Letzten Sonntag deaktivierte ich nach fast zehn Jahren meinen Twitter-Account bzw. mittlerweile X-Account und löschte die Twitter-App von allen Geräten. Es war eine persönliche, aber auch politische Entscheidung. Auch wenn das unterhaltsame GIFs, lustige Memes oder süßer Katzencontent einen immer wieder vergessen lassen können: soziale Netzwerke sind politisch. Wer und was gesehen wird, ist bzw. wird relevant gemacht und prägt öffentliche Debatten oder sogar politische Entscheidungen. Soziale Netzwerke haben nicht nur zu grundlegenden Veränderungen in vielen Bereichen geführt, sie unterliegen auch selbst einem stetigen Wandel. Musk und sein Projekt X sind ein guter Anlass, darüber zu sprechen, wie soziale Netzwerke funktionieren, wirken und genutzt werden. Vielleicht ist die Zeit reif und der Moment günstig für eine Idee von sozialen Netzwerken, die klüger machen, zur Beteiligung einladen und befähigen und sich an Werten orientieren, die Demokratien schützen und stärken können.

Sozial, ökonomisch und politisch

Musk und X sind nur der nächste Schritt einer sich schon lange vollziehenden Entwicklung. Es ist nicht so, dass Jack Dorsey und sein Twitter, bevor es im Oktober 2022 an Musk verkauft wurde, ein demokratisches Vorzeigeprojekt gewesen wären. Auch er ist ein Milliardär, der Spielfelder und Regeln öffentlicher Debatten bestimmt. Nur, weil Dorsey weniger als Egomane mit fragwürdigen Werten und Handlungen bekannt ist und auch mal größere Summen für gute Zwecke spendet, ändert das nichts am zentralen Problem: Einzelne reiche Menschen (weiße Männer) können (zu sehr) bestimmen, wer und was auf ihren Plattformen eine Bühne erhält. Dabei folgen sie in der Regel einer ökonomischen bzw. kapitalistischen Logik. Wenn es dem Geschäftmodell dient, wird auch denen die Hand gereicht, die Demokratien schwächen oder sogar zerstören möchten. 

Facebook ist mit knapp 3 Milliarden Nutzer*innen die weltweit größte Plattform. Ein soziales Netzwerk, über das man anfangs Personen wiederfand, die man aus dem Blick verloren hatte und das so Menschen weltweit miteinander verband (und dadurch vieles grundlegend veränderte). Für meine Frau und mich war es vor über zehn Jahren eine einfache Möglichkeit, mit unseren Verwandten, die größtenteils in Finnland, Serbien und Nordmazedonien lebten, im Austausch zu bleiben. Es wurden schöne und schmerzhafte Momente miteinander geteilt und die räumliche Entfernung schien plötzlich überwunden. 

In den letzten Jahren wurde Facebook zunehmend zu einer Werbeplattform umfunktioniert. Zum Beispiel die chronologische Timeline mit Fotos und Updates aus dem Leben von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten musste früh weichen. Ersetzt wurde sie irgendwann durch eine Auswahl an Beiträgen, die laut eines Algorithmus einen interessieren könnten oder sollten. Von wenigen Personen, mit denen man vernetzt war, von Fremden und immer mehr von Produkten. Das soziale Netzwerk wandelte sich schleichend, aber stetig zu einem ökonomischen. 

Diese Ökonomisierung führte auch zur Verstärkung des Politischen. Es lässt sich darüber streiten, wie und wie stark sich der Ausgang von Wahlen oder politischen Entscheidungen von und mit sozialen Netzwerken beeinflussen lassen. Dass ein Einfluss besteht, ist unumstritten. Das Versprechen von Microtargeting war ein Schritt auf diesem Weg. Ein weiterer, dass Algorithmen bzw. Milliardäre, die diese so programmiert haben wollten, menschenfeindliche und demokratiegefährdende Inhalte breit gestreut und begünstigt haben oder um es in ökonomisch betrachtet einzuordnen: Was Klicks und Aufmerksamkeit erzeugte, ließ sich für höhere Beträge verkaufen und war profitabel.

Möchte an der Stelle erinnern, dass Dorsey den Account von Trump erst im Januar 2021 sperrte, nachdem er zum Sturm auf das Kapitol aufrief. Die vielen Jahre zuvor schuf und gab er ihm gerne eine Bühne mit weltweitem Einfluss, die zu Trumps politischem Erfolg und dem Demokratieabbau (nicht nur) in den USA beitrug, wovon Dorsey profitierte.

Einer der größten Erfolge des Neoliberalismus und Kapitalismus ist die weit verbreitete (gezielt gestreute und erfolgreich beworbene) Erzählung und das Missverständnis, die Ökonomie würde, wie Naturwissenschaften, naturgegebenen Gesetzen folgen und wäre neutral, logisch und unpolitisch. Wie es dazu kam und weshalb das falsch ist, kann man u.a. in dem Buch Die Donut-Ökonomie von Kate Raworth nachlesen. Sie erklärt auch sehr anschaulich, wie stark allein die Bilder und Ideen der Ökonomie unseren Alltag prägen, wie wir uns verstehen und handeln. 

Der Begriff User*innen/Nutzer*innen verdeutlicht dieses Bild auf individueller Ebene und welche Rolle mir zugesprochen wird. Plattformen sozialer Netzwerke sind dabei als Dienstleistungen zu verstehen, die von Kund*innen genutzt werden können. Besiegelt durch allgemeine Geschäftsbeziehungen. Dass sie schon immer auch zur Gestaltung des zivilgesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens genutzt wurden, liegt weniger an der Einladung oder Idee der Tech-Milliardäre, sondern mehr am natürlichen Interesse und Antrieb von Menschen, sich mehr als Bürger*innen statt Kund*innen zu verstehen. Was aber auch nur geduldet wird, solange es dem Geschäftsmodell dient und nicht schadet. 

Vielleicht lässt sich das Zusammenspiel zwischen der sozialen, ökonomischen und politischen Funktion, Nutzung und Wirkung auf folgende Weise zusammenfassen:

Sozial steht hier für das Interesse von Menschen, sich über Dinge auszutauschen, die sie bestimmen. Ökonomisch steht für das wirtschaftliche bzw. kapitalistische Interesse von Zuckerberg, Musk & Co, mit ihren Plattformen möglichst viel Geld zu verdienen. Der rote Regler soll die Möglichkeit darstellen, dass sich der Schwerpunkt eines sozialen Netzwerkes zwischen sozial und ökonomisch verschieben kann und lässt, aber dabei stets politisch bleibt. Mit diesem Bild könnte man beschreiben, dass der Regler bei Facebook in den ersten Jahren stark auf der sozialen Seite lag und danach immer stärker zur ökonomischen verschoben wurde. (Was je nach Land und Kontinent sicher unterschiedlich war und wahrgenommen wurde.) 

Je mehr Menschen einer Plattform beitreten, umso sozial, ökonomisch und politisch relevanter wird sie. Was das Werben um neue, mehr Mitglieder ökonomisch erklärt, sozial begründet und politisch interessant macht. Neben der Masse kann auch das Wer eine bedeutende Rolle spielen. Wer sich bei einer Plattform anmeldet und sich aktiv beteiligt, trägt zu ihrer Relevanz bei. Je bekannter und beliebter eine Person, umso stärker ihre Wirkung und Verantwortung.

Architektur und Kultur sozialer Netzwerke 

Bei Facebook postest du, dass und wo du Pizza essen gehst, bei Instagram teilst du ein Foto der Pizza und bei Twitter schreibst du darüber. Das war lange Zeit eine grobe, aber auch treffende Zusammenfassung und Unterscheidung ihrer Funktionen und Nutzungen. Während die Suche nach Ideen und Konzepten, mit sozialen Netzwerken Geld zu verdienen, immer stärker in den Vordergrund rückte, schwanden damit auch vermehrt die einstigen, teilweise deutlichen Unterschiede sozialer Netzwerke. (Ein bekanntes Kapitel dieser Angleichungen war die Phase, in der scheinbar jedes soziale Netzwerk die Story-Funktion haben musste.)

Die Begrenzung auf 140 Zeichen hat Twitter lange Zeit ausgezeichnet. Es hat bestimmte Menschen angesprochen, zusammengeführt und eine besondere, vielschichtige Kultur entstehen und sich entwickeln lassen. So konnten sich beispielsweise wenig privilegierte Personen/-gruppen, die über keinen der exklusiven Zugänge zu TV- und Printmedien verfügten, selbst ihre Bühnen schaffen, wichtige Themen setzen und vor einer breiten Öffentlichkeit strukturelle Probleme ansprechen und sichtbar machen. Es konnten so zahlreiche gesellschaftliche Auseinandersetzungen eingeleitet und politischer Druck aufgebaut werden. (Das Buch Twitter and Tear Gas von Zeynep Tüfekçi eröffnet hier u.a. einige Perspektiven, welche enorme Funktion, Nutzung und Wirkung Twitter hatte.)  

140 Zeichen konnten zwar einerseits als Einladung zur Reduktion auf das Wesentliche verstanden werden, mit der Aufgabe, Dinge auf den Punkt zu bringen. Andererseits begünstigte die Zeichenbegrenzung auch eine Verkürzung, Vereinfachung von komplexen Sachverhalten und populistische Aussagen. So konnten ebenfalls Personen (ohne eine fachlich relevante Expertise) zu Twitter-Berühmtheiten aufsteigen, nur weil sie das Empörungsspiel perfekt beherrschten. Leider war hier die populäre Einordnung „berühmt bei Twitter ist wie reich bei Monopoly“ auch oft eine Verkürzung. Die Transformation der Öffentlichkeit und damit auch die Medienlandschaft hat eine Aufmerksamkeitsökonomie entstehen lassen, die mehr dazu beiträgt, Probleme zu verstärken als sie zu lösen.

Das skizzierte 140 Zeichen-Beispiel zeigt, wie die Affordanz (wozu etwas einlädt; wie z.B. ein Stuhl zum Sitzen einlädt), technische Architektur, neben der bereits erklärten Unterscheidung und Verschiebung zwischen sozial und ökonomisch, die Kultur eines sozialen Netzwerks prägen kann und lässt die komplexen Zusammenhänge zwischen Technik und Kultur erahnen. Ob und wie eine Moderation stattfindet, ist hier ein weiteres, wichtiges und beeinflussendes Element. Soziale Netzwerke sind nicht nur technische Möglichkeiten eines Accounts, sondern (unterschiedlich stark) Teil der eigenen Identität, persönlichen Geschichte. Auch meiner. Was u.a. die Wut, Ohnmacht, Trauer oder Verdrängung zahlreicher Menschen über die Zerstörung von Twitter durch Musk erklärt.

Welche sozialen Netzwerke braucht es?

Lange Zeit galt, dass man mit Twitter viel erreichen kann, nur kein Geld verdienen. Das wollte Musk (aus welchen Gründen auch immer) ändern und hat wie Zuckerberg den Regler von sozial zu ökonomisch verschoben. Was bei Facebook aber ein schleichender Prozess über viele Jahre war, hat Musk in kurzer Zeit vollzogen. Neben dem hohen Tempo und der fragwürdigen Twitter Blue-Idee spielten aber auch die Kultur und Community (wer, wie und worüber sich ausgetauscht wurde) beim Scheitern eine zentrale Rolle. Das “Ende von Twitter” kann als ein Beispiel dienen, wohin die Reise zunehmender Ökonomisierung sozialer Netzwerke führen kann.

Vielleicht ist die Zeit aber auch reif und günstig für andere, allgemein hilfreichere gesellschaftliche Entwicklungen. Die Klimakrise, Demokratiekrisen und vielen anderen komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen und Probleme zeigen, dass es soziale Netzwerke braucht, die das bestärken, was ohnehin immer schon da war: ein soziales Netzwerk der Bürger*innen. In Krisen wurden immer wieder bei Facebook-Gruppen eröffnet und bei Twitter Hashtags ins Leben gerufen, die Menschen in unterschiedlicher Weise halfen und solidarisches Handeln organisierten. Hier waren es Bürger*innen, die sozialen Interessen folgten und keine Kund*innen, die eine kapitalistische Logik erfüllten.

Es bräuchte somit soziale Netzwerke, die Menschen einladen und befähigen Bürger*innen zu sein und den Regler zu sozial und selbstbestimmt schieben. Wo ihre Handlung nicht darauf beschränkt wird, aus fertigen Menüs auszuwählen, sondern sie selbst Rezepte und ihre Zubereitung lernen und bestimmen können. Es bräuchte auch einen größtmöglichen Schutz, nicht vom nächsten Musk aufgekauft zu werden und zu verhindern, dass Menschen wieder in die Kund*innenrolle gedrängt bzw. darauf reduziert werden, fremdgesteuert von Algorithmen. (Was sicher komplexer ist als es auf den ersten Blick scheint.)

Wie wäre es mit einem sozialen Netzwerk, das ein digitaler Begegnungsraum und Dritter Ort ohne Konsumzwang, wie Stadtbibliotheken oder Museen, sein könnte?  Wie wäre es mit einem sozialen Netzwerk, bei dem die Werte, an denen sich mögliche, neue Funktionen, Nutzungen und Wirkungen orientieren, gemeinsam ausgehandelt werden und Demokratien stärkend sein können? Seit dem Niedergang Twitters setzen hier immer mehr Menschen auf Mastodon, das keine geschlossene Plattform wie Facebook oder X bietet, sondern eine dezentrale und offene Lösung darstellt, die einer anderen Logik folgt. Was das genau (nicht nur technisch) bedeutet, hat freundlicherweise Steffen Voß hier aufgeschrieben. 

Auch Bluesky ist in den letzten Wochen im deutschsprachigen Raum gewachsen und wirbt auf seiner Website mit Dezentralität und Offenheit. Aktuell ist das soziale Netzwerk aber das Gegenteil davon bzw. fällt durch erzeugte Exklusivität auf, weil man ihm nur durch einen Invite-Code beitreten kann, den ausschließlich Personen erhalten und vergeben können, die bereits dort sind. Das und die Tatsache, dass Jack Dorsey (der auf jeden Fall auch politisch kritisch betrachtet werden sollte) bei Bluesky keinen geringen Einfluss hat, sollte bei jeder Person zumindest eine gesunde Skepsis auslösen.

Wer bereits viel Zeit und Kraft in ein soziales Netzwerk investiert hat, stellt sich umso mehr die Frage, ob und wo ein weiteres Mal investiert werden möchte, kann und soll. Folgende und viele weitere Fragen beschäftigten mich die letzten Monate immer stärker bei X:

Was muss (noch) geschehen, um ein soziales Netzwerk zu verlassen? Genügt es z.B., wenn Accounts zugelassen und begünstigt werden, die menschen- und demokratiefeindliche Aussagen verbreiten, Hass schüren und Personen beleidigen oder sogar bedrohen? Oder ist hier die Menge und Qualität entscheidend? Wo endet die persönliche Grenze und Betroffenheit und beginnt die gesellschaftliche Verantwortung? Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen Information und Desinformation?

Manche dieser Fragen stellte ich auch bei Twitter. Nicht selten lautete die Antwort darauf, dass die beschriebenen Dinge einen selbst nicht betreffen würden oder man das nie erlebt habe und es somit unbekannte Phänomen seien, die es vielleicht auch gar nicht gäbe. Aussagen, die allen bekannt vorkommen, die sich mit Rassismus, Sexismus oder anderen Ismen auseinandersetzen und die Teil struktureller Probleme sind: Privilegierte kennen und sehen ihre Privilegien nicht. X ist nicht die Ursache von Rassismus, Sexismus und den anderen Ismen, aber die Plattform begünstigt und verstärkt sie.

Es gibt keine einfache technische Lösung für komplexe gesellschaftliche Probleme. Weshalb eine andere technische Architektur, Affordanz und Moderation nicht automatisch zu weniger Ismen führen oder ihnen von sich aus entgegenwirken. Weshalb Mastodon und das Fediverse mit seinem dezentralen und offenen Ansatz eine Möglichkeit darstellen, es besser machen zu können, ohne zwangsläufig besser zu sein. Mehr Diversität und Beteiligung können ermöglicht und gefördert werden. Können. Zumindest begünstigen die fehlenden Algorithmen und die Abwesenheit ökonomischer, kapitalistischer Logik, dass die Rolle der Bürger*innen und nicht der Kund*innen gestärkt wird. 

„Was tun wir uns selbst an, wenn wir uns 3.000 Mal am Tag sagen, dass wir Konsument*innen sind? […] Wie sähe es aus, wenn wir die gleiche Energie und Inspiration, die wir derzeit darauf verwenden, uns zu sagen, Konsument*innen zu sein, in den Aufbau unserer Handlungsfähigkeit als Bürger*innen stecken?“ 

Jon Alexander, Citizens – Why the key to fixing everything is all of us

Mastodon ist seit einigen Monaten mein neuer Erstwohnsitz im Netz. Seitdem fühle ich mich weniger von Algorithmen und Empörungsspiralen getrieben. Zum Beispiel nicht mehr zu sehen, ob und wie jemand auf einen Beitrag reagiert, den eine andere Person gepostet und ich geteilt habe (retweeten/boostern), hat mich anfangs irritiert, weil ich das nicht gewohnt war. Meine Wahrnehmung (von mir und anderen) und mein Verhalten haben sich dadurch verändert. Auch viele angenehme, anregende Begegnungen und Gespräche haben diese Zeit geprägt. Und doch fehlen mir (im Vergleich zu Twitter, nicht X) noch die vielen diversen und internationalen Expertisen und Perspektiven von Künstler*innen und Wissenschaftler*innen. Nicht alles ist perfekt bei Mastodon. Aber der Ansatz, das Potenzial und die aktuellen Entwicklungen lassen mich dort meine Zeit und Kraft investieren.  

(Witzigerweise gab es genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich bei Twitter ankündigte, mich dort bald endgültig zu verabschieden und zukünftig bei Mastodon zu finden zu sein, Probleme bei det.social, der Instanz, auf der ich meinen Account habe. Ich konnte mehrere Tage von keiner Person gelesen werden, die nicht auch auf meiner Instanz war. Die Kommunikation zu diesem Problem wirkte nicht so, wie ich es erwartet hatte, weil die Instanz vom ZDF (Magazin Royale) ist und ich von einem professionellen Betrieb ausging. Da aber in den letzten Monaten scheinbar immer mehr Ressourcen und Medienhäuser sich in Richtung Mastodon bewegen, hoffe ich auf bessere Rahmenbedingungen.)

Manche behaupten, dass die Zeit sozialer Netzwerke und wie sie lange funktionierten ohnehin vorbei sei. Vielleicht ist da was dran. Das würde trotzdem nicht der Idee widersprechen, dass die Zeit reif und günstig für neue, bessere gesellschaftliche Lösungen sei. Dieser Beitrag ist eine Einladung darüber nachzudenken und vor allem mitzumachen, zu experimentieren, sich auf Neues einzulassen, sich von der Kund*innenrolle zu befreien und vielleicht ein soziales Netzwerke zu erreichen, in dem wir uns als Bürger*innen (neu) entdecken und begegnen.  

In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche, neue soziale Netzwerke auf dem Markt zu etablieren. Meist waren es doch nur leicht gewandelte Kopien von bestehenden Social Media-Plattformen, die kurz in aller Munde waren, um danach wieder in der Versenkung zu verschwinden. Gestern habe ich zum ersten Mal von Clubhouse gelesen, es direkt getestet und denke, dass es ein enormes Potenzial hat, vielen im Netz ein neues Zuhause zu bieten. Die wichtigsten Fakten hat das t3n Magazin hier gut zusammengefasst. Was die App leisten kann (und wird), habe ich gestern mit über 80 Personen in einem Clubhouse-Raum diskutiert und möchte die Ideen, Perspektiven und Fragen in diesem Beitrag teilen.

(Normalerweise würde ich zu den Ideen und Anregungen die Personen nennen, von denen sie stammen. Da Referentialität (und Gemeinschaftlichkeit) ein wesentliches Merkmal der Kultur der Digitalität darstellt. Weil aber eine der Nutzungsbedingungen lautet, dass Informationen, die im Clubhouse erhalten werden, nicht ohne vorherige Genehmigung aufgeschrieben, aufgezeichnet oder anderweitig vervielfältigt und/oder weitergegeben werden dürfen, verzichte ich auf die namentliche Nennungen, beschränke mich auf allgemeine Gedanken und verweise darauf, dass der Beitrag ein Produkt der gestrigen Gruppe und Unterhaltung ist und hoffe, dass das nicht als Verstoß gegen ihre Regeln gewertet wird, was zum Ausschluss führen kann.)

Was zeichnet Clubhouse aus?

Eigentlich wollte ich gestern Abend nur kurz einen Raum öffnen, um mit zwei Freunden die Frage Was kann (und wird) Clubhaus leisten? zu diskutieren. Keine Stunde später tauschte sich aber dort ein bunter Haufen aus knapp 90 Leuten darüber aus, welche Funktionen, Wirkungen und Anwendungen jetzt schon zu beobachten sind. Netzpioniere und bekannte Größen der digitalen Szene und netzaffine Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern trafen aufeinander, um ihre Erfahrungen und Sichtweisen zu teilen. Wie spannend und mitreißend das war, belegt der Punkt, dass ich mich um kurz nach 2 Uhr nachts noch von knapp 70 Personen verabschiedete. 

Der Moment

Dass gestern Nacht noch so viele, so lange dabeigeblieben sind, lag u.a. am besonderen Moment, der sich ergab und die Anwesenden spüren konnten. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, fand aus verschiedenen Gründen (überschaubare Anzahl an deutschsprachigen Räumen und User:innen, Uhrzeit, Bekanntschaften usw.) eine diverse Gruppe an Menschen zueinander, die neugierig, offen und netzerprobt war, dass eine spannende und mitreißende Diskussion, wie ich sie bisher sonst nur in Präsenz erlebt habe, stattfinden konnte. Ohne Moderation! Es wurde sich gegenseitig sehr aufmerksam, empathisch zugehört (wer nicht sprach, hat sich gleich gemutet) und aufeinander eingegangen.

Was man von anderen sozialen Netzwerken kennt, die Timeline zu aktualisieren, sich die nächste Story oder nur noch ein TikTok-Video anzusehen, in der Erwartung, als nächstes etwas Neues, Wichtiges, Unterhaltsames oder Spannendes zu erfahren und das nicht verpassen zu wollen, kann bei Clubhouse durch den Moment ausgelöst werden. Der Moment, bekannte Personen zu treffen und reden zu hören, selbst gehört und wahrgenommen zu werden oder einfach eine ungeplante und besondere Gruppen-Konstellation zu erleben, die bereichernd ist. Allen im Raum war gestern klar, dass diese Truppe, in der Zusammensetzung, aber auch die entstandene Atmosphäre, sich nicht wieder rekonstruieren lassen.

Die Stimme

Twitter zeichnete die Reduktion von Texten auf anfangs 140 Zeichen aus, sprach dadurch bestimmte Menschen an und entwickelte sich zu einem speziellen Personenkreis mit einer „eigener“ Kultur. Mit Clubhouse wird erstmalig in einem sozialen Netzwerk die Stimme in den Mittelpunkt gestellt und werden Bilder, die in den letzten Jahren auf allen Social Media-Plattformen und Messenger-Diensten zunehmend in den Vordergrund gerückt sind, bis auf das Profilbild vernachlässigt. So wird eine andere Wahrnehmung der charakteristischen Eigenschaften von Personen ermöglicht. Durch den Einsatz der Stimme lassen sich Nuancen heraushören und Absichten oder Stimmungslagen (teilweise genauer) abbilden. Sie kann einen anderen, persönlicheren Zugang ermöglichen, Nähe und Vertrauen aufbauen und eine besonderes Ambiente schaffen.

Die Nähe 

Neben der persönlichen Nähe wird sicher auch ein Reiz von Clubhouse darin liegen, „Stars“ oder bekannten Personen näher zu kommen, zu wissen, dass man sich mit ihnen zur gleichen Zeit im gleichen Raum befindet. Vielleicht sogar die Gelegenheit erhält, sich am Gespräch zu beteiigen. In den nächsten Tagen und Wochen wird die Anzahl prominenter Personen enorm steigen und sich für viele sicher die eine oder andere Gelegenheit ergeben, jemanden live zu erleben. Das Setting mit den verschieden Rollen, in der man eine Bühne hat und bestimmen kann, wer mitsprechen und wer (nur) zuhören darf, wird aber sicher dieses Angebot der Nähe verankern und einen exklusiven Rahmen bestehen lassen.

Die Exklusivität 

Da einige Expert:innen aus der digitalen Szene den Weg zu Clubhouse beschritten haben und erst mal testen, was möglich ist und sich mitteilen, entstehen exklusive Angebote, die so in anderen sozialen Netzwerken oder auch in Präsenz entweder nicht zu finden sind oder viel Geld kosten würden. Die Experimentierphase, in der sich viele gerade befinden, wird sich sicher wieder legen und die Anzahl der aktuell zufälligen Angebote abnehmen. Die Exklusivität wird aber als Rahmen bleiben. (Diese aktuelle Begrenzung der Mitglieder, die durch die Hürde der Einladung durch andere oder iOS geschaffen wird, erzeugt nicht nur Exklusivität, sondern ist wahrscheinlich die wirksamste und kostenfreie Werbung, die man überhaupt erreichen kann. Was dieser Beitrag selbst auch belegt.) 

„Was im Clubhouse ge- und besprochen wird, bleibt im Clubhouse.“ So in etwa lautet eine stark vereinfachte Regel der Nutzungsbedingungen, auf die ich mich auch zu Beginn bezog. Es nicht gewünscht, dass etwas aufgezeichnet oder bestehend bleibender Content irgendwo angeheftet wird. So lebt der Austausch vom exklusiven Moment. Wobei es scheinbar Räume geben soll, in denen vorab allen kommuniziert wird, dass aufgezeichnet wird. Die Transparenz, ob und wann etwas aufgezeichnet wird, spielt aber auch für Teilnehme eine wesentliche Rolle, wenn es um Vertrauen geht und die Bereitschaft, sich zu öffnen oder die Entscheidung, welche Einblicke man anderen gewähren möchte.

Die Dynamik

Was beispielsweise bei Tweets durch einen Retweet  oder in anderen sozialen Netzwerken durch das Teilen eines Beitrags von einem Account mit großer Reichweite an Aufmerksamkeit erreicht werden kann, kann bei Clubhouse durch das Betreten von Räumen (großer Accounts) erfolgen. So können sich Räume und ihre Nutzung schlagartig in eine völlig andere Richtung entwickeln. (Ich schätze, dass hier die (Möglichkeit der) Benachrichtigungen der Followerschaft, wo sich Person x befindet und was sie gerade macht, noch stärker ausgebaut werden wird.) Dass andere Mitglieder nicht angeschrieben werden können, zwingt zu einem Gespräch in einem Raum. Bin gespannt, wie lange es braucht und ob es gelingt, dass sich viele dieser neuen Logik beugen und statt auf Messenger-Dienste auszuweichen, schnell einen privaten Raum für eine Klärung öffnen.

Welches Potenzial steckt dahinter?

Aus Fehlern lernen

Dieses Gefühl, dass gerade etwas Neues und Wertvolles entstehen könnte, führte auch zu (aus meiner Sicht) einer zentralen Frage der gestrigen Diskussion: Wie könnte man das Wissen und die Erfahrungen von anderen sozialen Netzwerken nutzen, um es dieses Mal von Anfang an richtig oder zumindest besser zu machen? Welche Erkenntnisse hier berücksichtigt werden müssen und wie diese übersetzt und angewandt werden können, scheint aus meiner Sicht eine der spannendsten Aufgaben, aber auch größten Herausforderungen der nächsten Monate zu sein. (Heute lade ich übrigens im 20 Uhr in einem Raum zu einem Austausch zu dieser Frage ein, falls ihr das gerade lest und auch bei Clubhouse seid.)

Neuer Raum für Kulturschaffende 

Eine Idee und Vorstellung, die immer wieder fiel, wie Clubhouse genutzt werden könnte, war als Live-Podcast. Das können dann gesetzte Themen und Termine sein (man kann Räume mit Titel und Beschreibung in einem Kalender ankündigen) oder spontane und offene Sessions, die ein Publikum vor Ort bestimmt und mitgestaltet. Es könnte auch gut sein, dass hier Möglichkeiten der Aufzeichnung geschaffen werden, um die Podcast-Szene zu binden und die Attraktivität von Clubhouse zu sichern. Eine Person berichtete von einer Musical-Performance, die sie bereits erleben durfte, bei der die Profilbilder die Köpfen der Figuren abbildeten und die Accounts je nach Szene ihren Part sangen. (Ein paar Blicke in die amerikanischen Räume, die es schon länger gibt, lassen erahnen, welche kreativen Nutzungsmöglichkeiten sich hier eröffnen.)

Ich erhielt gestern das Angebot, Musik abspielen zu können und habe erfahren, dass damit bei ausgewählten Accounts in der aktuellen Betaphase die Übertragung der Tonqualität verbessert wird. So können diese das dafür nutzen, um beispielsweise eigene Songs einem Publikum vorzustellen. Bin gespannt, wie und wie viele Künstler:innen diese Live-Bühne in Anspruch nehmen werden.  

Politik und Journalismus

Von der kommunalen bis zur europäischen oder sogar globalen Ebene, können Politiker:innen, Aktivist:innen, aber auch Journalist:innen mit einem Klick eine völlig neue Bühne, Aufmerksamkeit und Partizipation erzielen. Clubhouse kann wie ein interaktives Radio genutzt werden und erfordert keine Organisation von Räumen, Technik, Catering, Pressemitteilungen, Einladungen oder sonstiger Arbeit. Dass im Vergleich zu den bisherigen klassischen Formaten, wie bei Facebook-, Insta-Live und anderen Plattformen alles ohne Bildübertragung auskommt, sehr gezielt Einzelne hinzugenommen oder Gruppen gebildet werden können, erscheint sehr attraktiv.  

Gestern war ich z.B. in einem Raum mit einem der ersten deutschen Bundestagsabgeordneten bei Clubhouse (vielleicht sogar der erste). Diese Gelegenheit des direkten Gesprächs haben sich einige nicht entgehen lassen und kam sehr gut an. Mit dem Superwahljahr 2021 hat diese App in Deutschland zumindest einen sehr günstigen Zeitpunkt erwischt. Aber auch unabhängig davon bietet Clubhouse neue Formen des Bürger:innendialogs, die an vielen Stellen gefordert bzw. vermisst werden. Gerade im kommunalen Kontext, wenn Ehrenamtlichen oft Ressourcen fehlen, Menschen zu erreichen und einzubinden, könnte das sehr wertvoll sein.

Das größte Barcamp der Welt

Jede Person kann einen eigenen Raum öffnen und mit einem Thema belegen. Andere können beitreten, sich zu Wort melden, sich einbringen oder einfach wieder den Raum verlassen. Alle bestimmen jederzeit, wo sie sich mit wem und worüber unterhalten. Clubhouse ist (aktuell) ein globales und nie endendes Barcamp. Zumindest kann es das sein, wenn die Person, die einen Raum erstellt, es wie eine Barcamp-Session moderiert, alle sich gleichermaßen beteiligen lässt und die Teilgebenden diese Idee kennen und teilen. (Das hat unsere Runde letzte Nacht wahrscheinlich auch ausgezeichnet. Ich hoffe, dass möglichst viel von diesem Spirit erhalten bleibt und nicht irgendwann exklusive Räume und Podien dominieren.)

Fazit

Clubhouse bietet etwas Neues. Natürlich wurden in der Gruppe auch manche Aspekte kritisch betrachtet und bewertet. Angefangen beim Thema Umgang mit Daten bis hin zum Missbrauch von Vertrauen, wenn konkrete Informationen, die nur für einen Raum gedacht waren, nach außen (verzerrend oder falsch) kommuniziert werden. Da Dystopien sicher nicht lange auf sich warten lassen werden und ich mich in Zeiten von Covid-19 stärker bemühe, das zu teilen, das eventuell anderen helfen könnte, habe ich mich in diesem Beitrag auf die Potenziale konzentriert. Es waren aber auch einfach gefühlt zu viele und ähnliche digitalen Events und Formate in 2020, die zu einer Sättigung geführt haben. Mit Clubhouse ist die Neugier für einen digitalen Raum zurückgekehrt. Es wird wieder gemeinsam experimentiert und entdeckt. Ich habe gestern einige Menschen kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte und so viele gute Gedanken mitgenommen, dass ich lange nicht einschlafen konnte. Diese Bereicherung wünsche ich allen und freue mich auf das Gespräch mit euch bei Clubhouse.

Die Forderung nach einer zuverlässigen digitalen Infrastruktur im Bildungsbereich ist populär, richtig und leider auch in 2021 immer noch nötig. Sie stellt eine technische Grundlage dar, um dem kulturellen Wandel begegnen zu können. Das Lernen in der Postdigitalität muss aber bereits ausgehandelt werden, bevor jederzeit, überall und zuverlässig alle einen Zugang zum Netz erhalten haben, weil es die Perspektive auf das Wesentliche richtet und damit gesellschaftlich notwendige Veränderungen aufzeigt. Es folgt einer anderen Logik, fordert ein neues Verständnis und allein aus demokratischen Gründen eine kulturelle Weiterentwicklung.

Zu Beginn eine kurze Begriffsklärung: Was bedeutet Postdigitalität? Der Ausdruck beschreibt einen Zustand, in der alle Formen der Digitalität als Kulturtechniken gesamtgesellschaftlich anerkannt sind. Das bedeutet erstens, dass Digitalität nicht auf Technik reduziert, sondern in ihrer Auswirkung auf den Alltag verstanden wird. Zweitens gibt es diese Kulturtechniken, unabhängig von den Beurteilungen von Menschen. Es ist irrelevant, ob jemand eine Form der Digitalität gutheißt oder ablehnt. Kulturtechniken der Digitalität sind vergleichbar mit dem Lesen von Büchern oder dem Schreiben mit Stift und Papier: Sie werden, ohne längere Gedanken daran zu verlieren, automatisch in die Hand genommen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit kommen in der Postdigitalität “digitale“ Kulturtechniken wie alle anderen zum Einsatz. Analog oder digital spielt keine Rolle mehr.

Eine andere Logik

Das aktuelle Bildungssystem wurde in einer Kultur entwickelt, in der Bücher das Leitmedium darstellten. Sie prägen seit über 100 Jahren seine DNA. Deshalb richtet sich die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen immer noch nach der Logik der Gutenberg-Galaxis: Schulbücher liefern das (einst kulturell ausgehandelte) notwendige Wissen und Lehrpersonen den Zugang dazu. Lernen kann dann stattfinden, wenn beides vorliegt, ist an Ort und Zeit gebunden und schafft Abhängigkeiten. (Was u.a. das Beharren auf klassischem Präsenzunterricht während Covid-19 oder das Fehlen asynchroner Prozesse erklärt.) Das Lernen läuft chronologisch ab, vom ersten bis zum letzten Kapitel eines Buches, auf das ein nächstes folgt. Das Internet ist in dieser Gleichung ein Störfaktor und bestenfalls eine Zusatzaufgabe.

Was mit den Schulschließungen im März 2020 nicht selten zu beobachten war: Lehrpersonen haben auf Papier gedruckte Arbeitsblätter mit einem Smartphone oder Tablet fotografiert und auf die digitale Plattform der Schule hochgeladen oder sie gemailt. Eltern haben diese heruntergeladen, ausgedruckt, das Papier von ihren Kindern mit einem Stift bearbeiten lassen und das Ergebnis wieder fotografiert und hochgeladen oder via Mail zurückgeschickt. Dieses Resultat wirkt nur auf die befremdlich, die bewusst die Kultur der Digitalität wahrnehmen und sich darin bewegen. Für Menschen, die sich an der Logik der Gutenberg-Galaxis orientieren, scheint alles schlüssig.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass selbst mit vorhandener digitaler Technik nicht automatisch ein (notwendiger) kultureller Wandel einhergeht. Deshalb sind auch nicht alle digitalen Angebote innovativ und Produkte einer Kultur der Digitalität, sondern können Ergebnisse der Buchdruck-Kultur sein. Das bedeutet, dass von der Konzeption von digitalen Arbeitsblättern bis zum Design von Lernplattformen teilweise die Logik der Buchkultur maßgebend ist. Das Leitmedium Buch führt dazu,  dass bisherige Strukturen und Prozesse oft nur digitalisiert und nicht notwendigerweise neu gedacht werden. (Was dazu beiträgt, dass der kulturelle Wandel verzögert oder verhindert wird.) Deshalb ist es wichtig, digitale Phänomene von Beginn an unter der Perspektive der Kultur der Digitalität zu betrachten, um sie besser zu verstehen und ihrer Logik folgen zu können. 

Kultur der Digitalität

Um das Lernen in der Postdigitalität zu diskutieren, sind ein Grundverständnis einer Kultur der Digitalität und ein verändertes Bildungsverständnis erforderlich, das aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen berücksichtigt. Wie sich durch Transformationsprozesse eine Kultur der Digitalität entwickelt hat, was sie auszeichnet und welche demokratischen Herausforderungen sich stellen, schildert Felix Stalder in seinem gleichnamigen Buch. Wer sich mit der Thematik vertieft auseinandersetzen möchte, sollte es lesen.

Grob zusammengefasst nennt Stalder drei charakteristische Formen, die eine Kultur der Digitalität eine wesentliche Rolle spielen: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Wie und was als kulturell bedeutend ausgehandelt wird, bildet den Rahmen. Mit Referentialität beschreibt er, wie Bezüge hergestellt und Ansätze weiterentwickelt werden, mit Gemeinschaftlichkeit die Notwendigkeit und Organisation dieser Austauschprozesse mit anderen und mit Algorithmizität bezieht er sich auf die Funktion, Wirkung und Anwendung von Algorithmen (großer Informations- und Kommunikationskanäle), die diese kulturellen Prozesse und Ordnungen prägen.

Blogbeiträge, wie dieser, stellen in der Regel Bezüge zu Text-, Video- und Audiodateien im Netz anderer Personen her (wie z.B. Tweets, YouTube-Videos oder Podcasts) und entwickeln Ideen weiter. Sie sind gemeinschaftliche Produkte in ihrer Entstehung, können als solche nachvollzogen und weiter gestaltet werden. Ihre Relevanz wird durch andere ausgehandelt. Beispielsweise wie oft sie gelikt oder geteilt werden. Algorithmen spielen hier mit eine Rolle, ob und wie sie andere erreichen, z.B. über eine Google-Suche oder eine Empfehlung auf einer digitalen Plattform.

Beim Projekt Routenplaner #digitaleBildung druckten wir thematisch essentielle Blogbeiträge als Buch, um Menschen zu erreichen, die am Aushandlungsprozess im Netz bisher nicht teilnahmen. Dass auch viele andere Personen, die die Kultur der Digitalität im Netz aushandeln, Bücher zu ähnlichen Themen drucken, verdeutlicht, dass die Kultur der Digitalität gesamtgesellschaftlich noch nicht angekommen ist und ihrer Logik nicht gefolgt wird. Es erklärt zudem den aktuellen Stand in Deutschland und weshalb viele Bereiche mit den Herausforderungen der Digitalen Transformation überfordert sind. (Dass und wie sehr Blogbeiträge einer anderen Logik folgen als Bücher, haben wir bei der Produktion auch zeitintensiv erfahren.)

Lernen in der Postdigitalität

In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass zu viel Ungewissheit und Freiheit bei Menschen auch zu Überforderungen führen können und Bilder ihnen bei der Orientierung helfen. Deshalb möchte ich ein paar zeichnen, die ein (zukünftiges) Lernen in der Postdigitalität beschreiben und Philippes Beitrag aus dem Juni 2020 ergänzen. In diesem Szenario haben sich reformpädagogische Strömungen durchgesetzt, Lernende stehen im Mittelpunkt, so wie auch Persönlichkeitsbildung, Demokratiebildung und die Befähigung zu kultureller Teilhabe (in einer Kultur der Digitalität) stellen als wesentliche Elemente der Lernprozesse einen breiten Konsens dar. Der Zugang zum Netz ist wie Wasser selbstverständlich und überall und zuverlässig für alle vorhanden. (Ich hoffe, dass ich das erleben werde.)

Es mag manche überraschen, aber was Lernen in der Postdigitalität bedeutet, das nicht auf vorher festgelegte und bestimmte Bücher, Lehrpersonen, Zeiten und Orte beschränkt ist, lässt sich auch heute schon beobachten. Es findet dann statt, wenn nicht gelernt werden “muss“. Und weshalb dabei nicht einen Blick auf die richten, die allein beruflich bedingt wissen sollten, wie man lernt: Lehrende. Wie haben so viele von ihnen das Wissen und die Kompetenzen einer Kultur der Digitalität erworben, die (besonders in den letzten Monaten) in Zeitungen gelobt, im Fernsehen hervorgehoben und im Radio gewürdigt wurden? Im und mit dem Netz. Meine kurze These dazu lautet: So, wie Erwachsene in ihrer “Freizeit“ lernen, sollten Schüler:innen lernen (dürfen). Wie sie vorgegangen sind, möchte ich kurz erläutern.

Wissen und Kompetenzen über eine Digitale Identität

Lehrende haben sich zu Beginn so gut es geht einen Überblick über soziale Netzwerke verschafft: welche Personen und Informationen wo zugänglich sind, wo und wie diskutiert und genetzwerkt wird oder wie die Plattformen an sich funktionieren, wirken und angewandt werden. Am Ende haben sie sich entschieden, in welchem Netzwerk sie (weiterhin) aktiv sein möchten. Sie haben beobachtet, wie andere es machen, haben Fragen an die Community gestellt und sich gegenseitig unterstützt. So haben sie über die Jahre eine digitale Identität entwickelt, mit der sie sich wohlfühlen, Netzwerke geschaffen, mit denen sie sich austauschen und sich befähigt an aktuellen Diskursen teilzunehmen und sie zu gestalten.

In diesen Handlungen haben sie in kritischen Debatten hinsichtlich der Algorithmizität erfahren, dass Algorithmen z.B. Rassismus reproduzieren, strukturell benachteiligen oder Sachverhalte verzerren können. Sie haben gelernt, wie sie für ein Anliegen Aufmerksamkeit erreichen, Information auf ihre Richtigkeit prüfen oder Expert:innen zu einem Thema finden können. Sie haben vor allem ihre Rolle gewechselt. Weil sie als Lernende ins Netz sind, um sich mit der Kultur der Digitalität auseinanderzusetzen. Auf diese Weise konnten sie wirksam und nachhaltig ein breites Wissen und Kompetenzen erwerben, die sich so in keinem Fach oder Stundenplan abbilden lassen. 

Rollenwechsel

Die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden ist fließend im Netz. Anfangs ist man zwar noch mit dem Aufbau eines Grundverständnisses beschäftigt. Je souveräner aber die digitale Identität, umso eher wird erfahrungsgemäß die Rolle der Lehrenden eingenommen und die Expertise, Perspektive und Erfahrungen mit anderen geteilt. So arbeiten viele Lehrer:innen heute nicht mehr nur im Klassen- oder Schulraum, sondern transformieren und verschmelzen ihn mit dem Netz. (Was ich beschreibe, sind Erfahrungen, die übrigens Schüler:innen auch schon sammeln, nur außerhalb der Schulzeit und -aufgaben.) Dabei werden auch adressatengerechte und adäquate Kommunikation und der Umgang mit kontroversen Debatten und Kritik gefordert und gelernt.

Open Educational Resources

Der nächste logische Schritt zur Kultur der Digitalität müsste sein, dass Lehrende alle ihr Texte und sonstigen Materialien nicht mehr für ihren Unterricht, Schulbücher oder -hefte produzieren, sondern sie allen im Netz unter freier Lizenz zur Verfügung stellen. (Das könnte beispielsweise zu einem Netflix für Bildung führen.) Damit sie von anderen benutzt, verbessert oder auf eine andere Weise weiterentwickelt werden können. Sie arbeiten dabei mit Hochschulen und Expert:innen aus anderen Bereichen interdisziplinär zusammen, aber auch mit Schüler:innen. Es gibt jede Menge gute Gründe und Ziele, die für OER an dieser Stelle sprechen.

(Vor über fünf Jahren stellte ich in einer Barcamp-Session auf dem Digital Education Day in Köln die Frage, ob es für den Unterricht digitalisierte oder überhaupt noch Bücher braucht und nahm mir später vor, mit einem Kollegen Verfassertexter im Netz zu veröffentlichen. Die Idee wurde leider nie umgesetzt, weil uns beiden die Zeit dafür fehlte. Ich frage mich aber bis heute, weshalb Lehrer:innen überhaupt noch für Schulbücher publizieren, statt sie im Netz zu veröffentlichen. Reich werden sie damit sicher nicht und finanziell hätten sie es auch nicht nötig. Wenn es um Anerkennung gehen sollte, kann ich ihnen versprechen, dass sie im Netz weitaus mehr gelesen werden würden.)

Dass Ideen, Ansätze und Produkte ins Netz gestellt werden, um sie gemeinsam mit anderen zu optimieren, zeichnet die OER-Community aus. Unfertiges ist dabei ein gleichwertiger Bestandteil der Prozesse wie das fertige Produkt. Die Remix-Kultur und Beteiligung bzw. Referentialität und Gemeinschaftlichkeit sind tragende Säulen dieser Community. (Junge Menschen praktizieren das z.B. bei TikTok.) Dazu gehört nicht nur Content, sondern auch Digitale Tools, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen oder Anleitungen und Unterstützung bei der Produktion. (Hier möchte auf die ZUM, die seit über 20 Jahren diese Community prägt, und auf das OER-Buch von Jöran verweisen.)

Wenn Personen als “bildungsfern” bezeichnet werden, sind meist Menschen damit gemeint, die “bildungszugangsfern” sind. OER können Zugänge zu Informationen und Möglichkeiten des Wissenserwerbs erhöhen und damit strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken und Bildungsgerechtigkeit fördern. Zusätzlich bieten OER das Potenzial, einseitig besetzte Gatekeeper, die über Relevanz von Content bestimmen, abzulösen und mehr Diversität und Barrierefreiheit zu erreichen. Auch das sind Aspekte einer Kultur der Digitalität, dass kulturelle Vielfalt sichtbar gemacht wird und sich entfalten kann.

Was zu tun bleibt

Und jetzt gehen wir davon aus, dass alles, was ich gedanklich gezeichnet habe, Schüler:innen oder Studierende lernen und auch machen dürfen. Dass sie ihre Lernprodukte in der Schulzeit oder im Studium auf ihrem Blog oder anderen Kanälen veröffentlichen und einem breiten Publikum zur Verfügung und Debatte stellen. Beiträge, die nicht in der Regel nur eine Lehrperson zu sehen bekommt und nur dafür erstellt werden, um eine Note zu erhalten, sondern um sie mit der Welt zu teilen, als Teil der Persönlichkeitsentwicklung, kulturelles Gut oder auch um zu lernen, wie sie mit der Welt in Wechselwirkung treten und sie mitgestalten können.

Lernen in der Postdigitalität orientiert sich daran, was reformpädagogisch gewünscht und global erforderlich ist und erreicht das über Zusammenarbeit und Solidarität. Gelernt wird nicht nur über das Verständnis von Strukturen und Prozessen einer Kultur der Digitalität, sondern auch über das Produzieren und Interagieren im Netz. Durch die Arbeit an der digitalen Identität steht neben dem Erwerb von Wissen und Kompetenzen auch das Schaffen von Netzwerken im Vordergrund, die als Basis und Startpunkt vom lebenslangen Lernen verstanden werden können.  

Dieser Beitrag ist und kann nicht vollständig sein. Es ist ein erster Aufschlag und folgt der Logik einer Kultur der Digitalität. Er ist eine Einladung zu einem vertieften Austausch, zur Weiterentwicklung von Ideen und Ansätzen, aber auch konkreten Beispielen, wie Lernen in der Postdigitalität aussehen kann und muss.