Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

sharon-mccutcheon-eMP4sYPJ9x0-unsplashDie grundlegenden Veränderungen unserer Lebenswelt durch den digitalen Wandel führen im Bildungsbereich seit Längerem zu Diskussionen über neue, zeit­gemäße Prüfungs­formate und wie sie den gewandelten Heraus­forderungen gerecht werden könnten. Weshalb eigentlich nicht einen Schritt weiter­gehen und komplett auf Prüfungen verzichten? Jährlich bereiten sich unzählige junge Menschen auf Prüfungen in Schulen und Hochschulen vor. Neben der in die Vorbereitung investierten Zeit und Kraft werden auch enorme Ressourcen für die Durch­führung von Prüfungs­formaten bereit­gestellt. Gute Gründe, die Notwendigkeit dieser Praxis genauer zu beleuchten.

Wozu braucht es Prüfungen?

Diese Frage habe ich vor einiger Zeit online und offline diskutiert, um die vielen starken Argumente zu sammeln, die es eigentlich geben müsste, um die investierten Ressourcen zu rechtfertigen:

  • Der weitaus größere inhaltliche Umfang führe zu vertiefterem Wissen, weil alles noch mal wieder­holt werden muss.
  • Prüfungen dienten auch als extrinsische Motivation, die auf das spätere Leben – besonders in der Berufs­welt – vorbereite, in dem man unter Druck agieren können müsse; sie seien somit eher ein Stresstest als eine Wissens­prüfung.

Das waren die häufigsten und stärksten Argumente.

Pro-Argumente im Check

Findet das Vernetzen und Vertiefen von Wissen erst durch die Prüfung statt, stellt sich die Frage, weshalb das nicht bereits davor im Schul­all­tag geschehen ist, beziehungs­weise welches Lern­verständnis eigentlich vorliegt. Geht es um banales Auswendig­lernen – im schlimmsten Fall heraus­gelöst aus einem Kontext – oder um persönlich sinn­stiftendes Lernen? Wer von Beginn an wirksame und nach­haltige Lern­prozesse ermöglicht, benötigt keine Prüfung, um das nach­zuholen.

Wird die Vorbereitung auf die harte Berufs­welt als Argument bemüht, scheint noch nicht bekannt zu sein, dass gerade diese zunehmend beklagt, junge Menschen seien nicht ausreichend gut auf sie vorbereitet. Wenn Prüfungen also nicht mal diese Versprechen halten, bleiben große Zweifel, ob sie in ihrer Art und Weise auch noch auf die digitale Transformation in der Arbeits­welt und deren veränderte Anforderungen vorbereiten.

Was spricht gegen Prüfungen?

Prüfungen sind mit die stärksten „Influencer“ im Bereich Unterricht, Ausbildung oder Studium. Wenn Lehrende gefragt werden, weshalb sich der digitale Wandel nicht in ihren Lernsettings abbilde, sie ihren Unterricht nicht öffnen, agile Didaktik verwenden oder Projekt­arbeit anbieten, werden als Grund häufig „Prüfungen“ genannt. Schließlich mündet alles bei ihnen. Sie bestimmen die Abschluss­noten – und über Erfolg oder Miss­erfolg im weiteren Leben. Prüfungsformate beeinflussen somit massiv, wie und worauf­hin gelernt wird.

Stünde am Ende keine Prüfung, könnten Lernende und ihre individuellen Lernprozesse in den Mittel­punkt rücken – und nicht die jeweiligen Prüfungs­formate. Wie individuelles Lernen mit standardisierten Prüfungs­formate zusammen­passen soll, bleibt ohnehin ein Rätsel. Und wie sieht es mit der notwendigen Fehler­kultur aus, die im Rahmen der digitalen Transformation genannt wird? Zum Lernen gehören auch Fehler dazu sowie die Fähigkeit, sie zu erkennen, zu verstehen und zu verbessern. Bei Prüfungen hingegen werden Fehler bestraft und sind „schlecht“.

Ein Abschluss ist auch ohne Prüfungen möglich

Weshalb also nicht auf Prüfungen komplett verzichten und im letzten Schuljahr alle Leistungen wie in den Jahren zuvor erfassen? Abgesehen von den frei werdenden Ressourcen, die an anderer Stelle eingesetzt werden könnten, würde dadurch auch manches Leid erspart bleiben – bei den Geprüften, bei Eltern oder Prüfenden. Geht es denn in der Schule nicht darum, junge Menschen zu befähigen, ein mündiges und erfülltes Leben führen zu können? Was tragen Prüfungen dazu bei, oder was verhindern sie vielleicht? Diese Fragen verdienen eine Prüfung.

Das Referendariat prüft nicht die Potenziale angehender Lehrer_innen, sondern ihre Fähigkeit, herauszufinden, was die Prüfenden wünschen und die Bereitschaft, das bestmöglich umzusetzen. Diese Prüfungen prägen nicht nur die Prüflinge, sondern auch die Schulkultur. Nicht positiv.

Diesen Gedanken stellte ich nach einem Gespräch mit einem Freund, der aktuell sein Referendariat absolviert, gestern Abend in verschiedenen sozialen Netzwerken zur Diskussion. Das löste einige Reaktionen (besonders bei Twitter) aus, die ich nicht alle auffangen kann. Deshalb möchte ich den Kontext meiner Aussagen etwas erläutern, in der Hoffnung, einige Missverständnisse ausräumen, bzw. zu einem besseren Verständnis beitragen zu können.

Bei dem veröffentlichten Gedanken ging es mir nicht um das Referendariat an sich (das würde sogar den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen), sondern in erster Linie um das Wesen einer 45-minütigen Lehrprobe, die (verkürzt und überspitzt) daraus besteht, jede Sekunde geplant und kontrolliert zu wissen. Was häufig dazu führt, dass Aufgaben formuliert werden, bei denen jede mögliche Antwort vorher schon feststeht. Es wird also geprüft, ob etwas wie vorhergesehen funktioniert. Und ich zweifle daran, dass das Funktionieren in vorhersehbaren Abläufen eine noch adäquate Antwort im digitalen Wandel darstellt und stelle gleichzeitig die Frage zur Debatte, wie und welche Potenziale angehender Lehrerinnen und Lehrer geprüft werden sollten.

ball-407081_1920„Das möchte Prüfer x sehen.“ oder „Darauf legt Prüferin y einen besonderen Wert.“ sind gängige Aussagen, wenn Referendar_innen über die Vorbereitung ihrer Lehrprobe berichten. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. (Es ging und geht mir hier auch nicht um Schuldzuweisungen, sondern ein zu lösendes Problem anzusprechen. Zumindest sehe ich es als eines.) Dass Prüfungen nicht nur die Prüflinge, sondern auch die Schulkultur prägen, bezog sich auf die Beobachtung, dass Schüler_innen in der Regel versuchen, im Unterricht eine Antwort zu formulieren, die sie vom Lehrenden gewünscht vermuten. Das zu antworten, was Lehrende hören möchten, deckt sich nicht mit meiner Vorstellung von zeitgemäßer Bildung, bzw. den Herausforderungen der Digitalen Transformation.

Natürlich hängt eine Prüfung nicht allein vom Format ab, sondern auch von den Personen, die es umsetzen. Wenn ich eine Prüfung nennen müsste, die ich aus meiner Biografie als am gelungensten beschreiben würde, wäre es meine fachdidaktische mündliche Prüfung im Fach Geschichte. Hier erzeugte mein damaliger Prüfer eine angenehme Gesprächsatmosphäre, die von gegenseitigem Respekt zeugte und mehr Diskussion als Prüfung war. Und das beim klassischen Format, bei dem zehn Minuten lang nur Fragen gestellt werden. Das lag meiner Meinung nach u.a. daran, dass er herausfinden wollte, was ich weiß, bzw. denke und nicht nachweisen, was ich nicht kann. Ich hatte auch das Gefühl, dass ihm die Tragweite seiner lebenswegweisenden Entscheidungen, seine Macht und Verantwortung stets bewusst war. Diese Erfahrung, sein Verständnis einer Prüfung und seine Haltung gegenüber den Prüflingen haben meine Vorstellungen und Handlungen in der Schule mit geprägt.

Prüfungen und Lehrproben sind zwar nur ein Bestandteil des Bildungssystems. Sie machen aber deutlich, wohin die Reise führen soll, bilden eine klare Rollenverteilung, bzw. ein Machtgefüge ab und bestimmen damit wesentlich die Bildungskultur, bzw. das Bildungsverständnis. Das gilt für die Schulzeit, das Studium und das Referendariat. Wer sich zeitgemäße Lernprozesse wünscht, muss deshalb neben Unterrichts- und Schulstrukturen auch Tests, Klassenarbeiten und Prüfungen diskutieren. 

Persönliche Anmerkung

Weil ich sich doch einige Personen persönlich angegriffen gefühlt haben, weil sie selbst Referendarinnen und Referendare prüfen und sich oder ihre Arbeit in einem schlechten Licht oder nicht richtig dargestellt sehen: Es geht mir nie um Personen, sondern stets um die Sache. Die gilt es meiner Meinung nach immer kritisch denkend zu reflektieren. Das ist zumindest mein Verständnis, bzw. meine Haltung im Rahmen von zeitgemäßer Bildung. Es freut mich, wenn meine oben geschilderten Erfahrungen, Beobachtungen und Einschätzungen nicht auf eure Arbeit zutreffen. Dass der Tweet so viel Zuspruch erfahren hat, zeigt aber leider auch, dass es auch andere Beispiele gibt und darüber gesprochen werden muss.