Bildschirmfoto 2018-11-03 um 14.31.05„Soziale Netzwerke eignen sich nicht für Diskussionen.“ Diese Meinung ist weit verbreitet und resultiert aus den Erfahrungen, die jeder selbst schon mal bei Debatten in Social Media gesammelt hat. Begründet wird das oft mit dem Fehlen von Mimik, Gestik oder dem Ton des Gegenübers und der Reduzierung der Kommunikation auf die Schrift. Oder einer enthemmenden Anonymität und veränderten Öffentlichkeit. Die Bewertung, soziale Netzwerke würden sich für Diskussionen nicht eignen, lädt aber auch ein, sich dem Diskurs zu entziehen oder sich von der Verantwortung (bezüglich einer Beteiligung oder dem Verlauf einer Debatte) freizusprechen und unterliegt meiner Meinung nach einem Denkfehler: Es wird zwar wahrgenommen, dass die Möglichkeiten der Kommunikation sich wandeln, es wird aber (gedanklich) daran festgehalten, dass die Kommunikation selbst dabei unverändert bleiben soll.

Es wird mehr und anders kommuniziert, weshalb der Kommunikation im kulturellen Wandel eine entscheidende Rolle spielt. Wie eine adäquate Anrede oder Grußformel am Ende eines Briefes auszusehen hat, habe ich vor ca. 30 Jahren in der Schule gelernt. Weder eine solche klare und einheitliche Etikette noch das gemeinsame Erlernen existieren heute für die Kommunikation in Social Media, weil es u.a. in Schulen nicht stattfindet oder jedes soziale Netzwerk eigenen Regeln unterliegt. Beispielsweise duzen sich bei Twitter die meisten Nutzerinnen und Nutzern untereinander, unabhängig von Bekanntheit, Amt oder Titel. (Was mir das Netzwerk besonders sympathisch macht.) Das Sie wird (zumindest in meinem Umfeld) eher bei einem Streit mit Unbekannten ausgepackt. Eine sich immer schneller ändernde Technik, Wirkung und Anwendung erschwert, dass ein allgemeiner Konsens gefunden und etabliert wird. Auch der Einfluss der Plattformbetreiber selbst, ist in diesem Kontext nicht zu unterschätzen. Es sind in den letzten Jahren schließlich ausreichend Fälle öffentlich und kontrovers diskutiert worden, die belegt haben, dass nicht alle die Auffassung von Facebook teilen, was als gesellschaftlich akzeptabel oder nicht bewertet werden soll.

Wenn Diskussionen über soziale Netzwerke nicht funktionieren, kann das auch bedeuten, dass bereits vorher bestehende kommunikative Defizite vorhanden waren und nun nur sichtbar werden oder dass schlicht die Vorstellungen, wie eine erfolgreiche Kommunikation zu verlaufen hat, voneinander abweichen. Vielleicht trägt auch die überholte Auffassung, Medien seien nur ein Transportmittel, zum Missverständnis sozialer Netzwerke bei. Wer über Social Media diskutieren möchte, wird mit der reinen Übertragung bisheriger Verhaltensmuster scheitern. Neues Wissen und weitere Kompetenzen sind gefragt. Es handelt sich hierbei auch um keine (rein) schulische, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Ein gemeinsamer Prozess mit und über Social Media. Immer wieder die eigene Kommunikation selbst und mit Freunden oder Bekannten zu reflektieren, hilft (allen) dabei. (Mich persönlich interessieren zunehmend psychologische Aspekte wie FramingProjektion oder Reaktanz.) Das wird unbequem und langer dauern, aber ist Teil des der Digitalen Transformation. 

Den hier veröffentlichten Beitrag habe ich für die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen ihrer Kampagne #BesserDatenSchützen verfasst.

Wir befinden uns in einer digitalen Transformation, in der die gesellschaftliche Ordnung grundlegend verändert wird. Niemand steht so prominent und umstritten in der breiten Öffentlichkeit wie Facebook für zwei Themenfelder, die in diesem Prozess eine wesentliche Rolle spielen: Social Media und Daten.

Ein Bildungsziel muss es sein, bei jungen Menschen zumindest ein Grundverständnis über Aufbau, Wirkung und Zusammenhänge zu erreichen, damit sie in einer digital vernetzten Welt mündig wirken und Gesellschaft mitgestalten können. Wie das am besten gelingen kann, ist eine der großen Fragen unserer Zeit.

Bisher spielen beide Themen in deutschen Schulen, an denen Smartphone-Verbote üblich sind, kaum bis gar keine Rolle. Wenn sie aber aufgegriffen werden, geht es meist darum, über mögliche Gefahren aufzuklären. Cyber-Mobbing, Cyber-Grooming (das gezielte Ansprechen von Minderjährigen durch Erwachsene, um einen sexuellen Kontakt herzustellen) und Datenschutz bilden hier ein häufig überstrapaziertes Trio. Definitiv drei wichtige Aspekte. Die Grundidee von Social Media, nämlich miteinander zu kommunizieren, wird in ihrer Komplexität und ihrem Umfang dadurch allein leider nicht annähernd erfasst. Dass Instagram & Co unter und nicht auf den Schultischen stattfinden, liegt wahrscheinlich auch daran, dass Lehrende sich gerne zum Personenkreis zählen, der denkt, auf eine Beteiligung in sozialen Netzwerken verzichten zu können.

internet-3113279_1920Sich Facebook & Co zu entziehen oder seinen Account zu deaktivieren, klingt simpel, stellt aber ein Privileg dar, das sich nicht jede Person leisten kann. Als Beleg dafür reicht ein Blick in die politische oder wirtschaftliche Landschaft oder Wahlverläufe. Übrig bleiben nicht wenige Offliner, deren Wissen über soziale Netzwerke sich auf Print- und TV-Beiträge beschränkt und die keinen Sinn darin sehen, ihre kostbare Zeit für Unnützes zu verschwenden. Dabei sind die großen Social Media-Plattformen bereits über zehn Jahre alt und schon lange mehr als nur eine Möglichkeit, Freunde und Bekannte mit unzähligen Fotoserien am Elternstolz teilhaben zu lassen oder die Welt zu informieren, welche Pizza man bei welchem Italiener gerade gegessen hat. Das gesamtgesellschaftliche Leben hat in Social Media mittlerweile ein digitales Zuhause und bildet auch zunehmend regionale Strukturen ab.

Social Media als Chance

Eigentlich stellen soziale Netzwerke eine Chance für Schulen dar, sich zu öffnen, vom Austausch zu profitieren und noch stärker in die Gesellschaft zu wirken. Wie das funktionieren kann, zeigt seit Jahren eine wachsende Anzahl an Lehrenden, die sich mithilfe von Twitter, Facebook, Blogs oder sogar Instagram gemeinsam Gedanken machen, was zeitgemäße Bildung bedeutet und wie sie erreicht werden könnte. Dabei werden in Facebook-Gruppen oder unter Hashtags wie #zeitgemäßeBildung bei Twitter wilde Ideen bis hin zu konkreten Projekt- und Unterrichtskonzepten ausgetauscht und kollaborativ entwickelt. Man diskutiert kontrovers und unterstützt sich gegenseitig, auch um etwas Bewegung in den trägen Tanker Schule zu bringen. Persönliche Lernnetzwerke und unterschiedliche Expertisen werden aufgebaut und gepflegt. Es finden echte und nachhaltige Lernprozesse statt, wovon sich das System Schule gerne ein paar Scheiben abschneiden könnte. Beispielsweise erfolgt dieses Lernen der Lehrenden mithilfe sozialer Netzwerke anhand echter, nicht schulisch geleiteter Fragen. Wo, mit wem, wann und wie lange gelernt wird, wird frei gewählt und bestimmt. Außerdem findet der Austausch über Fachgrenzen hinweg statt, was erforderlich ist, wenn man den Transformationsprozess und Social Media verstehen möchte.

Wer im Unterricht zum Beispiel Framing bei rechtspopulistischen Auftritten in sozialen Netzwerken betrachtet, benötigt für das Verständnis psychologische, historische, sprachliche, politische, informationstechnische und ethische Aspekte. Der wohl wichtigste bei allen genannten Punkten ist das gemeinsame Erarbeiten. In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es unterschiedliche Expertisen und Perspektiven. Deshalb empfiehlt es sich, regelmäßig mit Klassen darüber zu sprechen, was sie in welcher Plattform aktuell überhaupt machen, wie und weshalb dort Meinungen zu Themen gebildet werden. Auch weil die Veränderungen sozialer Netzwerke einer deutlich anderen Dynamik unterliegen als das klassische Schulbuch.

Auch Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen

Ein erfolgreicher Dialog hängt von der Bereitschaft der Lehrpersonen ab, sich wertfrei auf unbekanntes Terrain zu begeben und das Wissen und den Blickwinkel der Schülerschaft einzubinden und wertzuschätzen. Das mag einfach klingen, ist es aber nicht. Die drei größten Hürden stellen erfahrungsgemäß Wertfreiheit, Angst vor Kontrollverlust und der Rollenwechsel vom Lehrenden zum Lernenden dar.

Um ein letztes Potenzial sozialer Netzwerke zu nennen, möchte ich den Blick in die USA richten. Im Februar diesen Jahres hat es nach einem Amoklauf an einer High School in Florida eine Gruppe von Überlebenden über YouTube, Twitter und Instagram geschafft, ihrem Anliegen weltweit Gehör zu verschaffen. Einen Monat später erreichten die Jugendlichen so eine Verschärfung des Waffenrechts in ihrem Bundesstaat und mit dem „March for Our Lives“ die größten Anti-Waffen-Proteste in den USA seit Jahrzehnten. Das zeigt: Social Media bieten Möglichkeiten der Demokratisierung und Partizipation aller, indem bestehende Hierarchien überwunden werden können. Soziale Netzwerke sind weder gut noch schlecht, sondern das Produkt unseres Wirkens.

Datenbewusstsein – ein mögliches Ziel

Auch beim Thema Daten gilt der bereits empfohlene Ansatz: Lehrkräfte sollten gemeinsam mit ihren Klassen die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels im digitalen Zeitalter analysieren und unterschiedliche Expertisen und Perspektiven berücksichtigen – und diskutieren, wenn man nicht vorformulierte Antworten, sondern Mündigkeit anstrebt. Schülerinnen und Schüler brauchen keine Datenschutz-Debatten, in denen das Fehlen von Datenbewusstsein bemängelt wird und Erwachsene ihre moralischen Appelle und Überlegenheit präsentieren, die in der Regel verhallen. Um ein Datenbewusstsein entwickeln zu können, benötigen sie Transparenz und Wissen, welche Daten wann generiert werden, wer einen Zugriff darauf hat oder welche Chancen und Risiken sie für den Einzelnen oder die Gesellschaft bieten und wer das wo beschließt.

Man sollte Klassen nicht die eigene Auffassung von Privatsphäre und Datenschutz aufzwängen. Die Grenze zwischen Lehren und Belehren scheint hier fließend. Ich muss als Lehrer nicht erreichen, dass alle DuckDuckGo als Standard-Suchmaschine auf ihren Smartphones einrichten – aber dass sie zumindest wissen, dass es sie gibt und was sie im Vergleich zu Google und Co. leisten kann.

Rahmen und Rolle vom System Schule müssen neu gedacht werden, wenn man im Transformationsprozess nicht nur reagieren, sondern gestalten möchte. Und weil es sich dabei um eine gesellschaftliche Herausforderung handelt, braucht es neben der Schule weiteres Engagement für Räume, in denen jungen Menschen partizipieren können und gehört werden. Vom 08. bis zum 10. Juni fand in Berlin die TINCON statt, eine Gesellschaftskonferenz von Jugendlichen für Jugendliche, die eine gute Gelegenheit für Impulse, Austausch und Vernetzung bietet. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir jungen Leuten von heute begegnen. Fangen wir an, zu begreifen und investieren wir in unsere Zukunft.

March_for_Our_Lives_logoIch habe in den letzten Jahren immer wieder gelesen, dass die Versprechen des Webs, z.B. eine mögliche nächste Stufe der Demokratisierung zu erreichen, bisher unerfüllt blieben. Vielleicht war aber einfach die Zeit noch nicht reif dafür. Welches partizipative und demokratische Potenzial das Web birgt, zeigt nicht nur die aktuelle Bewegung nach dem Massenmord an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, die mit der Organisation der Demonstration March for Our Lives am 24. März 2018 in Washington D.C. die nächste Partizipationsstufe von Schüler_innen erreicht. Es ist nicht die erste Bewegung, die im Web begann, organisiert oder verbreitet wurde. Letztes Jahr prägten die Pussyhats oder der Hashtag #MeToo weltweit die gesamtgesellschaftlichen Debatten. Aufgrund der Gruppierung hinter der aktuellen Bewegung ist dieser Fall für Schulen und Hochschulen aus zweierlei Sicht interessant: Die Perspektive der Schülerschaft und die der Lehrenden.

Schülerperspektive

Ich engagiere mich seit über 15 Jahren in unterschiedlichen Bereichen der Jugendbeteiligung. Wenn ich dazu ein Resümee ziehen müsste, wäre es, dass Meinungen junger Menschen normalerweise in öffentlichen Debatten kaum bis gar keinen Raum erhalten bzw. Gehör finden. (Seit Dezember 2015 und der Einführung des § 41a in der Gemeindeverordnung versucht man das in Baden-Württemberg mal mehr oder weniger erfolgreich zu verändern. Wer zu diesem Thema nähere Informationen wünscht, sollte der Arbeit von Udo Wenzl auf sozialen Netzwerken oder in der Presse zu folgen.) Was haben Emma Gonzalez, Delaney Tarr, David Hogg und die vielen anderen jungen Menschen eigentlich erreicht? Sie haben es geschafft, ihrer Stimme über die medialen Möglichkeiten ein Gewicht zu verleihen und den öffentlichen Raum zu besetzen. Philippe hat hier zu diesem Aspekt der Medienbildung einen lesenswerten Beitrag verfasst. Wer die Mechanismen und Spielregeln sozialer Netzwerke versteht, wird zur gesellschaftlichen Mitgestaltung befähigt und kann bestehende Strukturen und Hierarchien überwinden. In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürfen junge Menschen in Beteiligungsprozessen nicht untergehen. Das Themenfeld Social Media verdient deshalb im Bildungsbereich eine (größere) Beachtung, weil es ein wesentliches Element der Mündigkeit und freien Gestaltungsfähigkeit im digitalen Wandel darstellt.

 

Lehrende und Social Media

Nachdem Trump seine Idee, Lehrer_innen bewaffnen zu wollen, um so Amokläufe zu verhindern, geäußert hatte, folgten diese dem Beispiel der Teenager und verschafften ihrer politischen Haltung einen öffentlichen Raum, indem sie bei Instagram unter #armmewith posteten, womit sie bewaffnet werden möchten. Bildschirmfoto 2018-02-23 um 08.38.56In sozialen Netzwerken öffentlich politisch Stellung zu beziehen, ist für Lehrende eine komplexe Angelegenheit, weil sie in doppelter Rolle auftreten. Als Lehrende, die u.a. den Beutelsbacher Konsens beachten sollten, aber auch als Teil der Gesellschaft, in der sie durch ihr Engagement Beteiligung vorleben. Es lässt sich ausgiebig und kontrovers darüber diskutieren, wie aktiv oder passiv diese Rollen, besonders in der aktuellen weltpolitischen Entwicklung, gelebt werden sollten. Was aber alle leisten können und sollten, wäre es, junge Menschen nach ihrer Meinung zu fragen, sie ernst zu nehmen und sie zu unterstützen, unsere Gesellschaft mitzugestalten, sei es nur durch einen Tweet.Bildschirmfoto 2018-02-23 um 20.54.10

Bildschirmfoto 2018-01-05 um 13.06.56Wer einem sozialen Netzwerk beitritt, kennt das Gefühl, sich zuerst orientiert zu müssen. Neben der Klärung technischer und elementarer Fragen, wie der persönlichen Nutzung und Rolle, beginnt gleichzeitig und mehr oder weniger bewusst die Suche nach sozialen Normen und Ordnungen im digitalen Raum*. Am Beispiel Twitter betrifft das u.a. folgende Aspekte: Was und wie man schreibt, liket, retweetet, verlinkt und kommentiert oder wem man folgt, wann man zurückfolgt, entfolgt, blockt und stummschaltet. Soziale Normen können sich nicht nur zwischen den sozialen Netzwerken unterscheiden, sondern stehen auch in Abhängigkeit zur selbst zusammengestellten Timeline. Hierin mag viellicht auch die größte Attraktivität und Abweichung zum analogen Raum liegen. Als soziale Norm kann bei Twitter der timelineübergreifende Konsens bei gewissen Themen bezüglich der Handlungserwartungen verstanden werden. Zum Beispiel das Duzen oder die Ächtung kopierter, fremder Tweets, die als eigene ausgegeben werden. Nachdem die Anzahl der Lehrenden in sozialen Netzwerken immer stärker zunimmt, möchte ich mit ein paar Gedanken und Fragen zur anfänglich erwähnte Orientierung am Beispiel Twitter beitragen.

Reflexion vs Reichweite

Der aktuell beliebte Hashtag #Twitterlehrerzimmer verdeutlicht ganz gut die Ausgangslage und Schwierigkeiten für Social Media-Neulinge und eine Parallele zur Situation im analogen Lehrerzimmer. Wer schon einmal die Schule gewechselt hat, kennt das beim Betreten anfängliche Abtasten nach sozialen Normen und Ordnungen. Nur ist das Twitterlehrerzimmer öffentlich, für alle transparent und Teil eines größeren digitalen Raumes. Die Handlungswartungen sind nicht rein von Lehrenden geprägt, sondern auch von der restlichen Twitter-Community. Ein besonderes Twitter-Phänomen, das wahrscheinlich aus der ehemaligen Begrenzung auf 140 Zeichen und der damit verbundenen Reduktion auf das Wesentliche resultiert, ist das hohe Ansehen vom Spiel mit der Sprache. Jede kreative Wortschöpfung oder treffende Formulierung wird mit Likes und Retweets belohnt. (Es existieren zahlreiche anonymisierte Accounts mit mehreren Tausend Follower, über die ausschließlich witzige, tiefsinnige oder originelle Tweets generiert werden.) Dass man mit wenig Aufwand schnell und viel Aufmerksamkeit erreichen kann, beflügelt zusätzlich; auch, dass Tweets in Zeitungen, Büchern oder im Fernsehen zitiert werden. Manchmal bleibt beim Wetteifern die nötige Distanz und Reflexion auf der Strecke und erinnert an eine Konditionierung, in der Likes, Interesse und Ansehen als Verstärker dienen. Kann man von Lehrenden erwarten, reflektierter als andere zu twittern? Ich würde das bejahen, da sie ihrer Vorbildfunktion im öffentlichen Raum nachkommen und spätestens bei Äußerungen über die eigene oder fremde Schule, Klassen, Schüler_innen, das Kollegium oder sonstige Interna, die man so auch nicht einem Freund über die Sprechanlage einer Straßenbahn verkünden würde, sorgfältig abwägen müssen. Lehrende erheben übrigens nicht selten für sich den Anspruch, medienkompetenter als andere zu sein.

Entwicklung sozialer Normen

Wie geht man in sozialen Netzwerken mit Trollen, Fake News, Hate Speech oder rassistischen Tweets, die Teil einer gezielten politischen Provokation, sind um? Letzteres wird seit Tagen sehr kontrovers diskutiert. Diese Debatte steht für die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung sozialer Normen in der digitalen Transformation. Die bisherige Handlungserwartung, auf die man sich gegenseitig immer wieder durch den Hashtag #StopMakingStupidPeopleFamous aufmerksam gemacht hat, wird nun in Frage gestellt. Sollte man rassistische Äußerungen tatsächlich ignorieren? Trägt man damit nicht dazu bei, dass diese ohne einen Widerspruch salonfähig gemacht werden? Wer und weshalb Tweets verfasst, spielt aus meiner Sicht hierbei eine wesentliche Rolle. (Wenn sich Lehrende entscheiden, den Weg in die sozialen Netzwerke zu beschreiten, sollten sie für sich geklärt haben, ob, wann und wie sie sich zu politischen Geschehnissen äußern. Neben den Herausforderungen im Social Media-Kontext, die sich durch den Beutelsbacher Konsens ergeben, empfiehlt es sich, eine persönliche Strategie zu entwickeln, die mögliche Mechanismen und aktuelle Erkenntnisse berücksichtigt. Zum Thema Fake News sollte man zum Beispiel diesen Beitrag von Michael Kreil gesehen bzw. gehört haben.) Dass man sich immer wieder an passender Stelle öffentlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ausspricht, finde ich wichtig und notwendig. Wenn aber bekannt ist, dass eine Partei gezielt rassistischen Aussagen bzw. Provokation platziert, um so eine größere öffentliche Wahrnehmung zu erreichen und im gesellschaftlichen Diskurs die Themen zu diktieren, wird die Sache komplexer.
Ich kann allen Lehrenden nur empfehlen, sich den Debatten anzuschließen, die sozialen Normen in sozialen Netzwerken mitzugestalten und das alles auch in die Schulen zu tragen.

*Mich stört die begriffliche Unterscheidung zwischen RL (Real Life) bzw. offline und digitaler Welt bzw. online, weil eine scharfe Trennung suggeriert wird, die in vielen Fällen gar nicht existiert. Weil es in meinem konkreten Fall um soziale Normen geht, die ich in Kontext des Beitrags am ehesten in Abhängigkeit zum Raum verstehe, werde ich zwischen einem digitalen und analogen Raum differenzieren.

Nicht selten entsteht der Eindruck, der digitale Wandel sei auf Kritiker und Befürworter reduziert, die gleichermaßen Bedrohungsszenarien zeichnen. Das eine Lager spricht von digitaler Demenz und das andere von digitaler Rückständigkeit. Dabei werden komplexe Entwicklungen und Zusammenhänge als schwarz oder weiß, richtig oder falsch vereinfacht dargestellt. Poltische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnungen verändern sich gerade grundlegend. Wir befinden uns mitten in einer digitalen Transformation. Strukturen werden aufgelöst und Machtverhältnisse verschoben. Man kann die Entwicklungen ignorieren oder diskreditieren, aber sich nicht dem Prozess entziehen. Deshalb prallen stark abweichende Vorstellungen und Analysen vom Heute und Morgen aufeinander, im Kampf um die Deutungshoheit. Für Zwischentöne und Komplexität scheint wenig Platz im öffentlichen Diskurs. In der Regel werde ich den Befürwortern zugeordnet, weil ich im Wunsch nach Kontroversität gerne die Potenzialen der Digitalisierung thematisiere und mich für einen positiven Zukunftsentwurf ausspreche. Ausgesucht habe ich mir weder den Kampf noch die Seite.

Nach Schätzungen, die auf Metaanalysen der Verhaltensforschung basieren, beruht unsere Sprache nur zu 2% auf rationalen Fakten und Einsichten und 98% auf Gefühlen, Vorurteilen, Mythen, Gerüchte oder Bewegungen, die unbewusst mitschwingen. Es geht bei Diskussionen und Entscheidungen also nicht um Fakten, sondern um das Framing, das erreicht wird. Wenn Ralf Lankau im Streitgespräch bei der Badischen Zeitung (Das BZ-Interview kann man bisher leider nur in der Papiervariante und als BZPlus-Artikel im Netz lesen. Sobald es freigeschaltet wird, werde ich es hier verlinken.) mit Sebastian Lorenz und mir vom einem digitalen Fukushima spricht, wird im Hirn der Bereich aktiviert, der für Angst zuständig ist. Über diese Art der Kommunikation lassen sich Bücher verkaufen. Lösungen für die Herausforderungen des digitalen Transformation kann ich leider nicht erkennen.

In den Debatten über Bildung im digitalen Wandel taste ich gedanklich immer wieder den zeitlosen Text Standardsituationen der Technologiekritik von Kathrin Passig ab, um für mich zu klären, welches der aufgelisteten Argumente gerade bedient wird. Das scheint übrigens auch für die aktuelle Twitter-Auseinandersetzung zu gelten. Bisher hatte die Beschränkung eines Tweets auf 140 Zeichen das soziale Netzwerk Twitter ausgezeichnet. Man war gezwungen seine Aussagen auf das Wesentliche zu reduzieren und dabei kreative Lösungen zu finden. Seit ein paar Tagen wurde die mögliche Zeichenzahl verdoppelt. Die Reaktionen darauf kann man unter dem Hashtag #280Zeichen nachlesen. Dass so viele Menschen, die mit 140 Zeichen über Offenheit gegenüber Veränderungen des digitalen Wandels geschrieben hatten, jetzt wegen 280 Zeichen die Qualität der Beiträge und noch mehr gefährdet sehen, zähle ich zum Teil als weitere Standardsituationen der Technologiekritik. Die 140 Zeichen-Grenze wurde schon vor der Änderung mit Hilfe von Screenshots von Texten oder Threads (Weitere Tweets an den ersten als Antwort hängen, um einen Erzählstrang zu erhalten.) umgangen. Kathrin Passigs Beitrag eignet sich nicht zur Eigen- oder Fremdanalyse, sondern liefert auch einen wichtigen Aspekt, der das Verhalten erklärt:

„Das eigentlich Bemerkenswerte am öffentlich geäußerten Missmut über das Neue aber ist, wie stark er vom Lebensalter und wie wenig vom Gegenstand der Kritik abhängt. Dieselben Menschen, die in den Neunzigern das Internet begrüßten, lehnen zehn Jahre später dessen Weiterentwicklungen mit eben jenen damals belächelten Argumenten ab. Es ist leicht, Technologien zu schätzen und zu nutzen, die einem mit 25 oder 30 Status- und Wissensvorsprünge verschaffen. Wenn es einige Jahre später die eigenen Pfründen sind, die gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen, wird es schwieriger.“

Was jemand damit meint, wenn er beteuert, nicht technikfeindlich zu sein, weil er schließlich selbst seit Jahren Technik nutzt, wird damit zum Teil verständlicher. Eine zielführende Debatte erleichtert es aber nicht. An dieser Stelle teile ich das Plädoyer von Reinhard Wolf, das man hier als PDF kostenlos erhält, für mehr Lernbereitschaft in der Demokratie. Er führt auf und belegt, dass intelligente und gebildete Menschen nicht gegen gefühlsgeleitete Realitätsverweigerung immun sind, sondern lediglich ihre subjektive Meinungen besser mit Argumenten untermauern können. Es gilt somit, besonders im digitalen Wandel, die arrogante Sichtweise, es gäbe „manipulierbare Normalbürger“, zu überwinden und vom hohen Ross des Belehrens auf die Ebene des gemeinsamen Lernens und Lösens komplexer Probleme zu steigen. Für mich als Lehrer bedeutet das einen Rollenwandel bezüglich meiner Schüler, in dem ich mich befinde.
Wer bestehende Systeme ernsthaft in Frage stellt, gerät in innere Konflikte zwischen bisherigen und neuen Denkmustern, Ideen und Überzeugungen. Und genau das ist sehr anstrengend, aber wichtig, wenn gemeinsam ein positiver Zukunftsentwurf entwickelt werden soll, der notwendig ist.

Bildschirmfoto 2017-11-11 um 14.35.40„Es gilt ein neues Weltbild auf neuem Terrain zu entwickeln, anstatt den Kampf der Kulturen auf altbekanntem Boden fortzuführen.“

Hinter dieser Aussage stecken eine Studie, Analysen und Visionen, die ich hier nachzulesen empfehle. Die Befähigung zur Mitgestaltung einer für alle lebenswerten Zukunft sehe ich als eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Wie das im Bildungsbereich aussehen kann, gilt es gemeinsam auszuhandeln. Im und außerhalb des Webs.

 

Ein Anfang

Immer mehr Lehrende machen sich auf den Weg, den digitalen Wandel mitzugestalten. Die sozialen Netzwerke bieten hierfür eine Plattform, um sich zu informieren, auszutauschen und zu vernetzen. Vor knapp vier Jahren habe ich einen Twitter-Account angelegt und mein Zuhause für Bildungsfragen entdeckt. (Mittlerweile habe ich einen Zweitwohnsitz bei Facebook und einen Drittwohnsitz bei LinkedIn.) Am Anfang haben mich das Tempo und die Dynamik überfordert. Aber bereits nach einigen Monaten und viel Unterstützung begann ich Tipps, Erfahrungen und Ideen zu sammeln, was man so zu Digitale Bildung machen kann. Die Grundbausteine meiner Vorstellung wurden gelegt. Ein Jahr später war ich nicht mehr nur Konsument und Beobachter, sondern begann mitzudenken, selbst zu experimentieren und meine Gedanken in einem Blog zu veröffentlichen. Mittlerweile weicht meine Auffassung von zeitgemäßer Bildung von der anfänglichen deutlich ab. Dabei verfolgt mich bis heute eine Fragen, mit der ich immer wieder konfrontiert werde und die ich nicht ausreichend beantworten kann: Wie führt man zielführend kontroverse Debatten (in sozialen Netzwerken)?

Wie führt man zielführend kontroverse Debatten (in sozialen Netzwerken)?

Wenn man einige Artikel gelesen, Workshops besucht, Vorträge gehört und Diskussionen über Bildung im digitalen Wandel geführt hat, stellt man fest, dass sich die Fragen und Antworten wiederholen. Das liegt in erster Linie daran, dass immer wieder neue Menschen hinzukommen, die den von mir in der Einleitung beschriebenen Prozess durchlaufen. Andererseits konnte ich aber auch beobachten, dass sich manche schneller und manche langsamer weiterentwickeln. Die Gründe dafür sind unterschiedlich und müssten differenziert betrachtet werden. Der Konsens der Veränderungswilligen besteht lediglich darin, dass etwas geschehen muss. Über das Was und Wie lässt sich streiten. Und genau das halte ich für notwendig. In meiner Beobachterrolle der Anfangszeit habe ich am meisten aus den kontroversen Debatten gelernt, die ich bei Twitter oder über Blogbeiträge mitlesen konnte. Erst durch die Kontroversität wurde eine Vertiefung des Sachverhalts erreicht, die mir zu einem klareren Bild verholfen hat. Leider finden solche Debatten aus meiner Sicht noch zu wenig statt, was dazu führen kann, dass man sich in der Menge und Oberflächlichkeit der Beiträge verliert. Ein klärender Prozess, was Bildung im digitalen Wandel denn nun bedeutet, leisten kann, soll oder muss, wird durch das Umgehen dieser Diskussionen nicht in Gang gesetzt.

Wie führt man aber zielführend kontroverse Debatten (in sozialen Netzwerken)? Ich weiß es nicht. Zumindest beobachte ich einen Indikator, der einen solchen Verlauf begünstigt. Neben den offensichtlichen Aspekten, wie Kritikfähigkeit und Sachlichkeit, braucht es auch den Wunsch nach einer kritischen Auseinandersetzung. Mein Paradebeispiel hierfür ist (natürlich ein Schweizer) Philippe Wampfler. In meinem Umfeld kenne ich niemanden, der immer wieder so offen Kritik einfordert und sie als Möglichkeit sieht, seine Gedanken zu hinterfragen und zu schärfen. Kurz: Ob Menschen ernsthaft an Kritik interessiert sind, leite ich aus ihrem länger beobachtetem Verhalten ab. Wenn Personen nach x-facher Kritik, x Mal die Kritik als für unangebracht kommentieren, zweifle ich an deren Offenheit und Wunsch nach einer kontroversen Auseinandersetzung. Dass die Kommunikation über soziale Netzwerke eigenen Regeln und Herausforderungen unterliegt, macht es nicht leichter. Twitter spielt durch die Begrenzung auf 140 Zeichen hier eine Sonderrolle. Ich erlebe viele Lehrende, die sich gegenseitig unterstützen und ermutigen. Manche bilden sogar Gemeinschaften, die man unter den Hashtags #edupnx oder #BayernEdu findet, um als Ansprechpartner, für einen Austausch und Helfergruppe im Netz erkennbar zu sein. Wie kann man aber der Gefahr begegnen, dass vor lauter Lob, kein Raum mehr für berechtigte und notwendige Kritik übrig bleibt, um in der Sache voranzukommen? Ideen und Konzepte in Frage zu stellen, Gegenargumente zu formulieren und sich zu positionieren kostet Kraft und kann auch sehr unangenehm sein. Es ist aber notwendig, wenn wir in einigen Jahren nicht feststellen wollen, dass es eigentlich nichts Neues, nur viel mehr Leute im Netz gibt.

In eigener Sache

Weil meinen kritischen Beiträge nicht immer richtig interpretiert werden, möchte ich kurz dazu Stellung beziehen, weshalb, wann und mit wem ich eine kontroverse Debatte suche. Ich kritisiere grundsätzlich Konzepte, Ideen, Methoden, Tools oder Projekte und nicht Personen. Problematisch wird es, wenn beides zusammenfällt. Wenn zum Beispiel jemand über harte Arbeit und viel Zeit sich als Koryphäe einer Methode einen Namen gemacht hat, wird es unmöglich, die Methode zu kritisieren, ohne dass ein persönlicher Angriff vermutet oder empfunden wird. Ich differenziere auch bei meinem Gegenüber. Bei einem Neuling würde ich nicht (mehr) kritische Aspekte äußern und ihn eher ermutigen. Außer er würde von sich auch den Dialog suchen und danach fragen. Ich unterscheide auch über den Auftritt einer Person, ob ich ihr meine sehr direkte Art zutrauen möchte. Wenn jemand die große Bühne und das Rampenlicht sucht, rechnet die Person aus meiner Sicht auch damit, dass nicht nur Beifall von den Rängen kommt. Bei solchen Konzepten, Ideen, Methoden, Tools oder Projekten bin ich gründlicher in meiner kontroversen Betrachtung, weil ich mit wachsendem Publikum eine größere Verantwortung und Notwendigkeit der Kontroversität sehe. Natürlich mache ich dabei auch einige Fehler. Falls ich jemanden persönlich verletzt haben sollte, bedauere ich das und entschuldige mich hiermit dafür. Meine Interesse ist und bleibt in der Sache, die Weiterentwicklung einer Vorstellung, was Bildung im digitalen Wandel bedeutet, leisten kann, soll oder muss. Dafür hoffe ich auf möglichst viel kontroverse, sachliche und zielführende Debatten. (Ich verzichte übrigens auf gut gemeinte „Habt euch wieder lieb.“-Kommentare, weil sie a.) eine persönliche Ebene suggerieren oder sie dadurch auf diese heben, die ich nicht beschreiten möchte und b.) nicht mein Ziel einer kontroversen Auseinandersetzung widerspiegeln.)

Gestern bin ich auf einen Tweet gestoßen, indem sich ein Lehrer über einen Schüler, der in die Hose pinkelte, lustig gemacht hat. Weil mir das Thema auf diese Weise nicht zum ersten Mal begegnet, möchte ich ein paar Dinge ansprechen, die meiner Meinung nach eine (breitere) gesellschaftliche Debatte verlangen.

Als ich vor einigen Jahren Twitter beitrat und in meiner Biografie Lehrer angab, wurden mir relativ schnell Accounts in die Timeline gespült, die Unterhaltsames aus der Schule verarbeiteten. Mal mehr und mal weniger lustig. Anfangs machte ich auch mit und muss zugeben, mir wenige, ernsthafte Gedanken über schulische oder rechtliche Aspekte gemacht zu haben. Die Verlockung der Aufmerksamkeit ist da und wirkt auf Menschen unterschiedlich stark. Dass eine Kerstin Brune schon lange und erfolgreich über ihren Schulalltag twittert, macht es nicht nur akzeptabler, sondern lebt es auch vor. Humor ist gesund und Schule kann sowieso ne ordentliche Dosis davon vertragen. Außerdem fühlen sich Likes gut an und zusätzliche Follower noch mehr. Das Wohnzimmer-Stimmung eines Social Media-Accounts begünstigt das Ausblenden von Verantwortung und Konsequenzen. Das Bewusstsein dafür setzte bei mir erst ein, als ein Kollege mein Verhalten an einer Stelle kritisierte und mich auf die generelle Problematik aufmerksam machte. Seitdem bin ich sensibilisiert und orientiere mich (auch in sozialen Netzwerken) noch stärker am Sokrateischen Eid. Social Media sollte nicht nur ein Bestandteil der Lehrerfort- und -ausbildung sein, sondern auch im Unterricht den notwendigen Raum einnehmen. (Die in Baden-Württemberg immer noch geltende Handreichung des Kultusministerium von 2013 hat durch ihre Verbote lediglich das Problem aus dem schulischen in den privaten Bereich verlagert und bietet Schülerschaft und Kollegien bis heute keine Unterstützung auf der Suche nach Lösungen.)

Natürlich kostet das Kraft und Zeit, Kritisches anzusprechen. Es droht auch die Gefahr, im stets hippen Narrativ des Webs, als Spaßbremse oder spießig zu gelten, wenn man aus eigener Sicht problematische Tweets/Postings anspricht. Und dann ist da noch die Dynamik und Gefahr der Empörungskultur, die eigenen Gesetzen folgt. Die Grenzen der Satire wurden nach Böhmermanns Erdogan-Gedicht letztes Jahr breit, emotional und kontrovers diskutiert. Mit Humor verhält es sich wahrscheinlich ähnlich. Was geht oder nicht, handeln wir letztendlich durch unser Verhalten im Netz gerade aus. Ich wünsche mir Lehrer_innen, die über soziale Netzwerke ihre Schüler_innen als Mensch bestärken und unterstützen und nicht über Häme nach Reichweite eifern. Lehrende sind keine besseren Menschen und können auch nicht unfehlbar sein, haben aber berufsbedingt eine größere (auch rechtliche) Verantwortung als andere. Darüber sollte man sich vor jeder Veröffentlichung bewusst sein.

Ergänzungen

  • Ich mag die Tweets von Kerstin Bruno und schätze (sehr) Humorvolles aus dem Schulalltag bei Twitter & Co. Mein Wunsch ist es, dass zukünftig Inhalte und Verhalten im Web mehr miteinander reflektiert werden.
  • Weil sich in diesem Zusammenhang immer wieder das Argument „Wenn nicht bekannt ist, um wen es geht, schadet es auch keinem“ wiederholt: Das Problem ist, dass man in den meisten Fällen sehr wohl Näheres ermitteln kann, wenn man es darauf anlegt. Außerdem geht es nicht nur um den Schaden an der Person, sondern um gesellschaftliche Werte. Sich groß machen, indem man Mitmenschen klein macht, gehört nich zu meinem gesellschaftlichen Verständnis.
  • Klarname und Profilbild helfen zumindest mir dabei, mich an die Verantwortung der digitalen Identität zu erinnern und unterstützen mich, sachlicher und zielführende zu diskutieren.
  • Weil ich die oben verlinkte Social Media-Handreichung als noch ausbaufähig beschreibe, erhielt ich von Florian Karsten den Hinweis, dass bei ihm am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasium) in Stuttgart alle Referendar_innen einen Vortrag zum Thema Soziale Medien und folgenden Leitfaden erhalten.