Die Forderung nach einer zuverlässigen digitalen Infrastruktur im Bildungsbereich ist populär, richtig und leider auch in 2021 immer noch nötig. Sie stellt eine technische Grundlage dar, um dem kulturellen Wandel begegnen zu können. Das Lernen in der Postdigitalität muss aber bereits ausgehandelt werden, bevor jederzeit, überall und zuverlässig alle einen Zugang zum Netz erhalten haben, weil es die Perspektive auf das Wesentliche richtet und damit gesellschaftlich notwendige Veränderungen aufzeigt. Es folgt einer anderen Logik, fordert ein neues Verständnis und allein aus demokratischen Gründen eine kulturelle Weiterentwicklung.

Zu Beginn eine kurze Begriffsklärung: Was bedeutet Postdigitalität? Der Ausdruck beschreibt einen Zustand, in der alle Formen der Digitalität als Kulturtechniken gesamtgesellschaftlich anerkannt sind. Das bedeutet erstens, dass Digitalität nicht auf Technik reduziert, sondern in ihrer Auswirkung auf den Alltag verstanden wird. Zweitens gibt es diese Kulturtechniken, unabhängig von den Beurteilungen von Menschen. Es ist irrelevant, ob jemand eine Form der Digitalität gutheißt oder ablehnt. Kulturtechniken der Digitalität sind vergleichbar mit dem Lesen von Büchern oder dem Schreiben mit Stift und Papier: Sie werden, ohne längere Gedanken daran zu verlieren, automatisch in die Hand genommen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit kommen in der Postdigitalität “digitale“ Kulturtechniken wie alle anderen zum Einsatz. Analog oder digital spielt keine Rolle mehr.

Eine andere Logik

Das aktuelle Bildungssystem wurde in einer Kultur entwickelt, in der Bücher das Leitmedium darstellten. Sie prägen seit über 100 Jahren seine DNA. Deshalb richtet sich die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen immer noch nach der Logik der Gutenberg-Galaxis: Schulbücher liefern das (einst kulturell ausgehandelte) notwendige Wissen und Lehrpersonen den Zugang dazu. Lernen kann dann stattfinden, wenn beides vorliegt, ist an Ort und Zeit gebunden und schafft Abhängigkeiten. (Was u.a. das Beharren auf klassischem Präsenzunterricht während Covid-19 oder das Fehlen asynchroner Prozesse erklärt.) Das Lernen läuft chronologisch ab, vom ersten bis zum letzten Kapitel eines Buches, auf das ein nächstes folgt. Das Internet ist in dieser Gleichung ein Störfaktor und bestenfalls eine Zusatzaufgabe.

Was mit den Schulschließungen im März 2020 nicht selten zu beobachten war: Lehrpersonen haben auf Papier gedruckte Arbeitsblätter mit einem Smartphone oder Tablet fotografiert und auf die digitale Plattform der Schule hochgeladen oder sie gemailt. Eltern haben diese heruntergeladen, ausgedruckt, das Papier von ihren Kindern mit einem Stift bearbeiten lassen und das Ergebnis wieder fotografiert und hochgeladen oder via Mail zurückgeschickt. Dieses Resultat wirkt nur auf die befremdlich, die bewusst die Kultur der Digitalität wahrnehmen und sich darin bewegen. Für Menschen, die sich an der Logik der Gutenberg-Galaxis orientieren, scheint alles schlüssig.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass selbst mit vorhandener digitaler Technik nicht automatisch ein (notwendiger) kultureller Wandel einhergeht. Deshalb sind auch nicht alle digitalen Angebote innovativ und Produkte einer Kultur der Digitalität, sondern können Ergebnisse der Buchdruck-Kultur sein. Das bedeutet, dass von der Konzeption von digitalen Arbeitsblättern bis zum Design von Lernplattformen teilweise die Logik der Buchkultur maßgebend ist. Das Leitmedium Buch führt dazu,  dass bisherige Strukturen und Prozesse oft nur digitalisiert und nicht notwendigerweise neu gedacht werden. (Was dazu beiträgt, dass der kulturelle Wandel verzögert oder verhindert wird.) Deshalb ist es wichtig, digitale Phänomene von Beginn an unter der Perspektive der Kultur der Digitalität zu betrachten, um sie besser zu verstehen und ihrer Logik folgen zu können. 

Kultur der Digitalität

Um das Lernen in der Postdigitalität zu diskutieren, sind ein Grundverständnis einer Kultur der Digitalität und ein verändertes Bildungsverständnis erforderlich, das aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen berücksichtigt. Wie sich durch Transformationsprozesse eine Kultur der Digitalität entwickelt hat, was sie auszeichnet und welche demokratischen Herausforderungen sich stellen, schildert Felix Stalder in seinem gleichnamigen Buch. Wer sich mit der Thematik vertieft auseinandersetzen möchte, sollte es lesen.

Grob zusammengefasst nennt Stalder drei charakteristische Formen, die eine Kultur der Digitalität eine wesentliche Rolle spielen: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Wie und was als kulturell bedeutend ausgehandelt wird, bildet den Rahmen. Mit Referentialität beschreibt er, wie Bezüge hergestellt und Ansätze weiterentwickelt werden, mit Gemeinschaftlichkeit die Notwendigkeit und Organisation dieser Austauschprozesse mit anderen und mit Algorithmizität bezieht er sich auf die Funktion, Wirkung und Anwendung von Algorithmen (großer Informations- und Kommunikationskanäle), die diese kulturellen Prozesse und Ordnungen prägen.

Blogbeiträge, wie dieser, stellen in der Regel Bezüge zu Text-, Video- und Audiodateien im Netz anderer Personen her (wie z.B. Tweets, YouTube-Videos oder Podcasts) und entwickeln Ideen weiter. Sie sind gemeinschaftliche Produkte in ihrer Entstehung, können als solche nachvollzogen und weiter gestaltet werden. Ihre Relevanz wird durch andere ausgehandelt. Beispielsweise wie oft sie gelikt oder geteilt werden. Algorithmen spielen hier mit eine Rolle, ob und wie sie andere erreichen, z.B. über eine Google-Suche oder eine Empfehlung auf einer digitalen Plattform.

Beim Projekt Routenplaner #digitaleBildung druckten wir thematisch essentielle Blogbeiträge als Buch, um Menschen zu erreichen, die am Aushandlungsprozess im Netz bisher nicht teilnahmen. Dass auch viele andere Personen, die die Kultur der Digitalität im Netz aushandeln, Bücher zu ähnlichen Themen drucken, verdeutlicht, dass die Kultur der Digitalität gesamtgesellschaftlich noch nicht angekommen ist und ihrer Logik nicht gefolgt wird. Es erklärt zudem den aktuellen Stand in Deutschland und weshalb viele Bereiche mit den Herausforderungen der Digitalen Transformation überfordert sind. (Dass und wie sehr Blogbeiträge einer anderen Logik folgen als Bücher, haben wir bei der Produktion auch zeitintensiv erfahren.)

Lernen in der Postdigitalität

In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass zu viel Ungewissheit und Freiheit bei Menschen auch zu Überforderungen führen können und Bilder ihnen bei der Orientierung helfen. Deshalb möchte ich ein paar zeichnen, die ein (zukünftiges) Lernen in der Postdigitalität beschreiben und Philippes Beitrag aus dem Juni 2020 ergänzen. In diesem Szenario haben sich reformpädagogische Strömungen durchgesetzt, Lernende stehen im Mittelpunkt, so wie auch Persönlichkeitsbildung, Demokratiebildung und die Befähigung zu kultureller Teilhabe (in einer Kultur der Digitalität) stellen als wesentliche Elemente der Lernprozesse einen breiten Konsens dar. Der Zugang zum Netz ist wie Wasser selbstverständlich und überall und zuverlässig für alle vorhanden. (Ich hoffe, dass ich das erleben werde.)

Es mag manche überraschen, aber was Lernen in der Postdigitalität bedeutet, das nicht auf vorher festgelegte und bestimmte Bücher, Lehrpersonen, Zeiten und Orte beschränkt ist, lässt sich auch heute schon beobachten. Es findet dann statt, wenn nicht gelernt werden “muss“. Und weshalb dabei nicht einen Blick auf die richten, die allein beruflich bedingt wissen sollten, wie man lernt: Lehrende. Wie haben so viele von ihnen das Wissen und die Kompetenzen einer Kultur der Digitalität erworben, die (besonders in den letzten Monaten) in Zeitungen gelobt, im Fernsehen hervorgehoben und im Radio gewürdigt wurden? Im und mit dem Netz. Meine kurze These dazu lautet: So, wie Erwachsene in ihrer “Freizeit“ lernen, sollten Schüler:innen lernen (dürfen). Wie sie vorgegangen sind, möchte ich kurz erläutern.

Wissen und Kompetenzen über eine Digitale Identität

Lehrende haben sich zu Beginn so gut es geht einen Überblick über soziale Netzwerke verschafft: welche Personen und Informationen wo zugänglich sind, wo und wie diskutiert und genetzwerkt wird oder wie die Plattformen an sich funktionieren, wirken und angewandt werden. Am Ende haben sie sich entschieden, in welchem Netzwerk sie (weiterhin) aktiv sein möchten. Sie haben beobachtet, wie andere es machen, haben Fragen an die Community gestellt und sich gegenseitig unterstützt. So haben sie über die Jahre eine digitale Identität entwickelt, mit der sie sich wohlfühlen, Netzwerke geschaffen, mit denen sie sich austauschen und sich befähigt an aktuellen Diskursen teilzunehmen und sie zu gestalten.

In diesen Handlungen haben sie in kritischen Debatten hinsichtlich der Algorithmizität erfahren, dass Algorithmen z.B. Rassismus reproduzieren, strukturell benachteiligen oder Sachverhalte verzerren können. Sie haben gelernt, wie sie für ein Anliegen Aufmerksamkeit erreichen, Information auf ihre Richtigkeit prüfen oder Expert:innen zu einem Thema finden können. Sie haben vor allem ihre Rolle gewechselt. Weil sie als Lernende ins Netz sind, um sich mit der Kultur der Digitalität auseinanderzusetzen. Auf diese Weise konnten sie wirksam und nachhaltig ein breites Wissen und Kompetenzen erwerben, die sich so in keinem Fach oder Stundenplan abbilden lassen. 

Rollenwechsel

Die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden ist fließend im Netz. Anfangs ist man zwar noch mit dem Aufbau eines Grundverständnisses beschäftigt. Je souveräner aber die digitale Identität, umso eher wird erfahrungsgemäß die Rolle der Lehrenden eingenommen und die Expertise, Perspektive und Erfahrungen mit anderen geteilt. So arbeiten viele Lehrer:innen heute nicht mehr nur im Klassen- oder Schulraum, sondern transformieren und verschmelzen ihn mit dem Netz. (Was ich beschreibe, sind Erfahrungen, die übrigens Schüler:innen auch schon sammeln, nur außerhalb der Schulzeit und -aufgaben.) Dabei werden auch adressatengerechte und adäquate Kommunikation und der Umgang mit kontroversen Debatten und Kritik gefordert und gelernt.

Open Educational Resources

Der nächste logische Schritt zur Kultur der Digitalität müsste sein, dass Lehrende alle ihr Texte und sonstigen Materialien nicht mehr für ihren Unterricht, Schulbücher oder -hefte produzieren, sondern sie allen im Netz unter freier Lizenz zur Verfügung stellen. (Das könnte beispielsweise zu einem Netflix für Bildung führen.) Damit sie von anderen benutzt, verbessert oder auf eine andere Weise weiterentwickelt werden können. Sie arbeiten dabei mit Hochschulen und Expert:innen aus anderen Bereichen interdisziplinär zusammen, aber auch mit Schüler:innen. Es gibt jede Menge gute Gründe und Ziele, die für OER an dieser Stelle sprechen.

(Vor über fünf Jahren stellte ich in einer Barcamp-Session auf dem Digital Education Day in Köln die Frage, ob es für den Unterricht digitalisierte oder überhaupt noch Bücher braucht und nahm mir später vor, mit einem Kollegen Verfassertexter im Netz zu veröffentlichen. Die Idee wurde leider nie umgesetzt, weil uns beiden die Zeit dafür fehlte. Ich frage mich aber bis heute, weshalb Lehrer:innen überhaupt noch für Schulbücher publizieren, statt sie im Netz zu veröffentlichen. Reich werden sie damit sicher nicht und finanziell hätten sie es auch nicht nötig. Wenn es um Anerkennung gehen sollte, kann ich ihnen versprechen, dass sie im Netz weitaus mehr gelesen werden würden.)

Dass Ideen, Ansätze und Produkte ins Netz gestellt werden, um sie gemeinsam mit anderen zu optimieren, zeichnet die OER-Community aus. Unfertiges ist dabei ein gleichwertiger Bestandteil der Prozesse wie das fertige Produkt. Die Remix-Kultur und Beteiligung bzw. Referentialität und Gemeinschaftlichkeit sind tragende Säulen dieser Community. (Junge Menschen praktizieren das z.B. bei TikTok.) Dazu gehört nicht nur Content, sondern auch Digitale Tools, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen oder Anleitungen und Unterstützung bei der Produktion. (Hier möchte auf die ZUM, die seit über 20 Jahren diese Community prägt, und auf das OER-Buch von Jöran verweisen.)

Wenn Personen als “bildungsfern” bezeichnet werden, sind meist Menschen damit gemeint, die “bildungszugangsfern” sind. OER können Zugänge zu Informationen und Möglichkeiten des Wissenserwerbs erhöhen und damit strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken und Bildungsgerechtigkeit fördern. Zusätzlich bieten OER das Potenzial, einseitig besetzte Gatekeeper, die über Relevanz von Content bestimmen, abzulösen und mehr Diversität und Barrierefreiheit zu erreichen. Auch das sind Aspekte einer Kultur der Digitalität, dass kulturelle Vielfalt sichtbar gemacht wird und sich entfalten kann.

Was zu tun bleibt

Und jetzt gehen wir davon aus, dass alles, was ich gedanklich gezeichnet habe, Schüler:innen oder Studierende lernen und auch machen dürfen. Dass sie ihre Lernprodukte in der Schulzeit oder im Studium auf ihrem Blog oder anderen Kanälen veröffentlichen und einem breiten Publikum zur Verfügung und Debatte stellen. Beiträge, die nicht in der Regel nur eine Lehrperson zu sehen bekommt und nur dafür erstellt werden, um eine Note zu erhalten, sondern um sie mit der Welt zu teilen, als Teil der Persönlichkeitsentwicklung, kulturelles Gut oder auch um zu lernen, wie sie mit der Welt in Wechselwirkung treten und sie mitgestalten können.

Lernen in der Postdigitalität orientiert sich daran, was reformpädagogisch gewünscht und global erforderlich ist und erreicht das über Zusammenarbeit und Solidarität. Gelernt wird nicht nur über das Verständnis von Strukturen und Prozessen einer Kultur der Digitalität, sondern auch über das Produzieren und Interagieren im Netz. Durch die Arbeit an der digitalen Identität steht neben dem Erwerb von Wissen und Kompetenzen auch das Schaffen von Netzwerken im Vordergrund, die als Basis und Startpunkt vom lebenslangen Lernen verstanden werden können.  

Dieser Beitrag ist und kann nicht vollständig sein. Es ist ein erster Aufschlag und folgt der Logik einer Kultur der Digitalität. Er ist eine Einladung zu einem vertieften Austausch, zur Weiterentwicklung von Ideen und Ansätzen, aber auch konkreten Beispielen, wie Lernen in der Postdigitalität aussehen kann und muss.

Entwurf_UmschlagBeiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Diesen habe ich gemeinsam mit Philippe verfasst.

Es gibt drei Positionen in der Diskussion um Bildung in der digitalen Kultur: Die euphorische geht davon aus, dass Digitales den Unterricht in praktisch jeder Hinsicht verbessert – allein dadurch, dass es eingesetzt wird. Die pessimistische sieht im Digitalen eine umfassende Bedrohung für die Bildung: Sie schade Kindern, verleite zu Oberflächlichkeit und ersetze pädagogisch bewährte Überlegungen durch technologische Spielereien. Die dritte Position ist eine kulturpragmatische: Sie nimmt das große Ganze in den Blick, beschreibt konkrete Phänomene, prüft Argumente kritisch – und ist doch aufgeschlossen und fordernd.

Diese letztere Haltung erhält in Diskussionen über die Bedeutung einer Kultur der Digitalität für Schulen und Unterricht zu wenig Gewicht. Sie wird außerhalb von Nischen im Netz wenig wahr- und eingenommen, unter anderem auch, weil differenzierte Betrachtungen in der Regel nicht belohnt werden.

Skeptiker sehen durch die Digitalisierung die Lesefähigkeit bedroht

Die folgenden zwei Beispiele sollen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Herangehensweisen verdeutlichen: Das erste Beispiel betrifft die Veränderung von Leseprozessen durch digitale Medien. Während die eine Seite euphorisch auf die vielen Texte im Netz und die erweiterten Möglichkeiten, sie auf Smartphones, Tablets, E-Readern und Rechnern lesen zu können, hinweist, wendet die skeptische Gegenseite ein, dass „Deep Reading“ bedroht sei – die Fähigkeit, Texte so zu lesen, dass ein nachhaltiger, durchdringender kognitiver Vorgang in Gang gesetzt werde. Flüchtige Aufmerksamkeit zersetze „Deep Reading“.
Der pragmatische Blick auf die digitale Transformation des Lesens beschreibt Lektürepraktiken von Netz-Texten. Dabei zeigt sich, dass viele für das Netz konzipierte Texte nicht-linear strukturiert sind und deshalb andere Kompetenzen erfordern, als das bei der Lektüre von Zeitungen oder Romanen der Fall ist

Das zweite Beispiel betrifft die Forderung nach einem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht. Dass er fehlt, wird oft durch Vergleiche von Ergebnissen begründet, die zwei Denkfehlern unterliegen: Lernsetting und Lernprozesse werden unverändert belassen und digitale Medien als Ersatz von analogen eingesetzt. Sichtbar wird das in Prüfungen, bei denen digitale Medien nur so eingesetzt werden dürfen, dass weder Kommunikation noch Kollaboration möglich ist. Eine Aufgabe, die aus der Buchdruckkultur stammt und dafür konzipiert wurde, mit einem Tablet lösen zu lassen, ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug und einen Roller um die Wette schieben zu lassen. Die digitale Kultur erfordert neu gestaltete Lernprozesse und beschäftigt sich mit anderen Problemen.

Oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus

Euphorisch betrachtet lassen sich sofort viele Anwendungen für Apps und Geräte finden, die das Lehren und Lernen effektiver oder effizienter gestalten. Aber das kann dazu (ver)führen, die bisherigen Strukturen und Abläufe nicht zu hinterfragen. Der Einsatz von Digitalem führt nicht automatisch zur kritisch denkenden Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels, sondern kann auch in pressewirksamer Kosmetik münden. Der kulturpragmatische Blick untersucht, was notwendig ist, um junge Menschen zur mündigen und souveränen Teilhabe in der digitalen Welt zu befähigen.

Diskussionen rund um solche Beispiele finden in und außerhalb von Schulen täglich statt. Viele Lehrkräfte bekommen den Diskurs der vergangenen Jahre aus dem Netz nicht mit, der einige Überlegungen und Behauptungen erübrigen würde. Sie oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus, zwischen der Bereitschaft, Kinder auf eine digitale Zukunft vorzubereiten, und der Angst, dass sie mit zu viel Arbeit an digitalen Endgeräten verdummen. Hier ist Orientierungshilfe nötig. Kulturpragmatisch.

 

Beiträge, die ich für Online Magazine verfasse, veröffentliche ich zwei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Dieser erschien bei was wäre wenn.

Es herrscht Einigkeit, dass Bildung zum einen Spiegel der Gesellschaft ist, aber auch der Schlüssel zu zukünftigen Entwicklungen und deshalb immer dort angesetzt werden muss, wenn Veränderungen notwendig sind, sie verankert werden und nachhaltig wirken sollen. Wer also die Dynamik der Digitalen Transformation, globaler Umbrüche und einen grundlegenden Wandel gesellschaftlicher Ordnung betrachtet, landet zwangsläufig bei der Frage und Debatte, wie Bildung in einer Kultur der Digitalität aussehen sollte. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass das deutsche Bildungssystem ein riesiger und komplexer Tanker ist, in dem Kursänderungen (zu) viel Zeit beanspruchen. So kann auf Transformationsprozesse, wenn überhaupt, nur stark verzögert reagiert werden. Kann aber trotz dieses Widerspruchs eine heute und morgen notwendige Bildung gelingen? Ja, sie kann – wenn sie nicht auf Bildungseinrichtungen reduziert oder abgeschoben wird.

Bildung ist das Ergebnis von Gesellschaft 

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Foto: Fionn Große

Wer über Bildung spricht, denkt meist automatisch in Institutionen, trennt nach Alter, Schulart oder Zielgruppen, trennt nach Fächern oder Zeiten, wann Angebote stattfinden. Es wird zugeordnet und sortiert. Einrichtungen und Rahmen werden gedanklich in den Vordergrund gerückt und nicht der Vorgang, sich zu bilden, Wissen zu erwerben, zu lernen. Dabei könnten sich dort vielleicht einige Antworten auf die Fragen unserer Zeit finden lassen, teilweise auch bei uns selbst: Wie bilden wir uns heute? Welche neuen Möglichkeiten gibt es und nutzen wir auf welche Art und Weise? Wie lernen wir von- und miteinander? Schließlich befinden wir uns alle in dieser global vernetzen Welt voller Veränderungen, in der wir uns neu zu sortieren und zurechtzufinden versuchen. Wir probieren und scheitern, reflektieren und versuchen es erneut und entwickeln uns permanent weiter. Manche erlangen so Expertise für noch unerschlossene Bereiche, fernab der klassischen Bildungswege. Es ändert sich nicht nur was, sondern auch wie, wann, wo oder mit wem wir lernen und uns bilden. 

Ja, es kostet anfangs etwas Anstrengung, sich davon zu lösen, den Begriff Lernen nicht als schulisches Lernen (in dem Bezug oft auch als Auswendiglernen oder das auf einen Test Lernen) zu verstehen, sondern als einen Prozess, der uns täglich mal mehr oder weniger bewusst begleitet. Ein Lernen, das ohne Note oder Zertifizierung auskommt und trotzdem tiefgründig und nachhaltig sein kann. Wir lernen ständig hinzu, sei es aus einem Gespräch, das wir geführt, einer Handlung, die wir beobachtet oder einem Text, den wir gelesen haben. Dabei brechen wir nicht nach 45 Minuten ab und wechseln das Thema, die Zusammensetzung der Gruppe oder sogar den Ort. Wir lernen und bilden uns bei der Arbeit, in der Straßenbahn, beim Musik hören oder beim Feiern mit Freunden weiter. Es geschieht ganz beiläufig, selbstverständlich und wandelt sich.  

Und während die Welt sich grundlegend ändert, scheint sich die Diskrepanz zwischen dem Lernen wie es innerhalb und außerhalb von Bildungseinrichtungen stattfindet zu vergrößern. Was jedoch beide Bereiche eint, sind die zunehmend komplexeren Herausforderungen der Digitalen Transformation, die nur zusammen mit unterschiedlichen Expertisen und Perspektiven gemeistert werden können. Deshalb brauchen Bildungseinrichtung und Lehrende auch keine noch längeren To-do-Listen, sondern neben politischer auch eine gesamtgesellschaftliche Unterstützung und Beteiligung. Es braucht weniger Orte, an denen man schon alles weiß, kann und das zu vermitteln versucht, sondern mehr Lernräume, an denen einiges noch und nur miteinander herausgefunden werden kann und erarbeitet werden muss. Und miteinander bedeutet über die Grenzen von Bildungsinstitutionen hinaus, also auch interdisziplinär und multiperspektivisch. Im Kontext von think global, act local wird kommunaler (städtischer) Raum als (urbaner) Lernraum aufgefasst und gestaltet.

Google Maps fürs Lernen im Niemandsland 

Im Prinzip müssen gemeinsam lerntopografische und allgemeinzugängliche Karten für den kommunalen Raum entwickelt werden. So, dass jede Person weiß, wo sie vor Ort bestimmte Informationen findet, auf Fachkundige treffen oder ihr Wissen einbringen kann. Als würde man beispielsweise die unzähligen YouTube-Videos, die einem die Welt erklären, die erstellenden Personen und die Produktion auch physisch und kommunal abbilden und greifbar machen. So etwas verlangt ein verändertes Selbstverständnis von allen an Bildungsprozessen beteiligten Personen und deren Einrichtung: sich weniger als abgeschossene Einheit, sondern als ein (kommunal-)zivilgesellschaftlicher Bestandteil zu verstehen, als eine Haltestelle auf einer Karte lebenslangen Lernens. Dieses Umdenken führt einerseits zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung, vergrößert aber zugleich die Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln, indem sich der Kreis an Personen mit unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen erweitert. Im Prinzip müssten einige Elemente vom Lernen im Netz in den physischen und kommunalen Raum übertragen und geformt werden: Ein offener Zugang zu Informationen und Expert_innen, attraktive Gelegenheiten, davon zu erfahren oder auch diverse Möglichkeiten für Vernetzung, Austausch und Kollaboration.  

Weil Transformationsprozesse Grenzen auflösen, befinden sich viele Problemstellungen im gesellschaftlichen Niemandsland, außerhalb und zwischen den Systemen und Strukturen, ohne klare Zuständigkeiten. Deshalb werden entweder oft eigene Lösungen entwickelt, die nicht funktionieren, weil sie nur aus der eigenen Perspektive gedacht wurden oder es wird erst gar nicht investiert, weil es von bisherigen Systemen aus blickend, keinen Sinn ergibt. Was bringt also z.B. ein Smartphone-Verbot in der Schule, wenn es außerhalb der Schulzeit ständig im Einsatz ist? Aus schulischer Sicht und dem Verständnis, diese Geräte als reine Störfaktor zu betrachten, scheint das Problem dadurch zwar gelöst zu sein, aber alle anderen persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen bleiben weiterhin unangetastet und lediglich aus dem Sichtfeld der Schule gedrängt. Die Kultur der Digitalität hat wie wir kommunizieren, uns informieren, arbeiten oder von- und miteinander lernen grundlegend verändert. Deshalb braucht es auch grundlegend andere Vorgehensweisen und Lösungen. Wer befähigt denn die Gesellschaft an kultureller Teilhabe oder zu einem souveränen und mündigen Auftreten im Netz? Freunde und Bekannte, die Elternhäuser, die Schulen, die Hochschulen, der auszubildenden Betrieb oder die Vereine? Eins ist sicher: Alleine klappt das nicht. Nur wo können viele von ihnen aufeinandertreffen? Wo können sie über Fragen diskutieren, Wissen und Erfahrungen austauschen und gemeinsame Konzepte entwickeln?

Was wäre, wenn das gesamte (kommunale) Wissen und Können, zu den vielen unerforschten Bereichen des kulturellen Wandels für alle offen, zugänglich und transparent wäre? Wenn sämtliche Expert_innen bekannt wären und gemeinsam an Konzepten arbeiten würden? Wenn keine Hierarchien, fachliche Grenzen und sonstigen Tellerränder den Dialog erschweren würden? Wenn der Antrieb ein humanistischer wäre, der sich am großen Ganzen, der Vernunft und gesellschaftlicher Verantwortung orientiert? Diese Ansätze gibt es vielleicht bereits mancherorts. Im kommunalen Raum kommen sie noch (zu) selten bis gar nicht vor. Aber hier findet ein Großteil von Bildung statt.

Not the system, change the people  

Wahrscheinlich besteht ein Denkfehler vieler gescheiterten Bemühungen, eine zeitgemäße Bildung anzustreben, unter anderem darin, Systeme verändern zu wollen, die sich selbst erhalten und größtenteils auf Verwaltung des Bisherigen ausgelegt sind. Es wird aber niemals gelingen, mit einem riesigen Bildungstanker flexibel Wellen zu surfen. Muss es auch nicht. Wer Innovation wünscht, muss neue Wege gehen. Und da diese Systeme nicht vom Himmel gefallen, sondern menschengemacht sind, muss eben dort auch wieder angesetzt werden, um das notwendige Mindset für das digitale Zeitalter zu erreichen. Wo könnte das besser gelingen als im bereits erwähnten Niemandsland, zwischen den Systemen und Strukturen? Wo Zuständigkeiten unklar sind, ist Spielraum für Neues. Und neues Denken braucht Freiräume 

Es braucht kritisch denkende Menschen, die Komplexität bewältigen oder ertragen können und sich nicht durch einfache, vermeintliche Antworten ködern lassen. Menschen, die nicht vor der Vielzahl an Dystopien erstarren, sondern souverän und mündig die Zukunft gestalten können und möchten. Wahrscheinlich würde John F. Kennedy an dieser Stelle aufrufen, nicht zu fragen, was Bildung für euch tun kann, sondern zu fragen, was ihr für Bildung tun könnt. Wer Bildung als lebenslange und gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht, muss nicht auf Erlaubnis oder eine Anordnung warten, um sich Verbündete zu suchen, um attraktive Räume für Austausch, Vernetzung und Kollaboration zu eröffnen. Das Netz bietet heute zudem einfache Möglichkeiten, sich zu organisieren, sichtbar zu machen und andere zur Beteiligung zu animieren. Weshalb nicht Treffen durchführen, Projekte umsetzen oder Kooperationen initiieren?

Veranstaltungen können ein guter Auftakt für einen zivilgesellschaftlichen Aufbruch zu zeitgemäßer Bildung sein. Oft beanspruchen sie das auch für sich und schmücken sich als neue und innovative Konzepte, sind es aber selten. Events zu “digitaler Bildung“ erfreuen sich nämlich großer Beliebtheit und schießen in den letzten Jahren bundesweit wie Pilze aus dem Boden. Dabei werden gerne vermeintliche “All inclusive und sorglos“-Pakete geschnürt, die besten Hard- und Software-Lösungen versprochen und die innovativsten Speaker_innen aus der Ferne der Republik eingeflogen. Nicht selten reist die geballte Expertise dann nach beeindruckenden Vorträgen wieder ab und hinterlässt die Wirkung eines Strohfeuers. Diese Konzepte gehören zum großen Bildungstanker. Es fehlen Freiräume für agiles Denken und Handeln abseits der klassischen Pfade. 

Am Beispiel von Veranstaltungen, Treffen oder sonstigen Räumen für einen Austausch lässt sich exemplarisch an sechs Punkten veranschaulichen, welche Aspekte bedacht werden sollten, um Bildung in der Kultur der Digitalität als gemeinsame Aufgabe ankommen zu lassen und lerntopografische Karten online und offline zu zeichnen:

1.) Jedes Angebot sollte Teil eines größeren Konzepts, einer langfristigen Strategie, eines nie endenden Prozesses sein, der unter Berücksichtigung der restlichen, folgenden Punkte erarbeitet werden sollte. Sonst bleibt es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, verpufft in der Wirkung und erzeugt im schlimmsten Fall sogar Frust.

2.) Die Angebote müssen offen und transparent sein. Die Wahl der Orte, der Zeit oder über welche Kanäle kommuniziert wird, entscheiden dabei mit über die allgemeine Zugänglichkeit. 

3.) Es braucht eine möglichst interdisziplinäre und diverse Zusammensetzung an Personen und Themen, weil nur mit einer Vielfalt an Expertisen und Perspektiven die komplexen Herausforderungen unserer Zeit gelöst werden können.

4.) Die Angebote müssen unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligung und Selbstbestimmung enthalten. Es braucht kein weiteres Abfahren kommunikativer Einbahnstraße, sondern einen Rahmen, in dem Inhalte und Abläufe mitgestaltet werden können.

5.) Weil nicht immer alle Personen die Angebote wahrnehmen können, erst später davon erfahren oder am Tag selbst keine Gelegenheit hatten, sich mit allen auszutauschen und zu vernetzen, ist Anschlussfähigkeit bezüglich Personen und Themen ein wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Prozesse. Deshalb sind Anknüpfungsmöglichkeiten, über das Angebot hinaus, besonders wichtig.

6.) Wertschätzt die „Propheten“ im eigenen Land! Nicht selten ist die lokale, regionale Vielfalt an Expertise gar nicht bekannt, weil sie scheinbar oft viel Kosten und weit weg sein muss, um etwas wert zu sein. Dabei haben gerade diese Personen ein eigenes Interesse daran, nachhaltige und wirksame Prozesse vor Ort anzustoßen oder haben Einblicke in die lokalen Begebenheiten.  

Spannend wird es, wenn auch das Lernen und Lernsetting in Schulen und Hochschulen mit diesen Aspekten durchdacht werden. Dann wird deutlich, welches Potenzial hier noch brach liegt und Veränderungen noch ausstehen; sei es beim Mindset, bei den Ressourcen oder Räumen. Es geht hier aber nicht um Visionen, die in einer fernen Zukunft liegen könnten. Einiges findet bereits statt. Ein Blick in soziale Netzwerke legt offen, dass sich immer mehr Menschen über Grenzen hinweg zusammenschließen, sich in flexiblen Strukturen organisieren und die neugewonnen Möglichkeiten nutzen, die eine Kultur der Digitalität bietet, um ihre Angebote und Anliegen sichtbar zu machen und einzuladen, Bildung neu zu denken, zu gestalten, gemeinsam, global denkend und lokal handelnd. Ihre Antwort auf Bildung im 21. Jahrhundert lautet: Your society needs you!