Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben

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Foto Fionn Große

Vor 15 Jahren wurde das Barcamp als eine Art „Unkonferenz” in Kalifornien ins Leben gerufen. Heute gibt es dieses Format weltweit in allen möglichen Bereichen und erfährt zunehmend Beliebtheit – eben weil es mehr ist als ein Format. Es schafft Freiräume, eröffnet neue Wege, weckt Neugier, macht nicht nur Bedarfe und Bedürfnisse sichtbar, sondern steht auch für ein Zutrauen und die Übertragung der Verantwortung an alle Beteiligten. Eine Kultur des Miteinanders, die Schulen gut stehen würde.

Vorgegeben ist beim Barcamp meist nur ein übergreifendes Thema. Alle Anwesenden handeln das Tagesprogramm erst am Tag selbst und vor Ort miteinander aus, indem sie Ideen und Fragen einbringen, über die sie im Plenum abstimmen lassen. Den Rahmen dafür setzen mehrere 45-minütige Sessions, die zeitgleich in verschiedenen Räumen stattfinden. Jede Person kann frei entscheiden, an welcher Stelle, in welcher Art und wie lange sie sich beteiligen möchte. Die Sessions werden dokumentiert. Dies ist nur die grobe Skizze eines Barcamps. Wer ein Barcamp wirklich verstehen möchte, muss es erleben.

Um die Ideen aus dem Barcamp weiterzuentwickeln, braucht es Freiraum

Vor sieben Jahren fand mit dem Wuppertaler Lehrer Felix Schaumburg bereits eines der ersten Barcamps – wenn nicht das erste – im Rahmen von Schulentwicklung in Deutschland statt. Nach seinem Vorbild habe ich es 2017 an meiner Schule durchgeführt und biete seither Barcamps als schulinterne Fortbildung im Rahmen eines pädagogischen Tages an. Einmal im Netz dokumentiert, wurde diese Idee mittlerweile bundesweit aufgegriffen und in zahlreichen Kontexten und mit verschiedenen Personenkreisen umgesetzt. Sogar einen regulären Schultag und Studientag gab es schon als Barcamp. Was aber alle eint, ist die immer gleiche Rückmeldung von Lehrenden und Lernenden am Ende einer solchen Veranstaltung: sich mehr davon im Alltagsbetrieb zu wünschen.

Was ein Barcamp leisten kann, hängt nicht nur von dem Format selbst ab, sondern auch von der Absicht, in der es gewählt wird. Wenn es nur eine Abwechslung zu den üblichen Tagungen und Fortbildungen sein soll, kann es bestenfalls ein Strohfeuer sein, das aber schlimmstenfalls falsche Hoffnungen und Erwartungen weckt und sogar zusätzlichen Frust erzeugen kann. Als Auftakt für einen Schulentwicklungsprozess, um einen anderen Weg einzuschlagen, kann es dagegen Energien freisetzen, Kreativität entfalten, unbekannte Qualitäten sichtbar machen und eine neue Form der Schulkultur einleiten.

Ein Barcamp bietet die Möglichkeit zum Rollentausch zwischen Lernenden und Lehrenden

Dafür braucht es weitere Freiräume im Schulalltag, innerhalb derer an Ideen und Ansätzen aus den Barcamp-Sessions weitergearbeitet werden kann. Das können zum Beispiel im Schuljahr festgelegte Zeitfenster an Nachmittagen sein. An manchen Schulen werden Fortbildungsbedarfe, die sich aus einem Barcamp ergeben, über Mikro-Fortbildungen gedeckt. Dabei hängen Zettel mit den gewünschten Angeboten in Lehrerzimmern aus, auf denen sich Interessentinnen und Interessenten eintragen können.

Wenn die zuvor bestimmte Mindestzahl an Interessierten erreicht ist, wird mit allen ein Termin vereinbart. Besonders Lehrerkonferenzen bergen einiges an Potenzial, wenn es darum geht, Zeit für weitere Prozesse zu schaffen, die einem Barcamp entspringen. Hier sollte man auch genauer prüfen, welche Informationen sich auch via E-Mail kommunizieren lassen.

Was wäre zum Beispiel, wenn ein Schultag in der Woche ein Barcamp wäre? Ein Tag, an dem Lehrende und Lernende die Rollen wechseln und der Austausch von Wissen, Können oder Erfahrungen im Mittelpunkt stünde. Ein Tag, an dem jede Person mitgestalten und sich einbringen könnte, weil im regulären Rahmen von Schule und Unterricht bisher dafür kein Raum vorhanden war – Raum für die verborgenen Talente, Ideen und persönlichen Interessen von Schülerinnen und Schülern. Es wäre ein Tag, der nicht die Schulstruktur, aber die Schulkultur grundsätzlich ändern würde.

 

Entwurf_UmschlagBeiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben. Diesen habe ich gemeinsam mit Philippe verfasst.

Es gibt drei Positionen in der Diskussion um Bildung in der digitalen Kultur: Die euphorische geht davon aus, dass Digitales den Unterricht in praktisch jeder Hinsicht verbessert – allein dadurch, dass es eingesetzt wird. Die pessimistische sieht im Digitalen eine umfassende Bedrohung für die Bildung: Sie schade Kindern, verleite zu Oberflächlichkeit und ersetze pädagogisch bewährte Überlegungen durch technologische Spielereien. Die dritte Position ist eine kulturpragmatische: Sie nimmt das große Ganze in den Blick, beschreibt konkrete Phänomene, prüft Argumente kritisch – und ist doch aufgeschlossen und fordernd.

Diese letztere Haltung erhält in Diskussionen über die Bedeutung einer Kultur der Digitalität für Schulen und Unterricht zu wenig Gewicht. Sie wird außerhalb von Nischen im Netz wenig wahr- und eingenommen, unter anderem auch, weil differenzierte Betrachtungen in der Regel nicht belohnt werden.

Skeptiker sehen durch die Digitalisierung die Lesefähigkeit bedroht

Die folgenden zwei Beispiele sollen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Herangehensweisen verdeutlichen: Das erste Beispiel betrifft die Veränderung von Leseprozessen durch digitale Medien. Während die eine Seite euphorisch auf die vielen Texte im Netz und die erweiterten Möglichkeiten, sie auf Smartphones, Tablets, E-Readern und Rechnern lesen zu können, hinweist, wendet die skeptische Gegenseite ein, dass „Deep Reading“ bedroht sei – die Fähigkeit, Texte so zu lesen, dass ein nachhaltiger, durchdringender kognitiver Vorgang in Gang gesetzt werde. Flüchtige Aufmerksamkeit zersetze „Deep Reading“.
Der pragmatische Blick auf die digitale Transformation des Lesens beschreibt Lektürepraktiken von Netz-Texten. Dabei zeigt sich, dass viele für das Netz konzipierte Texte nicht-linear strukturiert sind und deshalb andere Kompetenzen erfordern, als das bei der Lektüre von Zeitungen oder Romanen der Fall ist

Das zweite Beispiel betrifft die Forderung nach einem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht. Dass er fehlt, wird oft durch Vergleiche von Ergebnissen begründet, die zwei Denkfehlern unterliegen: Lernsetting und Lernprozesse werden unverändert belassen und digitale Medien als Ersatz von analogen eingesetzt. Sichtbar wird das in Prüfungen, bei denen digitale Medien nur so eingesetzt werden dürfen, dass weder Kommunikation noch Kollaboration möglich ist. Eine Aufgabe, die aus der Buchdruckkultur stammt und dafür konzipiert wurde, mit einem Tablet lösen zu lassen, ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug und einen Roller um die Wette schieben zu lassen. Die digitale Kultur erfordert neu gestaltete Lernprozesse und beschäftigt sich mit anderen Problemen.

Oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus

Euphorisch betrachtet lassen sich sofort viele Anwendungen für Apps und Geräte finden, die das Lehren und Lernen effektiver oder effizienter gestalten. Aber das kann dazu (ver)führen, die bisherigen Strukturen und Abläufe nicht zu hinterfragen. Der Einsatz von Digitalem führt nicht automatisch zur kritisch denkenden Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels, sondern kann auch in pressewirksamer Kosmetik münden. Der kulturpragmatische Blick untersucht, was notwendig ist, um junge Menschen zur mündigen und souveränen Teilhabe in der digitalen Welt zu befähigen.

Diskussionen rund um solche Beispiele finden in und außerhalb von Schulen täglich statt. Viele Lehrkräfte bekommen den Diskurs der vergangenen Jahre aus dem Netz nicht mit, der einige Überlegungen und Behauptungen erübrigen würde. Sie oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus, zwischen der Bereitschaft, Kinder auf eine digitale Zukunft vorzubereiten, und der Angst, dass sie mit zu viel Arbeit an digitalen Endgeräten verdummen. Hier ist Orientierungshilfe nötig. Kulturpragmatisch.

 

Wenn Wissen erworben wird, hebt sich die Erfahrung von anderen Lernprozessen dadurch ab, dass das Lernen unmittelbar und persönlich erlebt wird. Die Erfahrung liefert dabei nicht nur eine weitere Perspektive, die nötig ist, um ein vertieftes Verständnis mancher Sache zu erreichen, sondern auch ein bessere Grundlage, sich und das eigene Handeln reflektieren zu können. Eine kulturpragmatische Antwort auf die komplexen Herausforderungen der Digitalen Transformation, die einem in der Netzkultur häufiger begegnet, lautet, selbst Erfahrungen zu sammeln und diese mit anderen auszutauschen. Und soziale Netzwerke spielen dabei eine zentrale Rolle.

Was hat Lernen durch Erfahrung mit der Digitalen Transformation zu tun?

photo-1535223289827-42f1e9919769Wer sich mit den Transformationsprozessen beschäftigt, stellt immer wieder fest, dass eine fehlende Erfahrung in der Kultur der Digitalität zu Missverständnissen und Denkfehlern führen kann. Wenn Leute sich beispielsweise über soziale Netzwerke äußern, ohne ernsthaft Teil dieser Netzkultur zu sein, wird in deren Schilderungen, Bewertungen und gerne dann auch Abwertungen die fehlende Perspektive deutlich. Es bleibt dann stets eine Außenansicht, die in der Regel ungeeignete Maßstäbe ansetzt. (Ähnliches beobachte ich in Bildungsdebatten um 4K-Skills.)

Ich habe zahlreiche Texte zur Agilität, den 21st Century Skills oder sonstigen Fähigkeiten und Kompetenzen, die Menschen aufgrund des kulturellen Wandels heute und morgen benötigen, gelesen. Richtig verstanden habe ich aber alles immer erst dann, wenn Wissen durch persönliche und unmittelbare Erfahrungen gebildet und verknüpft wurde. Wer agil und kollaborativ arbeitet erlebt sich und die Lernprozesse anders. Meinen Erfahrungen nach lässt sich das „andere, neue Mindset“, das seit Jahren bei jeder Rede rund um den digitalen Wandel eingefordert wird, nur dadurch erreichen.

Welchen Unterschied das Lernen durch Erfahrung bedeuten kann, wird klarer, wenn es um die Körperlichkeit, Sinne und Räume geht. Wer z.B. über virtuelle Realitäten in fremde Länder oder in andere Zeiten reist und erkundet, erfährt andere Lernprozesse, die auch an Körper und Raum, wie man sich und die Umgebung wahrnimmt, gebunden sind. 

Was bedeutet das für Lehrende?

Selbst viele Erfahrungen zu sammeln und für ihre Schüler_innen möglichst viel Räume dafür zu schaffen. Mit den aktuellen Strukturen des Bildungssystems ist das sicher keine einfache Aufgabe, aber genau so lautet die Beschreibung einer jeden Herausforderung der Digitalen Transformation. Für mich persönlich löse ich das seit Jahren über die Arbeit in Vereinen, Projekten und mit Personen, die agil sind und wirken. Von und mit ihnen erfahre und lerne ich, komplexe Aufgaben zu lösen, meine Rolle in einem Team immer wieder neu zu definieren, meine Stärken herauszufinden und auf ihre zu vertrauen.

Linda Breitlauch, die in der Fachrichtung „Intermedia Design“ an der Hochschule Trier lehrt und forscht, wurde gestern beim netzkultur_festival von einer Grundschullehrerin gefragt, was sie empfehlen würde, wenn Kinder, die deutlich jünger als zwölf sind, Fortnite spielen würden. Sie riet (wie auch bei Brettspielen) dazu, zusammen mit den Kindern zu spielen und darüber mit ihnen in den Dialog zu treten und bezog sich nicht nur auf Eltern, sondern auch auf Lehrende. Die Spielerfahrung eröffnet nicht nur ein besseres Verständnis der Sache, bezüglich Funktion, Wirkung und Anwendung, auch die Rolle, in der man sich befindet und in der man wahrgenommen wird, ändert sich dadurch. So kann eine Diskussion geführt werden, die auf einer aktiven Auseinandersetzung mit der Thematik beruht.

Das alles klingt nicht nur nach zusätzlicher Arbeit, das ist es auch. (Nur dass hier Ziele, Settings und der Personenkreis frei gewählt werden können, was einen gewaltigen Unterschied ausmacht und bei mir Spaß bedeutet.) Wer auf einfache und bequeme Lösungen hofft, hat die Komplexität und Tragweite der globalen, gesellschaftlichen Umbrüche noch nicht durchdrungen und wird sich immer mehr wundern und weniger verstehen. Das Lernen durch Erfahrung ist ein wesentliches Element eines notwendigen Kulturpragmatismus, dem Vertrauen und Zutrauen, gemeinsam eine Lösung zu finden, und sich miteinander auf den Weg zu machen.

Wenn fünf Menschen, deren Gedanken über Bildung ihren Erstwohnsitz im Internet haben, beschließen, ein Buch zu schreiben, muss das einen guten Grund haben. Die Idee und der Antrieb, Sätze auf Papier drucken zu lassen, entstand aus der Tatsache und den Leiden darunter, dass (im Bildungsbereich) kulturpessimistische Bücher, die vor allem Digitalen warnen, sich scheinbar nicht nur gut verkaufen lassen, sondern auch die notwendige und unausweichliche gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Digitalen Transformation erschweren, teilweise sogar verhindern. Axel, Martin, Jöran, Philippe und ich beschlossen deshalb im Sommer 2018 in der Gutenberg-Galaxis dem ein Gegengewicht zu setzen. Dieses Gegengewicht ist grell, gebunden, mehr oder weniger quadratisch, heißt Routenplaner #digitale Bildung: Auf dem Weg zu zeitgemäßer Bildung. Eine Orientierungshilfe im digitalen Wandel und kann nun im Buchhandel käuflich erworben werden.

Wer das lesen soll, habe ich gefragt?!

FABB83AA-93B5-4958-A973-2B7EED0FB432Es richtet sich an alle Bildungsinteressierte, die zwischen den lauten Stimmen der Euphorie und grundsätzlicher Ablehnung in der Digitalen Transformation nach Orientierung suchen. Es ist ein Buch für Einsteiger_innen, aber auch für Fortgeschrittene, die damit ihr aktuelles Handeln und Verständnis immer wieder neu reflektieren können. Es liefert Einblicke in die kontroversen Debatten, die seit Jahren im Netz stattfinden und bietet Möglichkeiten, sich damit ein Grundverständnis von Bildung in einer Kultur der Digitalität aufzubauen. Wer noch mehr Information zum Buch oder einen längeren Blick hinter die Kulissen werfen möchte, findet alles auf der Website, die wir dazu gebastelt haben. Dort finden sich, dem Aufbau des Buches folgend, für die Beiträge alle wichtigen Links, um sie nicht abtippen zu müssen. Sie sollen das Lesen aber nicht nur erleichtern und ergänzen, sondern auch zu einem Ausflug ins Netz einladen. Außerdem haben wir auf der Website auch das komplette Vorwort und den abschließenden Text Hinter dem Vorhang veröffentlicht, um die meisten Fragen vorab schon zu beantworten.

Das gibt’s doch schon alles im Internet!

Jein. Wir haben zwar unsere wichtigsten Blogbeiträge gebündelt, um sie auch für Menschen zugänglich zu machen, die nicht am Diskurs im Netz teilnehmen oder davon wissen. Nur kann ein Blogbeitrag nicht einfach so in ein Buchformat übertragen werden, weil er in einer komplett anderen Struktur erstellt wurde und steht. Deshalb mussten wir einige Passagen umschreiben, Stellen streichen oder komplett neu verfassen. Wer immer noch nicht glaubt, sich oder anderen das Buch unter den Weihnachtsbaum stellen zu müssen: Wir konnten Kathrin und Lisa von unserem Anliegen überzeugen und durften zwei besondere Beiträge von ihnen drucken. Ihre Texte bilden meiner Meinung nach eine Basislektüre, die zumindest im Bildungswesen jeder mal gelesen haben sollte. Falls ihr noch Fragen habt, die weder hier noch auf der Website zum Buch beantwortet wurden, schreibt uns einfach. Dafür wurden soziale Netzwerke schließlich erfunden. Und jetzt viel Vergnügen beim Lesen.

Beiträge, die ich als Kolumnist für das Deutsche Schulportal verfasse, veröffentliche ich drei Wochen später auf diesem Blog, um meine Texte auf einer Website gebündelt zu haben.

sharon-mccutcheon-eMP4sYPJ9x0-unsplashDie grundlegenden Veränderungen unserer Lebenswelt durch den digitalen Wandel führen im Bildungsbereich seit Längerem zu Diskussionen über neue, zeit­gemäße Prüfungs­formate und wie sie den gewandelten Heraus­forderungen gerecht werden könnten. Weshalb eigentlich nicht einen Schritt weiter­gehen und komplett auf Prüfungen verzichten? Jährlich bereiten sich unzählige junge Menschen auf Prüfungen in Schulen und Hochschulen vor. Neben der in die Vorbereitung investierten Zeit und Kraft werden auch enorme Ressourcen für die Durch­führung von Prüfungs­formaten bereit­gestellt. Gute Gründe, die Notwendigkeit dieser Praxis genauer zu beleuchten.

Wozu braucht es Prüfungen?

Diese Frage habe ich vor einiger Zeit online und offline diskutiert, um die vielen starken Argumente zu sammeln, die es eigentlich geben müsste, um die investierten Ressourcen zu rechtfertigen:

  • Der weitaus größere inhaltliche Umfang führe zu vertiefterem Wissen, weil alles noch mal wieder­holt werden muss.
  • Prüfungen dienten auch als extrinsische Motivation, die auf das spätere Leben – besonders in der Berufs­welt – vorbereite, in dem man unter Druck agieren können müsse; sie seien somit eher ein Stresstest als eine Wissens­prüfung.

Das waren die häufigsten und stärksten Argumente.

Pro-Argumente im Check

Findet das Vernetzen und Vertiefen von Wissen erst durch die Prüfung statt, stellt sich die Frage, weshalb das nicht bereits davor im Schul­all­tag geschehen ist, beziehungs­weise welches Lern­verständnis eigentlich vorliegt. Geht es um banales Auswendig­lernen – im schlimmsten Fall heraus­gelöst aus einem Kontext – oder um persönlich sinn­stiftendes Lernen? Wer von Beginn an wirksame und nach­haltige Lern­prozesse ermöglicht, benötigt keine Prüfung, um das nach­zuholen.

Wird die Vorbereitung auf die harte Berufs­welt als Argument bemüht, scheint noch nicht bekannt zu sein, dass gerade diese zunehmend beklagt, junge Menschen seien nicht ausreichend gut auf sie vorbereitet. Wenn Prüfungen also nicht mal diese Versprechen halten, bleiben große Zweifel, ob sie in ihrer Art und Weise auch noch auf die digitale Transformation in der Arbeits­welt und deren veränderte Anforderungen vorbereiten.

Was spricht gegen Prüfungen?

Prüfungen sind mit die stärksten „Influencer“ im Bereich Unterricht, Ausbildung oder Studium. Wenn Lehrende gefragt werden, weshalb sich der digitale Wandel nicht in ihren Lernsettings abbilde, sie ihren Unterricht nicht öffnen, agile Didaktik verwenden oder Projekt­arbeit anbieten, werden als Grund häufig „Prüfungen“ genannt. Schließlich mündet alles bei ihnen. Sie bestimmen die Abschluss­noten – und über Erfolg oder Miss­erfolg im weiteren Leben. Prüfungsformate beeinflussen somit massiv, wie und worauf­hin gelernt wird.

Stünde am Ende keine Prüfung, könnten Lernende und ihre individuellen Lernprozesse in den Mittel­punkt rücken – und nicht die jeweiligen Prüfungs­formate. Wie individuelles Lernen mit standardisierten Prüfungs­formate zusammen­passen soll, bleibt ohnehin ein Rätsel. Und wie sieht es mit der notwendigen Fehler­kultur aus, die im Rahmen der digitalen Transformation genannt wird? Zum Lernen gehören auch Fehler dazu sowie die Fähigkeit, sie zu erkennen, zu verstehen und zu verbessern. Bei Prüfungen hingegen werden Fehler bestraft und sind „schlecht“.

Ein Abschluss ist auch ohne Prüfungen möglich

Weshalb also nicht auf Prüfungen komplett verzichten und im letzten Schuljahr alle Leistungen wie in den Jahren zuvor erfassen? Abgesehen von den frei werdenden Ressourcen, die an anderer Stelle eingesetzt werden könnten, würde dadurch auch manches Leid erspart bleiben – bei den Geprüften, bei Eltern oder Prüfenden. Geht es denn in der Schule nicht darum, junge Menschen zu befähigen, ein mündiges und erfülltes Leben führen zu können? Was tragen Prüfungen dazu bei, oder was verhindern sie vielleicht? Diese Fragen verdienen eine Prüfung.

Was würde eigentlich geschehen, wenn ein Schriftsteller beim Deutschabitur über sein eigenes Werk mitschreiben würde? Vor kurzem hat Saša Stanišić genau damit für Aufsehen gesorgt, als er via Twitter in einem Thread offenlegte, nach 1997 erneut beim Abitur mitgeschrieben und mit 13 Punkte einen neuen persönlichen Highscore erreicht zu haben. Nur war es dieses Mal nicht Goethe, über den er schreiben musste, sondern sein eigener Roman Vor dem Fest.

Fernab der vielen Fragen, die seine besondere Aktion und das Resultat aufwerfen, fiel mir ein Tweet besonders auf. Er beklagte darin, nachdem er fünf Stunden von Hand schreiben musste, Schmerzen im Arm gehabt zu haben und fragte, weshalb man nicht mit dem Computer schreiben dürfe. Er äußerte auch den Wunsch, dass Schulbehörden mehr Gegenwart zulassen sollten. Wohin so eine Reise führen könnte, möchte ich mit einem kleinen Gedankenexperiment Abitour mit Internet skizzieren und anregen, das weiterzudenken.

Mehr Gegenwart zulassen

Gehen wir davon aus, es wäre beim Deutschabitur die Aufgabe, den Roman Vor dem Fest zu besprechen und wie 2019 in Hamburg, dazu auch ein neues Kapitel zu verfassen. Nur dieses Mal dürften Laptops mit Internetanschluss genutzt werden. Wahrscheinlich würden die Schüler_innen nach bereits verfassten und veröffentlichten Texten über das Buch im Netz suchen. Dabei müssten sie wissen, wo sie wie recherchieren sollten, um möglichst schnell gute Beiträge zu finden. Das Gefundene müssten sie einordnen können, beispielsweise in Bezug auf Seriosität und Qualität. Dann würden sie sich wahrscheinlich untereinander Links über bewährte Quellen schicken oder nur Passagen mit Kommentaren.

Vielleicht würde jemand den Autor Saša Stanišić googeln, den Wikipedia-Beitrag lesen, auf seine Website klicken und feststellen, dass er twittert und bei Instagram ist. Sie würden seine Tweets lesen, Eiblicke in seine Art, seinen Humor erhalten und erfahren, dass er aber auch mit Leuten kommuniziert, die er nicht kennt. Vielleicht würde ihn dann jemand etwas zu seinem Buch fragen und eine Antwort erhalten. Das könnten dann andere Schüler_innen mitlesen und ebenfalls in ihre Gedanken für das neu zu schreibende Kapitel einfließen lassen. Ihre Texte könnten sie veröffentlichen, miteinander teilen, sich Feedback geben, daran weiterarbeiten und sich vernetzen. Vielleicht hätte sogar Saša Stanišić manchen dieser Beiträge gelesen und ebenfalls kommentiert.

Einige Schüler_innen wären wahrscheinlich auf seinen Insta-Account, hätten seine Beiträge durchgescrollt und würden ihn als Person aus einer zusätzlichen Perspektive näher kennenlernen, vielleicht auch Lust bekommen, weitere Texte von ihm zu lesen oder zu einer der nächsten Lesung in ihrer Nähe zu gehen. Sie würden eventuell beobachten, mit welchen anderen Personen er sich im sozialen Netzwerken austauscht und hätten so vielleicht den Weg zu weiteren Künstler_innen oder Themen gefunden.

Nach dem Fest

Was hätte somit mehr Gegenwart geändert? Schüler_innen hätten zusammengearbeitet, ihr Wissen geteilt und gelernt und geübt, sich souverän im Netz zu bewegen. Sie hätten ihr persönliches Lernnetzwerk erweitert und Neues entdeckt, über sich und andere. Natürlich müssten Klassenstufen auf so ein Abitur anders vorbereitet werden, mit einem einem veränderten Unterrichts-, Lehr- und Lernverständnis. Sie müssten zumindest im Vorfeld bereits so gearbeitet haben, bzw. dazu befähigt worden sein: So zu arbeiten, wie es in der Gegenwart üblich ist.

Das Referendariat prüft nicht die Potenziale angehender Lehrer_innen, sondern ihre Fähigkeit, herauszufinden, was die Prüfenden wünschen und die Bereitschaft, das bestmöglich umzusetzen. Diese Prüfungen prägen nicht nur die Prüflinge, sondern auch die Schulkultur. Nicht positiv.

Diesen Gedanken stellte ich nach einem Gespräch mit einem Freund, der aktuell sein Referendariat absolviert, gestern Abend in verschiedenen sozialen Netzwerken zur Diskussion. Das löste einige Reaktionen (besonders bei Twitter) aus, die ich nicht alle auffangen kann. Deshalb möchte ich den Kontext meiner Aussagen etwas erläutern, in der Hoffnung, einige Missverständnisse ausräumen, bzw. zu einem besseren Verständnis beitragen zu können.

Bei dem veröffentlichten Gedanken ging es mir nicht um das Referendariat an sich (das würde sogar den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen), sondern in erster Linie um das Wesen einer 45-minütigen Lehrprobe, die (verkürzt und überspitzt) daraus besteht, jede Sekunde geplant und kontrolliert zu wissen. Was häufig dazu führt, dass Aufgaben formuliert werden, bei denen jede mögliche Antwort vorher schon feststeht. Es wird also geprüft, ob etwas wie vorhergesehen funktioniert. Und ich zweifle daran, dass das Funktionieren in vorhersehbaren Abläufen eine noch adäquate Antwort im digitalen Wandel darstellt und stelle gleichzeitig die Frage zur Debatte, wie und welche Potenziale angehender Lehrerinnen und Lehrer geprüft werden sollten.

ball-407081_1920„Das möchte Prüfer x sehen.“ oder „Darauf legt Prüferin y einen besonderen Wert.“ sind gängige Aussagen, wenn Referendar_innen über die Vorbereitung ihrer Lehrprobe berichten. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. (Es ging und geht mir hier auch nicht um Schuldzuweisungen, sondern ein zu lösendes Problem anzusprechen. Zumindest sehe ich es als eines.) Dass Prüfungen nicht nur die Prüflinge, sondern auch die Schulkultur prägen, bezog sich auf die Beobachtung, dass Schüler_innen in der Regel versuchen, im Unterricht eine Antwort zu formulieren, die sie vom Lehrenden gewünscht vermuten. Das zu antworten, was Lehrende hören möchten, deckt sich nicht mit meiner Vorstellung von zeitgemäßer Bildung, bzw. den Herausforderungen der Digitalen Transformation.

Natürlich hängt eine Prüfung nicht allein vom Format ab, sondern auch von den Personen, die es umsetzen. Wenn ich eine Prüfung nennen müsste, die ich aus meiner Biografie als am gelungensten beschreiben würde, wäre es meine fachdidaktische mündliche Prüfung im Fach Geschichte. Hier erzeugte mein damaliger Prüfer eine angenehme Gesprächsatmosphäre, die von gegenseitigem Respekt zeugte und mehr Diskussion als Prüfung war. Und das beim klassischen Format, bei dem zehn Minuten lang nur Fragen gestellt werden. Das lag meiner Meinung nach u.a. daran, dass er herausfinden wollte, was ich weiß, bzw. denke und nicht nachweisen, was ich nicht kann. Ich hatte auch das Gefühl, dass ihm die Tragweite seiner lebenswegweisenden Entscheidungen, seine Macht und Verantwortung stets bewusst war. Diese Erfahrung, sein Verständnis einer Prüfung und seine Haltung gegenüber den Prüflingen haben meine Vorstellungen und Handlungen in der Schule mit geprägt.

Prüfungen und Lehrproben sind zwar nur ein Bestandteil des Bildungssystems. Sie machen aber deutlich, wohin die Reise führen soll, bilden eine klare Rollenverteilung, bzw. ein Machtgefüge ab und bestimmen damit wesentlich die Bildungskultur, bzw. das Bildungsverständnis. Das gilt für die Schulzeit, das Studium und das Referendariat. Wer sich zeitgemäße Lernprozesse wünscht, muss deshalb neben Unterrichts- und Schulstrukturen auch Tests, Klassenarbeiten und Prüfungen diskutieren. 

Persönliche Anmerkung

Weil ich sich doch einige Personen persönlich angegriffen gefühlt haben, weil sie selbst Referendarinnen und Referendare prüfen und sich oder ihre Arbeit in einem schlechten Licht oder nicht richtig dargestellt sehen: Es geht mir nie um Personen, sondern stets um die Sache. Die gilt es meiner Meinung nach immer kritisch denkend zu reflektieren. Das ist zumindest mein Verständnis, bzw. meine Haltung im Rahmen von zeitgemäßer Bildung. Es freut mich, wenn meine oben geschilderten Erfahrungen, Beobachtungen und Einschätzungen nicht auf eure Arbeit zutreffen. Dass der Tweet so viel Zuspruch erfahren hat, zeigt aber leider auch, dass es auch andere Beispiele gibt und darüber gesprochen werden muss.