Weil viele Schüler:innen seit und während Covid-19 immer wieder den Arbeitsauftrag erhalten, ein DinA4-Seite zu einem Thema zu erstellen, die sie dann fotografieren und via E-Mail verschicken oder auf ihre Schulplattform hochladen sollen, möchte ich auf die Möglichkeit verweisen, die bei Lehrer:innen, die sich seit Jahren im Netz austauschen, schon länger bekannt und beliebt ist und Telegraph oder Quicknote bieten: einen Blogbeitrag (ohne Blog und Kenntnisse in dem Bereich) zu erstellen. 

Damit bleiben nicht nur allen Seiten einige (unnötige) Arbeitsschritte erspart. Es wird auch die Logik der Buchdruck-Kultur überwunden und ein attraktiver und niederschwelliger Einstieg (ebenfalls für alle Seiten) in eine Kultur der Digitalität (und besonders Referentialität) und zum Bloggen eröffnet. Schüler:innen erfahren mit diesen Webanwendungen auf einfach und direkte Weise Selbstwirksamkeit. Selbst mit dem Smartphone ist das Verfassen solcher Blogbeiträge möglich und für diese Nutzung intuitiv gestaltet.

Das Internet wird in diesem Szenario als Lern- und Arbeitsumgebung anerkannt. Das Netz wird als Quelle und Potenzial und nicht mehr als Verbot und Betrug verstanden. Die Entwicklung einer Vorstellung, wie das Web aufgebaut ist und funktioniert, wird dadurch begünstigt und Schüler:innen erfahren sich als Produzierende, außerhalb der auf den Smartphones installierten Apps und Social Media-Plattformen. Neben den Etherpads, wie CryptPad, ZUMPad oder Yopad, sind diese beiden Programme bestens geeignet, die Lernenden und Lernprozesse in den Mittelpunkt zu stellen. (Danke an Johanna und Armin fürs Erinnern daran.)

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

In den letzten Wochen haben viele Lehrerinnen und Lehrer nicht nur den Weg ins Internet gefunden, sondern auch jede Menge Beiträge entdeckt, die ihnen erklären, was technisch möglich, didaktisch sinnvoll oder pädagogisch angebracht wäre. Diese Vielfalt an Angeboten ist das Ergebnis einer Kultur des Teilens, die das Netz auszeichnet. Vielleicht führt die aktuelle Situation dazu, dass diese Kultur auch in den Schulen ankommt.

Was zeichnet die Kultur des Teilens aus?

photo-1569437061233-5befcf96ee45Die Kultur des Teilens ist etwas, das sich im Netz beobachten und erleben lässt, weil das Netz auf der Grundidee basiert, Informationen und Wissen für alle transparent und zugänglich zu machen. Es geht nicht nur darum, Material mit anderen zu teilen oder auf Personen zu verweisen, die über eine Expertise verfügen. Eine Kultur des Teilens bedeutet auch, Ideen, Prozesse und Ansätze, die gut funktionieren oder auch gescheitert sind, zu kommunizieren. So können Lösungen gemeinsam entwickelt und Fehler vermieden werden.

Die Kultur des Teilens setzt auf kollektive Intelligenz und eine kontroverse öffentliche Debatte, um Wissen zu vertiefen und Vorgehensweisen auszuhandeln. Dafür braucht es nicht-hierarchische Strukturen und diverse Möglichkeiten der Beteiligung. Auch Offenheit ist ein wesentliches Element. Das spiegelt sich in Bezeichnungen wie Open Educational Resources (OER), Open Access oder Open Data wider, die hinter der Kultur des Teilens im Bildungsbereich stehen.

Was sind die Voraussetzungen für die Kultur des Teilens?

Die Kultur des Teilens erfordert eine gewisse Haltung. Wer Zeit und Kraft in eine Sache investiert hat und andere im Netz daran teilhaben lassen möchte, versteht Wissen nicht als sein Eigentum, sondern als Nährboden einer Gesellschaft. Dabei wird auch ein Kontrollverlust in Kauf genommen, weil unklar ist, was mit dem Geteilten geschieht. Gleichzeitig wird darauf vertraut, dass das geteilte Wissen einem selbst oder anderen hilft.

Vom Netz in die Schule

Was würde das für Schulen bedeuten, wenn die Kultur des Teilens dort Einzug halten würde? Schulen wären vielleicht ein offenerer Lernort, an dem Wissen nicht für Noten oder Zeugnisse erworben werden würde. Fehler hätten hier einen ähnlich hohen Stellenwert wie Erfolge und würden als Lerngelegenheiten verstanden. Außerdem wäre vielleicht transparenter, woher eine Idee stammt, wohin sie sich entwickelt hat oder wer in welcher Weise daran beteiligt war. Eine Kultur des Teilens in den Schulen bedeutete auch den Abschied von der Einbahnstraßen-Kommunikation.

Ideen und Projekte würden schon von Beginn an geteilt, damit sie von vielen anderen gemeinsam mitgedacht, korrigiert und weiterentwickelt werden können. Lernprodukte würden verstärkt die Klasse verlassen, indem sie den Weg ins Netz finden. Sie würden dadurch eine größere Wertschätzung erfahren und hätten die Chance, mehr Menschen zu erreichen, sie zu inspirieren und nicht nur von einer Lehrkraft bewertet zu werden. Wie viele gute Texte wurden wohl schon geschrieben, Videos erstellt, Bilder gemalt oder Theaterstücke produziert, die einen größeren Raum als die Schule verdienen?

Lehren aus der Schulschließung

Es gibt sicher einige Lehren, die aus den Wochen nach der Schulschließung gezogen werden können. Eine wesentliche ist, dass gemeinsam nicht nur alles besser gelingt, sondern das Miteinander auch notwendig ist. Die Herausforderungen der veränderten Kommunikation, die unterschiedlichen Voraussetzungen zu Hause, aber auch die Gesamtbelastung an sich haben eine komplexe Situation geschaffen. Rückblickend wurden immer dort Erfolge erzielt, wo alle Beteiligten ihr Wissen einbringen konnten und die Zusammenarbeit stark war. In einer Kultur des Teilens stellt die Diversität eine Stärke und kein Problem dar. Diese Erkenntnis könnte Schulen positiv prägen.

Wenn Wissen erworben wird, hebt sich die Erfahrung von anderen Lernprozessen dadurch ab, dass das Lernen unmittelbar und persönlich erlebt wird. Die Erfahrung liefert dabei nicht nur eine weitere Perspektive, die nötig ist, um ein vertieftes Verständnis mancher Sache zu erreichen, sondern auch ein bessere Grundlage, sich und das eigene Handeln reflektieren zu können. Eine kulturpragmatische Antwort auf die komplexen Herausforderungen der Digitalen Transformation, die einem in der Netzkultur häufiger begegnet, lautet, selbst Erfahrungen zu sammeln und diese mit anderen auszutauschen. Und soziale Netzwerke spielen dabei eine zentrale Rolle.

Was hat Lernen durch Erfahrung mit der Digitalen Transformation zu tun?

photo-1535223289827-42f1e9919769Wer sich mit den Transformationsprozessen beschäftigt, stellt immer wieder fest, dass eine fehlende Erfahrung in der Kultur der Digitalität zu Missverständnissen und Denkfehlern führen kann. Wenn Leute sich beispielsweise über soziale Netzwerke äußern, ohne ernsthaft Teil dieser Netzkultur zu sein, wird in deren Schilderungen, Bewertungen und gerne dann auch Abwertungen die fehlende Perspektive deutlich. Es bleibt dann stets eine Außenansicht, die in der Regel ungeeignete Maßstäbe ansetzt. (Ähnliches beobachte ich in Bildungsdebatten um 4K-Skills.)

Ich habe zahlreiche Texte zur Agilität, den 21st Century Skills oder sonstigen Fähigkeiten und Kompetenzen, die Menschen aufgrund des kulturellen Wandels heute und morgen benötigen, gelesen. Richtig verstanden habe ich aber alles immer erst dann, wenn Wissen durch persönliche und unmittelbare Erfahrungen gebildet und verknüpft wurde. Wer agil und kollaborativ arbeitet erlebt sich und die Lernprozesse anders. Meinen Erfahrungen nach lässt sich das „andere, neue Mindset“, das seit Jahren bei jeder Rede rund um den digitalen Wandel eingefordert wird, nur dadurch erreichen.

Welchen Unterschied das Lernen durch Erfahrung bedeuten kann, wird klarer, wenn es um die Körperlichkeit, Sinne und Räume geht. Wer z.B. über virtuelle Realitäten in fremde Länder oder in andere Zeiten reist und erkundet, erfährt andere Lernprozesse, die auch an Körper und Raum, wie man sich und die Umgebung wahrnimmt, gebunden sind. 

Was bedeutet das für Lehrende?

Selbst viele Erfahrungen zu sammeln und für ihre Schüler_innen möglichst viel Räume dafür zu schaffen. Mit den aktuellen Strukturen des Bildungssystems ist das sicher keine einfache Aufgabe, aber genau so lautet die Beschreibung einer jeden Herausforderung der Digitalen Transformation. Für mich persönlich löse ich das seit Jahren über die Arbeit in Vereinen, Projekten und mit Personen, die agil sind und wirken. Von und mit ihnen erfahre und lerne ich, komplexe Aufgaben zu lösen, meine Rolle in einem Team immer wieder neu zu definieren, meine Stärken herauszufinden und auf ihre zu vertrauen.

Linda Breitlauch, die in der Fachrichtung „Intermedia Design“ an der Hochschule Trier lehrt und forscht, wurde gestern beim netzkultur_festival von einer Grundschullehrerin gefragt, was sie empfehlen würde, wenn Kinder, die deutlich jünger als zwölf sind, Fortnite spielen würden. Sie riet (wie auch bei Brettspielen) dazu, zusammen mit den Kindern zu spielen und darüber mit ihnen in den Dialog zu treten und bezog sich nicht nur auf Eltern, sondern auch auf Lehrende. Die Spielerfahrung eröffnet nicht nur ein besseres Verständnis der Sache, bezüglich Funktion, Wirkung und Anwendung, auch die Rolle, in der man sich befindet und in der man wahrgenommen wird, ändert sich dadurch. So kann eine Diskussion geführt werden, die auf einer aktiven Auseinandersetzung mit der Thematik beruht.

Das alles klingt nicht nur nach zusätzlicher Arbeit, das ist es auch. (Nur dass hier Ziele, Settings und der Personenkreis frei gewählt werden können, was einen gewaltigen Unterschied ausmacht und bei mir Spaß bedeutet.) Wer auf einfache und bequeme Lösungen hofft, hat die Komplexität und Tragweite der globalen, gesellschaftlichen Umbrüche noch nicht durchdrungen und wird sich immer mehr wundern und weniger verstehen. Das Lernen durch Erfahrung ist ein wesentliches Element eines notwendigen Kulturpragmatismus, dem Vertrauen und Zutrauen, gemeinsam eine Lösung zu finden, und sich miteinander auf den Weg zu machen.