Der Großteil der Gesellschaft ist (in allen Fachgebieten) auch 2021 mit Themen rund um Digitalität nicht ausreichend vertraut und betrachtet die Entwicklungen in diesem Bereich aus einer Außenperspektive. Aus diesem Blickwinkel entsteht immer häufiger der Eindruck, dass alle, die sich für Digitalität in der Bildung einsetzen, die gleichen unterstützenswerten Ziele haben und die gleichen Werte teilen. Doch dieser Eindruck täuscht. Neben dem gemeinsamen Wunsch nach Veränderung liegen erhebliche Unterschiede in den Bereichen der Ziele, der Werte und Normen, der legitimen Methoden und der fachlichen Expertise vor. Dass diese Unterschiede im öffentlichen Diskurs oft nicht wahrgenommen werden, führt zu (bildungs)politischen und gesellschaftlichen Problemen.

Das Gleiche

Der Konsens, der zwischen unterschiedlichen Akteur:innen im Bildungsdiskurs besteht, hat eine minimale Basis: die Ablehnung des Status quo und den Wunsch nach Veränderung – unter Einbezug digitaler Medien und Technologie. Doch diese gemeinsame Basis wird sofort verlassen, wenn man sich auf ein neues, konkretes und streitbares Bild verständigen muss. Jöran Muuß-Merholz erklärte mir vor kurzem in einem Gespräch (das diesen Abschnitt wesentlich prägt), dass er das an Begriffen festgemacht. Es gibt viele Leitbegriffe, wie Bildung für das 21. Jahrhundert oder zeitgemäße Bildung, die sich inhaltlich darüber definieren, einen anderen Zustand als zuvor erreichen zu wollen.

Dieses Phänomen, Ablehnung als Konsens, gibt es auch nicht nur in der Bildung, sondern findet sich in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Wenn es an die Formulierung geht, wie wir es denn haben wollen, unterschied Jöran allgemeine Zielformulierungen von konkreten. Lernende in den Mittelpunkt zu stellen, Mündigkeit, Freiräume zu schaffen oder junge Menschen besser auf die Zukunft vorzubereiten, sind Aussagen, denen kein Mensch widersprechen würde. Wenn es aber um konkrete Veränderungen von Strukturen und Prozessen geht, wie z.B. die Auflösung von Fächern, ein gewandeltes Rollenbild von Lehrer:innen, ernsthafte Beteiligung von Schüler:innen oder die Abschaffung von Noten, gehen die Meinungen stark auseinander.

(Vor etwa vier Jahren beschloss ich, zukünftig zeitgemäße Bildung statt den damals populären Begriff Digitale Bildung zu verwenden. Rückblickend ist mir nun klar, weshalb ich damals dafür zuerst viel Gegenwind erntete, aber langfristig immer mehr Zustimmung erhielt. Die Punkte, mit denen ich die Begriffswahl in einem späteren Beitrag begründete, stehen eben für Ablehnung des Bisherigen und für allgemeine Ziele. Wer will schon eine unzeitgemäße Bildung? Über die Jahre hat der Scheinkonsens zeitgemäße Bildung zu einem Buzzword verkommen lassen, hinter dem die unterschiedlichsten Dinge subsumiert werden oder gar nichts, weil er wie ein Aufkleber verwendet wird.)

Werte und Ziele

Viele Menschen handhaben Digitalität wie Essen lange Zeit. Sie wird konsumiert, die Zusammensetzung, Prozesse und glokalen (global + kommunal) Zusammenhänge sind unbekannt oder uninteressant, weil alles am besten schnell gehen und günstig sein muss. Da sich die Erkenntnis, dass Essen mehr als Nahrungsaufnahme ist und aus ökologischer und ökonomischer Sicht gesellschaftlich kritische Voraussetzungen schafft, seit Jahren immer stärker durchsetzt, hoffe ich, dass die gleiche Einsicht zunehmend auch bei Digitalität erreicht werden kann. Für welche Werte wir einstehen und Ziele wir anstreben, spielt eine wesentliche Rolle, wenn es um konkrete Maßnahmen geht. 

Die Kultur der Digitalität ermöglicht ein freieres, gerechteres und solidarischeres Zusammenleben, aber auch ein überwachteres, undemokratischeres und ausbeutenderes. Im Bildungsbereich gibt es hier viele unterschiedliche Strömungen, die teilweise entgegensetzt zueinander stehen. Eine Gruppierung setzt sich z.B. für einen offenen Zugang zu Informationen, freie Lizenzen und eine gerechtere Bildung ein, lebt eine Kultur des Teilens und sammelt sich u.a. unter den Begriffen wie Open Access oder OER. Andere haben vor Jahren verstanden, dass auch der Bildungsmarkt beim Thema Digitalität steigende wirtschaftliche Möglichkeiten bietet und haben Geschäftsmodelle entwickelt, um von den Defiziten eines überholten Bildungssystems zu profitieren.

Auch an Veranstaltungen lässt sich erkennen, welche Werte und Ziele verfolgt werden. Auf der einen Seite gibt es offene, partizipative Formate, wie Barcamps, die von einer Community gestaltet werden und ihrer Beteiligung leben und die diese Kultur weit über die Veranstaltung hinaus verbreitet. Dem entgegengesetzt werden intransparente und hierarchisch geprägte Hochglanz-Events organisiert, die sich mit bedeutenden Namen schmücken und auf Pressewirksamkeit und Aufmerksamkeit setzen. 

Expert:innen

Vor einigen Tagen postete ich in sozialen Netzwerken eine dreistufige Anleitung, wie Personen auf einfache Weise zu Expert:innen bzw. als solche wahrgenommen werden können: 

1.) Erstelle eine Präsentation mit Slides, auf den jeweils KI, Algorithmen, Bitcoins, Daten, 4K, Transformation, AR, VR und Cyber steht.

2.) Suche diese Begriffe bei Twitter, wähle die Tweets mit den meisten Likes und lerne sie auswendig.

3.) Fertig. Expert:in für über 90% der Menschen.

Das war nur teilweise ein Scherz, weil viele Beiträge, die ich in den letzten Jahren erleben durfte, eine Vermutung und Rückschlüsse zulassen, dass einige Personen auf eine zumindest ähnliche Weise vorgehen. Auch die nächsten vier Schritte und Empfehlungen, die ich zwei Tage danach ergänzte, entspringen diesen Erfahrungen: 

1.) Erstelle eine eigene Website.

2.) Suche nach Beiträgen zu Themen rund um Digitalität, die viel geteilt und geliket wurden.

3.) Schreibe sie (mit Buzzwords) erneut, in eigenen Worten: Personal Branding.

4.) Fertig. Super-Expert:in für über 120% der Menschen.

So amüsant das auf den ersten Blick auch klingen mag, ist es gar nicht. Die Orientierung und Differenzierung bezüglich tatsächlich vorliegender Expertisen wird durch fehlende Referentialität (für ein Personal Branding) und den Missbrauch der Kultur des Teilens erschwert. Die Anzahl derer, die wegen Bildung und Digitalität den Weg ins Netz suchen und finden, um sich darüber zu informieren, auszutauschen und zu vernetzen, steigt jährlich. Damit steigt auch die Zahl derer, die nicht mehr den Ursprung von Gedanken und Texten kennen und eine vermeintliche Expertise anerkennen und reproduzieren. 

Schicke und wirkungsträchtige Websites kann man heute schnell und einfach erstellen (lassen). Und selbst wenn ursprüngliche Quellen genannt und verlinkt werden, kann allein durch die vermeintliche Akquise (auch hierfür kann jede Person, ohne großen Aufwand, populäre Themen und Beiträge im Netz ausfindig machen) und Sammlung für viele Menschen der Expert:innen-Anschein erweckt werden. So wird in einer Kultur der Digitalität aus einem Kleider machen Leute ein Webseiten machen Leute.

(Was Expertise rund um Digitalität bedeutet, ist an sich ein sehr komplexes und kontrovers diskutiertes Thema. Abonnentenzahlen, Follower und Klicks sind keine qualitativen Kriterien. Auch wenn die Orientierung daran seit Jahren im Journalismus, in der Politik oder anderen Bereichen zu beobachten ist. Dass Personen nicht am Diskurs im Netz teilnehmen oder ihnen nicht kennen, ist ein zuverlässiger Indikator, dass in ihrer bisherige Fachexpertise der sich wandelnde kulturelle Rahmen unbekannt ist und nicht berücksichtigt wird. Andersherum ist im Netz zu sein (und z.B. das Twitterlehrerzimmer und was dort geteilt wird, zu kennen), nicht zwangsläufig ein Beleg für eine Expertise.)

Folgen

Der bereits beschriebene Scheinkonsens, alle wollen das Gleiche, und die erschwerte Orientierung bei der Expertise sind der Nährboden für Digitalwashing. So können diverse Interessen auch erfolgreich digital ein- und verkleidet werden, ohne dass sie der große Teil des Publikums als das erkennt, was sie oft sind: Nämlich Initiativen, die weder gesellschaftliche Veränderungen anstoßen noch ermöglichen – im Gegenteil. Die daraus resultierenden Folgen können für Politik und Gesellschaft schwerwiegend sein, wenn beispielsweise notwendige Veränderungen hinausgezögert, gehemmt oder sogar verhindert werden. Diesen Gedanken möchte ich auch an ein paar Beispielen etwas ausführen.

Es gibt kein effektiveres, effizienteres und (presse)wirksameres Digitalwashing als Wettbewerbe. Man verleiht anderen eine Auszeichnung (in der Regel ist Aufmerksamkeit der Preis), sich selbst Deutungshoheit (und scheinbare Expertise) und erzeugt nach außen den Eindruck, etwas bewegt zu haben. Wenn man besonders geschickt ist, werden die Aktionen als Ehrenamt oder gesellschaftliches Engagement sprachlich gerahmt. Das schafft eine allgemeine Anerkennung, Solidarität und wirkt gleichzeitig auch präventiv gegenüber Kritiker:innen, weil (vermeintliches) Ehrenamt vielleicht ein Ziel verfehlen kann, aber gute Absichten der Antrieb sind und Kritik moralisch verwerflich erscheinen lässt.

Auch die oben angeführten Hochglanz-Veranstaltungen sind ein beliebtes Element von Digitalwashing, weil mit möglichst geringem Aufwand maximale Effekte erreicht werden können. Die vor wenigen Monaten gestartete Initiative Digitale Bildung der Bundesregierung ist ein Paradebeispiel für viele in diesem Beitrag aufgeführten Punkte. Exemplarisch möchte ich das an der Hochglanz-Veranstaltung am 27. April aufzeigen. Der Begriff Kulturwandel, der eine wie weiter oben beschriebene allgemeine Zielformulierung darstellt, wurde (als populär im Netz identifiziert und) prominent als Buzzword gewählt, um der Veranstaltung einen innovativen Anstrich zu verleihen.

Nichts, weder an der Veranstaltung noch an der Initiative, deutet auf einen Kulturwandel hin. Es herrschen viel Intransparenz auf verschiedenen Ebenen, hierarchische Exklusivität und schon lange fehlen Ansätze nötiger struktureller Veränderungen. Auch die Auswahl der Expert:innen passt in das Bild, das in diesem Beitrag skizziert wurde. So landete Lehrer Schmidt als Experte auf dem Podium, dessen Expertise darin besteht, Erklärvideos bei YouTube hochzuladen und knapp eine Million Abonnenten zu haben. Wer immer noch denkt, dass solche Beiträge auch nur ansatzweise etwas mit Innovation oder erstrebenswerten Lernen zu tun haben, dem empfehle ich Axel Krommers Text zur Schule als chinesischem Zimmer

Ein weiteres Beispiel ist Anika Buche, deren Expertise sich mir bis heute nicht erschließt, die aber ihr (gerne als “ehrenamtlich” geframtes) Projekt EduSense (eine Website, die Content von anderen sammelt und “kostenlos” zur Verfügung stellt) vorstellen durfte, das mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. Philippe Wampfler hat hier einige zusammengetragen und an EduSense gerichtet. Der aktuelle Stand ist, dass ein Sharepic gepostet wurde, auf dem steht, dass ihnen Transparenz wichtig sei. Die Fragen wurden aber immer noch nicht beantwortet. (Um ein Beispiel für authentisches Ehrenamt zu liefern: Die ZUM. Hier setzen sich seit über 20 Jahren viele Menschen für eine offene Lernkultur ein.) 

Die Werte und Ziele, die durch diese ausgewählte Runde dominant vertreten und kommuniziert wurden, waren nicht die einer offenen und bildungsgerechten Kultur, sondern kommerzieller Interessen. So wurde darüber gesprochen, dass Lehrer Schmidt Arbeitsblätter zu seinen Erklärvideos verkauft, man bei Sofatutor Nachhilfe erhalten und bezahlen kann und wie Finanzmodelle für Schulbuchverlage aussehen könnten. Dass OER, zu dem die Bundesregierung aktuell eine Strategie entwirft, mit keinem Wort in der Veranstaltung “Kulturwandel digitales Lernen” erwähnt wurde, war eine klare Botschaft. So wundert es auch nicht, dass vor wenigen Tagen 15 bekannte Bildungsanbieter gemeinsam in einem offenen Brief an das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerkonferenz ihre Unterstützung und Zusammenarbeit beim milliardenschweren “Corona-Aufholpaket” angeboten haben.

Es geht nicht darum, dass Leute im Bildungsbereich kein Geld verdienen können sollen oder dass das verwerflich wäre. Vom Staat sollte man aber erwarten können, dass beim Thema Bildung staatliche Gelder in Strukturen, Prozesse fließen (müssen), die nicht kommerzielle Interessen in den Mittelpunkt stellen, sondern die der Lernenden verfolgen. Am besten in Angebote, die eine zeitgemäße und gerechte Bildung ermöglichen und nicht in die, die von Defiziten des Bildungssystems profitieren. Das Dilemma selbst der Politik, die ernsthaft etwas verändern möchte, ist auch, dass wie in allen anderen Bereichen, wenig bis keine Expertise bei digitalen Themen vorliegt und sie sich auf Einordnungen von Expert:innen verlassen müssen. 

So kommt es zu problematischen Entwicklungen in diesem Wettkampf um unterschiedliche und teilweise intransparente Interessen. Wer den Zugang zu den Entscheidungsebenen erhält, ist dabei eine zentrale Frage, deren Antwort über Werte und Ziele bestimmt. Ein letztes, konkretes Beispiel ist Max Maendler, der als Gründer von Lehrermarktplatz bei der Konsultation der OER-Strategie der Bundesregierung (bei der es auch um hohe Summen und Fördertöpfe geht) auch mit am Tisch saß und auf sein (Geschäfts-)Modell verwies, das nicht nur das Gegenteil von OER darstellt, sondern auch dieser Kultur entgegenwirkt.

Die Selbstinszenierung von Macher:innen, die sich mit vermeintlichen Erfolgsstories, wie z.B. dem Hackathon #WirFürSchule** schmücken und die Bildung retten werden, scheint zunehmend auf fruchtbaren Boden zu fallen. So wurde nun auch aus diesem Kreise der Zukunftsrat gegründet, der seine Ergebnisse der Kultusministerkonferenz präsentieren, die diese wiederum am besten in Gesetze gießen soll. (Ich wüsste übrigens nicht, was im ebenfalls geplanten „nationalen Curriculum“ stehen könnte, was nicht schon gesagt oder aufgeschrieben wurde. Allein im KMK-Papier »Bildung in der digitalen Welt« von 2016; wozu demnächst eine Ergänzung erscheinen wird.)

Wie werden welche Ziele im Bildungsbereich in einer Kultur der Digitalität angestrebt, erreicht, gehemmt oder verhindert? Dieser Beitrag soll auch denen, die mit der Materie nicht so vertraut sind, eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Fragen erleichtern. Am Ende bleibt der Wunsch an die unterschiedlichen Entscheidungsebenen (von der Politik, über den Journalismus bis hin zur Verwaltung), sich zu befähigen, eine differenzierte Betrachtung und Einordnung der Akteure erzielen zu können. Mein Engagement verstehe ich verstärkt in dem Punkt u.a. darin, die Unterschiede deutlicher und transparenter zu kommunizieren.

Silver Linings

Falls Personen, die die Herausforderungen der Digitalen Transformation angehen und eine Kultur der Digitalität ermöglichen möchten, bis hierhin gelesen haben und sich nun fragen, was sie denn Konkretes tun können, um im Bildungsbereich nötige Veränderungen zu begünstigen und zu ermöglichen, schließe ich mit drei konkreten Empfehlungen ab:

Kommunale Netzwerke stärken

Kommunale Räume für Vernetzung und Austausch zu schaffen, ist eine der größten Notwendigkeiten, die gleichzeitig auch enorme Potenziale birgt, wenn es darum geht die komplexen Probleme unserer Zeit zu lösen. In diesem Beitrag führe ich die Idee etwas genauer aus und beschreibe auch wie und welche Veranstaltungen in diesem Kontext durchgeführt werden sollten.

In strukturelle Veränderungen investieren

Ohne grundlegende Veränderungen von Strukturen, die erst wirksame und nachhaltige Prozesse ermöglichen, bleibt alles nur Kosmetik und Strohfeuer. Deshalb ist jedes Engagement in diese Richtung gut investiert. Auch wenn diese Arbeit meist undankbar, langwierig und zäh ist. Es hilft deshalb sehr, hier stabile Netzwerke zu schaffen, die langfristig und genau gemeinsam daran arbeiten. 

Kultur des Teilens leben

Die Kultur des Teilens, die ich im Netz kennengelernt habe, hat meine Denk- und Arbeitsweise grundlegend (auch qualitativ) verändert. Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen. Die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit ist hoch und der Preis dafür, dass Offenheit und Vertrauen (auf Referentialität) ab und zu missbraucht werden, gering.

**Persönliche Einordnung: Max Maendler und Verena Pausder erfassten und nutzten mit #WirFürSchule 2020 das Momentum, die Aufbruchsstimmung zu Beginn der Pandemie und die Hoffnung, dass jetzt vielleicht der Zeitpunkt gekommen sei, bei digitalen Themen endlich Fortschritte zu erreichen. Gleichzeitig kam dem Projekt auch die Bereitschaft und Solidarität vieler entgegen, die sich einbringen und helfen wollten. So haben sich viele seit Jahren engagierte Menschen daran beteiligt. Der Hackathon hat keine Community (wie z.B. EduCamps) geschaffen, sondern eine bestehende Netz-Community für sich gewinnen können. Es war auch kein klassischer Hackathon, weil Personen auch mit bereits fertigen Produkten teilnahmen und diese dort bewarben. 

Ich war als Pate für das Themenfeld Soziale Gerechtigkeit mit dabei. (Man findet mich namentlich nicht auf der Website, weil ich dort weder als Pate erscheinen noch als Juror agieren wollte, sondern nur einer Bekannten helfen, der ich zuvor meine Unterstützung zusagte, bevor ich wusste, dass es um dieses Projekt geht.) Weil viele wesentliche Fragen (allein für Pat:innen), die eine zentrale Arbeit erledigen mussten, von Beginn an im Raum standen und sogar bis zum Veranstaltungsbeginn ungeklärt blieben, hatte ich nicht den Eindruck, dass es darum ging, erfolgreiche, wirksame und nachhaltige Prozesse zu erzielen.

Gleichzeitig wurde im Slack-Kanal, über den alles Organisatorische lief, immer wieder begeistert kommuniziert und gefeiert, welche Zeitung über das Projekt berichtete oder bedeutende Person für das Projekt als Schirmherrin gewonnen werden konnte. Auch die Methoden, die eingesetzt wurden, um das Potential sozialer Netzwerke auszuschöpfen, haben mich irritiert. Das hinterließ zusätzlich zu den offenen Fragen bei mir den Eindruck, dass die angestrebte Außenwirkung, dieses Projekt sei groß, bedeutend und erfolgreich, wichtiger als die eigentlich kommunizierten Ziele waren. Aus meiner Sicht wurden hier viele instrumentalisiert, damit sich Max Maendler und Verena Pausder als erfolgreiche Macher:innen präsentieren können. Um es kurz auf den Punkt zu bringen, was

#WirFürSchule meiner Meinung nicht war:

1.) Wir

2.) für Schule

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

Seit vielen Jahren gibt es eine kontroverse Debatte darüber, wie sich Unterricht und Lernen verändern müssen, wenn man kulturellen Wandel und digitale Transformationsprozesse berücksichtigen möchte. Der Blick auf die Aus-, Weiter- und Fortbildung kommt dabei oft zu kurz. Aber gerade hier stehen Veränderungen an. Deshalb plädiere ich dafür, sich vom Muster klassischer Fortbildungsveranstaltungen zu lösen und für die Lehrerfortbildung Social Media stärker zu berücksichtigen.

Fortbildungen laufen häufig immer noch nach einem klassischen Muster ab: Eine Person mit Expertise zeigt einigen Lehrkräften, wie etwas funktioniert. Diese kehren an ihre Schule zurück, stellen das Gezeigte dem Kollegium vor und sorgen so dafür, dass Wissen gesichert und multipliziert wird. Dieses Muster widerspricht der gut belegten Einsicht, dass diese Art des Transfers nicht funktioniert, weil sie oft gar nicht stattfindet oder die bestehenden Strukturen und Prozesse an Schulen nicht berücksichtigt werden. Deshalb sind systematische Ansätze notwendig. Auch digitale Fortbildungsformate folgen dem klassischen Muster. Das ist besonders tragisch, weil gerade das Netz ein enormes Potenzial für Lehrkräfte bietet, sich wirksamer und nachhaltiger fort-, weiter und auszubilden.

Wie kann die Lehrerfortbildung über Social Media funktionieren?

Betrachtet man die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in den Bereichen rund um Digitalität und Bildung, lässt sich beobachten, dass sich Lehrende zunehmend in Social Media über Aktuelles aus Theorie und Praxis informieren. Sie publizieren hier auch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, tauschen sich aus und vernetzen sich. Auf diese Weise haben zahlreiche Lehrkräfte ein breites und vertieftes Wissen erworben, das keine Fortbildung leisten kann. Ein wesentlicher Unterschied liegt dabei nicht nur im veränderten Ablauf und in den neuen Möglichkeiten, sondern im Rollenwandel: Lehrkräfte verstehen sich in diesem Setting als proaktiv Lernende.

Attraktive Angebote unterstützen Lehrkräfte dabei, den Weg ins Netz zu gehen, es für sich zu entdecken, eine Kultur des Teilens zu erleben und sich in einer neuen Rolle wiederzufinden. So können sie einen Wandel der Haltung und des Berufsverständnisses begünstigen. Es müssen auf diesem Weg auch Ängste abgelegt und Selbstwirksamkeitserfahrungen gesammelt werden können. Und das braucht viel Zeit. Deshalb sollte dieser Prozess auch über einen ersten Termin hinaus begleitet werden. Twitter scheint sich hier in den vergangenen Jahren besonders bewährt zu haben. In diesem Netzwerk lassen sich viele Personen aus Wissenschaft und Praxis finden, die öffentlich kommunizieren und erreichbar sind.

Weil Fortbildungen immer auch Teil einer Schulentwicklung sein sollten, muss man sie von Beginn an systemisch denken. Sie benötigen in den Strukturen verankerte (Frei-)Räume, die Lehrkräften gestatten, die notwendige Zeit immer wieder investieren zu können. Sowohl für eigene als auch gemeinsame Reflexionen von Entwicklungen. Es geht beim Potenzial des Digitalen eben nicht nur darum, den Wissenserwerb und Austausch über die bisherigen Grenzen des eigenen Arbeitsumfeldes hinweg zu ermöglichen und zu suchen, sondern auch schulintern voranzutreiben und zu erhalten.

Im Netz gibt es viel Unterstützung beim Wissenserwerb

Um günstige Voraussetzungen für den beschriebenen notwendigen Rollenwandel bei Fortbildungen zu erreichen, müssen beide Seiten sich gleichermaßen verändern. Die, die sich normalerweise fortbilden lassen, müssen die Rolle der sich Fortbildenden einnehmen. Und die, die in der Regel andere fortbilden, müssen ihre Rolle so verstehen, dass sie nicht mehr Wissen vermitteln, sondern andere befähigen und unterstützen, wirksam, nachhaltig und selbstständig Wissen zu erwerben. Das zu erreichen, ist schwieriger, als es scheint. Die gute Nachricht ist, dass im Netz jede Menge Menschen zu finden sind, die einem bei beiden Herausforderungen helfen können. Nur zu.

Die Forderung nach einer zuverlässigen digitalen Infrastruktur im Bildungsbereich ist populär, richtig und leider auch in 2021 immer noch nötig. Sie stellt eine technische Grundlage dar, um dem kulturellen Wandel begegnen zu können. Das Lernen in der Postdigitalität muss aber bereits ausgehandelt werden, bevor jederzeit, überall und zuverlässig alle einen Zugang zum Netz erhalten haben, weil es die Perspektive auf das Wesentliche richtet und damit gesellschaftlich notwendige Veränderungen aufzeigt. Es folgt einer anderen Logik, fordert ein neues Verständnis und allein aus demokratischen Gründen eine kulturelle Weiterentwicklung.

Zu Beginn eine kurze Begriffsklärung: Was bedeutet Postdigitalität? Der Ausdruck beschreibt einen Zustand, in der alle Formen der Digitalität als Kulturtechniken gesamtgesellschaftlich anerkannt sind. Das bedeutet erstens, dass Digitalität nicht auf Technik reduziert, sondern in ihrer Auswirkung auf den Alltag verstanden wird. Zweitens gibt es diese Kulturtechniken, unabhängig von den Beurteilungen von Menschen. Es ist irrelevant, ob jemand eine Form der Digitalität gutheißt oder ablehnt. Kulturtechniken der Digitalität sind vergleichbar mit dem Lesen von Büchern oder dem Schreiben mit Stift und Papier: Sie werden, ohne längere Gedanken daran zu verlieren, automatisch in die Hand genommen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit kommen in der Postdigitalität “digitale“ Kulturtechniken wie alle anderen zum Einsatz. Analog oder digital spielt keine Rolle mehr.

Eine andere Logik

Das aktuelle Bildungssystem wurde in einer Kultur entwickelt, in der Bücher das Leitmedium darstellten. Sie prägen seit über 100 Jahren seine DNA. Deshalb richtet sich die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen immer noch nach der Logik der Gutenberg-Galaxis: Schulbücher liefern das (einst kulturell ausgehandelte) notwendige Wissen und Lehrpersonen den Zugang dazu. Lernen kann dann stattfinden, wenn beides vorliegt, ist an Ort und Zeit gebunden und schafft Abhängigkeiten. (Was u.a. das Beharren auf klassischem Präsenzunterricht während Covid-19 oder das Fehlen asynchroner Prozesse erklärt.) Das Lernen läuft chronologisch ab, vom ersten bis zum letzten Kapitel eines Buches, auf das ein nächstes folgt. Das Internet ist in dieser Gleichung ein Störfaktor und bestenfalls eine Zusatzaufgabe.

Was mit den Schulschließungen im März 2020 nicht selten zu beobachten war: Lehrpersonen haben auf Papier gedruckte Arbeitsblätter mit einem Smartphone oder Tablet fotografiert und auf die digitale Plattform der Schule hochgeladen oder sie gemailt. Eltern haben diese heruntergeladen, ausgedruckt, das Papier von ihren Kindern mit einem Stift bearbeiten lassen und das Ergebnis wieder fotografiert und hochgeladen oder via Mail zurückgeschickt. Dieses Resultat wirkt nur auf die befremdlich, die bewusst die Kultur der Digitalität wahrnehmen und sich darin bewegen. Für Menschen, die sich an der Logik der Gutenberg-Galaxis orientieren, scheint alles schlüssig.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass selbst mit vorhandener digitaler Technik nicht automatisch ein (notwendiger) kultureller Wandel einhergeht. Deshalb sind auch nicht alle digitalen Angebote innovativ und Produkte einer Kultur der Digitalität, sondern können Ergebnisse der Buchdruck-Kultur sein. Das bedeutet, dass von der Konzeption von digitalen Arbeitsblättern bis zum Design von Lernplattformen teilweise die Logik der Buchkultur maßgebend ist. Das Leitmedium Buch führt dazu,  dass bisherige Strukturen und Prozesse oft nur digitalisiert und nicht notwendigerweise neu gedacht werden. (Was dazu beiträgt, dass der kulturelle Wandel verzögert oder verhindert wird.) Deshalb ist es wichtig, digitale Phänomene von Beginn an unter der Perspektive der Kultur der Digitalität zu betrachten, um sie besser zu verstehen und ihrer Logik folgen zu können. 

Kultur der Digitalität

Um das Lernen in der Postdigitalität zu diskutieren, sind ein Grundverständnis einer Kultur der Digitalität und ein verändertes Bildungsverständnis erforderlich, das aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen berücksichtigt. Wie sich durch Transformationsprozesse eine Kultur der Digitalität entwickelt hat, was sie auszeichnet und welche demokratischen Herausforderungen sich stellen, schildert Felix Stalder in seinem gleichnamigen Buch. Wer sich mit der Thematik vertieft auseinandersetzen möchte, sollte es lesen.

Grob zusammengefasst nennt Stalder drei charakteristische Formen, die eine Kultur der Digitalität eine wesentliche Rolle spielen: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Wie und was als kulturell bedeutend ausgehandelt wird, bildet den Rahmen. Mit Referentialität beschreibt er, wie Bezüge hergestellt und Ansätze weiterentwickelt werden, mit Gemeinschaftlichkeit die Notwendigkeit und Organisation dieser Austauschprozesse mit anderen und mit Algorithmizität bezieht er sich auf die Funktion, Wirkung und Anwendung von Algorithmen (großer Informations- und Kommunikationskanäle), die diese kulturellen Prozesse und Ordnungen prägen.

Blogbeiträge, wie dieser, stellen in der Regel Bezüge zu Text-, Video- und Audiodateien im Netz anderer Personen her (wie z.B. Tweets, YouTube-Videos oder Podcasts) und entwickeln Ideen weiter. Sie sind gemeinschaftliche Produkte in ihrer Entstehung, können als solche nachvollzogen und weiter gestaltet werden. Ihre Relevanz wird durch andere ausgehandelt. Beispielsweise wie oft sie gelikt oder geteilt werden. Algorithmen spielen hier mit eine Rolle, ob und wie sie andere erreichen, z.B. über eine Google-Suche oder eine Empfehlung auf einer digitalen Plattform.

Beim Projekt Routenplaner #digitaleBildung druckten wir thematisch essentielle Blogbeiträge als Buch, um Menschen zu erreichen, die am Aushandlungsprozess im Netz bisher nicht teilnahmen. Dass auch viele andere Personen, die die Kultur der Digitalität im Netz aushandeln, Bücher zu ähnlichen Themen drucken, verdeutlicht, dass die Kultur der Digitalität gesamtgesellschaftlich noch nicht angekommen ist und ihrer Logik nicht gefolgt wird. Es erklärt zudem den aktuellen Stand in Deutschland und weshalb viele Bereiche mit den Herausforderungen der Digitalen Transformation überfordert sind. (Dass und wie sehr Blogbeiträge einer anderen Logik folgen als Bücher, haben wir bei der Produktion auch zeitintensiv erfahren.)

Lernen in der Postdigitalität

In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass zu viel Ungewissheit und Freiheit bei Menschen auch zu Überforderungen führen können und Bilder ihnen bei der Orientierung helfen. Deshalb möchte ich ein paar zeichnen, die ein (zukünftiges) Lernen in der Postdigitalität beschreiben und Philippes Beitrag aus dem Juni 2020 ergänzen. In diesem Szenario haben sich reformpädagogische Strömungen durchgesetzt, Lernende stehen im Mittelpunkt, so wie auch Persönlichkeitsbildung, Demokratiebildung und die Befähigung zu kultureller Teilhabe (in einer Kultur der Digitalität) stellen als wesentliche Elemente der Lernprozesse einen breiten Konsens dar. Der Zugang zum Netz ist wie Wasser selbstverständlich und überall und zuverlässig für alle vorhanden. (Ich hoffe, dass ich das erleben werde.)

Es mag manche überraschen, aber was Lernen in der Postdigitalität bedeutet, das nicht auf vorher festgelegte und bestimmte Bücher, Lehrpersonen, Zeiten und Orte beschränkt ist, lässt sich auch heute schon beobachten. Es findet dann statt, wenn nicht gelernt werden “muss“. Und weshalb dabei nicht einen Blick auf die richten, die allein beruflich bedingt wissen sollten, wie man lernt: Lehrende. Wie haben so viele von ihnen das Wissen und die Kompetenzen einer Kultur der Digitalität erworben, die (besonders in den letzten Monaten) in Zeitungen gelobt, im Fernsehen hervorgehoben und im Radio gewürdigt wurden? Im und mit dem Netz. Meine kurze These dazu lautet: So, wie Erwachsene in ihrer “Freizeit“ lernen, sollten Schüler:innen lernen (dürfen). Wie sie vorgegangen sind, möchte ich kurz erläutern.

Wissen und Kompetenzen über eine Digitale Identität

Lehrende haben sich zu Beginn so gut es geht einen Überblick über soziale Netzwerke verschafft: welche Personen und Informationen wo zugänglich sind, wo und wie diskutiert und genetzwerkt wird oder wie die Plattformen an sich funktionieren, wirken und angewandt werden. Am Ende haben sie sich entschieden, in welchem Netzwerk sie (weiterhin) aktiv sein möchten. Sie haben beobachtet, wie andere es machen, haben Fragen an die Community gestellt und sich gegenseitig unterstützt. So haben sie über die Jahre eine digitale Identität entwickelt, mit der sie sich wohlfühlen, Netzwerke geschaffen, mit denen sie sich austauschen und sich befähigt an aktuellen Diskursen teilzunehmen und sie zu gestalten.

In diesen Handlungen haben sie in kritischen Debatten hinsichtlich der Algorithmizität erfahren, dass Algorithmen z.B. Rassismus reproduzieren, strukturell benachteiligen oder Sachverhalte verzerren können. Sie haben gelernt, wie sie für ein Anliegen Aufmerksamkeit erreichen, Information auf ihre Richtigkeit prüfen oder Expert:innen zu einem Thema finden können. Sie haben vor allem ihre Rolle gewechselt. Weil sie als Lernende ins Netz sind, um sich mit der Kultur der Digitalität auseinanderzusetzen. Auf diese Weise konnten sie wirksam und nachhaltig ein breites Wissen und Kompetenzen erwerben, die sich so in keinem Fach oder Stundenplan abbilden lassen. 

Rollenwechsel

Die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden ist fließend im Netz. Anfangs ist man zwar noch mit dem Aufbau eines Grundverständnisses beschäftigt. Je souveräner aber die digitale Identität, umso eher wird erfahrungsgemäß die Rolle der Lehrenden eingenommen und die Expertise, Perspektive und Erfahrungen mit anderen geteilt. So arbeiten viele Lehrer:innen heute nicht mehr nur im Klassen- oder Schulraum, sondern transformieren und verschmelzen ihn mit dem Netz. (Was ich beschreibe, sind Erfahrungen, die übrigens Schüler:innen auch schon sammeln, nur außerhalb der Schulzeit und -aufgaben.) Dabei werden auch adressatengerechte und adäquate Kommunikation und der Umgang mit kontroversen Debatten und Kritik gefordert und gelernt.

Open Educational Resources

Der nächste logische Schritt zur Kultur der Digitalität müsste sein, dass Lehrende alle ihr Texte und sonstigen Materialien nicht mehr für ihren Unterricht, Schulbücher oder -hefte produzieren, sondern sie allen im Netz unter freier Lizenz zur Verfügung stellen. (Das könnte beispielsweise zu einem Netflix für Bildung führen.) Damit sie von anderen benutzt, verbessert oder auf eine andere Weise weiterentwickelt werden können. Sie arbeiten dabei mit Hochschulen und Expert:innen aus anderen Bereichen interdisziplinär zusammen, aber auch mit Schüler:innen. Es gibt jede Menge gute Gründe und Ziele, die für OER an dieser Stelle sprechen.

(Vor über fünf Jahren stellte ich in einer Barcamp-Session auf dem Digital Education Day in Köln die Frage, ob es für den Unterricht digitalisierte oder überhaupt noch Bücher braucht und nahm mir später vor, mit einem Kollegen Verfassertexter im Netz zu veröffentlichen. Die Idee wurde leider nie umgesetzt, weil uns beiden die Zeit dafür fehlte. Ich frage mich aber bis heute, weshalb Lehrer:innen überhaupt noch für Schulbücher publizieren, statt sie im Netz zu veröffentlichen. Reich werden sie damit sicher nicht und finanziell hätten sie es auch nicht nötig. Wenn es um Anerkennung gehen sollte, kann ich ihnen versprechen, dass sie im Netz weitaus mehr gelesen werden würden.)

Dass Ideen, Ansätze und Produkte ins Netz gestellt werden, um sie gemeinsam mit anderen zu optimieren, zeichnet die OER-Community aus. Unfertiges ist dabei ein gleichwertiger Bestandteil der Prozesse wie das fertige Produkt. Die Remix-Kultur und Beteiligung bzw. Referentialität und Gemeinschaftlichkeit sind tragende Säulen dieser Community. (Junge Menschen praktizieren das z.B. bei TikTok.) Dazu gehört nicht nur Content, sondern auch Digitale Tools, die kollaboratives Arbeiten ermöglichen oder Anleitungen und Unterstützung bei der Produktion. (Hier möchte auf die ZUM, die seit über 20 Jahren diese Community prägt, und auf das OER-Buch von Jöran verweisen.)

Wenn Personen als “bildungsfern” bezeichnet werden, sind meist Menschen damit gemeint, die “bildungszugangsfern” sind. OER können Zugänge zu Informationen und Möglichkeiten des Wissenserwerbs erhöhen und damit strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken und Bildungsgerechtigkeit fördern. Zusätzlich bieten OER das Potenzial, einseitig besetzte Gatekeeper, die über Relevanz von Content bestimmen, abzulösen und mehr Diversität und Barrierefreiheit zu erreichen. Auch das sind Aspekte einer Kultur der Digitalität, dass kulturelle Vielfalt sichtbar gemacht wird und sich entfalten kann.

Was zu tun bleibt

Und jetzt gehen wir davon aus, dass alles, was ich gedanklich gezeichnet habe, Schüler:innen oder Studierende lernen und auch machen dürfen. Dass sie ihre Lernprodukte in der Schulzeit oder im Studium auf ihrem Blog oder anderen Kanälen veröffentlichen und einem breiten Publikum zur Verfügung und Debatte stellen. Beiträge, die nicht in der Regel nur eine Lehrperson zu sehen bekommt und nur dafür erstellt werden, um eine Note zu erhalten, sondern um sie mit der Welt zu teilen, als Teil der Persönlichkeitsentwicklung, kulturelles Gut oder auch um zu lernen, wie sie mit der Welt in Wechselwirkung treten und sie mitgestalten können.

Lernen in der Postdigitalität orientiert sich daran, was reformpädagogisch gewünscht und global erforderlich ist und erreicht das über Zusammenarbeit und Solidarität. Gelernt wird nicht nur über das Verständnis von Strukturen und Prozessen einer Kultur der Digitalität, sondern auch über das Produzieren und Interagieren im Netz. Durch die Arbeit an der digitalen Identität steht neben dem Erwerb von Wissen und Kompetenzen auch das Schaffen von Netzwerken im Vordergrund, die als Basis und Startpunkt vom lebenslangen Lernen verstanden werden können.  

Dieser Beitrag ist und kann nicht vollständig sein. Es ist ein erster Aufschlag und folgt der Logik einer Kultur der Digitalität. Er ist eine Einladung zu einem vertieften Austausch, zur Weiterentwicklung von Ideen und Ansätzen, aber auch konkreten Beispielen, wie Lernen in der Postdigitalität aussehen kann und muss.