vergleich zu Lehrenden andere Fragen stellen, durch ihre Rolle anders auftreten und wahrgenommen werden, erhielt ich zusätzliche, ehrliche Einblicke in die Sichtweise der Schülerschaft. Sie wurden beispielsweise gefragt, ob und inwieweit aula auch ihr außerschulisches Leben verändert habe. Eine Schülerin meinte, dass sie mittlerweile auch Zuhause mehr mitbestimmen möchte, seitdem sie über aula in der Schule ihre Wünsche und Ideen einbringen kann. Ihre Meinung, Perspektive und Fähigkeiten würden eine Rolle spielen. Ein anderer Schüler erklärte, dass er seit aula auch außerhalb der Schule das Gefühl hat, etwas verändern zu können und dass er bei Diskussionen mit seinen Eltern mittlerweile deren Perspektive mitdenkt. Im Prinzip ist damit eine wesentliche Idee von aula aufgegangen: Sich als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen, Kompromisse auszuhandeln, sich Dinge zuzutrauen und Verantwortung einzufordern und zu übernehmen. Genau das braucht eine demokratische Gesellschaft, heute dringender denn je, bei den weltweiten, politisch besorgniserregenden Entwicklungen. Junge Menschen müssen so früh wie möglich Demokratie lernen und leben, um sie später auch zu verteidigen. Aula kann aus meiner Sicht in der Schule die dafür notwendigen Räume online und offline anbieten. In einem Punkt sind sich nach vielen Gesprächen das Kollegium und die Schülerschaft rückblickend einig: Es ist ein langer, anstrengender und komplexer Prozess, wenn man das Konzept nicht nur als pressewirksame Dekoration installieren, sondern in der Schule ernsthaft verankern möchte.

Wie geht es mit aula weiter?

Technische Perspektive

Bildschirmfoto 2018-08-18 um 10.26.31Was nicht auf dem Homescreen eines Smartphones von jungen Menschen stattfindet, existiert kaum bis gar nicht außerhalb der Schulzeit, war unsere Vermutung nach dem ersten Jahr, die nun durch die sehr aufschlussreiche und ausführliche Evaluation des gesamten Projekts von politik-digital e.V. belegt (die bald veröffentlicht und hier dann auch verlinkt wird). Webanwendungen (Web-Apps) finden in der Welt von Schüler_innen meist nicht statt. Neben dem Theodor-Heuss-Preis, gewann aula auch den mit 20 000€ dotierten Innovationspreis DEMOKRATIE.io und konnte damit die lang ersehnte Entwicklung einer App (für iOS und Android) finanzieren. Durch eine kleine Verzögerung wird aktuell damit gerechnet, dass sie spätestens Ende September im Einsatz sein wird. Parallel dazu kommt ein Relaunch der gesamten aula– Plattform, die neue Funktionen bekommt und deutlich einfacher zu installieren und administrieren sein wird.

An der Pestalozzi Realschule Freiburg

Bildschirmfoto 2018-08-19 um 10.53.20.pngMit Abschluss der Pilotphase endete auch die Finanzierung durch die Bundeszentrale für politische Bildung. Wir haben uns bei Openion erfolgreich für finanzielle Unterstützung im Rahmen einer Projektpartnerschaft beworben, können damit die nächsten Jahre die mittlerweile überschaubaren Server- und Hosting-Kosten decken und verfügen über zusätzliche Mittel, um beispielsweise weitere Schulungen durchzuführen. Die Umsetzung beider Ideen, der monatliche Smartphone-Tag und die Anschaffung eines Snackautomaten, über die Schulklassen erst am Ende des letzten Schuljahrs erfolgreich abgestimmt hatten, werden Arbeitsgruppen planen, in den Personen aus der Schülerschaft und dem Kollegium vertreten sein werden. Da es sich in beiden Fällen um eine deutliche und sichtbare Änderung des Schulalltags handelt, würde mich eine weiter zunehmende Implementierung des Konzepts durch alle Beteiligten nicht wundern.

Regierungspräsidium Freiburg

Bildschirmfoto 2018-08-19 um 13.50.31Dass aula fast alle Leitperspektiven des aktuellen Bildungsplanes in Baden-Württemberg aufgreift war ein weiteres Argument dafür, im regionalen Raum des Regierungspräsidiums Freiburg schulartübergreifende Fortbildungen im November 2018 anzubieten, in denen man das Konzept kennenlernen kann. Im Februar 2019 folgt darauf ein zweites Angebot an Fortbildungen, in denen in Workshops die aula-Plattform getestet werden kann. Falls es Schulen in der Region geben sollte, die darüber hinaus Informationen wünschen und mit dem Gedanken spielen, das Konzept ernsthafter mit der Schülerschaft und dem Kollegium zu diskutieren und eventuell einzuführen, wird es 2018/19 über LFB Online und nach Absprache mit dem Regierungspräsidium Freiburg die Möglichkeit geben, eine schulinterne Fortbildung zu vereinbaren. (Die jeweiligen Lehrgangsnummern werde ich sobald sie generiert sind an den passenden Stellen in diesem Beitrag angeben.)

Bundesweit

Im Schuljahr 2018/19 werden einige Schulen in Berlin, ein sonderpädagogisches Förderzentrum in Bayern und eine freie Schule in Sachsen Anhalt ebenfalls aula einführen. Außerdem wird aula ab dem Frühjahr 2019 im Rahmen des Programms “Demokratie Leben” vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Bereich der kommunalen Jugendbeteiligung bundesweit getestet. Dazu werden noch interessierte Partnerkommunen gesucht. Nähere Infos dazu folgen zeitnah auf www.aula.de. Dort findet ihr auch den kostenfreien Leitfaden für Schulen und die Open Source-Software. (Weil ich häufig nach den Kosten für Schulen gefragt werde, die über keine personellen oder technischen Ressourcen verfügen, um die kostenfreie Software auf eigenen Servern zu installieren, die Daten einzugeben und zu pflegen, möchte ich einen kurzen Einblick in die zu erwartende Größenordnung geben: Das Hosting wird vermutlich nicht mehr als 10€ im Monat und eine Stunde Support in etwa 40€ kosten. Abgerechnet wird immer nach Bedarf. Das Support-Team von politik-digital e.V. veranschlagt einen Tagessatz von 800€ für Schulungen. Wobei deren Kapazitäten aktuell noch begrenzt sind. Die Schulung von aula-Botschafter_innen, die Ausbildung zur Multiplikation des Konzepts, ist kostenlos.)

Themen wie Globale Erderwärmung, Plastik, Atommüll oder Nationalismus stehen in den Bildungsplänen. Dass Menschen die gesellschaftliche Verantwortungen ihrer Handlungen verstehen und übernehmen, erreicht man nicht über das Auswendiglernen und Abfragen von Informationen, sondern Partizipation. Eine Aufgabe von Schulen muss es deshalb auch sein, dass junge Menschen durch möglichst viel und echte Beteiligung Erfahrungen machen und ein Verständnis entwicklen, Teil der Gesellschaft zu sein. Dass ihre Handlungen Folgen haben und dass sie lernen, dafür Verantwortung zu übernehmen. Wenn junge Menschen befähigt werden, sich um ihre aktuellen Angelegenheiten, gemeinsamen Probleme und Wünsche zu kümmern, was durchaus auch die oben exemplarisch aufgeführten Themen sein können, dann können und werden sie als Erwachsene auch für die „größeren“ gesellschaftlichen Herausforderungen die Verantwortung übernehmen und adäquate Antworten finden. Aula erscheint mir in diesem Kontext eine vielversprechende Option für Schule zu sein, die diesen Weg beschreiten möchten.