pictogram-2426384_1920Wenn es zuverlässige und beliebte Konstanten in der Debatte um zeitgemäße Bildung gibt, dann sind das die Frage , „Sind Computer bessere Lehrer?“ und die Antwort „Auf den Lehrer kommt es an.“. In der Regel geht es dabei um die Sorge, ein Computer, Programm oder Roboter könnte Lehrerinnen und Lehrer ersetzen, bzw. um eine mögliche abnehmende Bedeutung der Lehrenden im digitalen Wandel. Natürlich mündet das am Ende in beiden Fällen meist in der Erkenntnis, dass Lehrende weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden (müssen). Dem ist nicht zu widersprechen. Nur dienen sowohl die oben aufgeführte Frage als auch Antwort nicht selten als Aufhänger dafür, um Bisheriges allgemein von der Notwendigkeit, es neu überdenken zu müssen, freizusprechen. Ja, es kommt in der Digitalen Transformation auf die Lehrenden an. Vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Nur nicht so, wie sich das manche vorstellen. 

Sind Computer die besseren Lehrer?

Natürlich polarisiert diese Frage und ist sicher auch deshalb eine gern gewählte Headline für Beiträge auf allen Kanälen. Das Framing konstruiert aber eine Konkurrenzsituation, bzw. einen Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine und generiert einen künstlichen Konflikt. Wenn deine Arbeit als Lehrer_in durch einen Computer, ein Programm oder Roboter ersetzt werden kann, sind die nicht das Problem. Die Frage, ob Computer die besseren Lehrer sind, mag für die Auflage und Reichweite funktionieren. Sie vereinnahmt aber meiner Meinung nach zu sehr den Raum im öffentlichen Diskurs und lenkt von den Fragen ab, die dringend(er) diskutiert werden müssten: Welche Lehrenden braucht es in einer Welt, in der sich die gesellschaftliche Ordnung grundlegend ändert? Welche Rolle, Haltung und Kompetenzen, aber auch Ressourcen, Strukturen und Angebote sind dafür erforderlich?

Auf die Lehrenden kommt es an

Groß war die Erleichterung, als vor zehn Jahren die Hattie-Studie veröffentlicht wurde, die wissenschaftlich™ bewies, dass es auf die Lehrerin und den Lehrer ankommt. Seitdem vergeht auch kein Vortrag, in dem diese Studie und ihre Metaanalysen bemüht werden, um mit messbaren Effekten (als Zahlen auf Folien) zu belegen, dass beispielsweise digitale Medien keinen oder sogar einen schlechten Einfluss auf Lernprozesse haben. Dass die Daten aus einer Zeit stammen, in die Welt noch anders funktionierte und ob es sich dabei überhaupt noch um Lernprozesse handelt, die heute und morgen notwendig sind, fällt gerne unter den Tisch. Seitdem haben Entwicklungen wie Smartphones, Tablets oder auch beim Web unser Leben komplett auf den Kopf gestellt und werden nicht berücksichtigt. Im Prinzip belegt der Umgang mit der Studie und nicht die Studie selbst, dass es weiterhin auf die Lehrenden ankommt. Durch die Digitalisierung werden definitiv immer mehr Daten erhoben. Wie das geschieht und welche Rückschlüssen daraus gezogen werden können, gehört deshalb mit auf die ohnehin lange To-do-Liste in der Bildungsarbeit. Es kommt somit durchaus auf die Lehrenden an, weil sie bei der zunehmenden Fülle an Herausforderungen (und teilweise abnehmenden Ressourcen) für sich persönlich und gesellschaftlich klären müssen, was sie als ihr Kerngeschäft verstehen. Meine Kernaufgabe sehe ich darin, junge Menschen dabei zu unterstützen, herauszufinden, wer sie sind, was sie wollen und wie sie das erreichen können. Die Digitale Transformation steht nicht zur Wahl. Sie ist da und geht nicht weg. Ähnlich verhält es sich mit Lehrerinnen und Lehrern. Auch sie bleiben (wichtig). Nur das Wie gilt es neu auszuhandeln.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Bildschirmfoto 2018-10-23 um 17.29.53Framing, der aus der Kommunikationswissenschaft stammende Begriff, ist im öffentlichen Diskurs angekommen – spätestens seit der immer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem weltweit zunehmenden Rechtspopulismus. Bei Framing geht es um einen durch Sprache oder Bilder geschaffenen Deutungsrahmen, in dem Informationen verarbeitet werden sollen. Da sich im digitalen Wandel die Ordnung von Gesellschaft grundlegend ändert, wird um Handlungsempfehlungen gerungen – auch im Bildungsbereich.

Der Fokus auf die Technik ist der falsche Weg

Wer von Tablet-Klassen spricht, erzeugt damit einen Deutungsrahmen. Das gedanklich gezeichnete Bild der Tablet-Klasse erzählt eine Geschichte. Natürlich sind Computer der Ursprung des digitalen Wandels und spielen als neues Leitmedium gesellschaftlich eine zentrale Rolle. Trotzdem wird mit Tablet-Klassen der Fokus auf Technik gelegt. Das freut zum einen Unternehmen, die Technik verkaufen möchten und zum anderen diejenigen, die nach Lösungen für die komplexen Herausforderungen des Kulturwandels suchen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die für die Schulentwicklung zuständigen Personen nur aufgrund des Deutungsrahmens Schulen mit Tablets überschütten und glauben, mit dem Kauf alle Aufgaben gelöst zu haben. Es erklärt aber zumindest, dass bundesweit auf den gut besuchten Veranstaltungen zum Thema Bildung im Zeitalter der Digitalität immer noch der Schwerpunkt bei Tablets und Apps liegt. Dabei bleiben die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen häufig auf der Strecke.

Wenn Framing Ängste und Ablehnung schürt

Das Gleiche gilt auch für die Personengruppe, die mit dem Einzug digitaler Technik in den Schulen den Weltuntergang herbei beschwört. Wer beispielsweise von einem digitalen Fukushima spricht, erzeugt bewusst ein Bild, das Digitales als Gefahr und Katastrophe zeichnet, Ängste schürt und eine in diesem Fall ablehnende Handlung gegenüber neuer Technik fördert. Dieser Frame setzt stark auf die dadurch aktivierten Gefühle. Das gilt vor allem für Ängste. Fakten scheinen dabei weniger wirksam zu sein.

Der kulturelle Wandel löst Grenzen auf, ändert Hierarchien und stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei stehen die, die das bisherige System und die darin erworbenen Privilegien erhalten möchten, denen, die nachrücken und Reformen anstreben, gegenüber. Framing scheint eine beliebte und wirksame Waffe zu sein, im Kampf um die Deutungshoheit. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Titel- und Bildwahl von Plakaten zu werfen, die Veranstaltungen bewerben.

In einer Zeit, in der mehr und vielfältiger kommuniziert wird, benötigt es eine Sensibilität für bewusst oder unbewusst erzeugte Frames. Wer vom Starren auf Handys spricht, aber Menschen nie in Bücher starren sieht, verrät und unterstützt damit eine Haltung. Dasselbe gilt auch für die Beschreibungen Daddeln oder Wischen, die sich in Bezug auf Smartphones und Tablets sprachlich etabliert haben. Sie bestärken das Bild, jegliche Nutzung mobiler Endgeräte sei banal und automatisch minderwertig.

„Framing verstehen” als Bildungsauftrag

Framing darf im Bildungskontext aber nicht auf die Frage der Technik reduziert werden. Die anfangs erwähnten rechtspopulistischen Deutungsrahmen sind ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem und müssen ein elementarer Bestandteil eines jeden Bildungsauftrags sein. Wenn es anscheinend Menschen auch über Framing gelingt, Bilder und Gefühle zu erzeugen, die Gewalt auf den Straßen begünstigen, muss in Bildungsinstitutionen Aufklärungsarbeit geleistet und die Demokratie geschützt werden.

Wenn im Bildungsbereich über digitale Medien diskutiert wird, ist der Begriff Mehrwert nicht weit. Ich möchte kurz ausführen, weshalb ich die Verwendung des Begriffs sehr kritisch sehe.

factory-35104_1280Der Begriff Mehrwert kommt aus dem Wirtschaftsbereich. Bei Karl Marx wird er als der über den Wert der Arbeitskraft hinausgehenden Teil der Wertschöpfung definiert. In meiner Vorstellung von Bildung und Lernprozessen findet ein derartiges Bild bzw. Ziel keinen Platz. Ähnlich verhält es sich deshalb auch mit den Begriffen Lernfabrik oder Lehrkraft. Mich beschäftigt dabei stets die Frage, welches Framing dadurch begünstigt wird und welche Folgen daraus entstehen können.

In der Regel wird Mehrwert in den Bildungsdebatten genutzt, um digitale mit analogen Medien zu vergleichen oder bei der Frage, wie man durch den Einsatz digitaler Medien einen Mehrwert erzeugen kann. In beiden Fällen geht es darum, den Einsatz digitaler Medien durch einen nachweislichen Mehrwert zu rechtfertigen; nicht selten mit der Idee, sie Lehrenden schmackhaft zu machen, die noch keine Erfahrung in diesem Bereich vorweisen können. Studien sind dabei häufig die Währung. Weil diese Debatten im Kontext der digitalen Transformation geführt werden, wird damit der Fokus auf den Einsatz digitaler Medien und Technik gerichtet, anstatt auf die wesentlichen Fragen des digitalen Wandels und die daraus resultierenden Herausforderungen bzw. Ziele; einen Mehrwert zu schaffen, zähle ich nicht dazu.

Häufig wird auch mit dem Fehlen eines Mehrwerts beim Einsatz digitaler Medien argumentiert. Dieses Fehlen entsteht meist aus einem Denkfehler. Hierzu hat Axel Krommer einen lesenswerten Beitrag verfasst.