Immer mehr Lehrkräfte entdecken durch Digitalität, ihre Strukturen, aber auch als Thema den florierenden Bildungsmarkt für sich und verkaufen ihr Material im Netz, arbeiten vermarktbare Angebote aus oder sogar ganze Geschäftsmodelle. Das ist eine Entwicklung, die einige Fragen aufwirft und die es kritisch zu betrachten gilt.

Dass Lehrer:innen mit ihrer Arbeit (meist zu digitalen Themen) im Netz zusätzlich Geld verdienen (möchten), wird schon länger kontrovers diskutiert und ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Nicht selten geht es bei diesen Debatten eher um rechtliche und moralische (teilweise unklare) Grenzen und Perspektiven: Ob z.B. Leistungen im Rahmen ihrer Arbeit oder für ihren Unterricht erbracht und somit bereits vergütet wurden, was eine doppelte Abrechnung zumindest moralisch fragwürdig erscheinen lassen würde. Weshalb entscheiden sich aber Lehrer:innen überhaupt für den Schritt auf den Bildungsmarkt? Und welche Folgen hat dieses zunehmend populäre Vorgehen?

Motivationen, Werte und Wirkungen

Fragt man Lehrer:innen, weshalb sie für Material oder andere Angebote Geld verlangen, erhält man häufig die Antwort, dass sie Zeit und Expertise investiert haben und deshalb eine Gegenleistung erwarten (können). Klingt zunächst logisch und fair. Dass Menschen bereit sind, für ihr Produkt eine bestimmte Summe zu zahlen, ist außerdem eine (zugegeben besondere Form der) Wertschätzung und Rückmeldung zur Arbeit der Lehrkräfte, die in Schulen oft fehlt und hier sicher auch eine Wirkung entfalten kann. Hinzu kommt, dass Plattformen wie Lehrermarktplatz  (mittlerweile: eduki) diese Wege ebnen. Weshalb also nicht ein paar Euro zusätzlich verdienen? Außerdem sei so etwas eine persönliche Entscheidung und gehe niemanden etwas an.

Und doch ist es nicht so einfach, weil Motivation mit Werten zusammenhängt und diese wiederum mit Wirkungen. Eine Orientierung am Marktwert folgt einer anderen Logik als eine an Werten, die Lehrerinnen beruflich pflegen (oder zumindest sollten). Wahrscheinlich würde niemand widersprechen, seine Arbeit in der Schule an Werten wie (Bildungs-)Gerechtigkeit und Solidarität auszurichten. Wenn ich aber Geld verdienen möchte, generiere ich gezielt Produkte und Angebote, um daraus Kapital  schlagen zu können – was sich nicht mit den genannten Werten in der Schule deckt. 

Womit wir auch bei der Wirkung wären. Wenn ich z.B. mehr Bildungsgerechtigkeit wünsche, muss ich möglichst offene, diverse, kosten- und barrierefreie Angebote und Zugänge schaffen. Das widerspricht aber der Logik von Geschäftsmodellen wie Lehrermarktplatz bzw. eduki und vielen anderen. “Auf eduki teilen Lehrer*innen mehr als 150.000 selbst erstellte und erprobte Unterrichtsmaterialien” steht prominent auf der Seite, zusammen mit der Aufforderung “Material teilen”. Das ist kein Zufall. Damit wird ein Businessplan mit Werten einer Kultur des Teilens verkleidet, der dem völlig entgegenwirkt. Das ist keine Kultur des Teilens, sondern eine des Verkaufens. 

Gut, solche Angebote kosten etwas, dafür erhalten aber Lehrkräfte und Schüler:innen eine Hilfe, die ihnen scheinbar fehlt. Somit eine Win-win-Situation oder sogar noch mehr. Wird damit nicht die Bildung gerettet und geholfen, diese viel thematisierten “Lernlücken“ zu schließen? Das ist eine Geschichte und ein Bild, das von denen gezeichnet wird, die damit Geld verdienen. Die andere Perspektive ist, dass nicht die Bildung gerettet wird, sondern von Defiziten eines Bildungssystems profitiert wird – im wahrsten Sinne des Wortes. 

Was viele unter “Lernlücken“ verstehen, liegt bildlich sehr nahe beim Nürnberger Trichter. Dass die Köpfe junger Menschen mit Wissen befüllt werden und dass aufgrund des entfallenen Präsenzunterrichts nicht mehr bestimmte Wissensportionen von Lehrkräften eingetrichtert werden konnten. Es werden somit keine Lernlücken geschlossen, weil echtes (wirksames und nachhaltiges) Lernen nicht so funktioniert. Es wird damit höchstens eine fast 500 Jahre alte Vorstellung vom Lehren und Lernen digital konserviert. 

Die Logik des Bildungsmarkts hat aber auch weitere didaktische Konsequenzen: Auf Marktplätzen verkaufen sich diejenigen Materialien, die an bequemer Stoffvermittlung orientiert sind, besonders gut. Sie ersparen Lehrkräften Arbeitsaufwand und sind an die Lehrpläne vieler Bundesländer anknüpfbar. Dadurch entsteht aber Unterricht, der schematisch ist und Bedürfnisse der Schüler:innen ausblendet. Die Marktplätze sind dann nicht mehr eine Zweitverwertung ohnehin erstellter Unterrichtsmaterialien, sondern ein Anreiz, Unterrichtsmaterialien gezielt so zu erstellen, dass stofforientierter Vermittlungsunterricht mit wenig Aufwand möglich ist. Hier nutzen die entsprechenden Plattformen aus, dass viele Lehrkräfte zu wenig Zeit haben (oder sich zu wenig Zeit nehmen), um sinnvollen Unterricht vorbereiten zu können.  

Kultur des Teilens und (Unter)Nehmens

Bildungsgerechtigkeit ist aber nicht das einzige Argument, das für eine Kultur des Teilens spricht. Es ist kein Geheimnis, dass die zunehmende Komplexität unserer Welt das Teilen von Wissen und Können erfordert. Open Access, Open Data, Open Source, Open Government oder OER sind keine altruistischen Bemühungen, sondern eine Antwort auf die Komplexität unserer Zeit und Zukunft. Diese Kultur beinhaltet Offenheit, Transparenz, Partizipation und viele anderen Werte, die wenig bis gar nicht in der heutigen Arbeits-, Lehr- und Lernkultur zu finden sind. Diesen kulturellen Wandel einzuleiten und in der Breite zu erreichen, ist eine der größten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen. 

Deshalb muss so eine Kultur des Teilens bereits in jungen Jahren gelernt und gelebt werden. Diese Aufgabe fällt damit auch auf Schulen und Lehrkräfte. Dass eine Schule keinen Automaten mit Chips und Cola aufstellen und gleichzeitig authentisch das Programm Gesunde Schule durchführen und kommunizieren kann, müsste für alle nachvollziehbar sein. So ähnlich verhält es sich mit der Vermarktung von Bildungsmaterial und -Angeboten von Lehrkräften.

Die Stärke der Kultur des Teilens ist gleichzeitig auch ihre Achillesferse. Alle können sich an Informationen, Expertise und Erfahrungen von anderen frei bedienen und die offenen Angebote für Informationen, Austausch und Vernetzung nutzen. Auf diese Weise, in Kombination mit Personal Branding, lässt sich Scheinexpertise aufbauen oder noch “besser“: in einer Kultur des Teilens erworbenem Know-how ein Preisschild anhängen.

Fazit 

Auch wenn die Idee sympathisch wirkt, dass es hier einen Kompromiss geben könnte, frei nach dem Motto: Das eine tun und das andere nicht lassen, bleibt das nur eine Wunschvorstellung. Die Logik des freien Marktes steht im völligen Gegensatz zu den Werten einer Kultur des Teilens und denen von Schulen. Sie schafft Grenzen und Exklusivität. Sie ist profitorientiert und nicht orientiert an Bildungszielen, dem Interesse von Lernenden oder sogar einer progressiven Bildung – im Gegenteil. So verkommen Begriffe, die für bestimmte Werte und Progressivität stehen, Teil einer Marketing-Strategie und zu Buzzwords. 

Und trotzdem muss man sich am Ende nicht für eine Seite, ein Vorgehen entscheiden. Es muss nur klar sein, dass hier entgegengesetzte Kräfte wirken. Wer tatsächlich etwas bewegen und Entwicklungen im Bildungsbereich unterstützen möchte, stößt nicht Veränderungen zuerst in eine Richtung an, um dann wieder in die entgegengesetzte Richtung zurückzusteuern. Wer authentisch eine Schule im digitalen bzw. kulturellen Wandel unterstützen möchte, schafft offene, transparente, partizipative und interdisziplinäre Netzwerke (vor Ort) und keine Geschäftsmodelle. So viel Ehrlichkeit darf sein. (Allerdings braucht es dafür auch Freiräume, Stellen, Geld und Kompetenzen: Das Bildungssystem darf nicht so aufgestellt sein, dass an entscheidenden Schnittstellen private Anbieter ohne sinnvolle didaktische oder pädagogische Konzepte Angebote platzieren müssen oder können. Ein progressives Bildungssystem macht diese überflüssig.) 

Da ich der Kultur des Teilens viel zu verdanken habe, sie mein Leben in den letzten Jahren geprägt und wie ich arbeite, lerne oder Menschen begegne, grundlegend gewandelt hat, steht für mich dauerhaft fest, in welche Richtung ich Veränderungen anstoßen möchte. (Nicht nur als Lehrer.) Ich lade deshalb alle neuen Kolleg:innen, die den Weg ins Netz gesucht und gefunden haben, herzlich ein, sich der Kultur des Teilens und ihrer Community anzuschließen. Wer Wissen nach ihren Werten teilt, vermehrt es, für alle.

Der Großteil der Gesellschaft ist (in allen Fachgebieten) auch 2021 mit Themen rund um Digitalität nicht ausreichend vertraut und betrachtet die Entwicklungen in diesem Bereich aus einer Außenperspektive. Aus diesem Blickwinkel entsteht immer häufiger der Eindruck, dass alle, die sich für Digitalität in der Bildung einsetzen, die gleichen unterstützenswerten Ziele haben und die gleichen Werte teilen. Doch dieser Eindruck täuscht. Neben dem gemeinsamen Wunsch nach Veränderung liegen erhebliche Unterschiede in den Bereichen der Ziele, der Werte und Normen, der legitimen Methoden und der fachlichen Expertise vor. Dass diese Unterschiede im öffentlichen Diskurs oft nicht wahrgenommen werden, führt zu (bildungs)politischen und gesellschaftlichen Problemen.

Das Gleiche

Der Konsens, der zwischen unterschiedlichen Akteur:innen im Bildungsdiskurs besteht, hat eine minimale Basis: die Ablehnung des Status quo und den Wunsch nach Veränderung – unter Einbezug digitaler Medien und Technologie. Doch diese gemeinsame Basis wird sofort verlassen, wenn man sich auf ein neues, konkretes und streitbares Bild verständigen muss. Jöran Muuß-Merholz erklärte mir vor kurzem in einem Gespräch (das diesen Abschnitt wesentlich prägt), dass er das an Begriffen festgemacht. Es gibt viele Leitbegriffe, wie Bildung für das 21. Jahrhundert oder zeitgemäße Bildung, die sich inhaltlich darüber definieren, einen anderen Zustand als zuvor erreichen zu wollen.

Dieses Phänomen, Ablehnung als Konsens, gibt es auch nicht nur in der Bildung, sondern findet sich in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Wenn es an die Formulierung geht, wie wir es denn haben wollen, unterschied Jöran allgemeine Zielformulierungen von konkreten. Lernende in den Mittelpunkt zu stellen, Mündigkeit, Freiräume zu schaffen oder junge Menschen besser auf die Zukunft vorzubereiten, sind Aussagen, denen kein Mensch widersprechen würde. Wenn es aber um konkrete Veränderungen von Strukturen und Prozessen geht, wie z.B. die Auflösung von Fächern, ein gewandeltes Rollenbild von Lehrer:innen, ernsthafte Beteiligung von Schüler:innen oder die Abschaffung von Noten, gehen die Meinungen stark auseinander.

(Vor etwa vier Jahren beschloss ich, zukünftig zeitgemäße Bildung statt den damals populären Begriff Digitale Bildung zu verwenden. Rückblickend ist mir nun klar, weshalb ich damals dafür zuerst viel Gegenwind erntete, aber langfristig immer mehr Zustimmung erhielt. Die Punkte, mit denen ich die Begriffswahl in einem späteren Beitrag begründete, stehen eben für Ablehnung des Bisherigen und für allgemeine Ziele. Wer will schon eine unzeitgemäße Bildung? Über die Jahre hat der Scheinkonsens zeitgemäße Bildung zu einem Buzzword verkommen lassen, hinter dem die unterschiedlichsten Dinge subsumiert werden oder gar nichts, weil er wie ein Aufkleber verwendet wird.)

Werte und Ziele

Viele Menschen handhaben Digitalität wie Essen lange Zeit. Sie wird konsumiert, die Zusammensetzung, Prozesse und glokalen (global + kommunal) Zusammenhänge sind unbekannt oder uninteressant, weil alles am besten schnell gehen und günstig sein muss. Da sich die Erkenntnis, dass Essen mehr als Nahrungsaufnahme ist und aus ökologischer und ökonomischer Sicht gesellschaftlich kritische Voraussetzungen schafft, seit Jahren immer stärker durchsetzt, hoffe ich, dass die gleiche Einsicht zunehmend auch bei Digitalität erreicht werden kann. Für welche Werte wir einstehen und Ziele wir anstreben, spielt eine wesentliche Rolle, wenn es um konkrete Maßnahmen geht. 

Die Kultur der Digitalität ermöglicht ein freieres, gerechteres und solidarischeres Zusammenleben, aber auch ein überwachteres, undemokratischeres und ausbeutenderes. Im Bildungsbereich gibt es hier viele unterschiedliche Strömungen, die teilweise entgegensetzt zueinander stehen. Eine Gruppierung setzt sich z.B. für einen offenen Zugang zu Informationen, freie Lizenzen und eine gerechtere Bildung ein, lebt eine Kultur des Teilens und sammelt sich u.a. unter den Begriffen wie Open Access oder OER. Andere haben vor Jahren verstanden, dass auch der Bildungsmarkt beim Thema Digitalität steigende wirtschaftliche Möglichkeiten bietet und haben Geschäftsmodelle entwickelt, um von den Defiziten eines überholten Bildungssystems zu profitieren.

Auch an Veranstaltungen lässt sich erkennen, welche Werte und Ziele verfolgt werden. Auf der einen Seite gibt es offene, partizipative Formate, wie Barcamps, die von einer Community gestaltet werden und ihrer Beteiligung leben und die diese Kultur weit über die Veranstaltung hinaus verbreitet. Dem entgegengesetzt werden intransparente und hierarchisch geprägte Hochglanz-Events organisiert, die sich mit bedeutenden Namen schmücken und auf Pressewirksamkeit und Aufmerksamkeit setzen. 

Expert:innen

Vor einigen Tagen postete ich in sozialen Netzwerken eine dreistufige Anleitung, wie Personen auf einfache Weise zu Expert:innen bzw. als solche wahrgenommen werden können: 

1.) Erstelle eine Präsentation mit Slides, auf den jeweils KI, Algorithmen, Bitcoins, Daten, 4K, Transformation, AR, VR und Cyber steht.

2.) Suche diese Begriffe bei Twitter, wähle die Tweets mit den meisten Likes und lerne sie auswendig.

3.) Fertig. Expert:in für über 90% der Menschen.

Das war nur teilweise ein Scherz, weil viele Beiträge, die ich in den letzten Jahren erleben durfte, eine Vermutung und Rückschlüsse zulassen, dass einige Personen auf eine zumindest ähnliche Weise vorgehen. Auch die nächsten vier Schritte und Empfehlungen, die ich zwei Tage danach ergänzte, entspringen diesen Erfahrungen: 

1.) Erstelle eine eigene Website.

2.) Suche nach Beiträgen zu Themen rund um Digitalität, die viel geteilt und geliket wurden.

3.) Schreibe sie (mit Buzzwords) erneut, in eigenen Worten: Personal Branding.

4.) Fertig. Super-Expert:in für über 120% der Menschen.

So amüsant das auf den ersten Blick auch klingen mag, ist es gar nicht. Die Orientierung und Differenzierung bezüglich tatsächlich vorliegender Expertisen wird durch fehlende Referentialität (für ein Personal Branding) und den Missbrauch der Kultur des Teilens erschwert. Die Anzahl derer, die wegen Bildung und Digitalität den Weg ins Netz suchen und finden, um sich darüber zu informieren, auszutauschen und zu vernetzen, steigt jährlich. Damit steigt auch die Zahl derer, die nicht mehr den Ursprung von Gedanken und Texten kennen und eine vermeintliche Expertise anerkennen und reproduzieren. 

Schicke und wirkungsträchtige Websites kann man heute schnell und einfach erstellen (lassen). Und selbst wenn ursprüngliche Quellen genannt und verlinkt werden, kann allein durch die vermeintliche Akquise (auch hierfür kann jede Person, ohne großen Aufwand, populäre Themen und Beiträge im Netz ausfindig machen) und Sammlung für viele Menschen der Expert:innen-Anschein erweckt werden. So wird in einer Kultur der Digitalität aus einem Kleider machen Leute ein Webseiten machen Leute.

(Was Expertise rund um Digitalität bedeutet, ist an sich ein sehr komplexes und kontrovers diskutiertes Thema. Abonnentenzahlen, Follower und Klicks sind keine qualitativen Kriterien. Auch wenn die Orientierung daran seit Jahren im Journalismus, in der Politik oder anderen Bereichen zu beobachten ist. Dass Personen nicht am Diskurs im Netz teilnehmen oder ihnen nicht kennen, ist ein zuverlässiger Indikator, dass in ihrer bisherige Fachexpertise der sich wandelnde kulturelle Rahmen unbekannt ist und nicht berücksichtigt wird. Andersherum ist im Netz zu sein (und z.B. das Twitterlehrerzimmer und was dort geteilt wird, zu kennen), nicht zwangsläufig ein Beleg für eine Expertise.)

Folgen

Der bereits beschriebene Scheinkonsens, alle wollen das Gleiche, und die erschwerte Orientierung bei der Expertise sind der Nährboden für Digitalwashing. So können diverse Interessen auch erfolgreich digital ein- und verkleidet werden, ohne dass sie der große Teil des Publikums als das erkennt, was sie oft sind: Nämlich Initiativen, die weder gesellschaftliche Veränderungen anstoßen noch ermöglichen – im Gegenteil. Die daraus resultierenden Folgen können für Politik und Gesellschaft schwerwiegend sein, wenn beispielsweise notwendige Veränderungen hinausgezögert, gehemmt oder sogar verhindert werden. Diesen Gedanken möchte ich auch an ein paar Beispielen etwas ausführen.

Es gibt kein effektiveres, effizienteres und (presse)wirksameres Digitalwashing als Wettbewerbe. Man verleiht anderen eine Auszeichnung (in der Regel ist Aufmerksamkeit der Preis), sich selbst Deutungshoheit (und scheinbare Expertise) und erzeugt nach außen den Eindruck, etwas bewegt zu haben. Wenn man besonders geschickt ist, werden die Aktionen als Ehrenamt oder gesellschaftliches Engagement sprachlich gerahmt. Das schafft eine allgemeine Anerkennung, Solidarität und wirkt gleichzeitig auch präventiv gegenüber Kritiker:innen, weil (vermeintliches) Ehrenamt vielleicht ein Ziel verfehlen kann, aber gute Absichten der Antrieb sind und Kritik moralisch verwerflich erscheinen lässt.

Auch die oben angeführten Hochglanz-Veranstaltungen sind ein beliebtes Element von Digitalwashing, weil mit möglichst geringem Aufwand maximale Effekte erreicht werden können. Die vor wenigen Monaten gestartete Initiative Digitale Bildung der Bundesregierung ist ein Paradebeispiel für viele in diesem Beitrag aufgeführten Punkte. Exemplarisch möchte ich das an der Hochglanz-Veranstaltung am 27. April aufzeigen. Der Begriff Kulturwandel, der eine wie weiter oben beschriebene allgemeine Zielformulierung darstellt, wurde (als populär im Netz identifiziert und) prominent als Buzzword gewählt, um der Veranstaltung einen innovativen Anstrich zu verleihen.

Nichts, weder an der Veranstaltung noch an der Initiative, deutet auf einen Kulturwandel hin. Es herrschen viel Intransparenz auf verschiedenen Ebenen, hierarchische Exklusivität und schon lange fehlen Ansätze nötiger struktureller Veränderungen. Auch die Auswahl der Expert:innen passt in das Bild, das in diesem Beitrag skizziert wurde. So landete Lehrer Schmidt als Experte auf dem Podium, dessen Expertise darin besteht, Erklärvideos bei YouTube hochzuladen und knapp eine Million Abonnenten zu haben. Wer immer noch denkt, dass solche Beiträge auch nur ansatzweise etwas mit Innovation oder erstrebenswerten Lernen zu tun haben, dem empfehle ich Axel Krommers Text zur Schule als chinesischem Zimmer

Ein weiteres Beispiel ist Anika Buche, deren Expertise sich mir bis heute nicht erschließt, die aber ihr (gerne als “ehrenamtlich” geframtes) Projekt EduSense (eine Website, die Content von anderen sammelt und “kostenlos” zur Verfügung stellt) vorstellen durfte, das mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. Philippe Wampfler hat hier einige zusammengetragen und an EduSense gerichtet. Der aktuelle Stand ist, dass ein Sharepic gepostet wurde, auf dem steht, dass ihnen Transparenz wichtig sei. Die Fragen wurden aber immer noch nicht beantwortet. (Um ein Beispiel für authentisches Ehrenamt zu liefern: Die ZUM. Hier setzen sich seit über 20 Jahren viele Menschen für eine offene Lernkultur ein.) 

Die Werte und Ziele, die durch diese ausgewählte Runde dominant vertreten und kommuniziert wurden, waren nicht die einer offenen und bildungsgerechten Kultur, sondern kommerzieller Interessen. So wurde darüber gesprochen, dass Lehrer Schmidt Arbeitsblätter zu seinen Erklärvideos verkauft, man bei Sofatutor Nachhilfe erhalten und bezahlen kann und wie Finanzmodelle für Schulbuchverlage aussehen könnten. Dass OER, zu dem die Bundesregierung aktuell eine Strategie entwirft, mit keinem Wort in der Veranstaltung “Kulturwandel digitales Lernen” erwähnt wurde, war eine klare Botschaft. So wundert es auch nicht, dass vor wenigen Tagen 15 bekannte Bildungsanbieter gemeinsam in einem offenen Brief an das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerkonferenz ihre Unterstützung und Zusammenarbeit beim milliardenschweren “Corona-Aufholpaket” angeboten haben.

Es geht nicht darum, dass Leute im Bildungsbereich kein Geld verdienen können sollen oder dass das verwerflich wäre. Vom Staat sollte man aber erwarten können, dass beim Thema Bildung staatliche Gelder in Strukturen, Prozesse fließen (müssen), die nicht kommerzielle Interessen in den Mittelpunkt stellen, sondern die der Lernenden verfolgen. Am besten in Angebote, die eine zeitgemäße und gerechte Bildung ermöglichen und nicht in die, die von Defiziten des Bildungssystems profitieren. Das Dilemma selbst der Politik, die ernsthaft etwas verändern möchte, ist auch, dass wie in allen anderen Bereichen, wenig bis keine Expertise bei digitalen Themen vorliegt und sie sich auf Einordnungen von Expert:innen verlassen müssen. 

So kommt es zu problematischen Entwicklungen in diesem Wettkampf um unterschiedliche und teilweise intransparente Interessen. Wer den Zugang zu den Entscheidungsebenen erhält, ist dabei eine zentrale Frage, deren Antwort über Werte und Ziele bestimmt. Ein letztes, konkretes Beispiel ist Max Maendler, der als Gründer von Lehrermarktplatz bei der Konsultation der OER-Strategie der Bundesregierung (bei der es auch um hohe Summen und Fördertöpfe geht) auch mit am Tisch saß und auf sein (Geschäfts-)Modell verwies, das nicht nur das Gegenteil von OER darstellt, sondern auch dieser Kultur entgegenwirkt.

Die Selbstinszenierung von Macher:innen, die sich mit vermeintlichen Erfolgsstories, wie z.B. dem Hackathon #WirFürSchule** schmücken und die Bildung retten werden, scheint zunehmend auf fruchtbaren Boden zu fallen. So wurde nun auch aus diesem Kreise der Zukunftsrat gegründet, der seine Ergebnisse der Kultusministerkonferenz präsentieren, die diese wiederum am besten in Gesetze gießen soll. (Ich wüsste übrigens nicht, was im ebenfalls geplanten „nationalen Curriculum“ stehen könnte, was nicht schon gesagt oder aufgeschrieben wurde. Allein im KMK-Papier »Bildung in der digitalen Welt« von 2016; wozu demnächst eine Ergänzung erscheinen wird.)

Wie werden welche Ziele im Bildungsbereich in einer Kultur der Digitalität angestrebt, erreicht, gehemmt oder verhindert? Dieser Beitrag soll auch denen, die mit der Materie nicht so vertraut sind, eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Fragen erleichtern. Am Ende bleibt der Wunsch an die unterschiedlichen Entscheidungsebenen (von der Politik, über den Journalismus bis hin zur Verwaltung), sich zu befähigen, eine differenzierte Betrachtung und Einordnung der Akteure erzielen zu können. Mein Engagement verstehe ich verstärkt in dem Punkt u.a. darin, die Unterschiede deutlicher und transparenter zu kommunizieren.

Silver Linings

Falls Personen, die die Herausforderungen der Digitalen Transformation angehen und eine Kultur der Digitalität ermöglichen möchten, bis hierhin gelesen haben und sich nun fragen, was sie denn Konkretes tun können, um im Bildungsbereich nötige Veränderungen zu begünstigen und zu ermöglichen, schließe ich mit drei konkreten Empfehlungen ab:

Kommunale Netzwerke stärken

Kommunale Räume für Vernetzung und Austausch zu schaffen, ist eine der größten Notwendigkeiten, die gleichzeitig auch enorme Potenziale birgt, wenn es darum geht die komplexen Probleme unserer Zeit zu lösen. In diesem Beitrag führe ich die Idee etwas genauer aus und beschreibe auch wie und welche Veranstaltungen in diesem Kontext durchgeführt werden sollten.

In strukturelle Veränderungen investieren

Ohne grundlegende Veränderungen von Strukturen, die erst wirksame und nachhaltige Prozesse ermöglichen, bleibt alles nur Kosmetik und Strohfeuer. Deshalb ist jedes Engagement in diese Richtung gut investiert. Auch wenn diese Arbeit meist undankbar, langwierig und zäh ist. Es hilft deshalb sehr, hier stabile Netzwerke zu schaffen, die langfristig und genau gemeinsam daran arbeiten. 

Kultur des Teilens leben

Die Kultur des Teilens, die ich im Netz kennengelernt habe, hat meine Denk- und Arbeitsweise grundlegend (auch qualitativ) verändert. Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen. Die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit ist hoch und der Preis dafür, dass Offenheit und Vertrauen (auf Referentialität) ab und zu missbraucht werden, gering.

**Persönliche Einordnung: Max Maendler und Verena Pausder erfassten und nutzten mit #WirFürSchule 2020 das Momentum, die Aufbruchsstimmung zu Beginn der Pandemie und die Hoffnung, dass jetzt vielleicht der Zeitpunkt gekommen sei, bei digitalen Themen endlich Fortschritte zu erreichen. Gleichzeitig kam dem Projekt auch die Bereitschaft und Solidarität vieler entgegen, die sich einbringen und helfen wollten. So haben sich viele seit Jahren engagierte Menschen daran beteiligt. Der Hackathon hat keine Community (wie z.B. EduCamps) geschaffen, sondern eine bestehende Netz-Community für sich gewinnen können. Es war auch kein klassischer Hackathon, weil Personen auch mit bereits fertigen Produkten teilnahmen und diese dort bewarben. 

Ich war als Pate für das Themenfeld Soziale Gerechtigkeit mit dabei. (Man findet mich namentlich nicht auf der Website, weil ich dort weder als Pate erscheinen noch als Juror agieren wollte, sondern nur einer Bekannten helfen, der ich zuvor meine Unterstützung zusagte, bevor ich wusste, dass es um dieses Projekt geht.) Weil viele wesentliche Fragen (allein für Pat:innen), die eine zentrale Arbeit erledigen mussten, von Beginn an im Raum standen und sogar bis zum Veranstaltungsbeginn ungeklärt blieben, hatte ich nicht den Eindruck, dass es darum ging, erfolgreiche, wirksame und nachhaltige Prozesse zu erzielen.

Gleichzeitig wurde im Slack-Kanal, über den alles Organisatorische lief, immer wieder begeistert kommuniziert und gefeiert, welche Zeitung über das Projekt berichtete oder bedeutende Person für das Projekt als Schirmherrin gewonnen werden konnte. Auch die Methoden, die eingesetzt wurden, um das Potential sozialer Netzwerke auszuschöpfen, haben mich irritiert. Das hinterließ zusätzlich zu den offenen Fragen bei mir den Eindruck, dass die angestrebte Außenwirkung, dieses Projekt sei groß, bedeutend und erfolgreich, wichtiger als die eigentlich kommunizierten Ziele waren. Aus meiner Sicht wurden hier viele instrumentalisiert, damit sich Max Maendler und Verena Pausder als erfolgreiche Macher:innen präsentieren können. Um es kurz auf den Punkt zu bringen, was

#WirFürSchule meiner Meinung nicht war:

1.) Wir

2.) für Schule

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Seit vielen Jahren gibt es eine kontroverse Debatte darüber, wie sich Unterricht und Lernen verändern müssen, wenn man kulturellen Wandel und digitale Transformationsprozesse berücksichtigen möchte. Der Blick auf die Aus-, Weiter- und Fortbildung kommt dabei oft zu kurz. Aber gerade hier stehen Veränderungen an. Deshalb plädiere ich dafür, sich vom Muster klassischer Fortbildungsveranstaltungen zu lösen und für die Lehrerfortbildung Social Media stärker zu berücksichtigen.

Fortbildungen laufen häufig immer noch nach einem klassischen Muster ab: Eine Person mit Expertise zeigt einigen Lehrkräften, wie etwas funktioniert. Diese kehren an ihre Schule zurück, stellen das Gezeigte dem Kollegium vor und sorgen so dafür, dass Wissen gesichert und multipliziert wird. Dieses Muster widerspricht der gut belegten Einsicht, dass diese Art des Transfers nicht funktioniert, weil sie oft gar nicht stattfindet oder die bestehenden Strukturen und Prozesse an Schulen nicht berücksichtigt werden. Deshalb sind systematische Ansätze notwendig. Auch digitale Fortbildungsformate folgen dem klassischen Muster. Das ist besonders tragisch, weil gerade das Netz ein enormes Potenzial für Lehrkräfte bietet, sich wirksamer und nachhaltiger fort-, weiter und auszubilden.

Wie kann die Lehrerfortbildung über Social Media funktionieren?

Betrachtet man die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in den Bereichen rund um Digitalität und Bildung, lässt sich beobachten, dass sich Lehrende zunehmend in Social Media über Aktuelles aus Theorie und Praxis informieren. Sie publizieren hier auch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, tauschen sich aus und vernetzen sich. Auf diese Weise haben zahlreiche Lehrkräfte ein breites und vertieftes Wissen erworben, das keine Fortbildung leisten kann. Ein wesentlicher Unterschied liegt dabei nicht nur im veränderten Ablauf und in den neuen Möglichkeiten, sondern im Rollenwandel: Lehrkräfte verstehen sich in diesem Setting als proaktiv Lernende.

Attraktive Angebote unterstützen Lehrkräfte dabei, den Weg ins Netz zu gehen, es für sich zu entdecken, eine Kultur des Teilens zu erleben und sich in einer neuen Rolle wiederzufinden. So können sie einen Wandel der Haltung und des Berufsverständnisses begünstigen. Es müssen auf diesem Weg auch Ängste abgelegt und Selbstwirksamkeitserfahrungen gesammelt werden können. Und das braucht viel Zeit. Deshalb sollte dieser Prozess auch über einen ersten Termin hinaus begleitet werden. Twitter scheint sich hier in den vergangenen Jahren besonders bewährt zu haben. In diesem Netzwerk lassen sich viele Personen aus Wissenschaft und Praxis finden, die öffentlich kommunizieren und erreichbar sind.

Weil Fortbildungen immer auch Teil einer Schulentwicklung sein sollten, muss man sie von Beginn an systemisch denken. Sie benötigen in den Strukturen verankerte (Frei-)Räume, die Lehrkräften gestatten, die notwendige Zeit immer wieder investieren zu können. Sowohl für eigene als auch gemeinsame Reflexionen von Entwicklungen. Es geht beim Potenzial des Digitalen eben nicht nur darum, den Wissenserwerb und Austausch über die bisherigen Grenzen des eigenen Arbeitsumfeldes hinweg zu ermöglichen und zu suchen, sondern auch schulintern voranzutreiben und zu erhalten.

Im Netz gibt es viel Unterstützung beim Wissenserwerb

Um günstige Voraussetzungen für den beschriebenen notwendigen Rollenwandel bei Fortbildungen zu erreichen, müssen beide Seiten sich gleichermaßen verändern. Die, die sich normalerweise fortbilden lassen, müssen die Rolle der sich Fortbildenden einnehmen. Und die, die in der Regel andere fortbilden, müssen ihre Rolle so verstehen, dass sie nicht mehr Wissen vermitteln, sondern andere befähigen und unterstützen, wirksam, nachhaltig und selbstständig Wissen zu erwerben. Das zu erreichen, ist schwieriger, als es scheint. Die gute Nachricht ist, dass im Netz jede Menge Menschen zu finden sind, die einem bei beiden Herausforderungen helfen können. Nur zu.