Weil ich heute eine Debatte verfolgt habe, in der Lehrkräfte erneut diskutierten, ob und wie Themen zur Pandemie, Politik und Gesellschaft in der Schule aufgegriffen werden sollen, möchte ich ein, zwei Gedanken und Perspektiven dazu teilen und eine Einladung aussprechen. Auch weil erfahrungsgemäß nicht wenige diese heiklen Themen lieber umschiffen (möchten), weil es zu emotional aufgeladen und komplex sei oder man sich lieber neutral verhalten wolle und müsse.

Pandemie, Demokratie und Schule

Den meisten Menschen ist klar, dass sich die Demokratie in einer ernsthaften Krise befindet, etwas dagegen unternommen werden muss und Schulen dabei eine wichtige Rolle spielen sollten. Gleichzeitig erhalten diese großen Probleme in der Schule kaum Raum, Ressourcen und Bedeutung. Auch wenn die politische Ebene hier die größte Verantwortung trägt und Möglichkeiten hat, daran etwas zu ändern, verfügen auch Lehrer:innen über einen gewissen Spielraum, den sie gestalten und verändern können. 

Die anstrengenden, komplizierten und teilweise zermürbenden Debatten über politische Entscheidungen rund um die Pandemie, belasten und zerreißen seit gut zwei Jahren Familien, Freundschaften und Bekanntschaften. Dabei geht es nicht nur um die getroffenen Entscheidungen an sich, sondern auch darum, wie sie zustandekommen, kommuniziert werden und viele weitere Aspekte. Diese Debatten werden sehr kontrovers und emotional geführt, bewegen Menschen auf die Straße und münden zunehmend in Aggressionen und Gewalt. 

Daher ist es verständlich, dass Lehrkräfte sich fragen, ob sie diese riesige Baustelle tatsächlich auch noch in der Schule angehen sollen. Daran hängt übrigens auch neben der Frage, wie und wann auch eine Abwägung, ob überhaupt noch ausreichend Kraft vorliegt, das zu tun. Schließlich haben auch Lehrer:innen viel Energie rund um die Herausforderungen der Pandemie verloren. Trotzdem möchte ich alle Kolleg:innen ermuntern und einladen, diese Debatten auch in der Schule zu führen – aus mehreren Gründen.

Streiten lernen

Wer in junge Menschen investiert, investiert in die Zukunft. Diese Erkenntnis ist nicht neu und gilt natürlich auch für die Art und Weise, wie wir miteinander als Gesellschaft streiten und umgehen. Wer sich in Zukunft einen konstruktiveren gesellschaftlichen Diskurs wünscht, der sich nicht in Gewalt entlädt und Verschwörungserzählungen mündet, muss damit schon in der Schule beginnen. Es ist nicht so, dass die öffentlichen und privaten Debatten über politische Entscheidungen in der Vergangenheit jemals besonders gut gewesen wären. Die Entwicklung der Diskussionen in den letzten beiden Jahren, sprich wie und wo sie geführt werden, hat aber gesellschaftliche Defizite sichtbar und deutlich gemacht, die viele nicht in dieser Größe, Tragweite und Komplexität erwartet hätten. 

Der Schul- und Klassenraum bietet eine Chance und Potenzial, zu lernen, konstruktiv miteinander zu streiten, sich zuzuhören, unterschiedlicher Meinung zu sein und sich trotzdem mit gegenseitigem Respekt zu begegnen und besser zu verstehen, wie die komplexen politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse zustandekommen und verlaufen. Gerade jetzt, wo Schüler:innen so sehr spüren und erfahren, wie Politik ihr Leben bestimmt, sollten sie in der Schule lernen und erleben, wie eine kontroverse Debatte geführt werden kann und verschiedene Sichtweisen gemeinsam zu einem vertieften Verständnis führen und nicht zu einer Abspaltung und Radikalisierung. 

Das zu lernen ist nicht nur jetzt und in Bezug auch die Pandemie wichtig. Die Klimakrise und die vielen bestehenden und kommenden globalen Herausforderungen werden wir nicht erfolgreich lösen können, wenn wir nicht lernen, konstruktiv miteinander zu streiten und einen möglichst breiten Konsens auszuhandeln. Dafür müssen die Erkenntnisse der Wissenschaft als Grundlage und Orientierung für politische und gesellschaftliche Debatten verwendet werden können, aber auch verwendet werden wollen. Natürlich kann Schule hier nur einen Beitrag leisten. Diese Aufgaben und Verantwortungen sind und bleiben gesamtgesellschaftliche.

Halt und Orientierung bieten

Wenn nicht jetzt, wann dann, können und müssen die Geschehnisse um junge Menschen herum auch in der Schule aufgegriffen werden? Auch allein deshalb, um ihnen Orientierung, Halt und Lösungsansätze zu bieten, in dieser schwierigen Zeiten, in denen viel von ihnen verlangt wurde und ihre Stimmen kaum bis gar nicht gehört und berücksichtigt wurden. Sie brauchen einen Raum, in dem sie einander vertrauen und sich öffnen können. So sehr uns diese Pandemie an vielen Stellen überfordert, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Überforderung auch auf sie zutrifft. Nicht alle haben einen Raum, indem sie das formulieren können und eine Unterstützung erhalten. 

(Und wer die psychischen Belastungen von Schüler:innen gerne und oft thematisiert, um damit bestimmte politische Entscheidungen zu begründen, sollte dann fairerweise auch alles dafür tun, dass eine Entlastung auch tatsächlich in den Vordergrund gerückt wird. Dazu gehören zum Beispiel konkrete Maßnahmen, wie mehr Beratungs- und Hilfestellen zu schaffen oder weniger Arbeiten und Tests zu schreiben und sie anders zu gestalten, um den Druck für junge Menschen zu senken.) 

Demokratie als Aufgabe von Schule

Falls sich die eine oder andere Lehrkraft, die sich in diesem Punkt bisher unsicher war, nun doch dafür entscheiden sollte, die Themen zur Pandemie, Politik und Gesellschaft in der Schule bzw. im Unterricht aufzugreifen, möchte ich darauf hinweisen, dass es dafür eine Vorlage und Hilfestellung gibt, an der man sich stets orientieren sollte. Und zwar den Beutelsbacher Konsens. Danach sollen Schüler.innen nicht mit einer erwünschten Meinung der Lehrkraft überwältigt werden, unterschiedliche Standpunkt kennenlernen und in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und die eigenen Interessen zu analysieren.

(Immer wieder stelle ich fest, dass der Beutelsbacher Konsens vielen Lehrer:innen nicht bekannt ist oder sie ihn missverstehen. Dabei hat sich die Vorstellung bzw. der Denkfehler etabliert, politische Themen lieber nicht im Unterricht aufzugreifen, um eine gewisse „Neutralität“ zu wahren.)

Demokratien befinden sich weltweit in einer gewaltigen Krise. Sie müssen gestärkt und verteidigt werden. Am besten gelingt das, indem junge Menschen sie (er)leben und gestalten lernen. Und das muss Teil ihres Schulalltags sein, Teil der Kultur im Klassen- und Schulraum. Jedes Fach und jede:r Lehrer:in können und müssen hier etwas dazu beitragen. Wie wissenschaftliches Arbeiten und Politik funktionieren, wodurch welche psychologischen Effekte wirken (können), wie Informationen geprüft werden können und kommuniziert werden sollten, welche Rolle soziale Netzwerke spielen und unzählige andere Aspekte umfassen alle eine solide, wirksame und nachhaltige Demokratiebildung. Gebt all dem bitte viel und häufig Raum, auch wenn es schwierig und anstrengend ist und die Kraft knapp. Danke dafür.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

sharon-mccutcheon-eMP4sYPJ9x0-unsplashDie grundlegenden Veränderungen unserer Lebenswelt durch den digitalen Wandel führen im Bildungsbereich seit Längerem zu Diskussionen über neue, zeit­gemäße Prüfungs­formate und wie sie den gewandelten Heraus­forderungen gerecht werden könnten. Weshalb eigentlich nicht einen Schritt weiter­gehen und komplett auf Prüfungen verzichten? Jährlich bereiten sich unzählige junge Menschen auf Prüfungen in Schulen und Hochschulen vor. Neben der in die Vorbereitung investierten Zeit und Kraft werden auch enorme Ressourcen für die Durch­führung von Prüfungs­formaten bereit­gestellt. Gute Gründe, die Notwendigkeit dieser Praxis genauer zu beleuchten.

Wozu braucht es Prüfungen?

Diese Frage habe ich vor einiger Zeit online und offline diskutiert, um die vielen starken Argumente zu sammeln, die es eigentlich geben müsste, um die investierten Ressourcen zu rechtfertigen:

  • Der weitaus größere inhaltliche Umfang führe zu vertiefterem Wissen, weil alles noch mal wieder­holt werden muss.
  • Prüfungen dienten auch als extrinsische Motivation, die auf das spätere Leben – besonders in der Berufs­welt – vorbereite, in dem man unter Druck agieren können müsse; sie seien somit eher ein Stresstest als eine Wissens­prüfung.

Das waren die häufigsten und stärksten Argumente.

Pro-Argumente im Check

Findet das Vernetzen und Vertiefen von Wissen erst durch die Prüfung statt, stellt sich die Frage, weshalb das nicht bereits davor im Schul­all­tag geschehen ist, beziehungs­weise welches Lern­verständnis eigentlich vorliegt. Geht es um banales Auswendig­lernen – im schlimmsten Fall heraus­gelöst aus einem Kontext – oder um persönlich sinn­stiftendes Lernen? Wer von Beginn an wirksame und nach­haltige Lern­prozesse ermöglicht, benötigt keine Prüfung, um das nach­zuholen.

Wird die Vorbereitung auf die harte Berufs­welt als Argument bemüht, scheint noch nicht bekannt zu sein, dass gerade diese zunehmend beklagt, junge Menschen seien nicht ausreichend gut auf sie vorbereitet. Wenn Prüfungen also nicht mal diese Versprechen halten, bleiben große Zweifel, ob sie in ihrer Art und Weise auch noch auf die digitale Transformation in der Arbeits­welt und deren veränderte Anforderungen vorbereiten.

Was spricht gegen Prüfungen?

Prüfungen sind mit die stärksten „Influencer“ im Bereich Unterricht, Ausbildung oder Studium. Wenn Lehrende gefragt werden, weshalb sich der digitale Wandel nicht in ihren Lernsettings abbilde, sie ihren Unterricht nicht öffnen, agile Didaktik verwenden oder Projekt­arbeit anbieten, werden als Grund häufig „Prüfungen“ genannt. Schließlich mündet alles bei ihnen. Sie bestimmen die Abschluss­noten – und über Erfolg oder Miss­erfolg im weiteren Leben. Prüfungsformate beeinflussen somit massiv, wie und worauf­hin gelernt wird.

Stünde am Ende keine Prüfung, könnten Lernende und ihre individuellen Lernprozesse in den Mittel­punkt rücken – und nicht die jeweiligen Prüfungs­formate. Wie individuelles Lernen mit standardisierten Prüfungs­formate zusammen­passen soll, bleibt ohnehin ein Rätsel. Und wie sieht es mit der notwendigen Fehler­kultur aus, die im Rahmen der digitalen Transformation genannt wird? Zum Lernen gehören auch Fehler dazu sowie die Fähigkeit, sie zu erkennen, zu verstehen und zu verbessern. Bei Prüfungen hingegen werden Fehler bestraft und sind „schlecht“.

Ein Abschluss ist auch ohne Prüfungen möglich

Weshalb also nicht auf Prüfungen komplett verzichten und im letzten Schuljahr alle Leistungen wie in den Jahren zuvor erfassen? Abgesehen von den frei werdenden Ressourcen, die an anderer Stelle eingesetzt werden könnten, würde dadurch auch manches Leid erspart bleiben – bei den Geprüften, bei Eltern oder Prüfenden. Geht es denn in der Schule nicht darum, junge Menschen zu befähigen, ein mündiges und erfülltes Leben führen zu können? Was tragen Prüfungen dazu bei, oder was verhindern sie vielleicht? Diese Fragen verdienen eine Prüfung.

Bildung braucht keine Exzellenzuniversitäten, Leuchtturm-Projekte oder Besten-Wettbewerbe. Sie braucht Vernetzung, Austausch, Transparenz, Offenheit und Solidarität. Es geht dabei nicht nur um die globalen und lokalen Herausforderungen einer Kultur der Digitalität, die einen Wandel der Strukturen, manches Verständnisses und einiger Haltungen notwendig machen, sondern auch um das Überwinden struktureller Benachteiligung, verkehrter Anreize und unsere Zukunft.photo-1477281765962-ef34e8bb0967

Die Grundidee der Exzellenzuniversitäten stammt von 2004 und erhielt in Anlehnung an die frisch gestartete Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ den Titel: Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten. Das Ziel war es, durch Bundesfördermittel an internationale Eliteuniversitäten wie Harvard anzuschließen. Was kann daran auch verkehrt sein? Wer kann das schon nicht wollen, dass deutsche Universitäten die Besten der Welt hervorbringen oder für solche Talente attraktiver werden und international an Bedeutung gewinnen?

Sind es wirklich die Besten?

Wie man der 21. Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks entnehmen kann, hält der Trend eines hohen Anteils an Studierenden aus Akademikerhaushalten im Vergleich zu einem weitaus geringeren Anteil aus Nicht-Akademikerhaushalten seit Jahrzehnten an. Diese Entwicklung ist strukturell bedingt und beginnt bereits im Kindesalter. Allein dieser Zustand belegt, dass von Anfang an gar nicht die Chance besteht, die tatsächlich besten Talente zu fördern, sondern die, die mit günstigeren Bedingungen antreten.

Es geht somit nicht um einen fairen 100m-Lauf, bei dem die Besten ermittelt werden. Manche starten erst bei Meter 80, ausgestattet mit Top Equipment und einem ganzen Trainerteam, während andere das Rennen ohne Startblock bei Meter 0 beginnen. Einigen gelingt nicht einmal der Weg ins Stadion, weil sie entweder den Eintritt nicht bezahlen können oder Zuhause mithelfen müssen. Strukturelle Benachteiligung ist nicht vorherbestimmt, sondern von Menschen geschaffen, die davon profitieren.

Die Besten zu ermitteln und zu fördern ist deshalb in der Regel nur die Fassade und gesellschaftliche Legitimation, durch das sich ein System selbst erhält. Privilegierte bleiben weiterhin privilegiert, mit dem guten Gefühl, behaupten zu können, andere hätten auch eine Chance gehabt. Somit nützt das Ganze nur denen, die in den bisherigen Strukturen und Hierarchien die Deutungshoheit hatten und sie weiterhin behalten möchten. Sie prämieren Ihresgleichen und bestätigen sich selbst.

Anreize und Wirkungen

Das Ziel, eine Erste Liga der Universitäten durch für wenige üppige Fördersummen zu erreichen, generiert natürlich auch Angst, nicht in der Zweiten Liga zu landen. Es ist ein Wettbewerb um Geld und Reputation, für den Mittel gebunden werden, die an anderen Stellen nun fehlen. Der Wettkampf hat auch dazu geführt, dass in kurzfristige Leuchtturm-Projekte investiert wurde und durch zeitlich befristete Verträge prekäre Beschäftigungsverhältnisse zugenommen haben. Gar nicht so exzellent. (Mehr dazu in diesem Tagesschau-Beitrag.)

Wer die Transformationsprozesse und globalen Entwicklungen nicht ausblendet, stellt fest, dass in einer zunehmend vernetzen und komplexeren Welt nur gemeinsam die aktuellen und zukünftigen Probleme gelöst werden können. Es braucht keine Casting-Show für Unis, sondern Anreize für eine Haltung und ein Weltverständnis, indem Wissen miteinander geteilt und kollaborativ, interdisziplinär und multiperspektivisch gearbeitet wird. Am Ende bleiben viele Fragen offen. Nicht nur finanzielle. Wie lange und viel Konkurrenzhaltung kann sich unsere Welt überhaupt noch leisten?