Farben im Wettkampf um Aufmerksamkeit

IMG_9108IMG_9109Neulich stieß ich auf diesen Beitrag der New York Times, in dem darüber berichtet wird, wie eine Gruppe von Menschen in den USA auf dem Display ihrer Smartphones den Graustufen-Farbfilter aktiviert, um das Nutzungsverhalten weniger von biologischen Reizen steuern zu lassen und im Wettkampf um Aufmerksamkeit wieder etwas mehr Mündigkeit zu erlangen. Wer ein iPhone besitzen sollte, geht dafür auf Einstellungen, Allgemein, Bedienungshilfen, Display-Anpassungen, Farbfilter , den er dann (auf Graustufen) aktiviert. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, dass bei Apps Farben bewusst eingesetzt werden, um im Hirn gewisse Bereiche zu stimulieren, die einen stärkeren Drang erzeugen, beispielsweise auf den knallig rot aufleuchtenden Nachrichtenkreis zu klicken und nachzusehen, welche scheinbar wichtige Informationen dahinterstecken. Ich habe seit über einer Woche einen Selbstversuch laufen, um zu prüfen, wie sehr sich mein Verhalten dadurch verändert. Direkt beim Aktivieren der Graustufen hatte ich das Gefühl, weniger Stress beim Blick auf den Homescreen zu empfinden. Auch die Lust, auf die bunten Apps zu klicken, schien mir geringer. Dieser Eindruck hat sich auch nach mehreren Tagen konstant gehalten. Natürlich ist das eine sehr subjektive Wahrnehmung, die stark von den Art der Smartphone-Nutzung abhängt. Das Smartphone ist bei mir überwiegend ein Arbeitsgerät, mit dem ich z.B. sehr viele unterschiedliche Nachrichtenformate über zahlreiche Kanäle sende und empfange. Bei meiner Schülerschaft dient das Smartphone eher der Unterhaltung und dem Austausch mit Freunden. In ein paar Schulklassen habe ich deshalb mein Smartphone-Display über den Beamer projiziert und ihre ersten Eindrücke bzw. Wirkungen diskutiert. Der Vorteil dabei war, dass der projizierte Homescreen farbig bleibt, auch wenn auf dem Gerät die Graustufen aktiviert sind. So erhält man den direkten optischen Vergleich. Die Schulklassen haben die neue Ansicht nicht als stressfreier, sondern als langweiliger beschrieben. Mir ging es bei der Debatte darum, die biologischen Mechanismen und Wirkung aufzugreifen und unterschiedliche Fragen und Perspektiven gemeinsam zu betrachten. Wie sie zukünftig mit dem erworbenen Wissen umgehen, bleibt ihnen überlassen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich diese Einstellung dauerhaft beibehalten werde. Die sechs Klicks, um zeitweise den Farbfilter beim Ansehen von Serien wieder zu deaktivieren, gelingen mir zwar immer schneller, bremsen aber den Flow der alltäglichen Nutzung.

Ergänzungen

Nachdem ich diesen Blogbeitrag in der in der Medienpädagogik-Gruppe bei Facebook gepostet hatte, wurde ich auf zwei YouTube-Videos hingewiesen, die den New York Times-Artikel um einige Punkte ergänzen und sich auch für den Einsatz im Unterricht anbieten.

  • Thomas Walden verwies bezüglich Farbwahl und Filmproduktion auf folgenden Beitrag des amerikanischen Technikportals und Mediennetzwerks The Verge.
  • Maximilian Schmeiser empfahl diesem Videobeitrag. Neben einem Interview mit Tristan Harris, dem Gründer von Time Well Spent, werden weitere Design- bzw. Wirkungsaspekte von Apps aufgezeigt. Interessant fand ich die Information, dass hinter den ersten Push-Mitteilungen 2003 für das Blackberry die Idee stand, die in Mails investierte Zeit zu reduzieren. Bildschirmfoto 2018-03-11 um 12.48.17Den Vergleich mit dem Spielautomat habe ich in den letzen Wochen zum zweiten Mal gehört. Zuletzt bei einem Vortag von Roman Rackwitz, bei dem er vom gleichen Prinzip im Gamification-Bereich berichtete: Dabei wird eine bestehende Möglichkeit auf einen Gewinn bzw. eine positive Nachricht mit einer Illusion der Kontrolle kombiniert und dadurch ein hoher Reiz, fortzufahren, generiert. (Der Sucht-Duktus des Videobeitrags, auch wenn das Thema an mancher Stelle notwendig ist, erscheint mir zu reißerisch. Dass man die Push-Benachrichtigungen ausschalten soll, um nur für „echte Menschen“ erreichbar zu sein, spiegelt einen populistischen Ansatz Mensch gegen Maschine wider, den ich nicht teile.)
  • Christian Stöcker hat hier die Thematik lesenswert im größeren Kontext betrachtet.

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