Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch komme und begründe, weshalb ich denke, dass der Weg als Lehrperson ins Netz nicht nur notwendig, sondern auch bereichernd sein kann, wiederholen sich die Gegenargumente: „Wann soll ich das machen? Ich habe jetzt schon keine Zeit mehr.“ „Das ist nicht mein Fachgebiet. Es muss nicht jeder alles können.“ „Es gibt wichtigere Baustellen.“
Ich kann diese Gedanken sehr gut verstehen. Schließlich hatte ich die gleichen, als ich meinen Twitter-Account eröffnete und die Timeline sich im Sekundentakt mit immer noch besseren Ideen und Anregungen füllte. Meine Abwehrhaltung resultierte aus einer Überforderung. Ich habe Jahre benötigt, um mich in der Informationsflut zurechtzufinden, eine Filtersouveränität zu entwickeln und eine Strategie für ein persönliches Lernnetzwerk aufzustellen.

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Aus einem Interview mit dem dm-Gründer Götz Werner bei der Zeitung Der Standard.

Deshalb habe ich vor einiger Zeit aufgehört, Mitmenschen aktiv zu ermutigen, sich am Web zu beteiligen und setze nun auf Sog und nicht auf “Druck“. Das bedeutet konkret, dass ich die Potenziale des Webs punktuell aufzeige, wenn es sich anbietet und wirken lasse. Als wir zum Beispiel letztes Schuljahr auf Wunsch der Schülerschaft einen Smartphone-Tag durchführen mussten, sammelte ich aus unserer Sitzung heraus über ein Etherpad, das ich in sozialen Netzwerken gepostet hatte, nach Ideen für den Einsatz von Smartphones in den jeweiligen Fächern. Das Ergebnis war beeindruckend. Außerdem versuche ich zahlreiche Angebote und Gelegenheiten zu schaffen, die zum freiwilligen Austausch in lockerer Runde einladen. Natürlich sind das nur kleine Beiträge, die langfristig zum Umdenken führen können. Weil ich ein ungeduldiger Mensch bin und auf der Suche nach weiteren Ansätzen bin, fragte vor ein paar Wochen bei Twitter und Facebook, wie man es schafft, dass Lehrende, die nicht im Web stattfinden und kein besonderes Interesse am Thema Digitalisierung haben, das Mikrobloggen bzw. Bloggen und Vernetzen beginnen und bat danach, die besten Tipps und Ideen in dieses ZUMpad einzutragen, um sie mit allen zu teilen. Mittlerweile ist das zu einer beträchtlichen Sammlung gewachsen, die ich sicherheitshalber hier festhalten möchte. (Das ZUMpad darf natürlich sehr gerne mit weiteren Ideen ergänzt werden.)

 

  • Der Chef muss es selber nutzen und die Kollegen auffordern sich zu beteiligen (wobei sich das jetzt eigentlich auf das ZUM-Pad bezog!) -> Habe ich bei doodle erlebt: ich habe es vor einiger Zeit nutzen wollen -> keiner zeigt Interesse, Chef verwendet für Terminfindung bei AK -> alle nutzen es.
  • Twitterwall bei Veranstaltungen
  • Organisationskultur, anerkennend thematisieren in Konferenzen und Fortbildungen, wenn jemand aktiv ist.
  • Zeit lassen, Zeit geben, nicht mit dem Kopf durch die Wand. Ansonsten immer mal wieder zwischen Tür und Angel mit den Vorteilen wedeln (steter Tropfen höhlt den Stein und so). Das bringt aber alles nix, wenn es von Leitungsebene entweder nicht gewollt oder mit zu wenig Zug und Verbindlichkeit betrieben wird.
  • Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gezielt der Mehrwert aufgezeigt werden muss. (Auch wenn diese Mehrwert-Diskussion zum Teil unpassend ist) oder: erzählen, wo man eine konkrete Unterrichtsidee her hat und öfter von bestimmten Blogs erzählen, dann kommen die anderen zum Lesen und kommentieren. Das ist zumindest ein Schrittchen.
  • Vielleicht sollte die Sichtweise von den LehrerInnen auf die SchülerInnen verlegt werden. Diese verlangen längst eine fundierte digitale Bildung. Setzt handwerklich gründlich ich ausgebildete LehrerInnen voraus. Können Sek-LehrerInnen Kurven diskutieren und Romane schreiben und…, bewegen sie sich digital auf Stufe Kindergarten.
  • Primin Stadler: Indem man Mikro-Bloggen und Vernetzen NICHT ins Zentrum stellt (sie sind Mittel zum Zweck). Ich lese zur Zeit gerade Working out loud von John Stepper. Im Zentrum steht dabei der Aufbau von Beziehungen zur Erreichung eines persönlichen Ziels. WOL besteht aus fünf Elementen: 1. being purposeful, 2. building a social network, 3. making you and your work visible, 4. leading with generosity, 5. getting better. Die Circle Guides zeigen, wie man das konkret während zwölf Wochen anpackt. Dass man sich online und (!) offline vernetzt, dazu evt. Twitter nutzt oder sogar ein Blog eröffnet, gehört dazu. Start in Woche 1: Choose a simple goal & list people related to it. Wenn man WOL deutsch übersetzen würde, und auch den ganzen Duktus etwas entamerikanisieren, dann könnte das tatsächlich auch und gerade für LuL funktionieren. „Digitale Werkzeuge“, Arbeitsweisen und Handlungsmuster in die eigenen Beziehungsarbeit mit einbeziehen kann aber sicherlich nicht schaden…
  • Lehrende, die nicht im Web stattfinden und kein besonderes Interesse am Thema Digitalisierung haben“? Das kann nicht klappen. Oder nur dann, wenn sie genau diese Neugierde und Offenheit offline haben, die man auf Twitter (wenn man es richtig macht) erfährt. Es gibt Leute, die das mitbringen und hier sofort umsetzen. Im Kern: Es muss den Leuten selbst etwas versprechen und etwas bringen. Nur als Anweisung zum Zeitgemäß-Sein: Vergiss es.
  • Philippe Wampfler: Immer wieder zeigen, was man macht und was man erfährt. Nicht über Digitales oder Micro-Blogging sprechen, sondern was, was dadurch möglich wird und hängen bleibt. Bei mir sind es zwei Driver: Woher kenne ich so viele Leute? Woher kommen meine Ideen für den Unterricht? Antwort immer: Vom Netz. Das hat für mich bisher als einziges Argument überzeugt. Plus Lehrkräfte, die für Öffentlichkeitsarbeit zuständig sind, schulen wie man das heute macht.
    Also: Über die Schulter schauen lassen, von einer sicheren Randposition aus. Wie reales Lernen da draußen eben vor allem funktioniert.
  • Lisa Rosa: Genau wie Philippe. Und dann geschah folgendes: Vor 15 Jahren haben die Kollegen vor Ort gelacht, seit 5 Jahren sind sie tolerant, seit 3 Jahren interessiert, seit 2 Jahren laden sie mich ein, meine Sichtweise vorzustellen, seit diesem Jahr bitten sie um Einführung und Beratung.
  • Externe/n Trainer/in einladen zu einem freiwilligen „Wie man …“-Workshop (z.B. „… als Lehrerin Unterrichtsideen auf Twitter findet“ oder was eben schöne Vorteile wären). Nach zwei Monaten wiederholen und dann nochmal. Beim ersten Mal melden sich nur die mit Interesse, beim zweiten Mal haben sie anderen davon erzählt und beim dritten Mal kommen die verbliebenen (vielleicht). Wichtig scheint mir die Position des Trainers als extern, aber aus dem Berufsfeld, damit die Leute sich identifizieren können, sich aber nicht vor einem Kollegenlehrer bloßstellen müssen. Vielleicht jemand von der Nachbarschule, falls es da Kooperationsmöglichkeiten gibt. Nur vorleben reicht in meinen Augen nicht, weil viele Ängste haben, die nur im 1:1-Kontakt abgebaut werden können. Das heißt, sie brauchen schon konkrete Hilfestellungen mit den Benutzeroberflächen und zum Beispiel Privacy-Settings. Ich habe selbst solche Workshops für Reporter-Kollegen geleitet, mit Unterstützung des Unternehmens. Das hat gut funktioniert. Eine wichtige Voraussetzung war in diesem Kontext übrigens, dass man bei Twitter anonym anfangen und herumprobieren kann.
  • Brian Zube: Testreihe über Schulleitung initiieren, bei der Test-Accounts (ggf. auch Blogs) von Digitalisierungsfernem  zu nächstem Digifernen wandern. Oft würden diejenigen, sich niemals selbst bei Netzwerken anmelden – aber wenn so ein Account im Rahmen offiziellen Angebots der Schulleitung (ggf. samt Gerät, damit auch Einrichtungsschwelle wegfällt) herumgereicht wird, vielleicht schnuppern dann doch einige rein  und twittern hier und da mal vorsichtig (habe dsbzgl. keine Erfahrungswerte, nur spontane Idee).
  • Christine Kolbe: | edulabs |medialepfade |Vielleicht Ergebnisse einer Konferenz auf einem Padlet oder anderem Quick-Pulish-Tool festhalten; also über das Erfordernis der Ergebnissicherung ein Tool einführen, das ein bisschen more sexy aussieht (visuelle Usability) / mehr Features hat als Pads. Die Usability ist nicht zu unterschätzen nach unserer Erfahrung. Darauf setzen wir auch in unserer edulabsOER Sammlung: Schön gestaltete Filter und vor allem einheitliche Einstiegskarten zu ganz unterschiedlichen Ideen (auch niederschwellig) zu mehr besserer zeitgemäßer Bildung – kuratiert von der edulabsDE-Community. Also motivierende Inspiration / Best-Practise, die schlüsselfertig mit in die (Vertretungs-)stunde genommen weden kann, scheint mir auch ein wichtiger Faktor. Da eigenen sich ja auch kleine Impulse im Rahmen von Ganzstags/Gesamtkonferenzen und Studientagen.
  • Tobias Raue: Ausbildungslehrer mit eigenem Blog könnten ihre Plattform für Referendare zur Verfügung stellen. Die reflektieren spannende Unterrichtsstunden, Projekte oder Reihen als Blogbeitrag. So nimmt man evtl. die Scheu vor der Veröffentlichung. In NRW z. B. müssen die Refis mindestens eine Stunde mit digitalen Medien zeigen. Vielleicht kann man so eine Stunde reflektieren lassen. Studiensemare könnten das auch institutionalisieren.
  • Unsere Schulleiterin hat mir im Kaffee-Kuchen-Gespräch verraten, sie hätte bereits Bücher zum Thema bestellt und werde diese vor den Weihnachtsferien an von ihr ausgewählte (nach welchen Kriterien auch immer) Kollegen/Kolleginnen – mit der Hoffnung, sie würden sie während der Ferien lesen – austeilen. Kollegium ist TROTZ leichtem Schülerklientel und guter bis sehr guter Ausstattung geprägt von Resignation (noch nicht mal mehr Skepsis sondern Resignation), borniert und von Angst allem was Arbeit bedeuten könnte. Bore-out! Ich bewundere die Frau für ihren Optimismus. Sie wills anpacken!
  • Thorsten Puderbach: Eine Frage auf Twitter stellen, auf die #followerpower hoffen und die Ergebnisse in den entsprechenden Gremien vorstellen.
  • Bob Blume: Zwang und persönliche Vorteile klarmachen: http://bobblume.de/2017/11/26/diskussion-bloggende-lehrer-referendare-und-die-digitale-bildung/ (Habe meine erste sehr resignierte Antwort nochmal reflektiert.)
  • Habe diesbezüglich aufgegeben. Klingt resigniert, ist es auch. Die Mühe kann man sich sparen und seine zeitlichen Ressourcen lieber in andere Projekte stecken.
  • Ein großer deutscher Konzern, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, „digital“ zu werden, hat den Mitarbeitern immer kleine Fragen gestellt und sie ermutigt, „kleine“ Beiträge zu leisten. Und daraus ist mittlerweile eine richtige Blog-Kultur-Landschaft entstanden. Die „Politik der kleinen Schritte“ hat funktioniert.
  • Sich an Geoffrey Moores „Crossing the Chasm“ orientieren. Lehrende ohne Interesse an der Digitalisierung können IMHO in folgende Gruppen unterteilt werden
    (man verzeihe mir die Begriffe, aber „je krasser, desto Beispiel) :-)
  1. „Agnostiker“ — haben die Vorteile für die eigene Lehrtätigkeit noch nicht erkannt. Hier hilft eine Politik der kleinen Schritte mit „quick wins“ und praxisorientierten Beispielen aus der Berufswelt und das Wecken intrinsischer Motivation. Ich habe enorm guter Erfahrungen gemacht, den „Agnostikern“ die eigene Arbeit zu erleichtern ohne missionierend zu wirken, dann werden auch Vorteile der Digitalität gesehen.
  2. „Nachzügler“ — werden ihre eigene Arbeits- und Lehrmethoden IMHO nur dann umstellen, wenn die normative Kraft des Faktischen so groß ist, dass ein „Mitnutzen“ mehr oder weniger die einzig verbliebene Option ist
  3. „Analogisten“ — werden das Thema schlicht aufgrund Alter oder fachbedingter Möglichkeiten schlicht aussitzen bzw. sich so lange wie möglich verweigern (hier bleibt wirklich nur in professioneller Höflichkeit aufgeben)
  • Armin Hanisch: Zusätzlich sollte (nicht nur) dieser Gruppe vermittelt werden, dass es „die Digitalisierung“ auch in der Bildung nicht gibt. Möglicherweise kann dann in einer dieser Gruppen vorsichtig und schrittweise gestartet werden (ich brauche lange keinen Computer, um jemand z.B. Programmieren zu lehren). Es gibt (hier nur grob angerissen):
  1. Unterricht mit digitalen Werkzeugen und digitalen Medien (und nein, ein Beamer ist kein digitales Werkzeug, mit dem man sich brüsten sollte), ebenso wenig ist das Zeigen einer Abbildung von Guernica in Geschichte oder Kunst per Beamer oder Dokumenten-Kamera kein „digitaler Unterricht“, in diese Richtung geht es erst mit Medien wie z.B. „Repensar Guernica„.
  2. Unterricht zur Nutzung digitaler Werkzeuge (der klassische „IT-Unterricht“, das Arbeiten mit Suchmaschinen oder Geographie-Apps), unglücklicherweise werden hier im schulischen Bereich oft Bedienkompetenzen propiretärer Anwendungen vermittelt anstelle grundlegender Funktionsprinzipien
  3. Unterricht zu „digitaler Mündigkeit“, der Bewusstheit der eigenen Filterblase und des Management des Selbst in der digitalen Welt. Hierzu gehört Wissen um aktuelle Entwicklungen und die Vermittlung grundlegender Kompetenzen (oder einbeliebiges anderes Bausteinchen aus dem Terminologie-Setzkasten) wie Systems Thinking, Nudging, Metadata, Networking, Networks and History of the Internet, Automatisierung (Scripting, Mashups), Urheberrecht, Projektmanagement, etc.
  4. Last, but not least: ich verstehe das „Mikro-Bloggen“ oben als Beispiel. Wie bereits von anderen hier geschrieben ist das Medium der Vernetzung sekundär (später natürlich digital eventuell leichter machbar), aber Vernetzung und Austausch generell sind wichtige Aspekte. Viele Pädagogen haben meiner persönlichen Erfahrung nach immer noch eine „Einzelkämpfer / Individualkünstler-Mentalität“ (durchaus nicht abwertend gemeint) und haben Angst, ein Erfahrungsaustausch oder das Fragen nach Ideen ist das Eingeständnis von Fehlern. Das ist aber wohl so ein „Schul-Mentalitäts-Ding“. :-)
  • Anti-Elektrosmog-Kristalle an den iPads anbringen, Geistheiler des Vertrauens hinzuziehen.
  • Hat tolle Ansätze drin, erlebe aber, dass Lehrende häufig a) sehr konservativ sind und b) bei der Digitalisierung ihren eigenen Präferenzen den Vorzug geben, anstatt sich auf die Bedürfnisse der Lernenden einzulassen.
  • Wenn ihr euch solche Gedanken macht, seht die Plattformen als Werkzeug und nicht als Lösung. Werdet euch zuerst bewusst, was ihr vermitteln wollt und wählt dann die geeigneten Tools dafür. Niemand kocht Spaghetti in einer Bratpfanne, nur weil der Topf etwas weiter weg steht.

Ich denke übrigens nicht, dass alle Menschen im Netz stattfinden müssen. Für mich geht es um den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe und den sich damit eröffnenden Möglichkeiten. Diesen möchte ich alle gewähren. Ob man das letztendlich nutzen möchte, muss jede Person für sich selbst entscheiden.

Ein Anfang

Immer mehr Lehrende machen sich auf den Weg, den digitalen Wandel mitzugestalten. Die sozialen Netzwerke bieten hierfür eine Plattform, um sich zu informieren, auszutauschen und zu vernetzen. Vor knapp vier Jahren habe ich einen Twitter-Account angelegt und mein Zuhause für Bildungsfragen entdeckt. (Mittlerweile habe ich einen Zweitwohnsitz bei Facebook und einen Drittwohnsitz bei LinkedIn.) Am Anfang haben mich das Tempo und die Dynamik überfordert. Aber bereits nach einigen Monaten und viel Unterstützung begann ich Tipps, Erfahrungen und Ideen zu sammeln, was man so zu Digitale Bildung machen kann. Die Grundbausteine meiner Vorstellung wurden gelegt. Ein Jahr später war ich nicht mehr nur Konsument und Beobachter, sondern begann mitzudenken, selbst zu experimentieren und meine Gedanken in einem Blog zu veröffentlichen. Mittlerweile weicht meine Auffassung von zeitgemäßer Bildung von der anfänglichen deutlich ab. Dabei verfolgt mich bis heute eine Fragen, mit der ich immer wieder konfrontiert werde und die ich nicht ausreichend beantworten kann: Wie führt man zielführend kontroverse Debatten (in sozialen Netzwerken)?

Wie führt man zielführend kontroverse Debatten (in sozialen Netzwerken)?

Wenn man einige Artikel gelesen, Workshops besucht, Vorträge gehört und Diskussionen über Bildung im digitalen Wandel geführt hat, stellt man fest, dass sich die Fragen und Antworten wiederholen. Das liegt in erster Linie daran, dass immer wieder neue Menschen hinzukommen, die den von mir in der Einleitung beschriebenen Prozess durchlaufen. Andererseits konnte ich aber auch beobachten, dass sich manche schneller und manche langsamer weiterentwickeln. Die Gründe dafür sind unterschiedlich und müssten differenziert betrachtet werden. Der Konsens der Veränderungswilligen besteht lediglich darin, dass etwas geschehen muss. Über das Was und Wie lässt sich streiten. Und genau das halte ich für notwendig. In meiner Beobachterrolle der Anfangszeit habe ich am meisten aus den kontroversen Debatten gelernt, die ich bei Twitter oder über Blogbeiträge mitlesen konnte. Erst durch die Kontroversität wurde eine Vertiefung des Sachverhalts erreicht, die mir zu einem klareren Bild verholfen hat. Leider finden solche Debatten aus meiner Sicht noch zu wenig statt, was dazu führen kann, dass man sich in der Menge und Oberflächlichkeit der Beiträge verliert. Ein klärender Prozess, was Bildung im digitalen Wandel denn nun bedeutet, leisten kann, soll oder muss, wird durch das Umgehen dieser Diskussionen nicht in Gang gesetzt.

Wie führt man aber zielführend kontroverse Debatten (in sozialen Netzwerken)? Ich weiß es nicht. Zumindest beobachte ich einen Indikator, der einen solchen Verlauf begünstigt. Neben den offensichtlichen Aspekten, wie Kritikfähigkeit und Sachlichkeit, braucht es auch den Wunsch nach einer kritischen Auseinandersetzung. Mein Paradebeispiel hierfür ist (natürlich ein Schweizer) Philippe Wampfler. In meinem Umfeld kenne ich niemanden, der immer wieder so offen Kritik einfordert und sie als Möglichkeit sieht, seine Gedanken zu hinterfragen und zu schärfen. Kurz: Ob Menschen ernsthaft an Kritik interessiert sind, leite ich aus ihrem länger beobachtetem Verhalten ab. Wenn Personen nach x-facher Kritik, x Mal die Kritik als für unangebracht kommentieren, zweifle ich an deren Offenheit und Wunsch nach einer kontroversen Auseinandersetzung. Dass die Kommunikation über soziale Netzwerke eigenen Regeln und Herausforderungen unterliegt, macht es nicht leichter. Twitter spielt durch die Begrenzung auf 140 Zeichen hier eine Sonderrolle. Ich erlebe viele Lehrende, die sich gegenseitig unterstützen und ermutigen. Manche bilden sogar Gemeinschaften, die man unter den Hashtags #edupnx oder #BayernEdu findet, um als Ansprechpartner, für einen Austausch und Helfergruppe im Netz erkennbar zu sein. Wie kann man aber der Gefahr begegnen, dass vor lauter Lob, kein Raum mehr für berechtigte und notwendige Kritik übrig bleibt, um in der Sache voranzukommen? Ideen und Konzepte in Frage zu stellen, Gegenargumente zu formulieren und sich zu positionieren kostet Kraft und kann auch sehr unangenehm sein. Es ist aber notwendig, wenn wir in einigen Jahren nicht feststellen wollen, dass es eigentlich nichts Neues, nur viel mehr Leute im Netz gibt.

In eigener Sache

Weil meinen kritischen Beiträge nicht immer richtig interpretiert werden, möchte ich kurz dazu Stellung beziehen, weshalb, wann und mit wem ich eine kontroverse Debatte suche. Ich kritisiere grundsätzlich Konzepte, Ideen, Methoden, Tools oder Projekte und nicht Personen. Problematisch wird es, wenn beides zusammenfällt. Wenn zum Beispiel jemand über harte Arbeit und viel Zeit sich als Koryphäe einer Methode einen Namen gemacht hat, wird es unmöglich, die Methode zu kritisieren, ohne dass ein persönlicher Angriff vermutet oder empfunden wird. Ich differenziere auch bei meinem Gegenüber. Bei einem Neuling würde ich nicht (mehr) kritische Aspekte äußern und ihn eher ermutigen. Außer er würde von sich auch den Dialog suchen und danach fragen. Ich unterscheide auch über den Auftritt einer Person, ob ich ihr meine sehr direkte Art zutrauen möchte. Wenn jemand die große Bühne und das Rampenlicht sucht, rechnet die Person aus meiner Sicht auch damit, dass nicht nur Beifall von den Rängen kommt. Bei solchen Konzepten, Ideen, Methoden, Tools oder Projekten bin ich gründlicher in meiner kontroversen Betrachtung, weil ich mit wachsendem Publikum eine größere Verantwortung und Notwendigkeit der Kontroversität sehe. Natürlich mache ich dabei auch einige Fehler. Falls ich jemanden persönlich verletzt haben sollte, bedauere ich das und entschuldige mich hiermit dafür. Meine Interesse ist und bleibt in der Sache, die Weiterentwicklung einer Vorstellung, was Bildung im digitalen Wandel bedeutet, leisten kann, soll oder muss. Dafür hoffe ich auf möglichst viel kontroverse, sachliche und zielführende Debatten. (Ich verzichte übrigens auf gut gemeinte „Habt euch wieder lieb.“-Kommentare, weil sie a.) eine persönliche Ebene suggerieren oder sie dadurch auf diese heben, die ich nicht beschreiten möchte und b.) nicht mein Ziel einer kontroversen Auseinandersetzung widerspiegeln.)

Seit über vierzig Jahren bietet der Beutelsbacher Konsens die Grundsätze und die Orientierung für den Politikunterricht. Durch den digitalen Wandel und die sozialen Netzwerke findet das Lehren und Lernen aber nicht mehr ausschließlich in Schulen und Hochschulen statt, sondern auch im Web und wirft aus meiner Sicht einige Fragen auf, deren Antworten es in einer möglichst breiten Debatte zu diskutieren gilt. Bevor ich in die inhaltliche Auseinandersetzung einsteige, möchte ich kurz die Gründe aufführen, weshalb ich auch in meiner Rolle als Lehrer in sozialen Netzwerken unterwegs bin.

Weshalb ich Social Media als Lehrer nutze?

  • Um mich mit anderen Menschen aus dem Bildungsbereich zu vernetzen und dabei Ideen, Projekte und Gedanken auszutauschen oder weiterzuentwickeln. Wie eine unendliche, selbstbestimmte Fortbildung, in der sich die Grenze zwischen Lehren und Lernen auflöst.
  • Um meine Arbeit, Potenziale und Risiken transparent und allen zugänglich zu machen. Im Unterricht greife ich immer wieder Chancen und Problemfelder, die sich auf meinen Accounts ergeben, auf und beziehe mich so auf reale Beispiele aus der Praxis.
  • CUAhUvVWwAEtK17.png-largeUm einer selbst auferlegten Vorbildfunktion im Bereich der Social Media-Kanalnutzung nachzukommen. Dabei geht es mir oft um das Ziel einer inhaltlichen, kontroversen, konstruktiven und emphatischen Debatte bzw. Kommunikation oder Impulse zu setzen. Die Notwendigkeit dafür sehe ich seit knapp zwei Jahren, als dieser (nicht unumstrittene) Tweet der Visualisierung europäischer Nutzergruppen von Social Media in meiner Twitter-Timeline erschien, in der Deutschland herausstach. Auch wenn die Liste mit Argumenten, die gegen eine Nutzung von Facebook sprechen, lang und schlüssig ist, überwiegt für mich (immer noch) das Gewicht der Verantwortung, den kulturellen Austausch auf eine leider gesellschaftlich nicht unbedeutende Plattform, im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten und nach meinen Vorstellungen mitzugestalten.

Überwältigungsverbot, Kontroversität und Schülerorientierung in Social Media

In der Schule wird mir die Rolle des Lehrers jederzeit und eindeutig zugeordnet, in der ich mich stets um die Einhaltung der Prinzipien des Überwältigungsverbots, der Kontroversität und der Schülerorientierung bemühe. In sozialen Netzwerken ist meine Rolle nicht mehr eindeutig bzw. kann unterschiedlich interpretiert werden. Auch wenn in Baden-Württemberg die Social Media-Handreichung des Kultusministeriums aus dem Jahr 2013 besagt, dass jegliche dienstliche Kommunikation auf oder mittels Sozialen Netzwerken sowohl zwischen Lehrkräften und Schülern als auch der Lehrkräfte untereinander unzulässig ist, weiß ich, dass mir (meine) Schüler_innen auf diversen Social Media-Kanälen folgen bzw. mich abonniert haben und so von meinen öffentlichen Beiträge erfahren. Das berücksichtige ich bei der Entscheidung darüber, was ich poste, teile oder kommentiere.

Politisch Stellung zu beziehen fand ich als überzeugter Demokrat auch schon vor dem Internet richtig und notwendig. In der Schule werde ich in der Regel von Klassen diesbezüglich zu meiner Meinung befragt. Die Subjektivität meiner Antwort wird in diesem Zusammenhang gehört und verstanden (und von mir auch immer hervorgehoben). In sozialen Netzwerken ist das anders. Hier äußere ich mich mit meiner Sichtweise zu politischen Themen, ohne explizit danach gefragt worden zu sein. Auch der Kontext erschließt sich nicht automatisch und allen. Die Veröffentlichung einer Reihe von neutral wirkenden Beiträgen kann zum Beispiel die Wahrnehmung bzw. Unterscheidung zwischen Meinung und Sachverhalt erschweren. Natürlich versuche ich durch gelegentliche „meiner Meinung nach“ dem entgegenzuwirken. Richtig zufrieden stimmt es mich aber nicht. Die Lösung, zwei Accounts anzulegen, einen privaten und einen Lehrer-Account, suggeriert die Möglichkeit einer klaren Trennung zwischen privaten und beruflichen Angelegenheiten. Das Web löst diese Grenze sukzessiv auf. Das bedeutet, dass es neuer Regelungen im Umgang damit bedarf und keiner Selbsttäuschung.

Meinungsfreiheit vs. Manipulation

Noch deutlicher wird das bzw. mein Problem, wenn ich die weltweite Entwicklung der letzten Jahre und den vor kurzem beendeten Bundestagswahlkampf betrachte. In einer Zeit, in der Rechtspopulismus, Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit immer lauter werden, sehe ich mich als Europäer und Demokrat schon länger in der Verpflichtung, den Werten eine Stimme zu geben, die ein friedliches, pluralistisches, sozial gerechtes und freies Miteinander garantieren. Die Bedrohungen der Demokratie führ(t)en dazu, dass ich stärker Stellung beziehe als früher. Auch bei Facebook & Co. Weil mich Schüler_innen aber immer als Lehrer wahrnehmen, auch wenn ich etwas bei Facebook poste, stand ich dieses Jahr vor einer neuen Herausforderung und einigen Fragen. Zum ersten Mal habe ich einen Freund in sozialen Netzwerken bei der Bundestagskandidatur unterstützt. Wie verhält sich aber die Unterstützung eines Bundestagskandidaten in Social Media mit dem Beutelsbacher Konsens? Ich begegnete vor einigen Wochen in einer Facebook-Diskussion der Frage einer Kollegin, ob es problematisch sein könnte, über das Profilbild für eine Partei zu werben. Es bildeten sich schnell zwei Lager. Die Ablehnenden führten auf, dass man sich damit selbst mit einem politischen Stempel belegt, den man nicht mehr los wird. Die Fürsprechenden führten die Meinungsfreiheit und demokratische Werte ins Feld. Mich hat dabei aber am meisten die Frage beschäftigt, wie stark ich Schüler_innen mit meinen Beiträgen in sozialen Netzwerken bei der politischen Willensbildung beeinfluße bzw. überwältige. Auch wenn diese Gefahr gering sein sollte und man den Einfluss der Lehrpersonen nicht überschätzen darf, gehört diese Frage meiner Meinung nach öffentlich diskutiert. Schließlich weiß man, dass reflektiertes Verhalten keine allgemein angeborene Fähigkeit ist und bei jungen Menschen ausgebildet und gestärkt werden muss. Ich gehe fest davon aus, dass die im Zuge des digitalen Wandels die Anzahl der Lehrenden in sozialen Netzwerken zunehmen wird. Bei der Frage nach der digitalen Identität und Souveränität gehört für mich der Beutelsbacher Konsens mit auf die Liste der zu überdenkenden Perspektiven.

Mein Lösungsansatz

  • Ich habe aus meinem Parteibeitritt vor ca. drei Jahren kein Geheimnis gemacht, damit man meine Aussagen politisch klarer einordnen kann. Bei Beiträgen mit einer stärkeren politischen Färbung füge ich gerne mal ein „meiner Meinung nach“ hinzu.
  • Ich strebe Diskussionen über Inhalte, Entscheidungen und die damit verbundenen Personen an und vermeide allgemeine (Ab)Wertungen bezüglich anderer Parteien.
  • Ich wertschätze auch politische Leistungen von Freunden und Bekannten anderer Parteien, wenn ich sie inhaltlich mittragen kann und respektiere ihre Engagement und Überzeugung, einen konstruktiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
  • Ich versuche sachliche und zielführende Debatten zu führen und sie auch als solche auf meiner Seite zu moderieren.
  • Ich bemühe mich einfach zu formulieren.
  • Ich begrüße einen politisch kontroversen Austausch, auf Basis der üblichen Netiquette-Regeln.
  • Ich tausche mich über Web-Verhalten und Fragen immer wieder mit Freunden und Bekannten in unterschiedlichen Social Media-Kanälen aus, um Gedanken, aktuelle Lösungen und Entwicklungen transparent zu machen.

Wie viele Menschen, die sich der politischen Debatte (in sozialen Netzwerken) entziehen, kann sich unsere heutige Gesellschaft noch leisten? Wo beginnt und endet die Verantwortung der politischen Bildung von Lehrenden im digitalen Wandel? Müsste man einen neuen Beutelsbacher Konsens aushandeln, der die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte berücksichtigt? Einfache Antworten wird man darauf wahrscheinlich nicht finden. Bei allen Bedenken, die mich begleiten, überwiegt für mich letztendlich das Argument, dass Einblicke in mein politisches Engagement auch dazu beitragen, meinen Schüler_innen Partizipation und gesellschaftliche Verantwortung vorzuleben – mit dem Beutelsbacher Konsens im Hinterkopf beim Posten.

Ergänzung

Weitere Gedanken zum Thema, aus der Perspektive der non-formalen Bildung, liefert dieser etwas ältere, aber nicht weniger aktuelle WebTalk mit Pr. Dr. Anja Befand, Guido Brombach und Jöran Muus-Merholz.