Es genügt meiner Meinung nach nicht, sich nur Gedanken zu machen, was zeitgemäße Bildung sein könnte, wenn man nicht auch nach günstigen Bedingungen und Wegen sucht, die eine Entwicklung dahingehend initiieren, vorantreiben und aufrechterhalten. Seit diesem Schuljahr darf ich als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung am Staatlichen Schulamt Freiburg diesbezüglich Erfahrung sammeln. Den Anfang bildet das Angebot Barcamp – ein Format für zeitgemäße Schul- und Unterrichtsentwicklung (bei LFB-Online unter der Lehrgangsnummer 36087283 zu finden) für Schulleitungen am 26. Oktober 2017 im Waldhaus, auf das ein auf Schulen zugeschnittenes Abrufangebot (bei LFB-Online unter der Lehrgangsnummer 36087285 zu finden) folgt. Ich möchte kurz begründen, weshalb ich mich für ein Barcamp entschieden habe.

Bildschirmfoto 2017-09-22 um 18.41.27Im Web trifft man Pioniere, die den digitalen bzw. kulturellen Wandel im Bildungskontext neu denken und an Lern- und Lehr-Settings arbeiten, die den Anforderungen zeitgemäßer Bildung gerecht werden sollen. Wenn man aber in ein durchschnittliches Lehrerzimmer blickt, wird man selten Menschen vorfinden, die an ähnlichen Konzepten arbeiten. Mein induktiver Ansatz, der an diesem Zustand etwas ändern soll, resultiert aus den Beobachtungen und dem Austausch der letzten Jahre im Netz und auch offline. Um zu struktureller und inhaltlicher Arbeit zeitgemäßer Bildung zu gelangen, müssen im ersten Schritt Denk- und Freiräume geschaffen werden, die Lehrpersonen dazu hinführen, sich von bisherigen Denk- und Handlungsmustern zu lösen. Kein anderes Format erscheint mir hierfür passender als ein Barcamp: Ein offenes, flexibles, partizipatives, weder hierarchisches noch geplantes Veranstaltungsformat, dessen Regeln die von klassischen Fortbildungen aushebeln. Es setzt bisher brach liegende Potenziale frei und leitet ein Umdenken in vielen Bereichen, wie z.B. dem Arbeits- und Rollenverständnis, ein, das den nächsten Schritt, die Erkenntnis der Notwendigkeit, erleichtert. Erst wenn die Tragweite des digitalen Wandels erkannt und als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird, erhält zeitgemäße Bildung im Rahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung eine echte Chance. Wirksam und nachhaltig ist sie nur, wenn allen am Schulleben Beteiligten ein Zugang ermöglicht wird und von ihnen getragen werden kann.

Unterstützung
Was mich am Arbeiten und Denken im Web begeistert, ist die Kollaboration und Solidarität, der ich immer wieder begegne. Wieder einmal setze ich darauf, dass Kollegien und Schulleitungen im Raum Freiburg und Umgebung von diesem Angebot über die Menschen erfahren, die im Netz stattfinden. Vielen Dank im Voraus für eure Unterstützung.

zeitgemäße Bildung KopieIch durfte im Juli bei Schule in BWgungPilotschule und was dann? zu Lehrenden aus dem tabletBS-Projekt über Digitale Bildung im Jahr 2020 sprechen. Die Folien dazu möchte ich mit diesem Beitrag veröffentlichen und erläutern, weil mich einige Beobachtungen und Fragen im Bildungsbereich zunehmend beschäftigen, die ich mir in öffentlichen Debatten breit und vertieft diskutiert wünsche.

Weshalb das Ganze?

Dass die Technik in Schulen veraltet oder nicht vorhanden ist, gehört mittlerweile zum allgemeinen Konsens. Irgendwas mit digital, sagt man, sollte man mehr unterrichten, weil alles irgendwie mehr digital ist und wird. Und so schmückte man zum Beispiel vor einigen Jahren möglichst viele Klassenzimmer mit IWBs (Interaktive Whiteboards, auch als digitale Tafeln oder Smartboards bekannt), mit der Vorstellung, irgendwas getan zu haben, das irgendwie schon zu irgendeinem Ziel führen wird. Was aber schwammig oder gar nicht im Vorfeld formuliert wurde, konnte auch nicht erreicht werden. Deshalb sehe ich die Frage nach dem Warum als essentiell, am Anfang und roten Faden für eine vernünftige Entwicklung einer Vorstellung, was zeitgemäße Bildung sein soll, kann oder muss. Sie muss als Einzelperson, Schule, Kommune, Land und Bund immer wieder neu gestellt, diskutiert und (zeitgemäß) beantwortet werden: Weshalb das Ganze?
Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Die putzigen Amazon Roboter (ehemals Kiva Systems), die über QR-Codes orientierend die Gänge von Lagerhallen entlang flitzen, werden gerne als Beleg für diese Aussage im Bereich Lagerlogistik gezeigt. Die ersten Videos wurden übrigens bereits 2008 hochgeladen. Im Prinzip stehen sie nur für einen Teil des Transportwesens, das zunehmend automatisiert wird. Das reicht von gigantischen, selbstfahrenden und miteinander vernetzten Lastwagen bis hin zum Transport von Menschen in selbstfahrenden Autos und Bussen. Dazu und noch mehr, kann man sich in diesem populären Video ansehen. Auch das Bauwesen erhält Unterstützung von Bots und riesigen 3D-Druckern, die innerhalb von 24 Stunden ganze Häuser hinstellen. Am meisten beeindrucken aber immer wieder die Ergebnisse des Robotik-Unternehmens Boston Dynamics, das 2013 von Google gekauft wurde, mit Atlas, HandleSpot oder Sand Flea. Abschließen möchte ich den Blick auf die Wirtschaft mit dem alltäglichen Leben, um die (nicht selten empfundene) vermeintliche Ferne dieser Technik zu relativieren. Damit meine ich die steigende Zahl an Schnellkassen in Geschäften oder Touch-Displays, auf denen man sich eine Fahrkarte buchen, Essen selbst zusammenstellen oder über Lokales informieren kann, die sich fast unbemerkt in unseren Alltag schleichen. Vergessen wir auch nicht den Onlinehandel, der in vielen Bereichen bereits für radikale Umbrüche gesorgt hat. Angefangen beim Zeitungssterben bis hin zu den vielen, kleinen lokalen Anbietern, die nach Lösungen suchen müssen, um im ungleichen Zweikampf neben Riesen wie Amazon & Co überleben zu können. Es häufen sich die Prognosen, dass Massen von Jobs durch den Einsatz von Robotern und Bots wegfallen werden. Ob und wie viel davon, wann eintreten wird, weiß ich nicht. Stephan Noller eröffnete vor einiger Zeit hierzu eine lesenswerte Debatte bei Facebook. Dass sich Arbeit und Anforderungen ändern werden, steht außer Frage und stellt nichts Neues dar. Was neu sein könnte, ist die Geschwindigkeit bzw. die Dynamik und die gesellschaftliche Tragweite. Sich auf etwas Unvorhersehbares vorzubereiten, scheint zumindest eine daraus resultierende Aufgabe zu sein.
Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.29.28Die ökonomische Perspektive allein genügt natürlich nicht, wenn man die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen durch den digitalen Wandel erfassen möchte. Die sich verändernden beruflichen Anforderungen und Bedingungen, werfen dabei einige Fragen auf. Wie bereite ich junge Leute auf Jobs vor, die es noch nicht gibt? Wie verändern die neuen beruflichen Anforderungen und Bedingungen das Leben einer Person als Individuum und Teil einer Gemeinschaft? Was wären und wie erreicht man für alle günstige Voraussetzungen? Wenn man bedenkt, wie die Erfindung des Buchdrucks das Zusammenleben innerhalb der Gutenberg-Galaxis revolutioniert hat, kann man sich die Auswirkungen durch weltweit miteinander vernetzte Computer bzw. die Personen dahinter erahnen. Auch in der Turing-Galaxis werden bestehende Strukturen aufgelöst und der Zugang zu Informationen mehr Menschen ermöglicht und vereinfacht. Das Smartphone und Tablet sind fassbar und ziehen dadurch in mancher Diskussion die Aufmerksamkeit auf sich. Es ist aber das Internet, das den Wandel mit sich brachte und bringt. Wie wir kommunizieren, konsumieren, arbeiten, lernen, Ideen entwickeln, forschen, die Welt begreifen, wandelt sich. Durch soziale Netzwerke lesen wir nicht nur mehr Texte, sondern können mit denen, die sie verfasst haben, zeit- und ortsunabhängig diskutieren. Über Livestreams erhalten wir Bilder von nahezu jedem Fleck und Geschehen auf diesem Planeten. Die Karten der Deutungshoheit werden neu gemischt. Saßen wir noch gestern vor linearem Fernsehen und Zeitungen, bespielen wir heute selbst unsere Social Media-Kanäle mit Inhalten. Push-Benachrichtigungen im Sekundentakt. Wichtiges und Unwichtiges von allen und jederzeit. Die politischen Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene erscheinen durch die Kanäle sozialer Netzwerke nicht nur näher und greifbarer, sondern auch verknüpfter und komplexer. Das geografische Umfeld bestimmt nicht mehr allein die kulturelle Prägung und Sozialisation.

Und im Bildungsbereich?

Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.18.15„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.“ beschrieb ich es in meinem Vortrag in Neckarsulm. Eine, meine Beobachtung der letzten Jahre, die ich kurz begründen möchte. Wenn man einen Blick auf die Fortbildungsangebote wirft oder sich an Veranstaltungen zum Thema Digitale Bildung die Programme durchliest, scheint die einzige Veränderung das Adjektiv digital zu sein. Man preist digitale Lerntheken, digitale Arbeitsblättern oder digitale Lerntagebücher an. Anstatt gedrucktem Papier im BILLY-Regal sammelt man nun Listen mit Apps und Tools in Clouds. Mit Toolifizierung, möglichst häufig und viele neue Medien (wobei hier fälschlicherweise neue Medien mit Technik gleichgesetzt und Medien als Werkzeuge verstanden werden) einzusetzen, und Quizzifizierung, Wissen über den Nürnberger Trichter in Form von Quizzen zuzuführen, führte Lisa Rosa zwei Begriffe ein, die eine weitere Entwicklung kritisch beschreiben. Auch das populäre SAMR-Modell, das mit seiner niederen Einstiegshürde motivieren und als Brücke zu neuen Lehr- und Lernszenarien führen soll, klang für mich nur anfangs schlüssig. Mittlerweile befürchte ich, dass es ein falscher Ansatz ist, weil er den Fokus auf das Digitale lenkt und Phänomene wie Toolifizierung und Verquizzung nicht nur begünstigt, sondern echte Innovation bremst, wenn nicht sogar verhindert. Das gängige Argument klein anzufangen kann zu klein denken verleiten und die mögliche Überforderung der neuen Technik, die das stufenweise Heranführen begründet, wird meiner Meinung nach mit Neues zu denken verwechselt.* Die Bezeichnung Digitale Bildung hat sich zwar in den letzten Jahren als praktische Verkürzung für Ankündigungen von Veranstaltungen, Vorträgen, Fortbildungen und auch als Hashtag durchgesetzt, trägt aber einen Teil dazu bei, dass notwendige Neuerungen in der Bildung, bedingt durch den digitalen Wandel, gedanklich auf ein digitales Add-on reduziert werden. Deshalb fordern manche auch gerne ein neues Fach oder eine neue Kompetenz, die zum bisher Bestehenden einfach hinzufügt werden soll. Ich glaube, dass es einen anderen Begriff benötigt, der zum Denken im großen Ganzen anregt. Meine vor Monaten verfasste, kurze Begründung, weshalb ich mich für zeitgemäße Bildung entschieden habe, möchte ich um folgende Punkte ergänzen:

  • weil zeitgemäße Bildung einen nie endenden Entwicklungsprozess beschreibt
  • weil zeitgemäße Bildung sich an aktuellen Herausforderungen misst
  • weil zeitgemäße Bildung für eine Gesamtbetrachtung steht
  • weil zeitgemäße Bildung immer wieder eine Reflexion einfordert
  • (weil zeitgemäße Bildung uns das Bildung 2.0, 4.0 und x.0 erspart)

(Seit einem halben Jahr begleitet mich dieser Ausdruck bei allen Gedankengängen und hat bisher jeder erneuten Überprüfung standgehalten.)

Wofür steht zeitgemäße Bildung?

Bildschirmfoto 2017-09-08 um 18.18.52Zeitgemäße Bildung orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an allen Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem digitalen Wandel resultieren. Sie sucht in einem neuen Lehr- und Lernverständnis nach Antworten auf alle Fragen, die sich aus den oben angerissenen Legitimationen stellen. Lernen als lebenslanger Prozess, der nicht an Zeit und Ort gebunden ist und in einem persönlichen Lernnetzwerk stattfindet. Das 4K-Modell des Lernens sehe ich momentan als eine Möglichkeit, junge Menschen auf das vorzubereiten, das sie heute und morgen erwartet. Was ich darunter verstehe, habe ich hier verschriftlicht. Zeitgemäße Bildung unterscheidet beim Lernen nicht zwischen einzelnen Fächern, Klassen, Schularten oder formaler und non-formaler Bildung. Das Web nimmt dabei eine bedeutende Funktion ein. Die Rolle des Lehrenden und Lernenden ist flexibel und kann wechseln. Zeitgemäße Bildung braucht Räume für Lernprozesse mit Trial and Error. Räume, um neue Konzepte zu entwickeln oder Projekte durchzuführen. Nur neue Prüfungsformate und Bewertungsansätze werden diese Räume ermöglichen. Zeitgemäße Bildung leitet eine Epoche der zweiten Aufklärung ein und strebt eine Mündigkeit an, die unsere Gesellschaft aus der Beobachterstellung befreit und zur Mitgestaltung des digitalen Wandels befähigt.  Beginnen wir damit.

 

*In einer Barcamp-Session an meiner Schule tauschte ich mich mit meinem Kollegium, das bezüglich Thematik rund um den digitalen Wandel keine führende Rolle spielt, zu zeitgemäßer Bildung aus. Dabei unterschieden sich ihre Fragen und Folgerungen stark von denen der Digitale Bildung-Community im Netz. Es ging um gesellschaftliche Veränderungen und wie man ihnen begegnen kann. Es ging nicht um Apps oder mobile Endgeräte, sondern um Menschen, Ethik oder Umwelt. Alles wurde in Frage gestellt und Neues angedacht. Eine Überforderung konnte ich nicht feststellen – im Gegenteil. Sie hatten Spaß daran, gedanklich auszubrechen und nach möglichen Lösungen in unserem Rahmen zu suchen. In der über Jahre geführte Debatte im Netz, wie man in Schulen Digitale Bildung vorantreiben kann, traf ich häufiger auf den Standpunkt (den ich auch lange Zeit vertrat), dass neben den der fehlenden Technik die Überforderung ihrer Anwendung die größte Hürde sei. Dass der digitale Wandel nicht als kulturelle Revolution wahrgenommen wird, liegt vielleicht aber auch daran, dass man ihn durch den Fokus auf die Technik in eine Nische gedrängt hat, der den Blick auf die Gesamtheit erschwert. Möglicherweise werden die vielen Lehrer_innen, die noch nicht im Web populär stattfinden, die kritische Masse für zeitgemäße Bildung einleiten, weil sie sich an der gesellschaftlichen Notwendigkeit und den daraus resultierenden Fragen orientieren. Gestern sprach ich in einem Podcast mit Jöran über diese These, die er mit folgendem Satz zusammenfasste: Die Speersitze der Digitalen Bildung wird nicht die der zeitgemäßen Bildung sein.

Bildschirmfoto 2017-05-21 um 15.19.53Wir teilen unsere Gedanken, Ideen, Projekte und Probleme im Netz, um Mitmenschen daran teilhaben zu lassen, uns auszutauschen oder mit unterschiedlichen Perspektiven kollaborativ an Lösungen zu arbeiten. Strukturelle Hürden werden überwunden, neue Kontakte geknüpft, Synergieeffekte entstehen und zuvor nicht denkbare Möglichkeiten eröffnet. Dieses konstruktive Potential der offenen Netzkultur sollte auch in jeder Stadt einen zeitlichen und örtlichen Rahmen finden, weil sich die durch die Digitalisierung entstehenden Herausforderungen nicht auf das Web beschränken. Letzte Woche traf ich mich mit Benedikt, Philip und Olav, um für den Bildungsbereich im Freiburger Raum gemeinsam ein Konzept zu entwickeln. Das folgende Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt und bildet ein flexibles Anfangsgerüst, das sich den Entwicklungen des Projekts immer wieder anpassen wird.

Zeitfenster_BNF_01

Am 26. September startet um 19.30Uhr im Grünhof das erste zweistündige Meetup, zu dem Lehrende und Lernende aus allen Bildungsbereichen (formale, non-formale, politische, kulturelle oder sonstige Bildung) eingeladen sind, sich in einem und lockeren Format über zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel auszutauschen. Das bisherige Know-how spielt dabei keine Rolle, sondern das Interesse. Im ersten Zeitfenster sollen vorerst zwei greifbare Best-Practice-Beispiele vorgestellt und diskutiert werden. Die Open Space-Methode im Anschluss bietet Raum und Zeit, um an selbst gewählten Themen in den gewünschten Formaten weiter zu arbeiten. Das kann von einer gemeinsamen Entwicklung konkreter Projektideen bis zu kontroversen Debatten über allgemeine Fragestellungen alles sein.

Zeitfenster_BNF_02Ein denkbares Szenario wäre auch, dass sich das Meetup zu einem Barcamp mit jeweils zwei Sessions entwickelt. Grundsätzlich wird alles begrüßt, was Raum für eigene Themen, Fragen und Austausch zulässt.

Um die notwendige Kontinuität zu gewährleisten, planen wir alle zwei Monate am jeweils dritten Dienstag (gleiche Zeit, gleicher Ort) ein Meetup Offenes Bildungsnetzwerk Freiburg durchzuführen. Der 21. November und der 16. Januar im nächsten Jahr sind auch schon reserviert. Hier findet ihr den Facebook-Link, über den ihr euer Interesse bekunden, eine Zusage machen oder die Veranstaltung sehr gerne bewerben könnt. Wir laden euch herzlich dazu ein, eine offene Bildungskultur in Freiburg mitzugestalten und euch am 26.09.17 oder den anderen Terminen im Grünhof kennenzulernen.

(Fragen, Ideen und Anregungen bitte an mihajlovic.freiburg@gmail.com senden.)

DSC03156Letztes Wochenende fand das EduCamp in der Landesakademie Bad Wildbad statt, zu dem knapp 200 Menschen aus allen Teilen der Republik (und Lichtenstein) angereist waren, um sich über Lehr- und Lernformen auszutauschen, die den digitalen Wandel nicht nur berücksichtigen, sondern dessen Potentiale auch nutzen. Dabei waren das offene Barcamp-Format, das Angebot und die Zusammensetzung in vielerlei Hinsicht besonders. Hier findet man noch die Workshops vom Freitag und die Sessionpläne und die Etherpad-Protokolle vom Samstag und Sonntag. Eine lockere, fast familiäre Stimmung und die bunte Mischung an Bildungsinteressierten prägten das 18. EduCamp. DSC02939In der Session zum 4K-Modell des Lernens diskutierten z.B. Schüler*innen, Lehrende, Leute aus Unternehmen, der non-formalen Bildung und dem Kultusministerium miteinander über neue Bildungskonzepte. Durch die Betrachtung der Herausforderungen aus allen Perspektiven erreichte nicht nur diese Debatte ein derart hohes Maß an Qualität, das man sich häufiger wünscht. Wir brauchen noch mehr Raum bzw. Möglichkeiten für Diskussionen auf Augenhöhe aller am (Schul)leben Beteiligten. Damit das zukünftig besser gelingen kann, rief ich dazu auf, sich in diese Liste einzutragen, um das EduCamp auch als Startschuss für regionales Netzwerken zu nutzen. Bernd Schinko und sein Team signalisierten nach dem erfolgreichen Auftakt, dass dabei die Landesakademie in Bad Wildbad auch weiterhin eine Rolle spielen wird.

Bildungsinteressierte Netzwerken in Baden-Württemberg
Man benötigt möglichst viele Verbündete, um die kritische Masse an Menschen zu erreichen, die notwendig ist, zeitgemäße Bildung auch an allen (Hoch)Schulen ankommen zu lassen. Die folgende Liste, die ich immer wieder aktualisieren werde, soll diese Suche und das Netzwerken erleichtern. Twitter hat sich in den letzten Jahren als DAS soziale Netzwerk für Bildungsinteressierte entwickelt. (Unter dem Hashtag #ecbw17 kann man alle Tweets zum EduCamp in Bad Wildbad in Ruhe nachlesen. Alle Tweets der letzten Woche hat Christiane freundlicherweise hier zusammengetragen.) Deshalb habe ich bestehende Accounts mit den Namen auf der Liste verlinkt. Außerdem schlage ich vor, zukünftig in sozialen Netzwerken unter #NetzBaWü Idee, Fragen, Projekte, Veranstaltungen oder sonstige Informationen bezüglich zeitgemäßer Lehr- und Lernformen mit regionalem Bezug übersichtlicher zu bündeln und auszutauschen. (Unser Nachbarbundesland macht das bereits seit einiger Zeit unter #BayernEdu.) Bildung sollte nicht mehr auf den Ort Schule und dessen zeitliche Vorgaben reduziert werden. Bildung ist ein lebenslanger Prozess, an dem wir alle von- und miteinander lernen.DSC03024

Die Liste ist nach Orten alphabetisch sortiert. Am Ende stehen am Netzwerk Interessierte anderer Bundesländern und Teilzeit-Baden-Württemberger*innen.

  • Bad Friedrichshall, Adrian Sauer, Realschullehrer, kontakt@herr-sauer.de
  • Bad Mergentheim, Ulf Neumann, Leiter KMZ Main-Tauber, Lehrer GS, SeminarGS
  • Bad Wildbad, Bernd Schinko, Leiter der Landesakademie Bad Wildbad
  • BadWildbad/Baden.Baden, Oliver Hintzen, Landesakademie Bad Wildbad
  • Bad Wildbad, Ulrike v. Altrock, Landesakademie, Akademiereferentin, Lehrerin GMS, ulrike@von-altrock
  • Bad Wildbad, Astrid Pietschmann, Landesakademie Bad Wildbad
  • Bad Wildbad, Nicolai Köhler, Schüler/Schülersprecher
  • Bad Wildbad, Andreas Erb, Landesakademie Bad Wildbad
  • Baden-Baden/Rastatt, Alexander Fischer, Leiter Medienzentrum Mittelbaden, Realschullehrer
  • Biberach Riß (Schemmerhofen), Tom Mittelbach, Fachlehrer GMS, Multimediaberater
  • Biberach Riß, Sebastian Stoll, Realschullehrer
  • Fellbach, Stefan Sasse, Akademie Fellbach, Gymnasiallehrer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde,
  • Freiburg, Dejan Mihajlovic, Realschullehrer
  • Freiburg, Philip Stade, Gymnasial-/Gemeinschaftsschullehrer (auf Suche)
  • Freiburg, Niclas Reuter, FSJ/Landeszentrale für politische Bildung
  • Freiburg, Benedikt Sauerborn, Walter-Eucken-Gymnasium
  • Freiburg, Rebecca Davies, Koordinatorin Sprachpraxis, Englisches Seminar, Uni Freiburg, rebecca.davies@anglistik.uni-freiburg.de
  • Freiburg, Mark Engler, Technik KMZ Freiburg, mark.engler@kmz-freiburg.de
  • Freiburg, Peter Bergmann, Realschullehrer an Lessing-Realschule in Freiburg
  • Freiburg, Ernst Schreier, Netzwerkbetreuer, Droste-Hülshoff-Gymnasium Freiburg und Linux-Multi, schreier@dhg-freiburg.de
  • Freiburg, Jonathan Heimburger, Landeszentrale für politische Bildung
  • Freiburg/Breisach, Olav Richter, Martin-Schongauer-Gymnasium Breisach, openreli.de
  • Gerabronn, Mandy Schütze, 1. Vorsitzende ZUM.de / Gymnasiallehrerin Geo/Ethik
  • Hardthausen am Kocher, Jörg Lohrer, Leitungsteam rpi-virtuell, Religionslehrer
  • Heidenheim, Daniel Mattes, Lehrer am Max-Planck-Gymnasium (Ch, Bio, NwT, Phy)
  • Karlsruhe/Rastatt, Norman Mewes, Lehrer Sek.II (BS) und Fachberater Schulentwicklung
  • Karlsruhe/Rastatt, Jan Hambsch, Lehrer (gewerbl. BS) und Fortbildner
  • Karlsruhe, Saskia Ebel, Walter-Eucken-Schule, saskia.ebel@wes.karlsruhe.de
  • Karlsruhe, Torsten Traub, Realschullehrer (M, EWG)
  • Mannheim, Thomas Bantle, Max-Hachenburg-Schule (kfm. BS), #tabletBS, Netzwerk, Technik, Moodle
  • Mannheim, Thomas Schmidt, Max-Hachenburg-Schule, tabletBS, #greenscreen, #müllertrifftschmidt
  • Mannheim, Marek Müller, Max-Hachenburg-Schule, tabletBS, #greenscreen, #müllertrifftschmidt
  • Mosbach, Tilo Bödigheimer, Konrektor (SBBZ Lernen)
  • Nagold, Heinz Krettek, Netzwerkberater Annemarie-Lindner-Schule, Hausw. Schule mit SGGS Gymnasium, krettek@als-nagold.de
  • Offenburg (Bühl), Bob Blume, Gymnasiallehrer
  • Pforzheim-Enzkreis, Sabine Strauß, Kunsterzieherin, Leitungsteam Medienzentrum
  • Reutlingen, (Mössingen), Matthias Förtsch, Lehrer und Abteilungsleiter Schulentwicklung
  • Schömberg/Calw, Christian Braun, Gymnasial-/Berufsschullehrer
  • Sindelfingen, Ulrich Stoltenburg, Seminarleiter GS
  • Sinsheim, Bastian Höger, Kfm. Schule (BWL, M, DV), bald Multimediaberater
  • Stuttgart/Sindelfingen, Konrad Eisele, Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (GS)
  • Stuttgart (Keltern-Dietlingen), Daria Burger, Berufsschullehrerin, Multimediaberaterin in Stuttgart
  • Stuttgart/Leinfelden, Burkhart Firgau, Immanuel-Kant-Realschule Leinfelden, Lehrer (Kunst, Technik,Physik), stv. Schulleiter; Landesbildungsserver BW
  • Stuttgart, Thomas Ebinger, Dozent für Konfirmandenarbeit (ptz Stuttgart)
  • Stuttgart, Stephanie Wössner, Lehrerin am Albeck Gymnasium Sulz (Eng, Frz), Medienpäd. Referentin am Landesmedienzentrum BW
  • Stuttgart, Wibke Tiedmann, stellvertretende Referatsleiterin Landesinstitut für Schulentwicklung Stuttgart, Elementar- und Primarbereich
  • Stuttgart, Uli Sailer, Referent Landesmedienzentrum BW, LandesNetzWerk Elternarbeit der AJS-BW, Medienakademie BW e.V.
  • Stuttgart, Filiz Tokat, Freie medienpädagogische Referentin, Landesmedienzentrum BW, Filiz.Tokat@web.de
  • Stuttgart, Stefan Voß, Referent für digitale Medien am Landesinstitut für Schulentwicklung (Ref. 33), Gymnasiallehrer (Latein, ev. Rel.), Netzwerkberater
  • Tübingen/Sindelfingen, Christian Wettke, Gymnasial-/Berufsschullehrer
  • Tübingen/Stuttgart, Alexander Mittag, Landesinstitut für Schulentwicklung in S Referat 41 Bildungplanarbeit, Leiter Bildungsplankommission Informatik, Gymnasiallehrer  (Inf, M, Ph)
  • Tübingen/Ravensburg, Sebastian Frey, Medienpädagogischer Berater LMZ/Lehrerfortbildung RP-Tübingen, KMZ Ravensburg
  • Tübingen, Juliane Richter, Leibniz-Institut für Wissensmedien
  • Tuttlingen, Ulrich Günther, Fritz-Erler-Schule BS (M, Inf), u.guenther@fes-tuttlingen.de

Bildschirmfoto 2017-05-03 um 19.47.34

  • Tobias Rodemerk, Gymnasial-/Berufsschullehrer, Abordnung an das LS Referat43, Lehrerfortbildner
  • Oldenburg, Andreas Hofmann, Lehrer und medienpäd. Berater in Niedersachsen, im Herzen Baden-Württemberger
  • Julia Rheinhardt, Lehrerin am Gymnasium (gerade zwischen NDS und BaWü)
  • Andreas Schenkel, Lehrer Ph, M, IT, Hessische Lehrkräfteakademie, Hessischer Bildungsserver
  • Niedersachsen, Saskia Müller, Lehrerin Robert Dannemann Oberschule, Kommunalpolitikerin, saskiamuemue@web.de
  • Kaiserslautern, Birgit Lachner, Gymnasiallehrerin (Ch, M), Workshops und Fortbildungen (GeoGebra, Chemie digtal, Wikis, …)
  • Eutin, Michael Stammeier, Dipl.-Hdl., StR, Wirtschaft, Englisch, Religion, Berufliche Schule des Kreises Ostholstein
  • München, Martin Rist, #HPEdu & Vorstand Bündnis für Bildung, martin.rist@hp.com

checklist-1622517_1920Immer wieder tauchen in der Bildungsfilterblase der sozialen Netzwerke ausführliche Listen auf, die das Wesentliche, das bedingt durch den digitalen Wandel eingesetzt, gelehrt bzw. gelernt werden muss, zusammenfassen sollen. Aktuell kursiert folgender Vorschlag der Europäischen Kommission. Sind aber diese tabellarischen Übersichten nicht ein Relikt und objektivistischer Lösungsansatz der Gutenberg-Galaxis? Macht es überhaupt Sinn, in einer sich rasant wandelnden Welt, solche vermeintlich allgemein gültigen Listen anzulegen? Tragen sie nicht sogar dazu bei, dass Lehrende nicht für sich oder mit dem Kollegium für die Bildungsinstitution über einen längeren Lernprozess eigene temporär gültige Vorstellungen, die immer wieder an den gesellschaftlichen Wandel und den des Kollegiums angepasst werden, entwicklen? Müssen nicht auch Lehrende zeitgemäß lernen? Listen geben vor und bieten wenig/keine Anreize oder Raum für eigene Fragen und Ergebnisoffenheit.

Als Argument wird meist aufgeführt, dass sie Menschen, die frisch in die Thematik einsteigen wollen, zur Orientierung oder als Stütze dienen sollen. Dabei zeigt die Praxis, dass Schulen, wenn sie Konzepte zu einem neuen Aufgabenfeld ausarbeiten müssen, gerne komplett und unverändert bestehende Entwürfe übernehmen. (Das liegt nicht an deren Bequemlichkeit, sondern daran, dass für solche von oben angeordneten Zusatzaufgaben in der Regel keine zusätzlichen Stunden zur Verfügung gestellt werden.)  Ich habe tatsächlich, in der Tradition als Lehrer und Sammler, zu Beginn alle möglichen Auflistungen von digitalen Tools und Empfehlungen gehortet. Benutzt habe ich sie selten bis nie, weil sie zu umfassend waren oder mich schon optisch erschlugen. Meine aktuelle Vorstellung zeitgemäßer Bildung und mein technisches Know-how habe ich über ein persönliches Lernnetzwerk in einem nie endenden Prozess erarbeitet. Vielleicht sollten wir die knappe und kostbare Ressource Zeit lieber in den Auf- und Ausbau persönlicher Lernnetzwerke und das Netzwerken investieren.

Das enorme Tempo und die scheinbare Grenzenlosigkeit der Automatisierung oder politische Umbrüche, wie der Brexit und die Wahl von Donald Trump, werfen dringende Fragen auf. Was bedeutet das für uns als Individuum und unsere Gesellschaft, wenn Roboter bzw. Programme immer mehr Arbeitsfelder der Menschen übernehmen? Wie kann man zunehmendem Nationalismus begegnen und demokratische Strukturen oder Gemeinschaften wie die EU stärken und schützen? In diesem Beitrag sollen die daraus resultierenden Herausforderungen für den Bildungsbereich betrachtet und zur Diskussion gestellt werden.
Ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt, dass nicht nur manuelle Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden, sondern auch die, die auf reinem Abfragewissen basieren. Reproduktion von Fachwissen verliert rasant an Wert, weil es besonders gut digitalisiert werden kann. Früher genügte das in der Schule erworbene Allgemeinwissen für die Teilhabe am Großteil des gesellschaftlichen Lebens aus. Mit der Digitalisierung drängen Technik und neues Wissen in alle Lebensbereiche und erfordern ein Lernen als lebensbegleitenden Prozess. Das friedliche Zusammenleben in einer demokratischen, offenen, freien und pluralistischen Gesellschaft muss unter möglichst großer Beteiligung immer wieder neu ausgefochten werden. Die zu lösenden Probleme werden dabei immer komplexer. Deshalb stellt sich nun die Frage, welche Kompetenzen notwendig sind, um junge Menschen darauf ausreichend vorzubereiten. Hier werden in den USA schon länger und in Deutschland immer mehr von den 21st Century Skills gesprochen. Dabei stellen Communication, Collaboration, Creativity und Critical thinking die vier wichtigsten Cs dar. Die These hierzu lautet: Wer unter gleichzeitiger Anwendung von zeitgemäßer Kommunikation und Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken lernt, erwirbt das notwendige Rüstzeug für die Zukunft. Das ins Deutsche übersetzte 4K-Modell des Lernens hat Andreas Schleicher auf der re:publica 2013 hierzulande bekannter gemacht. Seitdem wächst die Zahl der bunten Sharepics und Tweets zu den 4Ks auch in der deutschsprachigen Bildungscommunity. Weil fast alle Nennungen die 140-Zeichen bei Twitter nicht überschreiten und ein Ende als Buzzwords droht, möchte ich ein paar Gedanken zu den vier Ks in Theorie und Praxis in die Waagschale werfen, um eine tiefere und konkretere Debatte zu eröffnen.

Kommunikation

Wenn ich in einem Gespräch mit Lehrenden die 4Ks erwähne, höre ich am häufigsten, dass das alles nichts Neues sei. Schließlich habe man schon immer darauf geachtet, dass Lernende viel kommunizieren, zusammenarbeiten, kritisch hinterfragen oder kreativ sind. Dabei begehen sie meist einen entscheidenden Denkfehler, indem sie diese Kompetenzen nicht im Kontext des digitalen Wandels betrachten. 4K_ModellKommunikation scheint mir in diesem Zusammenhang das meist unterschätze K zu sein. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir tagtäglich kommunizieren und uns durch fehlende oder zumindest nicht wahrgenommene Rückmeldungen von Defiziten automatisch eine ausreichende Qualifikation zusprechen. Man übersieht, dass sich Kommunikation in den letzten Jahren gravierend verändert hat und damit auch die Anforderungen. Wenn man bedenkt, welchen Umbruch allein die Einführung der SMS erreichte, kann man die Wirkung von sozialen Netzwerken und den zusätzlichen Hyperlinks, Emojis, Hashtags, Sharepics, GIFs, Sprachnachrichten oder Stories, die aktuell Einzug halten, erahnen. Auch ohne diese neuen Kommunikationsmöglichkeiten sind Veränderungen feststellbar. Das im Netz häufig geteilte Video zum SAMR Modell von Puentedura, bei dem das digitale Schreiben als Substitution des analogen dargestellt wird, lässt einen wichtigen Aspekt aus, weil es das Schreiben isoliert, als Mittel zum Zweck, betrachtet. Axel Krommer berichtete mir bei einem Besuch in Freiburg, dass seine Student*innen im Laufe ihres Studiums alles digital schreiben würden und bei der Abschlussarbeit, die immer noch handschriftlich abgeben werden müsse, größte Probleme hätten, weil das Löschen, Kopieren und Einsetzen wegfiele. Digitales Schreiben ist eben nicht nur digitalisiertes analoges Schreiben. Es verändert die Art zu denken bzw. Texte gedanklich zu konstruieren. Deshalb stellen auch Postings und Tweets neue Denkverläufe dar. Hinzu kommt, dass jedes soziale Netzwerk einer eigenen Dynamik und z.T. unausgesprochenen Regeln unterliegt, die nicht alle gleich zu nutzen und lesen verstehen. Das kann von äußeren Faktoren abhängen, wie einer 140-Zeichenbegrenzung bei Twitter und dem Einfluss von Algorithmen bei Facebook, oder der eigenen Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, das (mehr) gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Webstrukturen lösen bestehende Hierarchien auf, überwinden Grenzen und schaffen ein neues Kommunikationsgefüge. Der ehemals meist auf den Freundes- und Bekanntenkreis beschränkte Kommunikationsradius hat sich dadurch in den letzten Jahren in einem schleichenden Prozess nicht nur vervielfacht, sondern wurde um Mitmenschen erweitert, mit denen man vorher nicht in Kontakt stand. Die Diskrepanz der Wissensstände, Kommunikationsstrategien und -fähigkeiten fordert und überfordert dabei nicht selten. (Wer mehr darüber erfahren möchte, weshalb Social Media in die (Hoch-)Schulen gehört und wie man das anhand konkreter Beispiele umsetzen kann, wird hier fündig.) Der überschaubaren Anzahl an Briefen und Postkarten von früher stehen Massen an Benachrichtigungen diverser Messenger-Dienste, E-Mail-Konten und Social Media-Accounts gegenüber. Nicht selten werden dabei mehrere Kanäle parallel bedient. Müsste man in Anbetracht dieser Entwicklung den notwendigen Faktoren erfolgreicher Kommunikation in Schulen und Hochschulen nicht mehr Beachtung schenken? Wie viel psychologisches Wissen sollte eigentlich in schulisches Lernen einfließen, während Framing, alternative Fakten und Filterblasen die Öffentlichkeit verzweifeln lassen? Es gibt aber auch systemische Probleme des Unterrichts, die nun durch technische Mittel gelöst werden können. Wie häufig kommen z.B. Lernende in der Schule oder im Studium zu Wort? Man benötigt keine Statistik, um festzustellen, dass es (noch) erschreckend wenig ist. Weshalb also nicht die die Möglichkeiten ausschöpfen, die der digitale Wandel mit sich bringt, um Lernende zu aktiven Gastalter*innen ihres Lernprozesses werden zu lassen? Im Themenfeld Kommunikation sehe ich gegenwärtig am meisten Handlungsbedarf.

Kollaboration

Im Bereich der Kollaboration, die man in der Regel als intensivere Zusammenarbeit versteht, hat der digitale Wandel neue Möglichkeiten hervorgebracht, die im gesellschaftlichen Zusammenleben an Bedeutung zulegen. Hier genügt ein Blick in Firmen bzw. auf deren Arbeitsstrukturen oder über das Web formierte und gelenkte politische Bewegungen. In beiden Fällen sind Akteure, die zu Kollaboration bereit und vernetzt sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Wie sieht aber die Konkurrenz zum Plakat oder der OH-Folie, die bisher den Höhepunkt der schulischen Kollaboration darstellten, aus? Anhand von wenigen Beispielen, möchte ich ein paar gewonnen Optionen auflisten:

  • Etherpads 

Ethepads sind webbasierte Editoren (wie z.B. das ZUMPad), durch die Dokumente von allen Beteiligten zeit-/ortsunabhängig und gleichzeitig bearbeiten werden können. Räumliche Vorgaben, wie fest installierte Tische oder Bänke, verlieren an Relevanz. Alle können zu Wort kommen.

  • Padletpadlet

Padlet bietet digitale Pinnwände, die alle bei den Etherpads bereits genannten Optionen erfüllen und zusätzlich das Ablegen von Audio-, Video-, Bild- oder Text-Dateien ermöglichen.

  • aula

Partizipation kann nicht über einen Lückentext gelernt, sondern muss erfahren bzw. gelebt werden. Die digitalen Strukturen der aula-Plattform erweitern Mitgestaltungswege und erleichtern Zugänge. Mehr dazu hier.

  • Blog

Ein Blog leistet fast alles, der bisher erwähnten Dinge, mit einem wichtigen Zusatz: Es kann langfristig das Zuhause eines persönlichen Lernnetzwerks sein, das Lernen mit allen vier Ks durch Vernetzung über schulische und Ländergrenzen hinaus ermöglichen kann. Hier sehe ich übrigens auch den klaren Vorteil gegenüber allen geschlossenen (digitalen) Schulsystemen. Lernende verfügen über ihr Geleistetes auch über die Schulzeit und das Studium hinaus und können es weiter nutzen und entwicklen.

Kreativität

Unabhängig der neuen Möglichkeiten, Kreativität (auch mithilfe der anderen Ks) umzusetzen, steht an dieser Stelle Innovation als wichtige Verknüpfung. Immer komplexere Probleme verlangen kreative Lösungen. Dass z.B. Plastik die Weltmeere verschmutzt und gravierende Folgen für Mensch und Umwelt verursacht, scheint so langsam in der breiten Öffentlichkeit angekommen zu sein. Am Beispiel von Boyan Slat wird deutlich, dass aufgrund der vielschichtigen Aufgabenstellung Kreativität allein nicht ausreicht und multiperspektivische Betrachtungen (Kommunikation, kritisches Denken und Kollaboration) notwendig sind. Wenn Wissen in neue Zusammenhänge übertragen wird, führt das zu Innovation. Dafür müssen Räume für experimentelles Handeln geschaffen werden. Die Gute Nachricht: Projektarbeit kann das auch im bestehenden Bildungssystem leisten.

Kritisches Denken

Kritisches Denken ist wahrscheinlich das anspruchsvollste K, das bei den eingangs erwähnten Fragen unserer Gesellschaft eine wesentliche Rolle spielt, wenn es darum geht, Entscheidungen in einer global vernetzen Welt zu treffen. Wie soll der Schutzmechanismus selbstfahrender Fahrzeuge programmiert werden, wenn eine unvermeidliche Kollision mit anderen Menschen droht? Welche Freiheiten oder Kontrollen sind im Netz wichtig, möglich oder wollen wir? Eine nie endende Liste an Fragen. Wo und wann ich aktuelle Fragestellungen im Unterricht aufgreifen kann, müssen Lehrende selbst entscheiden. Weil Lisa Rosa meiner Meinung nach hier bereits die wichtigsten Informationen und Gedanken zu kritischem Denken zusammengefasst hat, verzichte ich darauf, das Rad neu zu erfinden. Eine Einführung, Förderansätze und didaktische Hinweise finden sich außerdem noch hier (Lesemuffel schauen sich bitte wenigstens Seite 15 und 16 an) und für Hochschullehrende könnte dieser Beitrag interessant sein.

Zwei konkrete Beispiele aus der Praxis

Weil so häufig über zukünftige Herausforderungen gesprochen und geschrieben wird, möchte ich die Notwendigkeit der vier Ks vielleicht noch an einem letzten Beispiel verdeutlichen, bevor ich zur Unterrichtspraxis wechsle. Aktuell gehen europaweit jeden Sonntag Menschen auf die Straßen, um für die europäische Idee zu demonstrieren. Befindet sich die EU denn nicht auch deshalb in der Krise, weil es im Bereich der (interkulturellen) Kommunikation und der (Bereitschaft zur) Kollaboration Defizite gibt? Entstehen etwa nicht durch den Verbund der aktuell 28 Mitgliedsstaaten komplexe Probleme, die auch nach kreativen Lösungen verlangen? Müssen nicht einheitlich formulierte Ziele für über eine halbe Milliarde Europäer*innen kritisch durchdacht sein, um möglichst allen maximal gerecht zu werden. Könnten die vier Ks, wenn sie von der Mehrheit der Menschen beherrscht werden würden, nicht dazu beitragen, dass die EU auch als eine Kulturgemeinschaft besser gelingt?

Präsentationen

GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen), FIP (fachinterne Überprüfung) oder FÜK (fächerübergreifende Kompetenzprüfung) sind nur drei Gründe, weshalb in allen Fächern jährlich unzählige Präsentationen (in Baden-Württemberg) gehalten werden. Ich weiß, dass einige Schulen bzw. Fachkonferenzen oder Lehrer*innen dafür Themenlisten vorgeben. Dabei erhält man hier eigentlich genau die notwendigen Freiheiten, die man für Lernprozesse, wie sie oben beschrieben wurden, nutzen könnte. Um die Herausforderung der FÜK-Themenfindung gemeinsam zu bewältigen, legte ich Ende letzten Jahres meiner Klasse ein Etherpad an, in das sie alle Themen, die sie wirklich interessieren und für die FÜK gerne bearbeiten würden, eintragen konnten. (Didaktischer Hinweis: Man muss dazu sagen, dass Schüler*innen, die es nicht gewohnt sind, frei zu entscheiden bzw. zu arbeiten oder mitzubestimmen, mit einer plötzlich angebotenen Freiheit völlig überfordert sind. Deshalb wundert sich manches Kollegium, dass Chancen diesbezüglich ungenutzt bleiben. Mein persönlicher Erfahrungswert: In Klassen, die ich als Klassenlehrer übernahm und in Mathematik, Geschichte, Chemie und manchmal noch anderen Fächern unterrichtete, investierte ich in der Regel 1,5 Jahre Kraft und Gespräche bzw. Reflexionen, um das Nutzen von Freiheiten so zu erreichen, wie ich mir das für mündige junge Menschen vorstelle.) Nach anfänglichen Startschwierigkeiten füllte sich das Etherpad relativ schnell mit Ideen. Das Ergebnis nach ca. zehn Minuten war eine Liste mit über 70 Themen, die wir im Anschluss inhaltlich und bezüglich Prüfungstauglichkeit (Gibt es ausreichend brauchbare Quellen? Kann man es mindestens zwei Fächern zuordnen?) im Plenum diskutierten. Durch die Option, ihre Gedanken frei (und anonym) ins Etherpad zu schreiben, erhielt jedes Klassenmitglied die Möglichkeit, seine wahren Ideen und Wünsche zu äußern, wurde durch die Gedanken anderer Mitschüler*innen zu neuen eigenen inspiriert oder entwickelte bestehende weiter. Beginnend mit einer Mehrzahl an geschichtlichen Themen, die wahrscheinlich noch durch den schulischen Denkrahmen geleitet wurden, lösten sich irgendwann der Knoten und führte die Liste in gesellschaftliche und psychologische Themenbereiche, wie Darknet, Mainstream oder Klarträume. Die Erarbeitung einer Struktur im Anschluss erfolgte ebenfalls mit einer der bereits genannte Tools, die sich für raum- und zeitunabhängige Kommunikation und Kollaboration eignen. Mir persönlich nahm diese Arbeitsweise den Druck, in den Pausen zwischen Tür und Angel beraten oder viele Nachmittagstermine anbieten zu müssen, um ausreichend Zeit für kritisches Denken bei der inhaltlichen Debatte zur Verfügung zu haben. Kreativität spielte meist eine Rolle, wenn es darum ging, welche Produkte oder Umsetzungen am Ende stehen könnten. (Wie soll Expert*innenwissen in die Arbeit einfließen? Über ein Interview? Schriftlich, Ton- oder Videoaufnahme? Wie kann ich das mit der mir zur Verfügung stehenden Technik am besten lösen?)

aula

Unter dem Aspekt digitaler Kollaborationsmöglichkeiten nannte ich aula bereits. Alle Schüler*innen unserer Schule können über diese Plattform ihre Ideen posten, gemeinsam weiterentwickeln und abstimmen. Die erste Idee, die das nötige Quorum erreicht hatte, um auf den Tisch zu kommen und nach Prüfung der Schulleitung zur finalen Abstimmung freigegeben wurde, scheiterte aber an der fehlenden einfachen Mehrheit. Was danach folgte, beschreibt das Lernen mit den vier Ks: Im Schülerrat und Klassen wurde diskutiert, wie es zur geringen Wahlbeteiligung kommen konnte. Ablauf, Strukturen, Wählerschaft und sonstige Faktoren wurden analysiert und kritisch hinterfragt, um Lösungsansätze zu entwickeln, die einen erneuten Misserfolg verhindern sollten. Mangelnde Informationen, Motivation und Werbung wurden als einige der Ursachen ausgemacht. Bestehende bzw. funktionierende Kommunikationskanäle wie Snapchat wurden und werden nun ergänzend genutzt, Plakate (klassenübergreifend) erarbeitet und aufgehängt und Durchsagen gemacht. Eine Schülergruppe erstellte zusätzlich einen Plan, wann sie welche Klassen informieren und durch persönliche Ansprachen motivieren kann, um ausreichend Zuspruch zu generieren. Ich bin sehr gespannt, ob es die nächste Idee, die eventuell nach den Osterferien zur Abstimmung freigegeben wird, schaffen wird. Unabhängig davon haben unsere Schüler*innen bereits viel über demokratische Prozesse gelernt.

Ergänzung

Bei allen hier und in anderen Blogbeiträgen genannten Beispielen mit digitalen Tools verfolge ich stets das Ziel, dass Schüler*innen lernen, diese Anwendungen für ihren Lernprozess selbst zu nutzen. Das ist kein Selbstläufer, sondern muss mit den Klassen gezielt erarbeitet und geübt werden. Deshalb freue ich mich umso mehr über jedes Padlet, Blog, Etherpad, Erklärvideo oder sonstige Anwendungen und Produkte, die nicht von Lehrenden, sondern von Lernenden frei gewählt erstellt werden.

Der digitale Wandel ist unumkehrbar und stellt uns vor komplexe Herausforderungen, die mit dem bisherigen Verständnis von Lehren und Lernen nicht lösbar scheinen. Ein Ziel muss es sein, die zukünftigen Generationen zu befähigen, unbekannte Hürden in einem sich ständig wandelndem Feld zu meistern. Menschen mit einem guten persönlichen Lernnetzwerk, die beim Lernen zeitgemäße Kommunikation und Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken anwenden, traue ich das (aktuell) zu.

 

Die Veranstaltungen um den Themenbereich Bildung im digitalen Wandel befinden sich im Aufwind und nehmen in Anzahl und Größe zu. Dabei schwärmen Fortbildungswillige in bundesweit verteilte Workshops, in denen sie Leuchttürme bewundern dürfen. Leuchttürme können Schulen, Projekte oder Einzelpersonen sein. Sie bieten Orientierung bezüglich Inhalt und Erfahrung und schaffen so eine gute Grundlage für eigene Zielvorstellungen von zeitgemäßem Lehren und Lernen. Leuchttürme können aber nicht nur beeindrucken, sondern auch einschüchtern. Mit einem zu tiefen Graben zwischen dem eigenem Ist-Stand und den möglichen Zielen fallen Erklärungen, weshalb man sich (noch) nicht auf den Weg machen kann, leichter als die Suche nach umsetzbaren Lösungsansätzen. Folie_0Das ist kein Plädoyer gegen Leuchttürme, sondern ein Wunsch nach mehr Graswurzeln, die man für die notwendige kritische Masse benötigt, um Bildung im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen. Graswurzelbewegung können starre Strukturen umgehen und einen breiten, basisdemokratischen Konsens auf schulischer, kommunaler, Landes- oder Bundesebene schaffen. Ein Potential des digitalen Wandels liegt in der Möglichkeit der Selbstbefähigung durch Netzwerken. Dafür braucht es möglichst viele Lehrende mit Internet; womit ich den Fokus bewusst auf die wesentliche technische Hürde für den Einstieg reduzieren möchte. Eine Graswurzelbewegung erreicht ihre Wirkung nur dann in der Breite, wenn Lehrende den digitalen Wandel als Chance und nicht als Hindernis erfahren. Deshalb lade ich alle Lehrenden mit Internet ein, die Gelegenheit zu nutzen und sich für ein kurz-, mittel- und langfristiges Handlungsfenster Gedanken zu machen,

  • welche Rolle/n im digitalen Wandel ihnen als angemessen erscheint/erscheinen,
  • wie sich Arbeit in diesem Rahmen wandelt,
  • was sie unter zeitgemäßen Lehr- und Lernformen verstehen und
  • wie notwendig eine Änderung im Bildungssystem erscheint.

Der Blogbeitrag stellt eine Zusammenfassung meiner Workshops Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter in Oldenburg und Freiburg dar. Da es sich um ein Themenfeld handelt, das ständigen Veränderungsprozessen unterliegt, liefere ich lediglich eine aktuelle Übersicht, die den Einstieg in die Thematik erleichtern soll. Um die Motivation dafür zusätzlich anzukurbeln, beginne ich mit dem letzten Aspekt, der Notwendigkeit von Veränderungen, und diesem Video.

Rolle der Lehrenden
Folie2Die klassischen Sitzanordnungen in Schulräumen und Hörsälen halten optisch noch die alten Hierarchiestrukturen aufrecht, die unter den Tischen auf Smartphones in Frage gestellt werden. Für Lehrende bedeutet(e) das Internet Machtverlust, in Bezug auf Wissen und Kontrolle. Das bisherige Rollenverständnis steht im Gegensatz zu den Anforderungen außerschulischer Lebensbereiche. Dass Lernende im Mittelpunkt der Betrachtung von Lehre stehen sollten, ist keine neue Forderung. Wenn man aber die Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft betrachtet, stehen wir zunehmend vor der Herausforderung, zukünftige Generationen darauf vorzubereiten, unbekannte und komplexe Hindernisse in einem sich ständig wandelnden Feld zu meistern, das mit rezeptiven Lernsettings nicht gelingen wird. Nicht belehren, sondern befähigen und differenziert unterstützen. Das Web liefert hierfür notwendige Strukturen und Angebote, die man in der Regel nicht in den Fortbildungskatalogen von Schulen und Hochschulen finden wird. Deshalb bietet es nicht nur an, sondern erscheint mir (langfristig) notwendig, dass Lehrende ihre digitalen Identität aktiv mitgestalten und sich ein geeignetes Netzwerk aufbauen. Folgende Frage, deren Antwort ein berufsbegleitender Prozess sein sollte, gilt es immer wieder aufs Neue zu klären: Welche Rolle der Lehrenden kann den Anforderungen unserer aktuellen und zukünftigen Gesellschaft an die Lernenden gerecht werden?

Arbeit
Folie_03Immer mehr Lehrende twittern, bloggen und posten in diversen sozialen Netzwerken über ihre Arbeit, diskutieren, tauschen sich aus und entwickeln gemeinsam Ideen. Die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmt. Neue Räume entstehen im Netz. Man teilt nicht nur Gedanken, sondern auch Zeit. Das Angebot des Webs, die Welt ständig verfügbar zu wissen, ist verlockend. Deshalb sind Sensibilisierung und Strategien für eine ausgewogene Work-Life-Balance notwendig. Durch Fortbildungsformate wie Barcamps, MOOCs (Massive Open Online Course) oder Webinare entstehen neue Optionen der Offline- und Online-Vernetzung, aktiver und zeitlich flexibler Teilnahme und Mitbestimmung bezüglich Angebot und Ablauf. (Wer echten Barcamp-Spirit erleben möchte, sollte an einem der EduCamps teilnehmen, die im Frühjahr an wechselnden Standorten und im Herbst in Hattingen stattfinden. Im MOOC-Bereich kann ich allen den kostenfreien ichMOOC empfehlen. Ende 19. April startet aus dem gleichen Hause Leuchtfeuer 4.0, ein ebenfalls kostenfreier MOOC rund um das Thema Coworking Spaces, Makerspaces und andere Räume, die Arbeit und Bildung verändern.) Die Transparenz der Arbeit kann Synergieeffekte generieren, aber auch zu kritischem Feedback führen, das eine adäquate Reaktion erfordert. Daran muss man sich gewöhnen und den Umgang erlernen. Der Pool an OER-Materialien wächst und steht für eine „Share“-Kultur, die ein Umdenken in Bezug auf Besitz von Wissen und ein neues Selbstverständnis als Produzierende erfordert. Wie viel Zeit man in die Arbeit im und um das Web investieren möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wie man damit beginnen kann, skizziere ich später unter Startanleitung.

Lehren und Lernen
Bildschirmfoto 2017-04-13 um 01.05.57Während der digitale Wandel alle Bereiche des Zusammenlebens durchdringt, können Lehr- und Lernformen nicht isoliert betrachtet werden, sondern verlangen nach einem adäquaten Konzept. Einige Lehrende (darunter auch ich) vertreten aktuell die Auffassung, dass ein persönliches Lernnetzwerk (PLN) zeitgemäß Lehren und Lernen verbindet, indem der Lernende sich die Lehrenden selbst aussucht, sein Netzwerk individuell gestaltet und es über Reflexion der Lernprozesse optimiert. Lisa Rosa hat hier dazu eine lesenswerte Zusammenfassung der Entwicklung vom Lernen als reines Informationen aufnehmen, behalten und anwenden bis hin zum Lernen als Netzwerken verfasst.
Welches Rüstzeug junge Menschen heute oder in Zukunft brauchen werden, wird im Netz kontrovers diskutiert. Man verweist dabei in Debatten gerne auf das 4K-Modell des Lernens, das SAMR Modell, Design Thinking oder Web Literacy. Das SAMR Modell wird auch gelegentlich als Brücke oder weicher Übergang zu den oft zitierten 21st Century Skills angepriesen. Mir sagt eher das 4K-Modell zu, zu dem ich hier auch einen Blogbeitrag mit konkreten Beispiele aus der Praxis veröffentlicht habe, der die Theorie dahinter verdeutlichen soll.
Bildschirmfoto 2017-04-13 um 01.11.50Auch wenn die Technikschlacht um WLAN, Tablets und Apps immer wieder die Diskussionen zu dominieren scheint, findet die größte Hürde einer zeitgemäßen Vorstellung von Bildung im Kopf statt. Ich befürchte, dass die Gutenberg-Galaxis immer noch unser Denken und Handeln defniniert. Die Material sammelnden Herden, die Jahr für Jahr auf der Didacta ihre Rollkoffer mit vorgegebenen Fragen und Antworten auf Papier befüllen, könnten ein Indiz dafür zu sein. Oder die nie enden wollende Liste an Forderungen nach neuen Fächern, die ich als verzweifelte Versuche verstehe, immer komplexer werdenden Herausforderungen einer Gesellschaft im digitalen Zeitalter mit bewährten Strategien des letzten Jahrhunderts zu klären. Es kostet Kraft und Zeit, sich davon zu lösen und die Welt als Turing-Galaxis zu verstehen. Axel Krommer sprach in seinem Impulsreferat in Freiburg davon, dass der bisherige Gutenberg-Rahmen durch die neuen Medien der Turing-Galaxis auf den Kopf gestellt wird. Ich gehe sogar weiter und behaupte, dass der Rahmen völlig verschwindet. Die Endlichkeit eines Buches wird durch die Unendlichkeit des Wissens ersetzt. Deshalb fällt es uns wahrscheinlich auch so schwer, keine Kontrolle oder einen Rahmen zu haben, der eingrenzt und uns Halt bietet. Sind die Fächer, das Tempo, die Taktung, die Noten, die Prüfung, die Klassen oder die Schule noch zeitgemäß? (Wenn man einmal damit anfängt, bisherige Strukturen ernsthaft in Frage zu stellen, gibt es gedanklich kein Zurück mehr.)

Gute Gründe für eine Graswurzel
Meine Arbeit im Netz (PLN) hat mich daran erinnert, wie es ist, mündig zu sein. Ein Gefühl, das im trägen Tanker Schule schnell verloren gehen kann. Dort folgt jede Anweisung einer klaren hierarchischen Abfolge. Da das Arbeitsfeld der Lehrer*innen stetig um zusätzliche Aufgaben erweitert wird, bleiben daran die meisten Gedanken auch hängen. Sodass am Ende das Gefühl entstehen kann, Anweisungen von oben bestimmten das Wann und Was gedacht werden soll. Ich nehme mir wieder die Zeit quer zu denken und Dinge zu machen, die auf keiner TOPe-Liste stehen oder von mir erwartet werden. Eine wiedergewonnene Freiheit, die ich immer mehr zu schätzen weiß. Durch das D64-Netzwerk erhalte ich viele unterschiedliche Einblicke in aktuelle Entwicklungen des digitalen Wandels, die ich gelegentlich in meinen Unterricht einfließen lassen kann, um mit Klassen darüber zu diskutieren und sie (zumindest gefühlt) ein wenig auf das, was sie nach der Schule erwarten wird, vorzubereiten. Lehrende haben durch das Web die Möglichkeit für Lernende ein Knotenpunkt zur Außenwelt zu sein. In offenen Fortbildungsformaten oder meinem persönlichen Lernnetzwerk bestimme und gestalte ich mit. Deshalb fahre ich so gerne zu Barcamps. Seitdem ich zweimal im Jahr selbst Veranstaltungen durchführe, genieße ich die Unabhängigkeit der Themen- und Referent*innenwahl und bin nicht mehr ausschließlich auf externe Angebote angewiesen. In meinem persönlichen Lernnetzwerk existieren keine Hierarchien, weil der Fokus in der Regel auf dem Inhalt und nicht den Personen liegt. Das gängige Du besiegelt das. Das Spannendste am Netz sind aber die nicht planbaren Entwicklungen. Mit Markus Neuschäfer gab ich im September letzen Jahres auf der Fachtagung der SPD-Bundestagsfraktion Bildung in einer digitalisierten Welt einen Workshop im Paul-Löbe-Haus zum Thema Partizipation in der Schule mit digital gestützten Methoden und OER. Das Besondere daran war, dass wir uns vorher weder kannten noch gesehen hatten und die komplette Planung und Vorbereitung über Messenger und Webdienste lief. Oder dass ich mit Andreas und Anselm, die ich ebenfalls über das Netz kennenlernte, einen YouTube-Kanal bzw. iTunes mit Content über Bildung befülle, hatte ich auch nicht so geplant. Dieses Unerwartete macht das Web so einzigartig.

Startanleitung
Die oben verlinkten PLN-Wikipediabeitrag und Lisa Rosas Handreichung bieten eine bereits gute und ausführliche Anleitung, wie man die Arbeit im Netz beginnen kann. Ich möchte das nur um ein paar Punkte ergänzen. Die einleitend genannten Veranstaltungen eignen sich hervorragend für einen Anfang. Einstieg erleichternde Faktoren sind dabei,

  • dass der persönliche Kontakt die Hemmschwelle senkt und die Vernetzung mit „Fremden“ nicht mehr so fremd erscheinen lässt.
  • dass ein gemeinsamer Start mit anderen Neulingen das Gefühl senkt, mit dem Wissensstand im Netzwerk allein zu sein.
  • dass durch die Workshops und Vorträge die Dichte an interessanten Menschen, mit denen man sich vernetzen könnte, hoch ist.

In sozialen Netzwerken Fuß zu fassen braucht Zeit. Die Ein-Prozent-Regel nimmt euch vielleicht ein wenig den Druck, gleich loslegen zu müssen. Wenn ich etwas nicht verstehe, frag(t)e ich Personen, die schon länger dabei sind. Das kann man über Direktnachrichten privat oder über Tweets und Postings öffentlich machen. Wenn man die Scham, etwas nicht zu wissen, abgelegt hat, hat man das Tor zum Netzwerken erreicht.

Jetzt bist du an der Reihe: Weiter Leuchttürme bestaunen oder Graswurzel sein und über sich hinauswachsen?