Wenn fünf Menschen, deren Gedanken über Bildung ihren Erstwohnsitz im Internet haben, beschließen, ein Buch zu schreiben, muss das einen guten Grund haben. Die Idee und der Antrieb, Sätze auf Papier drucken zu lassen, entstand aus der Tatsache und den Leiden darunter, dass (im Bildungsbereich) kulturpessimistische Bücher, die vor allem Digitalen warnen, sich scheinbar nicht nur gut verkaufen lassen, sondern auch die notwendige und unausweichliche gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Digitalen Transformation erschweren, teilweise sogar verhindern. Axel, Martin, Jöran, Philippe und ich beschlossen deshalb im Sommer 2018 in der Gutenberg-Galaxis dem ein Gegengewicht zu setzen. Dieses Gegengewicht ist grell, gebunden, mehr oder weniger quadratisch, heißt Routenplaner #digitale Bildung: Auf dem Weg zu zeitgemäßer Bildung. Eine Orientierungshilfe im digitalen Wandel und kann nun im Buchhandel käuflich erworben werden.

Wer das lesen soll, habe ich gefragt?!

FABB83AA-93B5-4958-A973-2B7EED0FB432Es richtet sich an alle Bildungsinteressierte, die zwischen den lauten Stimmen der Euphorie und grundsätzlicher Ablehnung in der Digitalen Transformation nach Orientierung suchen. Es ist ein Buch für Einsteiger_innen, aber auch für Fortgeschrittene, die damit ihr aktuelles Handeln und Verständnis immer wieder neu reflektieren können. Es liefert Einblicke in die kontroversen Debatten, die seit Jahren im Netz stattfinden und bietet Möglichkeiten, sich damit ein Grundverständnis von Bildung in einer Kultur der Digitalität aufzubauen. Wer noch mehr Information zum Buch oder einen längeren Blick hinter die Kulissen werfen möchte, findet alles auf der Website, die wir dazu gebastelt haben. Dort finden sich, dem Aufbau des Buches folgend, für die Beiträge alle wichtigen Links, um sie nicht abtippen zu müssen. Sie sollen das Lesen aber nicht nur erleichtern und ergänzen, sondern auch zu einem Ausflug ins Netz einladen. Außerdem haben wir auf der Website auch das komplette Vorwort und den abschließenden Text Hinter dem Vorhang veröffentlicht, um die meisten Fragen vorab schon zu beantworten.

Das gibt’s doch schon alles im Internet!

Jein. Wir haben zwar unsere wichtigsten Blogbeiträge gebündelt, um sie auch für Menschen zugänglich zu machen, die nicht am Diskurs im Netz teilnehmen oder davon wissen. Nur kann ein Blogbeitrag nicht einfach so in ein Buchformat übertragen werden, weil er in einer komplett anderen Struktur erstellt wurde und steht. Deshalb mussten wir einige Passagen umschreiben, Stellen streichen oder komplett neu verfassen. Wer immer noch nicht glaubt, sich oder anderen das Buch unter den Weihnachtsbaum stellen zu müssen: Wir konnten Kathrin und Lisa von unserem Anliegen überzeugen und durften zwei besondere Beiträge von ihnen drucken. Ihre Texte bilden meiner Meinung nach eine Basislektüre, die zumindest im Bildungswesen jeder mal gelesen haben sollte. Falls ihr noch Fragen habt, die weder hier noch auf der Website zum Buch beantwortet wurden, schreibt uns einfach. Dafür wurden soziale Netzwerke schließlich erfunden. Und jetzt viel Vergnügen beim Lesen.

Bildung braucht keine Exzellenzuniversitäten, Leuchtturm-Projekte oder Besten-Wettbewerbe. Sie braucht Vernetzung, Austausch, Transparenz, Offenheit und Solidarität. Es geht dabei nicht nur um die globalen und lokalen Herausforderungen einer Kultur der Digitalität, die einen Wandel der Strukturen, manches Verständnisses und einiger Haltungen notwendig machen, sondern auch um das Überwinden struktureller Benachteiligung, verkehrter Anreize und unsere Zukunft.photo-1477281765962-ef34e8bb0967

Die Grundidee der Exzellenzuniversitäten stammt von 2004 und erhielt in Anlehnung an die frisch gestartete Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ den Titel: Brain up! Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten. Das Ziel war es, durch Bundesfördermittel an internationale Eliteuniversitäten wie Harvard anzuschließen. Was kann daran auch verkehrt sein? Wer kann das schon nicht wollen, dass deutsche Universitäten die Besten der Welt hervorbringen oder für solche Talente attraktiver werden und international an Bedeutung gewinnen?

Sind es wirklich die Besten?

Wie man der 21. Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks entnehmen kann, hält der Trend eines hohen Anteils an Studierenden aus Akademikerhaushalten im Vergleich zu einem weitaus geringeren Anteil aus Nicht-Akademikerhaushalten seit Jahrzehnten an. Diese Entwicklung ist strukturell bedingt und beginnt bereits im Kindesalter. Allein dieser Zustand belegt, dass von Anfang an gar nicht die Chance besteht, die tatsächlich besten Talente zu fördern, sondern die, die mit günstigeren Bedingungen antreten.

Es geht somit nicht um einen fairen 100m-Lauf, bei dem die Besten ermittelt werden. Manche starten erst bei Meter 80, ausgestattet mit Top Equipment und einem ganzen Trainerteam, während andere das Rennen ohne Startblock bei Meter 0 beginnen. Einigen gelingt nicht einmal der Weg ins Stadion, weil sie entweder den Eintritt nicht bezahlen können oder Zuhause mithelfen müssen. Strukturelle Benachteiligung ist nicht vorherbestimmt, sondern von Menschen geschaffen, die davon profitieren.

Die Besten zu ermitteln und zu fördern ist deshalb in der Regel nur die Fassade und gesellschaftliche Legitimation, durch das sich ein System selbst erhält. Privilegierte bleiben weiterhin privilegiert, mit dem guten Gefühl, behaupten zu können, andere hätten auch eine Chance gehabt. Somit nützt das Ganze nur denen, die in den bisherigen Strukturen und Hierarchien die Deutungshoheit hatten und sie weiterhin behalten möchten. Sie prämieren Ihresgleichen und bestätigen sich selbst.

Anreize und Wirkungen

Das Ziel, eine Erste Liga der Universitäten durch für wenige üppige Fördersummen zu erreichen, generiert natürlich auch Angst, nicht in der Zweiten Liga zu landen. Es ist ein Wettbewerb um Geld und Reputation, für den Mittel gebunden werden, die an anderen Stellen nun fehlen. Der Wettkampf hat auch dazu geführt, dass in kurzfristige Leuchtturm-Projekte investiert wurde und durch zeitlich befristete Verträge prekäre Beschäftigungsverhältnisse zugenommen haben. Gar nicht so exzellent. (Mehr dazu in diesem Tagesschau-Beitrag.)

Wer die Transformationsprozesse und globalen Entwicklungen nicht ausblendet, stellt fest, dass in einer zunehmend vernetzen und komplexeren Welt nur gemeinsam die aktuellen und zukünftigen Probleme gelöst werden können. Es braucht keine Casting-Show für Unis, sondern Anreize für eine Haltung und ein Weltverständnis, indem Wissen miteinander geteilt und kollaborativ, interdisziplinär und multiperspektivisch gearbeitet wird. Am Ende bleiben viele Fragen offen. Nicht nur finanzielle. Wie lange und viel Konkurrenzhaltung kann sich unsere Welt überhaupt noch leisten?

Wenn ich online und offline die Debatten über Bildung im digitalen Wandel beobachte, fällt mir auf, dass am meisten darüber diskutiert wird, wie man Lehrende, die sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, dafür interessieren oder unterstützen kann. An zweiter Stelle richtet sich dann der Fokus auf Menschen aus Politik oder Ämtern, die im Bildungssystem eine führende Rolle spielen. Schließlich entscheiden sie, welche Bildung und Investitionen am Ende verfolgt werden. Da die wenigsten Personen aber eine Möglichkeit erhalten, auf diesen Ebenen wirksam gehört zu werden, konzentriert sich ein großer Teil der Engagierten letztendlich wieder auf die Lehrenden.

Bildschirmfoto 2018-03-06 um 00.08.39Was ist aber mit dem Bildungsjournalismus? Wenn ich bedenke, wie die Anzahl der Beitrage über Bildung und Digitales in den letzten Jahre in Print und TV zugenommen hat, lohnt sich ein Blick auf die Gruppe, die dafür zuständig ist. Auch hier bietet sich das breite Spektrum an Menschen, die offen oder verschlossen gegenüber Neuem sind, sich sachlich und kontrovers mit der Thematik auseinandersetzen oder bei denen ihre Meinung bzw. persönliche Erfahrungen, nicht selten aus der eigenen Schulzeit, den roten Faden in ihren Beiträgen bildet. Wie man sich dem Anteil der Kulturpessimisten nähern könnte, unterscheidet sich wahrscheinlich kaum bis gar nicht von den Ansätzen, die für Lehrende gelten. (Hierzu haben Beat hier und ich an dieser Stelle einige Aspekte gesammelt.)

Kritisch sehe ich die Entwicklung, dass mehrheitlich pressewirksame Elemente aus Schulen und Hochschulen veröffentlicht werden. Unter pressewirksam verstehe ich in der Regel Technik, die sich fotografieren lässt oder das Publikum als innovativ wirkend begeistert. Tablets und interaktive Whiteboards machen die (technische) Entwicklung greifbar und verständlich für jedermann, alles mit Augmented oder Virtual Reality “rockt“, weil es cool ist und Apps sind schön bunt und benutzerfreundlich. Ob diese Berichterstattung dazu führt, dass sich Lehrende diesem Phänomen anpassen oder der Bildungsjournalismus nur das aufgreift, was Lehrende zu bieten haben, scheint ein Henne-Ei-Problem. Ich vermisse beim Großteil der Beiträge die wesentlichen Fragen der digitalen Transformation. Welche gesellschaftlichen Prozesse finden statt? Welche Bedeutung haben sie für das Individuum, die Allgemeinheit oder das Bildungssystem und alle daran Beteiligten? Vielleicht liegt es auch daran, dass man glaubt, (einfache) Antworten liefern zu müssen; besonders in Zeiten, in denen nichts mehr klar zu sein scheint. Dabei könnte gerade der Journalismus, der selbst an vielen Stellen ums Überleben kämpft, mit etwas mehr Mut eine zentrale Rolle übernehmen und die notwendige gesellschaftliche Debatte führen, die inspiriert, neue Blickwinkel eröffnet und befähigt, die Zukunft mitzugestalten. Mehr Fragen wagen und offen lassen, könnte eine Antwort für den Bildungsjournalismus sein.