Die Forderung nach einer zuverlässigen digitalen Infrastruktur im Bildungsbereich ist populär, richtig und leider auch in 2021 immer noch nötig. Sie stellt eine technische Grundlage dar, um dem kulturellen Wandel begegnen zu können. Das Lernen in der Postdigitalität muss aber bereits ausgehandelt werden, bevor jederzeit, überall und zuverlässig alle einen Zugang zum Netz erhalten haben, weil es die Perspektive auf das Wesentliche richtet und damit gesellschaftlich notwendige Veränderungen aufzeigt. Es folgt einer anderen Logik, fordert ein neues Verständnis und allein aus demokratischen Gründen eine kulturelle Weiterentwicklung.
Zu Beginn eine kurze Begriffsklärung: Was bedeutet Postdigitalität? Der Ausdruck beschreibt einen Zustand, in der alle Formen der Digitalität als Kulturtechniken gesamtgesellschaftlich anerkannt sind. Das bedeutet erstens, dass Digitalität nicht auf Technik reduziert, sondern in ihrer Auswirkung auf den Alltag verstanden wird. Zweitens gibt es diese Kulturtechniken, unabhängig von den Beurteilungen von Menschen. Es ist irrelevant, ob jemand eine Form der Digitalität gutheißt oder ablehnt. Kulturtechniken der Digitalität sind vergleichbar mit dem Lesen von Büchern oder dem Schreiben mit Stift und Papier: Sie werden, ohne längere Gedanken daran zu verlieren, automatisch in die Hand genommen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit kommen in der Postdigitalität “digitale“ Kulturtechniken wie alle anderen zum Einsatz. Analog oder digital spielt keine Rolle mehr.
Eine andere Logik
Das aktuelle Bildungssystem wurde in einer Kultur entwickelt, in der Bücher das Leitmedium darstellten. Sie prägen seit über 100 Jahren seine DNA. Deshalb richtet sich die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen immer noch nach der Logik der Gutenberg-Galaxis: Schulbücher liefern das (einst kulturell ausgehandelte) notwendige Wissen und Lehrpersonen den Zugang dazu. Lernen kann dann stattfinden, wenn beides vorliegt, ist an Ort und Zeit gebunden und schafft Abhängigkeiten. (Was u.a. das Beharren auf klassischem Präsenzunterricht während Covid-19 oder das Fehlen asynchroner Prozesse erklärt.) Das Lernen läuft chronologisch ab, vom ersten bis zum letzten Kapitel eines Buches, auf das ein nächstes folgt. Das Internet ist in dieser Gleichung ein Störfaktor und bestenfalls eine Zusatzaufgabe.
Was mit den Schulschließungen im März 2020 nicht selten zu beobachten war: Lehrpersonen haben auf Papier gedruckte Arbeitsblätter mit einem Smartphone oder Tablet fotografiert und auf die digitale Plattform der Schule hochgeladen oder sie gemailt. Eltern haben diese heruntergeladen, ausgedruckt, das Papier von ihren Kindern mit einem Stift bearbeiten lassen und das Ergebnis wieder fotografiert und hochgeladen oder via Mail zurückgeschickt. Dieses Resultat wirkt nur auf die befremdlich, die bewusst die Kultur der Digitalität wahrnehmen und sich darin bewegen. Für Menschen, die sich an der Logik der Gutenberg-Galaxis orientieren, scheint alles schlüssig.
Dieses Beispiel verdeutlicht, dass selbst mit vorhandener digitaler Technik nicht automatisch ein (notwendiger) kultureller Wandel einhergeht. Deshalb sind auch nicht alle digitalen Angebote innovativ und Produkte einer Kultur der Digitalität, sondern können Ergebnisse der Buchdruck-Kultur sein. Das bedeutet, dass von der Konzeption von digitalen Arbeitsblättern bis zum Design von Lernplattformen teilweise die Logik der Buchkultur maßgebend ist. Das Leitmedium Buch führt dazu, dass bisherige Strukturen und Prozesse oft nur digitalisiert und nicht notwendigerweise neu gedacht werden. (Was dazu beiträgt, dass der kulturelle Wandel verzögert oder verhindert wird.) Deshalb ist es wichtig, digitale Phänomene von Beginn an unter der Perspektive der Kultur der Digitalität zu betrachten, um sie besser zu verstehen und ihrer Logik folgen zu können.
Kultur der Digitalität
Um das Lernen in der Postdigitalität zu diskutieren, sind ein Grundverständnis einer Kultur der Digitalität und ein verändertes Bildungsverständnis erforderlich, das aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen berücksichtigt. Wie sich durch Transformationsprozesse eine Kultur der Digitalität entwickelt hat, was sie auszeichnet und welche demokratischen Herausforderungen sich stellen, schildert Felix Stalder in seinem gleichnamigen Buch. Wer sich mit der Thematik vertieft auseinandersetzen möchte, sollte es lesen.
Grob zusammengefasst nennt Stalder drei charakteristische Formen, die eine Kultur der Digitalität eine wesentliche Rolle spielen: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Wie und was als kulturell bedeutend ausgehandelt wird, bildet den Rahmen. Mit Referentialität beschreibt er, wie Bezüge hergestellt und Ansätze weiterentwickelt werden, mit Gemeinschaftlichkeit die Notwendigkeit und Organisation dieser Austauschprozesse mit anderen und mit Algorithmizität bezieht er sich auf die Funktion, Wirkung und Anwendung von Algorithmen (großer Informations- und Kommunikationskanäle), die diese kulturellen Prozesse und Ordnungen prägen.
Blogbeiträge, wie dieser, stellen in der Regel Bezüge zu Text-, Video- und Audiodateien im Netz anderer Personen her (wie z.B. Tweets, YouTube-Videos oder Podcasts) und entwickeln Ideen weiter. Sie sind gemeinschaftliche Produkte in ihrer Entstehung, können als solche nachvollzogen und weiter gestaltet werden. Ihre Relevanz wird durch andere ausgehandelt. Beispielsweise wie oft sie gelikt oder geteilt werden. Algorithmen spielen hier mit eine Rolle, ob und wie sie andere erreichen, z.B. über eine Google-Suche oder eine Empfehlung auf einer digitalen Plattform.
Beim Projekt Routenplaner #digitaleBildung druckten wir thematisch essentielle Blogbeiträge als Buch, um Menschen zu erreichen, die am Aushandlungsprozess im Netz bisher nicht teilnahmen. Dass auch viele andere Personen, die die Kultur der Digitalität im Netz aushandeln, Bücher zu ähnlichen Themen drucken, verdeutlicht, dass die Kultur der Digitalität gesamtgesellschaftlich noch nicht angekommen ist und ihrer Logik nicht gefolgt wird. Es erklärt zudem den aktuellen Stand in Deutschland und weshalb viele Bereiche mit den Herausforderungen der Digitalen Transformation überfordert sind. (Dass und wie sehr Blogbeiträge einer anderen Logik folgen als Bücher, haben wir bei der Produktion auch zeitintensiv erfahren.)
Lernen in der Postdigitalität
In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass zu viel Ungewissheit und Freiheit bei Menschen auch zu Überforderungen führen können und Bilder ihnen bei der Orientierung helfen. Deshalb möchte ich ein paar zeichnen, die ein (zukünftiges) Lernen in der Postdigitalität beschreiben und Philippes Beitrag aus dem Juni 2020 ergänzen. In diesem Szenario haben sich reformpädagogische Strömungen durchgesetzt, Lernende stehen im Mittelpunkt, so wie auch Persönlichkeitsbildung, Demokratiebildung und die Befähigung zu kultureller Teilhabe (in einer Kultur der Digitalität) stellen als wesentliche Elemente der Lernprozesse einen breiten Konsens dar. Der Zugang zum Netz ist wie Wasser selbstverständlich und überall und zuverlässig für alle vorhanden. (Ich hoffe, dass ich das erleben werde.)
Es mag manche überraschen, aber was Lernen in der Postdigitalität bedeutet, das nicht auf vorher festgelegte und bestimmte Bücher, Lehrpersonen, Zeiten und Orte beschränkt ist, lässt sich auch heute schon beobachten. Es findet dann statt, wenn nicht gelernt werden “muss“. Und weshalb dabei nicht einen Blick auf die richten, die allein beruflich bedingt wissen sollten, wie man lernt: Lehrende. Wie haben so viele von ihnen das Wissen und die Kompetenzen einer Kultur der Digitalität erworben, die (besonders in den letzten Monaten) in Zeitungen gelobt, im Fernsehen hervorgehoben und im Radio gewürdigt wurden? Im und mit dem Netz. Meine kurze These dazu lautet: So, wie Erwachsene in ihrer “Freizeit“ lernen, sollten Schüler:innen lernen (dürfen). Wie sie vorgegangen sind, möchte ich kurz erläutern.
Wissen und Kompetenzen über eine Digitale Identität
Lehrende haben sich zu Beginn so gut es geht einen Überblick über soziale Netzwerke verschafft: welche Personen und Informationen wo zugänglich sind, wo und wie diskutiert und genetzwerkt wird oder wie die Plattformen an sich funktionieren, wirken und angewandt werden. Am Ende haben sie sich entschieden, in welchem Netzwerk sie (weiterhin) aktiv sein möchten. Sie haben beobachtet, wie andere es machen, haben Fragen an die Community gestellt und sich gegenseitig unterstützt. So haben sie über die Jahre eine digitale Identität entwickelt, mit der sie sich wohlfühlen, Netzwerke geschaffen, mit denen sie sich austauschen und sich befähigt an aktuellen Diskursen teilzunehmen und sie zu gestalten.
In diesen Handlungen haben sie in kritischen Debatten hinsichtlich der Algorithmizität erfahren, dass Algorithmen z.B. Rassismus reproduzieren, strukturell benachteiligen oder Sachverhalte verzerren können. Sie haben gelernt, wie sie für ein Anliegen Aufmerksamkeit erreichen, Information auf ihre Richtigkeit prüfen oder Expert:innen zu einem Thema finden können. Sie haben vor allem ihre Rolle gewechselt. Weil sie als Lernende ins Netz sind, um sich mit der Kultur der Digitalität auseinanderzusetzen. Auf diese Weise konnten sie wirksam und nachhaltig ein breites Wissen und Kompetenzen erwerben, die sich so in keinem Fach oder Stundenplan abbilden lassen.
Rollenwechsel
Die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden ist fließend im Netz. Anfangs ist man zwar noch mit dem Aufbau eines Grundverständnisses beschäftigt. Je souveräner aber die digitale Identität, umso eher wird erfahrungsgemäß die Rolle der Lehrenden eingenommen und die Expertise, Perspektive und Erfahrungen mit anderen geteilt. So arbeiten viele Lehrer:innen heute nicht mehr nur im Klassen- oder Schulraum, sondern transformieren und verschmelzen ihn mit dem Netz. (Was ich beschreibe, sind Erfahrungen, die übrigens Schüler:innen auch schon sammeln, nur außerhalb der Schulzeit und -aufgaben.) Dabei werden auch adressatengerechte und adäquate Kommunikation und der Umgang mit kontroversen Debatten und Kritik gefordert und gelernt.
Open Educational Resources
Der nächste logische Schritt zur Kultur der Digitalität müsste sein, dass Lehrende alle ihr Texte und sonstigen Materialien nicht mehr für ihren Unterricht, Schulbücher oder -hefte produzieren, sondern sie allen im Netz unter freier Lizenz zur Verfügung stellen. (Das könnte beispielsweise zu einem Netflix für Bildung führen.) Damit sie von anderen benutzt, verbessert oder auf eine andere Weise weiterentwickelt werden können. Sie arbeiten dabei mit Hochschulen und Expert:innen aus anderen Bereichen interdisziplinär zusammen, aber auch mit Schüler:innen. Es gibt jede Menge gute Gründe und Ziele, die für OER an dieser Stelle sprechen.
(Vor über fünf Jahren stellte ich in einer Barcamp-Session auf dem Digital Education Day in Köln die Frage, ob es für den Unterricht digitalisierte oder überhaupt noch Bücher braucht und nahm mir später vor, mit einem Kollegen Verfassertexter im Netz zu veröffentlichen. Die Idee wurde leider nie umgesetzt, weil uns beiden die Zeit dafür fehlte. Ich frage mich aber bis heute, weshalb Lehrer:innen überhaupt noch für Schulbücher publizieren, statt sie im Netz zu veröffentlichen. Reich werden sie damit sicher nicht und finanziell hätten sie es auch nicht nötig. Wenn es um Anerkennung gehen sollte, kann ich ihnen versprechen, dass sie im Netz weitaus mehr gelesen werden würden.)
Dass Ideen, Ansätze und Produkte ins Netz gestellt werden, um sie gemeinsam mit anderen zu optimieren, zeichnet die OER-Community aus. Unfertiges ist dabei ein gleichwertiger Bestandteil der Prozesse wie das fertige Produkt. Die Remix-Kultur und Beteiligung bzw. Referentialität und Gemeinschaftlichkeit sind tragende Säulen dieser Community. (Junge Menschen praktizieren das z.B. bei TikTok.) Dazu gehört nicht nur Content, sondern auch Digitale Tools, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen oder Anleitungen und Unterstützung bei der Produktion. (Hier möchte auf die ZUM, die seit über 20 Jahren diese Community prägt, und auf das OER-Buch von Jöran verweisen.)
Wenn Personen als “bildungsfern” bezeichnet werden, sind meist Menschen damit gemeint, die “bildungszugangsfern” sind. OER können Zugänge zu Informationen und Möglichkeiten des Wissenserwerbs erhöhen und damit strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken und Bildungsgerechtigkeit fördern. Zusätzlich bieten OER das Potenzial, einseitig besetzte Gatekeeper, die über Relevanz von Content bestimmen, abzulösen und mehr Diversität und Barrierefreiheit zu erreichen. Auch das sind Aspekte einer Kultur der Digitalität, dass kulturelle Vielfalt sichtbar gemacht wird und sich entfalten kann.
Was zu tun bleibt
Und jetzt gehen wir davon aus, dass alles, was ich gedanklich gezeichnet habe, Schüler:innen oder Studierende lernen und auch machen dürfen. Dass sie ihre Lernprodukte in der Schulzeit oder im Studium auf ihrem Blog oder anderen Kanälen veröffentlichen und einem breiten Publikum zur Verfügung und Debatte stellen. Beiträge, die nicht in der Regel nur eine Lehrperson zu sehen bekommt und nur dafür erstellt werden, um eine Note zu erhalten, sondern um sie mit der Welt zu teilen, als Teil der Persönlichkeitsentwicklung, kulturelles Gut oder auch um zu lernen, wie sie mit der Welt in Wechselwirkung treten und sie mitgestalten können.
Lernen in der Postdigitalität orientiert sich daran, was reformpädagogisch gewünscht und global erforderlich ist und erreicht das über Zusammenarbeit und Solidarität. Gelernt wird nicht nur über das Verständnis von Strukturen und Prozessen einer Kultur der Digitalität, sondern auch über das Produzieren und Interagieren im Netz. Durch die Arbeit an der digitalen Identität steht neben dem Erwerb von Wissen und Kompetenzen auch das Schaffen von Netzwerken im Vordergrund, die als Basis und Startpunkt vom lebenslangen Lernen verstanden werden können.
Dieser Beitrag ist und kann nicht vollständig sein. Es ist ein erster Aufschlag und folgt der Logik einer Kultur der Digitalität. Er ist eine Einladung zu einem vertieften Austausch, zur Weiterentwicklung von Ideen und Ansätzen, aber auch konkreten Beispielen, wie Lernen in der Postdigitalität aussehen kann und muss.






Die Kultur des Teilens ist etwas, das sich im Netz beobachten und erleben lässt, weil das Netz auf der Grundidee basiert, Informationen und Wissen für alle transparent und zugänglich zu machen. Es geht nicht nur darum, Material mit anderen zu teilen oder auf Personen zu verweisen, die über eine Expertise verfügen. Eine Kultur des Teilens bedeutet auch, Ideen, Prozesse und Ansätze, die gut funktionieren oder auch gescheitert sind, zu kommunizieren. So können Lösungen gemeinsam entwickelt und Fehler vermieden werden.
Das Coronavirus hat mit der Schließung der Räumlichkeiten den Rahmen des Bildungssystems von heute auf morgen grundlegend verändert. Durch den Entfall des physischen Raumes und den Wandel der bisherigen Kommunikation wurde plötzlich eine völlig neue Ausgangslage geschaffen, in der viele Fragen aufgeworfen wurden und weitere täglich hinzukommen. Sie gewährte aber auch neue, ehrliche Einblicke, weil sie nun stärker über das Netz kommuniziert wurden. Nicht nur Ministerien haben über ihre Website und Social Media-Accounts informiert, auch Lehrer_innen, Schulleitungen, Eltern und Schüler_innen haben vermehrt ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse im Netz, über Ländergrenzen hinweg öffentlich dokumentiert und diskutiert. Dieser Beitrag wirft einen Blick auf den Bildungsbereich in Zeiten der COVID-19-Pandemie und widmet sich den Erfahrungen der ersten Wochen und den Lehren, die für heute und morgen daraus gezogen werden könnten oder sollten.
In den Gruppierungen, an denen vorher schon flache Hierarchien und Transparenz herrschten, viel miteinander kommuniziert und gemeinsam erarbeitet wurde, gelang es relativ schnell, Lösungen zu entwickeln, die für möglichst viele funktionieren. Diese wurden durch regelmäßige Reflexionsschleifen korrigiert und weiter optimiert. (Ein Ergebnis vorher erlernter, geübter bzw. gelebter Flexibilität und Offenheit kollaborativer Prozesse.) Es war innerhalb der Arbeitsgruppen wichtig, die Möglichkeit zu sehen, sich anderen Menschen anvertrauen zu können, dass man etwas nicht weiß, aber auch das Zutrauen zu erleben, sich in eine persönlich schwierige Thematik einarbeiten zu können. Die Arbeit und Verantwortung abzugeben (auch abgeben zu können), sie auf vielen Schultern zu verteilen und gemeinsam die Herausforderungen anzugehen, war schon immer und nun noch spürbarer von Vorteil. Das alles gilt natürlich für alle Zusammensetzung im Rahmen einer Schulkultur, also auch im Lehrer_in-Klasse-Setting. Weil viele Lehrende mit den zahlreich anfallenden Rückmeldungen (unter erschwerten Kommunikationsbedingungen) zu den erbrachten Schüler_innen-Leistungen zu kämpfen hatten, möchte ich auf die Möglichkeit hinweisen, junge Menschen beim Feedback zu beteiligen. Wer gegenseitiges Feedback mit Schüler_innen im regulären Unterricht eingeführt und etabliert hatte, konnte jetzt davon profitieren.
Die Stellen, an denen sich Menschen wirksam, gestaltend mit Digitalem oder/und im Netz erlebt haben, haben sie (durch eine gesteigerte
Es wurden Aufgaben kopiert, gescannt, hochgeladen, gemailt oder mit der Post verschickt. Gut funktioniert hat es dort, wo selbständiges Lernen und das Aufteilen von größeren Aufgabenpaketen vorher schon erlernt worden waren, Eltern helfen konnten, die notwendige Kulturtechnik und das dazugehörige Wissen (wenn notwendig) vorlagen, eine erfolgreiche Kommunikation (technisch als auch menschlich) aufgebaut werden konnte oder schon vorher vorhanden war und die Lebensumstände Zuhause, wie z.B. räumliche Gegebenheiten, ein konzentriertes Lernen zuließen. Außerdem haben sich aufgrund der sehr unterschiedlichen Voraussetzungen beim Lernort Zuhause, asynchrone Lernprozesse bewährt, bei denen nicht eine Klasse zur gleichen Zeit, am gleichen Ort (Videokonferenz), die gleiche Aufgabe bewältigen muss, sondern Einzelne und Gruppen zeit- und ortsunabhängig, am besten noch mit unterschiedlichen, für sie günstigen, Möglichkeiten daran arbeiten können.
Immer wenn Menschen, die die Kultur der Digitalität weder kennen noch verstanden haben, planen, sich digital bzw. „neu“ aufzustellen, werden meist nur die bereits bestehenden und vertrauten Strukturen und Prozesse ins Digitale übertragen, sprich digitalisiert. Die Tragweite, Notwendigkeiten und Möglichkeiten des kulturellen Wandels, hin zu einer Kultur der Digitalität, die
Viele Lehrer_innen, Schulleitungen, aber auch Politiker_innen haben sich seit dem Lockdown zum ersten Mal intensiver mit Digitalem auseinandergesetzt. Die Vorstellungen und Erwartungen, am besten alle Versäumnisse der letzten Jahrzehnte nun im Schnellverfahren nachzuholen, mag eine populäre Forderung oder Hoffnung sein, sie ist aber weder realistisch noch hilfreich (weil sie unnötig zusätzlichen Druck erzeugt). Das nötige Wissen und die Erfahrung haben sich Menschen im und mit dem Netz über eine jahrelange, vertiefte Auseinandersetzung erarbeitet. Diese Investition kann man niemandem abnehmen, aber muss sie alle gewähren. Das gilt sowohl für einzelne Personen als auch für Schulentwicklungsprozesse und die Bereiche und Ebenen darüber hinaus.
„Die technischen Hürden sind schon groß genug. Da muss man den Leuten mundgerechte Häppchen servieren, damit sie sich (lieber/länger) mit dem Digitalen auseinandersetzen.“ Jein. Niederschwellige Angebote sind wichtig. Aber auch hier wird oft und gerne Wissensvermittlung mit Wissenserwerb verwechselt. Man lernt über das Entdecken, das selbst Herausfinden, Zerlegen und für sich neu Zusammensetzen. Deshalb funktionieren die vielen Listen mit digitalen Tools und Angeboten, die in der letzten Wochen und Tagen freundlicherweise erstellt und geteilt wurden, nicht immer und auch nur bedingt. Manchmal können sie sogar erschlagend wirken und überfordern, weil sie als endlose To-do-Liste verstanden werden. Diese Zusammenstellungen sind ein Produkt, ein Ergebnis eines Wissenserwerbes. Und da verhält es sich so wie mit Tafelbildern oder den zunehmend beliebten Sketchnotes. Sie funktionieren für einen selbst, aber nicht zwangsläufig für andere. Mit der Flut an Informationen und Angeboten des Internets zurechtzukommen und sich souverän und mündig im Netz zu bewegen, lernt man nur über das eigenständige Handeln. Wenn Lehrende zu Lernenden werden, müssen (und meiner Erfahrung nach wollen) natürlich auch sie ihre eigenen Listen erstellen. Gezielte Impulse und konkrete Unterstützung, wenn sie gefordert werden, helfen ihnen dabei. Hier möchte ich auf die sehr gelungene
Eine der größten Missverständnisse in der Debatte um Bildung in einer Kultur der Digitalität liegt meiner Meinung nach im Überschätzen der Expertise derer, die (sehr stark überspitzt) schon mal ein Tablet im Unterricht eingesetzt haben und das Unterschätzen der eigenen Expertise von Lehrenden, die bisher kaum bis keine (bewussten) Berührungspunkte mit Digitalem hatten. Das bezieht sich auf den Unterricht, die Schulentwicklung als auch alle anderen Bereiche. Das ist zum einen ein Resultat der zu starken Fokussierung auf die Technik und zum anderen das Ergebnis von pressewirksamen Inszenierungen von Leuchttürmen und Preisen. Es geht am Ende immer noch um Bildung, Schule und Lernen. Was sich durch die
Durch die Pandemie sind die Herausforderungen einer global vernetzen Welt, die bisher nur in manchen Bereichen konkret spürbar waren, nun bei allen angekommen, weil sie auf einmal alle betreffen. Die Unbeständigkeit von sich permanent aktualisierenden Informationen, die unterschiedlichen Einschätzungen der Lage, die verschiedenen Expertisen und Perspektiven, die man liest, hört oder sieht und die Unsicherheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, für sich und andere, erinnert uns täglich an die zunehmende Komplexität dieser Welt und hat bei den meisten, wahrscheinlich sogar bei allen, zu einem gewissen Grad an Überforderung geführt. Und genau deshalb ist es so notwendig, dass junge Menschen endlich darauf vorbereitet und befähigt werden, in einer immer komplexeren Welt die „richtigen“ Entscheidung zu treffen, die in keinem Lösungsbuch stehen oder auch mit eigenen und fremden Fehlern umzugehen. Diese Komplexität wird nämlich nicht verschwinden – im Gegenteil.
Vor kurzem hatte ich ein Video von Steve Jobs in meiner Social Media-Timeline, bei dem er sinngemäß erklärte, dass er sein Produkt nicht, wie es sonst in der Branche üblich wäre, von der Technik her gedacht hätte, sondern von der Person, die sie nutzt. Damit hatte er nicht nur einen wirtschaftlich außergewöhnlichen Erfolg, sondern trug auch maßgeblich zur digitalen Transformation und grundlegenden Veränderungen in allen Bereiche der Gesellschaft weltweit bei. Seitdem lässt mich der Gedanke nicht los, was wohl wäre, wenn dieser Ansatz beim Lernen ernsthaft verfolgt werden würde, wenn dabei vom Lernenden aus gedacht und die Bildung (von jungen Menschen) endlich als gesellschaftliches Kapital der Zukunft verstanden werden würde und Lernende im Mittelpunkt stünden. (Welche Lernplattformen, Lernmanagementsysteme und sonstige digitale Angebote wohl dann entwickelt werden würden?)
Welche Fragen stellen sich junge Menschen heute? Sie möchten die Welt begreifen, weshalb sich gerade alles so gravierend ändert, weshalb sie die Hände waschen oder Masken tragen sollen, weshalb ihre Eltern weniger oder kein Geld verdienen können, wie die finanziellen Probleme gelöst werden sollen, wann alles vorbei sein wird, ob alles überhaupt wieder so sein wird wie vorher, weshalb sie sich so fühlen, wie sie sich fühlen oder weshalb gewisse Freiheiten eingeschränkt werden und ob das alles notwendig ist. Es sind so viele Fragen, die sie sich stellen. Weshalb nicht genau da ansetzen? Weshalb nicht diese Fragen aufgreifen, sie mit ihnen gemeinsam angehen? Es sind nämlich naturwissenschaftliche, historische, politische, ethische und alle anderen Bereiche betreffende Fragen, anhand derer das, was in Bildungspläne ohnehin steht, erarbeitet werden könnte. Mit dem Unterschied, dass es persönlich sinnstiftende Aufgaben und authentische Probleme wären. Weshalb nicht dahingehend in den nächsten Wochen investieren und die Schüler_innen erfahren, spüren lassen, dass sie Teil der Gesellschaft sind, sie ernst genommen werden und werden müssen, weil auch ihren Handlungen Auswirkungen für andere haben?
Es ist die Perspektive der Lernenden, die in Bildungsdebatten so häufig untergeht. Grob überzeichnet bedeutet das: Die Politik blickt auf die Bildung und schielt auf die nächste Wahl, die Lehrenden blicken auf die Bildung und schielen zum nächsten Vorgesetzten und die Eltern blicken auf die Bildung und schielen auf den vermeintlich nächsten Job ihres Kindes. Vereint werden diese Perspektiven oft durch ein gemeinsames Bildungsverständnis bzw. Missverständnis, in dem das, was unter Bildung verstanden wird, über Wissensvermittlung erreicht wird. Es mag für einige nur ein Begriff sein, der mal mehr oder weniger bewusst verwendet wird. Es stecken aber ein klares Verständnis,
Dass sich in den letzten Wochen schlagartig Lehrer_innen mit Digitalem auseinandergesetzt haben, lag an genau zwei Aspekten: dass sie es mussten und dass die Zeit dafür da war, sich einzuarbeiten. Dementsprechend ist eine entscheidende Variable bei allen Blicken in die Glaskugel die Dauer der Ausnahmezustandes. Je länger Schulen gezwungen sein werden, das Lehren und Lernen im und mit dem Internet zu denken, umso mehr werden sich die dabei entstandenen Ideen, Ansätze und Erfahrungen im späteren Schulalltag verstetigen und in den zukünftigen Entwicklungen niederschlagen. Der große und von einigen erhoffte Wandel wird unabhängig von der Dauer eher nicht zu erwarten zu sein. Jeder, der sich mit der Thematik schon länger beschäftigt, weiß auch, dass es sich hinsichtlich der Umsetzung