Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.
Framing, der aus der Kommunikationswissenschaft stammende Begriff, ist im öffentlichen Diskurs angekommen – spätestens seit der immer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem weltweit zunehmenden Rechtspopulismus. Bei Framing geht es um einen durch Sprache oder Bilder geschaffenen Deutungsrahmen, in dem Informationen verarbeitet werden sollen. Da sich im digitalen Wandel die Ordnung von Gesellschaft grundlegend ändert, wird um Handlungsempfehlungen gerungen – auch im Bildungsbereich.
Der Fokus auf die Technik ist der falsche Weg
Wer von Tablet-Klassen spricht, erzeugt damit einen Deutungsrahmen. Das gedanklich gezeichnete Bild der Tablet-Klasse erzählt eine Geschichte. Natürlich sind Computer der Ursprung des digitalen Wandels und spielen als neues Leitmedium gesellschaftlich eine zentrale Rolle. Trotzdem wird mit Tablet-Klassen der Fokus auf Technik gelegt. Das freut zum einen Unternehmen, die Technik verkaufen möchten und zum anderen diejenigen, die nach Lösungen für die komplexen Herausforderungen des Kulturwandels suchen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass die für die Schulentwicklung zuständigen Personen nur aufgrund des Deutungsrahmens Schulen mit Tablets überschütten und glauben, mit dem Kauf alle Aufgaben gelöst zu haben. Es erklärt aber zumindest, dass bundesweit auf den gut besuchten Veranstaltungen zum Thema Bildung im Zeitalter der Digitalität immer noch der Schwerpunkt bei Tablets und Apps liegt. Dabei bleiben die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen häufig auf der Strecke.
Wenn Framing Ängste und Ablehnung schürt
Das Gleiche gilt auch für die Personengruppe, die mit dem Einzug digitaler Technik in den Schulen den Weltuntergang herbei beschwört. Wer beispielsweise von einem digitalen Fukushima spricht, erzeugt bewusst ein Bild, das Digitales als Gefahr und Katastrophe zeichnet, Ängste schürt und eine in diesem Fall ablehnende Handlung gegenüber neuer Technik fördert. Dieser Frame setzt stark auf die dadurch aktivierten Gefühle. Das gilt vor allem für Ängste. Fakten scheinen dabei weniger wirksam zu sein.
Der kulturelle Wandel löst Grenzen auf, ändert Hierarchien und stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei stehen die, die das bisherige System und die darin erworbenen Privilegien erhalten möchten, denen, die nachrücken und Reformen anstreben, gegenüber. Framing scheint eine beliebte und wirksame Waffe zu sein, im Kampf um die Deutungshoheit. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Titel- und Bildwahl von Plakaten zu werfen, die Veranstaltungen bewerben.
In einer Zeit, in der mehr und vielfältiger kommuniziert wird, benötigt es eine Sensibilität für bewusst oder unbewusst erzeugte Frames. Wer vom Starren auf Handys spricht, aber Menschen nie in Bücher starren sieht, verrät und unterstützt damit eine Haltung. Dasselbe gilt auch für die Beschreibungen Daddeln oder Wischen, die sich in Bezug auf Smartphones und Tablets sprachlich etabliert haben. Sie bestärken das Bild, jegliche Nutzung mobiler Endgeräte sei banal und automatisch minderwertig.
„Framing verstehen” als Bildungsauftrag
Framing darf im Bildungskontext aber nicht auf die Frage der Technik reduziert werden. Die anfangs erwähnten rechtspopulistischen Deutungsrahmen sind ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem und müssen ein elementarer Bestandteil eines jeden Bildungsauftrags sein. Wenn es anscheinend Menschen auch über Framing gelingt, Bilder und Gefühle zu erzeugen, die Gewalt auf den Straßen begünstigen, muss in Bildungsinstitutionen Aufklärungsarbeit geleistet und die Demokratie geschützt werden.

Stören und ablenken bedeutet, dass etwas einen laufenden Prozess negativ beeinflusst. In diesem Fall einen Lernprozess. Je nach Perspektive kann aber etwas, das für den Lehrenden als störend oder ablenkend verstanden werden kann, für den Lernenden hilfreich oder bereichernd sein. Je konkreter Fragen, Wege, Antworten und Dokumentationen vorher von Lehrerinnen und Lehrern festgelegt und geplant werden, umso wahrscheinlicher wird das Smartphone von ihnen als störend oder ablenkend wahrgenommen werden. Beschränkungen und Kontrolle sollen dabei ihre geplanten Lernprozesse sichern. Das Gegenbeispiel dazu wären offene Unterrichtsformen, wie die Projektarbeit, in der Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern eigenverantwortlich, selbstbestimmt und selbstgestaltend stattfinden können. Sie brauchen keine Kontrolle und Beschränkungen, sondern die Befähigung zur Reflexion und kritischem Denken. Bei genauerer Betrachtung wird damit deutlich, dass es nicht (nur) um die Wirkung eines mobilen Endgerätes geht, sondern vielmehr um das grundsätzliche Verständnis von Unterricht, der Rolle der Lehrenden und Lernenden und deren Lernprozesse. Es ist aus meiner Sicht auch oft ein Frage der Haltung, ob ich allen Menschen, unabhängig von Alter oder sonstigen Faktoren, zugestehe und zutraue, sich ein eigenes Verständnis zu bilden.
Wie müsste eine Innovationskultur in der Bildung aussehen und was wäre dafür notwendig? Wolf Lotter beschreibt und begründet sehr ausführlich das Wesen von Innovation und welche Faktoren ihre Entfaltung begünstigen. (Wenn er über das Arbeiten schrieb, übersetzte ich es gedanklich mit Lernen und Lehren. Bei Leadership dachte ich an die zuständige Position vom Klassenraum bis zum Ministerium.) Es braucht Experimentierräume, in denen Neugier und Erfahrung zusammentreffen. Einen Wettbewerb, der keinen Kampf, sondern eine Entwicklung, eine Verbesserung für alle darstellt. In dem Fehler kein Scheitern, sondern Teil des Prozesses sind und Menschen mutig sein dürfen, Risiken einzugehen und eine eigene Haltung entwickeln zu können. Freiräume, in denen Widersprüche und Differenzen gewollt sind, weil nur sie zu echter Innovation führen. Zeit und Geduld, um in Ruhe kritisch denken und nüchtern differenzieren zu können. Innovation ist dynamisch und unvorhersehbar. Sie braucht Leidenschaft, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen. Innovationskultur ist inklusiv und barrierefrei. Es werden dabei alle zur Verfügung stehenden Ressourcen genutzt, um alle Lernenden individuell dazu zu befähigen, selbst zu denken, selbst zu entscheiden, selbstverantwortlich zu handeln und selbstbestimmt zu leben. In der Digitalen Transformation steht das Individuum, der Lernende (wobei diese Rolle alle betrifft und nicht nur auf Schülerinnen und Schüler reduziert werden darf) im Mittelpunkt und Mündigkeit, im Sinne Kants, bildet das Gerüst.