Ein Missverständnis der Digitalen Transformation ist es, dass soziale Netzwerke als neue, fünfte Gewalt verstanden werden. Sie gehören aber zur vierten Gewalt und werden dort nicht nur addiert, sondern wandeln sie, in Bezug auf die Strukturen, Machtverteilung, Funktion, Wirkung und Anwendung. Soziale Netzwerke werden auch gerne auf die technische Perspektive reduziert und als reine Plattformen oder (a)soziale Medien (mit der überholten Vorstellung, Medien wären nur Transportmittel) verstanden, besonders wenn es darum geht, die Verantwortung oder Schuld negativ empfundener Veränderungen der Kommunikation zu adressieren. Das greift meiner Meinung nach zu kurz und wird der Komplexität des kulturellen Wandels nicht gerecht.

Die vierte Gewalt ist und bleibt die öffentliche Diskussion, die das politische Geschehen beeinflussen kann. Nur verändert die Digitale Transformation die Elemente dieses Diskurses grundlegend. Allein was Öffentlichkeit bedeutet, wie und wer erreicht werden oder sich daran beteiligen kann, wird zunehmend komplexer. Zielgruppen und ihre Kanäle werden heterogener und Content kann nicht 1:1 übertragen werden. Zudem bieten soziale Netzwerke nicht nur neue Möglichkeiten, in die bisherigen Prozesse einzugreifen, sondern machen sie auch transparent(er).

Soziale Netzwerke sind mehr als Plattformen

photo-1511171735792-048024585d63Vielleicht liegt auch ein Teil der Missverständnisse am Begriff soziale Netzwerke, weil sozial in der Umgangssprache mit gemeinnützig gleichgesetzt wird. Sozial beschreibt aber ursprünglich die Gruppe als Handlungsvoraussetzung und keine Wertung einer Handlung. Somit bringt es soziale Netzwerke eigentlich auf den Punkt: Es geht um (unterschiedlich große) Gruppen von Menschen, die weltweit miteinander vernetzt sind. Hier spielen natürlich die technischen Rahmenbedingungen, wie gepostet werden kann oder ein Algorithmus, der bestimmt, welche Beiträge in einer Timeline angezeigt werden, eine wesentliche Rolle, aber nicht die alleinige.

Jede Person entscheidet mit, durch das Was und Wie gepostet, geliket, kommentiert, abonniert, geteilt oder ignoriert wird und trägt dadurch zum öffentlichen Diskurs bei. Aus der Perspektive der Verantwortung wird damit z.B. deutlich, dass sie für die verschiedenen Wirkungen sozialer Netzwerke nie allein bei Plattformbetreibern liegen kann, sondern immer auch eine gesellschaftliche und individuelle ist. Es ist ohnehin erforderlich, die Transformationsprozesse multiperspektivisch, systemisch zu betrachten, um sie annähernd erfassen zu können.

Wirkungen sozialer Netzwerke

Soziale Netzwerke wirken selbst als solche, aber auch in bisherige Systeme hinein. Sie beeinflussen, was in Zeitungen geschrieben oder im Fernsehen ausgestrahlt wird. Eine Greta Thunberg und ihr Anliegen oder viele andere weltweite Bewegungen wären heute nicht da, wo sie sind, ohne soziale Netzwerke. Das Was bezieht sich aber nicht nur auf Inhalte und Personen, sondern auch darauf, wie etwas gesagt oder gedruckt wird. Längst wägen Akteure im Hinterkopf ab, ob eine Aussage twittertauglich ist, als Meme verpackt werden kann oder an sich das Zeug hat, in sozialen Netzwerken viral zu gehen. 

Dadurch, dass Teile der Exekutive, Legislative und Judikative ebenfalls über soziale Netzwerke kommunizieren, stellt sich die Frage, wie soziale Netzwerke in diese drei Gewalten hineinwirken oder auch umgekehrt. Das Besondere an diesen Prozessen ist, dass durch soziale Netzwerke, die erhöhte Transparenz und gewandelte Öffentlichkeit Menschen eine Beteiligung ermöglicht wird, die zuvor ausgeschlossen waren. Es bleibt die Erkenntnis, dass diese Entwicklungen nicht vorherbestimmt, sondern gestaltbar sind. Noch nicht von allen, aber von zunehmend größeren und diversen Gruppen.

Beiträge, die ich für D64 verfasse, veröffentliche ich später auch auf diesem Blog, um möglichst viele meiner Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

jon-tyson-520850-unsplash-e1551090613720Nach einer Einigung im Vermittlungsausschuss ist der DigitalPakt Schule am 21. Februar im Bundestag beschlossen worden. Damit werden in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Euro aus dem Bund in den Bildungsbereich fließen, die hoffentlich nachhaltig investiert den Einstieg in eine vernünftige digitalen Infrastruktur in Schulen ermöglichen sollen. Aus Sicht von D64 ist das zwar wegweisend und zu begrüßen, kann aber nur ein Anfang sein. 

Vielmehr setzt sich D64 dafür ein, dass zeitgemäße Bildung nicht einfach als das zur Verfügung Stellen von Infrastruktur begriffen, sondern als grundlegender Wandel in der Herangehensweise an Bildungsfragen begriffen wird. 

So hatte die  Kulturministerkonferenz der Länder in ihrem im Dezember 2016 veröffentlichten Strategiepapier der Kultusministerkonferenz Bildung in der digitalen Welt sich auf einen verbindlichen Rahmen geeinigt, und richtig erkannt, dass es dafür vor allem neue erforderliche Kompetenzen und Voraussetzungen und ihre Förderung braucht. Gut zwei Jahre später stellt sich die Fragen, wie viel davon bisher jeweils umgesetzt wurde und ob  ein Investitionspaket genügt, um den kulturellen Wandel, der durch die Digitale Transformation nötig ist, auch im notwendigen Ausmaß im Bildungsbereich zu erreichen.

Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren meistens die Technik und ihr “Mehrwert” in den Debatten über Digitales im Bildungsbereich im Mittelpunkt stand und dabei gerne der Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Kontext, der Kultur der Digitalität, verloren ging. Es wird nicht umsonst bevorzugt über Tablet-Klassen, Apps und Lernplattformen diskutiert. Welches Bildungsverständnis braucht es aber in einer Kultur der Digitalität? Was sich zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen lässt, ist, dass das Digitalisieren von Prozessen und Strukturen aus dem Buchdruckzeitalter nicht genügen wird.

Damit die über 730 000 Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland neue technische Möglichkeiten im Kontext des kulturellem Wandels wirksam und nachhaltig aufgreifen können, benötigt es neben der Technik auch physische, zeitliche und kognitive adäquate Räume. Dafür sind flache Hierarchien, Interdisziplinarität, grenzüberschreitende Vernetzung und Austausch notwendig, die leider auch die am schwierigsten zu erreichenden Veränderungen darstellen, weil es dabei um geistige Hürden, bzw. eine tief verankerte Haltung geht. D64 fordert deshalb, dass nach Verabschiedung des DigitalPaktes, dass

  • administrative Tätigkeiten an Schulen von dafür eingestelltem Personal übernommen werden, damit Lehrkärfte sich auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren können und eine stets funktionerende digitale Infrastruktur aufgebaut und konstant gewähleistet werden kann.
  • auch Ressourcen bereitgestellt werden, die wirksame und nachhaltige Schulentwicklung im Laufe des Schulalltags ermöglichen. Hier schlagen wir die “20-Prozent-Zeit” vor. Jeden fünften Tag, bzw. einen Schultag sollen Lehrerinnen und Lehrer frei vom Arbeitsalltag sich um eigene Projekte, im Rahmen von Schulentwicklung, kümmern können. Innovation braucht Freiräume.
  • Strukturen, Projekte und Veranstaltungen, die regional, grenzübergreifend und auch interdisziplinär Vernetzung und Austausch ermöglichen, unterstützt und gefördert werden.

Der Erfolg vom Auftakt mit den finanziellen Mitteln des DigitalPakts Schule wird von der Bereitschaft der jeweiligen Entscheidungsträger innerhalb der Länder und Kommunen abhängen, sich zu öffnen, transparenter zu agieren, regionale Potenziale in die Prozesse zu involvieren und attraktive Freiräume für die Entwicklung von wirksamen Konzepten und Innovation zu ermöglichen. Das kann nur in einem gesamtgesellschaftlichen Dialog und einer veränderten Haltung gelingen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Fridays for Future Freiburg

img_0253Wer ein Gymnasium, die vermeintlich letzte Bastion der Dichter und Denker, besucht, darf davon ausgehen, dass er Immanuel Kants Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei, die so in der Berlinischen Monatsschrift 1784 veröffentlicht wurde, im Unterricht behandeln wird. Als Lernstoff, den es zu verstehen und behalten gilt. Wie eine mögliche Umsetzung aussehen kann, zeichnet sich aktuell in Freiburg bei der von Schülerinnen und Schülern geplanten Fridays for Future-Aktion ab, bei der sie gemeinsam mit fast 60 weiteren deutschen Städten junge Menschen dazu aufgerufen haben, sich EINEN Tag mit Greta Thunbergs wöchentlichem Streik zu solidarisieren, um sich für Klimaschutz und ihre Zukunft einzusetzen.

Nachdem der vor Weihnachten über Social Media-Kanäle gestartet Aufruf der Freiburger Jugendlichen in der letzten Woche eine zunehmende mediale Aufmerksamkeit erhielt und der 18. Januar immer näher rückte, stieg auch in den Schulen der Druck bezüglich der Frage, wie man mit dem geplanten Streikaufruf umgehen soll. Gestern berichtete die Badischen Zeitung von einer Absprache der Freiburger Gymnasien mit den Regierungspräsidium, dass die Schulen den Streikaufruf nicht unterstützen und auch keine Unterrichtsbefreiung erteilen würden. Im heutigen Bericht über den Konflikt ist in der Badischen Zeitung mittlerweile von allen Schularten, bzw. Schulen, in Abstimmung mit dem Kultusministerium, die Rede.

Rechtliche Perspektive

Schulen sind natürlich an einen rechtlichen Rahmen gebunden. Dazu gehört auch die Schulpflicht. Daher kann eine Schulleitung keinen Freischein für einen juristischen Verstoß ausstellen oder diesen unterstützen. Es besteht aber beispielsweise die Option, einen außerunterrichtlichen Lerngang mit einer Klasse zu organisieren, der das an mehreren Stellen im Bildungsplan verankerte und im Unterricht vor- und nachbereitete Thema Klimaschutz vertieft. Auch das Strafmaß bei streikenden Schüler_innen bietet übrigens Spielräume für kreative Lösungen. Die rechtliche Perspektive zu kommunizieren, ist eine Möglichkeit. Es gibt auch andere.

Gesellschaftliche Perspektive

Wer Kants Gedanken zur Mündigkeit nicht nur auswendig lernen lässt, sondern ernst nimmt, müsste sich eigentlich darüber freuen, dass bundesweit junge Menschen als aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft agieren und Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen. Erst recht in einer Zeit, in der Nationalismus weltweit erstarkt, die Demokratie ins wanken gerät und der Planet sich in Plastik hüllt. Was würde ein im Heute lebender Immanuel Kant über die Jugendlichen sagen, die ihrer Stimme ein Gewicht geben und zwar für Klimaschutz und die eigene Zukunft? Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht mit Schulausschluss oder harten Konsequenzen drohen würde. Wahrscheinlich würde er mit ihnen einen Dialog suchen, d.h. mit ihnen und nicht über sie sprechen und sie einbinden, in die Entscheidungen, die getroffen werden müssen. So würden junge Menschen erfahren, dass sie als Teil der Gesellschaft ernst genommen werden und lernen, was Demokratie leben bedeutet. Es stellt sich somit die Frage: Wie viel Aufklärung verträgt die Schule?